Archäotechnik Den alten Künsten auf der Spur

Feuertaufe: Im einfachen Lehmofen versucht ein Töpfer, historische Keramik herzustellen. © Marcel Schwarzenberger

Was immer Archäologen finden, diese Frage taucht garantiert auf: Wie haben sie es damals gemacht? Die Archäotechnik kann einige Antworten liefern. Aber was bedeutet sie tatsächlich für die Altertumswissenschaft?

Was ist Archäotechnik?

Der Begriff ist eng mit dem Namen Wulf Hein verbunden, der für das, womit er sein Geld verdient, eine Berufsbezeichnung suchte. Der gelernte Holzhandwerker interessiert sich für die technischen Seiten der Archäologie. Er will Lösungen auf die Frage zu finden, wie etwas funktioniert. Er umschreibt seine Tätigkeit so: „[Ein Archäotechniker ist] jemand, der sich mit altertümlichen Verfahren beschäftigt und diese öffentlich vor interessiertem Publikum demonstriert.“

Aber was sind altertümliche Verfahren? Reicht es schon aus, mit einem Vorschlaghammer auf eine Feuersteinknolle einzuschlagen und das erstaunte Publikum mit der Schärfe zufällig entstandener Splitter zu beeindrucken? Natürlich nicht! Ein wesentlicher Teil seriös betriebener Archäotechnik ist die wissenschaftliche Korrektheit, mit der Techniken präsentiert werden. Dazu gehört in erster Linie die Verwendung authentischer Materialien und Techniken. Doch hier liegt auch ein Problem der Archäotechnik begründet. Während auf einem historischen Handwerkermarkt tradierte Techniken gezeigt werden können, sind die Traditionsstränge seit der Ur- und Frühgeschichte in vielen Bereichen längst abgerissen, die Zeit der „Letzten ihres Standes“ liegt weit zurück im Dunkel der Vergangenheit.

Archäotechnik präsentiert also weniger überlieferte Techniken als vielmehr Rekonstruktionsversuche vergessener Verfahrensweisen. Sie zeigt Möglichkeiten auf, wie etwas in der Vergangenheit funktioniert haben könnte. Quellen dafür sind archäologische oder experimentalarchäologische Erkenntnisse. Ohne Archäologie kann es keine Archäotechnik geben.

Sowohl Archäotechnik als auch Experimentelle Archäologie haben ein gemeinsames Problem: Um Herstellungsabläufe authentisch nachvollziehen zu können, müssen sämtliche verwendete Werkzeuge und deren Anwendungsbereiche bekannt sein. Doch dies kann die archäologische Forschung nicht vollständig leisten. Etwa weil organische Teile eines Werkzeugs schlicht verrottet sind. Hier können dann lediglich Rekonstruktionsversuche helfen.

Eine wichtige Hilfestellung bieten tradierte Handwerkstechniken und Werkzeuge aus der Volks- und vor allem der Völkerkunde. Vor einem allzu sorglosen Umgang mit technologischen Lösungsmustern fremder Kulturen sei allerdings ausdrücklich gewarnt. Auch wenn die kulturelle und materielle Ausgangslage gegenwärtiger und urgeschichtlicher Populationen sehr ähnlich, ja sogar gleich sein mag, so ist dies nicht unbedingt ein Beleg für die identische Lösung eines technischen Problems.

Archäotechnik ist Dienstleistung und wird als solche meist von Selbstständigen angeboten, die ihrerseits den Gesetzen des Marktes unterliegen. Um für den Lebensunterhalt zu sorgen, müssen möglichst viele Repliken und Veranstaltungsprogramme verkauft werden. Häufig ist es dem Kunden egal, wie wissenschaftlich und authentisch gearbeitet wird. Hauptsache der Preis stimmt und es wird ausreichend „action“ geboten. Allerdings: Fundierte archäotechnische Arbeit ist nicht billig; sie kann es nicht sein. Authentische Mittel bedeuten reines Handwerk – und das ist nun einmal teuer.

Und schließlich der Auftritt des Archäotechnikers. Wer würde wohl mehr Aufmerksamkeit auf einer Veranstaltung bekommen? Jemand, der in Jeans und T-Shirt mit Pyrit und Flint Feuer erzeugt und die Besucher mit archäologischem Wissen versorgt oder ein in Fell und Leder gekleideter „Schamane“, der mit den gleichen Hilfsmitteln ein Feuer regelrecht herbei zaubert und die passende Show bietet?

Archäotechnik umfasst keineswegs nur die Herstellung von Repliken und die Vorführung rekonstruierter Handwerkstechniken. Das Repertoire ist weitaus breiter angelegt. Einen guten Überblick über die Arbeitsgebiete bietet das „Forum Archäotechnik“ auf seiner Webseite. Dieser lose Verbund der am Federseemuseum Bad Buchau (Baden-Württemberg) tätigen Archäotechnikerinnen und Archäotechniker beschreibt seine Aufgaben so: „Die Mitglieder des Forums fertigen originalgetreue Repliken und/oder Modelle an, führen archäologische Experimente durch, betätigen sich im Bereich der praktischen Vermittlung archäologischer Fakten und Inhalte, lehren und lernen prähistorische Techniken und präsentieren diese im Rahmen öffentlicher Vorführungen und Veranstaltungen.“

Archäotechnik und Museumspädagogik

Die Archäotechnik nimmt zunehmend museumspädagogische Aufgaben wahr. Aus originalen Materialien und bestenfalls mit authentischem Werkzeug hergestellte Nachbildungen haben die schlecht kolorierten Gipsabgüsse früherer Tage weitgehend abgelöst und ihren festen Platz in der deutschen Museumslandschaft gefunden.

Sicherlich kann es nur von Vorteil sein, wenn es der mit altertümlichen Techniken vertraute Archäotechniker ist, der die Rekonstruktion den Besuchern erklärt. Es ist die Kompetenz, mit der der Archäotechniker Fragen zu Herstellungstechniken beantworten kann, die dem Besucher das Gefühl vermitteln, aus erster Hand informiert worden zu sein. Der Besucher merkt sehr wohl, ob aus der Praxis berichtet wird, oder ob lediglich angelesenes Wissen weitergegeben wird.

Ohnehin ist die Präsentation alter Techniken spannender für Besucher als wissenschaftliche Ausführungen. Aber die Museumsarbeit darf die Archäologie auch nicht auf ihre technischen Aspekte reduzieren. Es sollten neue Wege in der Museumspädagogik ersonnen werden, die dabei helfen, die Grundprinzipien der Archäologie zu vermitteln. Getreide mahlen, Bogenschießen und Speere schleudern sind isoliert betrachtet eben keine Archäologie, sondern allenfalls Erkenntnisse archäologischer Arbeit. Dennoch ist eine effektive Museumspädagogik letztlich ohne Archäotechnik nicht mehr vorstellbar.

Archäotechnik und Wissenschaft

Wie sieht es mit der Bedeutung für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn aus? Kann auch hier die Archäotechnik neue Aspekte beisteuern? Die Archäotechnik ist stark auf die Experimentelle Archäologie angewiesen, die sie mit den notwendigen Informationen und „Bauanleitungen“ versorgt. Mitunter sind Aktionen derart verwoben, dass eine exakte Trennung kaum möglich ist.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Archäotechnik in Deutschland erst im Zuge zunehmender Akzeptanz für die Experimentelle Archäologie verstärkt in Erscheinung trat. Die Betrachtung technischer Aspekte führte in der Altertumswissenschaft für lange Zeit eher ein Schattendasein. Wenn man sich ihrer annahm, so geschah dies meist auf der Basis theoretischer Überlegungen und völkerkundlicher Analogien.

Als Paradebeispiel für archäologisch motivierte archäotechnische Aktionen ist die Beschäftigung mit der Silextechnologie zu sehen. Sehr weit geht etwa die Gebrauchsspurenanalyse. Wie jeder andere Stoff auch, unterliegt der harte Silex (glasartiges Silikatgestein, das vom Paläolithikum bis in die Bronzezeit verwendet wurde) einer gewissen Abnutzung, wird er als Waffe oder Werkzeug genutzt. Um derartige Gebrauchsspuren interpretieren zu können, werden Repliken von Werkzeugen angefertigt und damit Arbeitsschritte verrichtet, die als wahrscheinlich für die Vergangenheit anzusehen sind. Somit ist es möglich, unterschiedliche Arbeitseinsätze zu klassifizieren und mit Originalfunden zu vergleichen. Natürlich kann es dabei nur von Vorteil sein, wenn die verwendeten Nachbildungen so authentisch wie möglich gefertigt werden – ein klassischer Arbeitsbereich für Archäotechniker.

Es steht außer Frage, dass Schussversuche nur mit Pfeilspitzen Sinn machen, die den Originalen bis ins Detail ähneln. Der Rückgriff auf preisgünstige Pfeilspitzenrepliken aus Übersee, die weder in Form noch Material den zu untersuchenden Projektilspitzen ähneln, hilft hier nicht weiter. Hier werden sehr gute Repliken benötigt, die nur von jemandem angefertigt werden können, der Erfahrung in der Bearbeitung von Silex besitzt. Zudem bedarf es noch einer Person, die die Pfeilspitzen noch dazu bringt, in das anvisierte Ziel zu fliegen.

Es sei hier klar hervor gehoben: Die Herstellung der Pfeile und das Bogenschießen allein sind in diesem Beispiel noch keine Experimentelle Archäologie. Eine wissenschaftliche Relevanz erhält die Aktion erst durch die Auswertung der Gebrauchsspuren und den Vergleich mit den Originalen. Dieses Beispiel zeigt aber auch sehr klar, dass die Experimentelle Archäologie in vielen Bereichen auf erfahrende Archäotechniker nicht verzichten kann. Die Zeit, in der originale Fundstücke zu Versuchen zweckentfremdet wurden, ist glücklicherweise vorbei. Wird Experimentelle Archäologie als Methode der Archäologie akzeptiert, so besitzt die Archäotechnik ganz klar auch Relevanz für die Wissenschaft.

Eine weitere Bedeutung, die Archäotechniker für die Wissenschaft haben können, ist ihre Erfahrung im Umgang mit bestimmten Materialien und die intensive Auseinandersetzung mit altertümlichen Techniken. Sie können dem Wissenschaftler als kompetente Ansprechpartner bezüglich technologischer Problemstellungen dienen. Wurden in früheren Tagen Handwerker nach Rat und ihrer Meinung gefragt, so übernehmen diese Position dank zunehmender Professionalisierung immer mehr Archäotechniker. Mit ihrer eigenen Interpretation archäologischer Funde zeigen sie dem Archäologen Lösungswege auf und bieten ihm zudem alternative und vor allem praktikable Lösungen an.

Doch trotz aller Vorteile der Archäotechnik für die Wissenschaft ist Vorsicht angebracht. Zu groß ist die Versuchung Erkenntnisse aus der Archäotechnik unreflektiert zu übernehmen und kaum zu hinterfragen – besonders, wenn die Aussagen von anerkannten Vertretern der Archäotechnik stammen. Zu Recht war und ist der Fund des Gletschermannes von Hauslabjoch – besser bekannt unter dem Namen Ötzi – eine Offenbarung für alle, die an steinzeitlichen Techniken interessiert sind.

Ob Holz, Stein, Geweih, Kupfer oder Leder, eine Vielzahl von Artefakten ermöglicht einen Blick in den „Werkzeugkasten“ einer steinzeitlichen Population. Im Zuge der wissenschaftlichen Erforschung dieser Begleitfunde entstanden viele Repliken und Rekonstruktionen, die mitunter zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führten. Auch wenn oftmals zu wenig auf die Möglichkeiten der Archäotechnik zurückgegriffen wird, darf jedoch auch nicht der Fehler begangen werden, Aussagen von Archäotechnikern über den archäologischen Befund zu stellen. So ist etwa in einer Publikation über den Gletschermann zu lesen, dass Versuche mit zahlreichen „Nachbauten“ des Bogens ergaben, dass nur Eibenstäbe mit Splintholz die notwendige Elastizität für einen Bogen aufweisen würden. Allerdings wurde darüber ganz vergessen zu erwähnen, dass der Originalbogen gar kein Splintholz aufweist. Ohnehin sei die Frage erlaubt, ob es überhaupt Sinn macht, nach dem Vorbild eines Rohlings ein Gerät fertig zustellen und es zu testen. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass eine intensive Zusammenarbeit von Archäotechikern mit Archäologen von existenzieller Bedeutung für das Fach und die Akzeptanz der Archäotechnik ist.

Archäotechnik ist keine Archäologie. Diese Aussage hat Auswirkungen in zweierlei Hinsicht. Zum einen muss archäotechnisch arbeitenden Menschen klar sein, dass sie mit ihren Ergebnissen nur einen Randbereich der archäologischen Forschung streifen und eine langjährige Erfahrung kein Studium der Altertumswissenschaft ersetzen kann. Ob sie es nun gerne hören oder nicht: Die Archäologen geben nun mal in Hinblick auf die archäologische Relevanz die Richtung vor.

Andererseits muss sich der Archäologe auch darüber klar sein, dass Archäotechniker in der Regel keine Wissenschaftler sind und man von ihnen keine wissenschaftliche Arbeitsweise verlangen kann. Intensive Literaturrecherche, die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Diskussionen und das Verfassen wissenschaftlicher Aufsätze zählen nicht zu den Kernkompetenzen eines Archäotechnikers und sprengen zweifellos den Rahmen seines Arbeitsspektrums. Natürlich spricht auch nichts dagegen.

Ausblick und Empfehlungen

Für die Arbeit als selbstständiger Archäotechniker erscheint es mir wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, ob man mit seinen Aktivitäten Wissen gewinnt oder Wissen vermittelt. Ob man Wildniswissen oder archäologische Erkenntnisse weitergibt, oder ob man mehr oder weniger fundiertes Reenactment praktiziert. Alle diese Aspekte habe ihre Existenzberechtigung. Aber wo Archäotechnik draufsteht, sollte auch wirklich nur Archäotechnik drin sein. Wichtig für die Entwicklung der Archäotechnik ist auch die Abkehr von der Phrase: „So könnte es gewesen sein“. Vielmehr muss der Weg zur wahrscheinlichsten aller Lösungen führen.

Doch dies ist ohne die Mithilfe der Wissenschaft nicht möglich. Zudem ist eine positive Entwicklung der Archäotechnik mit der Bereitschaft wissenschaftlicher Einrichtungen verknüpft, archäotechnische Arbeit zu unterstützen. So darf es etwa nicht sein, dass nichtakademischen Archäotechnikern der Zugang zu Originalfunden verweigert wird. Denn noch weit mehr als der Wissenschaftler ist er auf die Originale mit den Gebrauchs- und Herstellungsspuren angewiesen.

Qualitätvolle archäotechnische Arbeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Herstellungs- und Gebrauchsspuren an Repliken und Originalen weitgehend identisch sind. Und auch in puncto Veröffentlichungen sollten die Bedürfnisse der Archäotechnik verstärkt in Betracht gezogen werden. Dies betrifft vor allem aufschlussreiches Abbildungsmaterial und relevante Beschreibungen der Originalfunde.

Welche Wege können noch beschritten werden, um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Archäotechnik zu optimieren? Wie schon gezeigt, kann die wissenschaftliche Publikation nicht zu den üblichen Aufgaben eines Archäotechnikers zählen. Doch anderseits müssen Erkenntnisse aus der eigenen Arbeit auch Interessierten zugänglich gemacht werden, um nicht als unkooperativer Geheimniskrämer das Engagement für die Archäologie abgesprochen zu bekommen.

Eine Möglichkeit könnte die Etablierung von Internetforen sein, wie sie zum schnellen und unkomplizierten Informationsaustausch häufig genutzt werden. Man sollte sich auch nicht davor scheuen, interessante Details und Erkenntnisse in ein paar Zeilen zu veröffentlichen. Möglicherweise könnten ja in den zukünftigen Bänden zur Experimentellen Archäologie einige Seiten dafür zur Verfügung gestellt werden. Es müssen nicht immer aufwändige wissenschaftliche Abhandlungen sein. Oftmals sind es kleine Details und Informationen, die dem Archäologen den entscheidenden Anstoß für die Klärung seines Problems geben.

In seiner Einführung in die Vorgeschichte, formulierte Hans Jürgen Eggers folgenden Satz: „Im Anfang einer jeden wissenschaftlichen Erkenntnis steht immer eine F r a g e. Ist erst die Frage richtig gestellt, dann findet sich meist auch bald ein Weg, eine Methode, ein Werkzeug, um der Beantwortung der Frage näher zu kommen.“ Was hat man einst mit den Dingen gemacht, die als Artefakte heute in Magazinen und Schauräumen liegen? Archäotechnik in Kombination mit Experimenteller Archäologie ist ein Weg, eine Antwort auf diese Frage zu finden – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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