Kommern Skandal auf kaiserzeitlichem Jahrmarkt

Plausch am Panoptikum: Darsteller inszenieren Jahrmarkt um 1900. © Marcel Bieger

Ein Blick in die Neuzeit, genauer in die wilhelminische Ära um 1900: Kommern entwickelt sich zum Treffpunkt für Fans kaiserzeitlicher Kleider und Uniformen. Die waren bei einem zünftigen Jahrmarkt zu bewundern.

Zeitreise in jüngere Vergangenheit

Der Eifelort Kommern beherbergt einen der ältesten Freizeitparks Deutschlands (Geburtsstunde 1958) und präsentiert auf einer Fläche von 85 Hektar 65 historische Häuser, die hier wiederaufgebaut worden sind. Anfangs konnte man im Freizeitpark „nur“ die Häuser besichtigen, daneben Werkzeuge und Geräte aus Handwerk und Landwirtschaft. Nach und nach kamen dann Ausstellungen und Projekte hinzu, die den Besuchern auch die Menschen der jeweiligen Zeit näherbrachten – verwiesen sei hier auf die noch laufende vorzügliche Ausstellung „Wir Rheinländer“, in denen mannshohe Puppen die Straßen und Stuben aus der Napoleonzeit bis zum Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre bevölkern. Ihre Besucher finden auch „Schöne neue Welt – Rheinländer erobern Amerika“, und großes Interesse dürfte ebenso die jüngst begonnene Ausstellung „Volksschule“ erwecken, die das Schulwesen von Ende der 40er Jahre bis zum Ende der 60er zeigt.

Wie schon im letzten Jahr fand auch im März 2008 wieder ein „Jahrmarkt anno dazumal“ statt, eine Kirmes aus der deutschen Kaiserzeit. Diese bunte Schau eröffnet dann auch den Veranstaltungsreigen Kommerns in dieser Saison. Was wird geboten? Neben den bekannten – ganzjährigen – Läden (Backstube, Tante-Emma-Laden) verkehrt die Pferdebahn, unterhält ein Kasperletheater, kann man beim Seifensieder Spezereien und Seifen erstehen, lockt ein Gartenlokal zu Bockwurst und Bier, dreht sich ein Riesenrad oder findet man Ruhe im (abgehängten) Speisewaggon – und das ist nur eine kleine Auswahl. Und wer sich einen wohligen Schauer verschaffen will, der betrachte die Photographien im Welt-Panoptikum aus aller Welt, auf denen „Kannibalen“, ein „Tatauierter“ (Tätowierter) und ähnliche Schrecknisse zu erkennen sind. Das war damals eine beliebte Unterhaltungsform, denn Kino, Fernsehen oder gar Internet gab es ja noch nicht.

Schickeria anno 1900

Blickpunkt sind in diesem wie im letzten Jahr allerdings die historischen Darsteller, die auf den Straßen und Wegen entlang flanieren und ein erfreulich korrektes Bild von einem sonnigen Nachmittagsspaziergang im Deutschen Reich vor hundert Jahren abgeben. Die Herren Offiziere versuchen natürlich mit schneidigem Auftreten die Desmoiselles zu beeindrucken, der Herr Gendarm wacht mit strenger Miene (und bekommt tatsächlich etwas zu tun, s. u.), die Damen führen ihre neuen Hüte, Handtäschchen und Sonnenschirme aus – ja, Blässe gilt als vornehm, eine Vorstellung so wandelbar wie die Mode. Die Herren von der Garde stolzieren mit preußisch gerader Haltung, ein Alträucher zieht seinen Karren und sammelt alles ein, was die Menschen sonst einfach weggeworfen hätten. Das ist bei weitem nicht so viel wie heute, denn früher behielt man Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände, bis sie auseinander fielen. Und über allem thront ein Portraitgemälde von Wilhelm II, deutscher Kaiser und König von Preußen.

So sehr man sich an Anblick und Auftreten der Damen und Herren ergötzen kann, so viel mehr noch wird man unterhalten von den Sketchen, welche eine Gruppe der Darsteller mehrmals täglich aufführt. Im Stil der alten Zeit sind sie amüsant und belehrend zugleich, aber keine Bange, man erhält vor allem einen tiefen Einblick in das Denken und Rechtsempfinden jener Zeit, in der noch preußische Ordnung herrschte.

Suffragette trumpft auf

Im Vorjahr gerieten im Gartenlokal ein Zivilist und ein Offizier über einen Zeitungsartikel in Streit. Darin wird von einem „Hauptmann von Köpenick“ berichtet, einem arbeitslosen Schuster, der an eine Hauptmannsuniform gerät, einen Trupp Soldaten unter sein Kommando bringt und die Bürgermeisterei von Köpenick besetzt. Während der Offizier sich darüber empörte, mokierte sich der Zivilist. Der Gendarm eilte herbei, doch nicht etwas um den Streit zu schlichten, sondern um den Zivilisten wegen „Beleidigung einer Amtsperson“ zu arretieren.

In diesem Jahr verschafft sich auf dem Marktplatz eine Suffragette lautstark Gehör. Sie stellt sich auf einen Stein und verlangt das Wahlrecht für Frauen, dass es tatsächlich damals noch nicht gab. Unter dem ungläubigen Gejohle der umstehenden Leute, also der Darsteller, stimmt sie das Lied der Deutschen an (unsere heutige Nationalhymne), verfremdet den Text aber in Richtung Frauenwahlrecht. Die Obrigkeit lässt sich nicht lange bitten, und der Gendarm verhaftet die Aufmüpfige. Wie später zu erfahren ist, ist sie wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ (und nicht etwa wegen „groben Unfugs“) zu einer Geldstrafe von „1 Mark und 50 Pfennige“ verurteilt worden. Für eine Wandernäherin mehr als ein Tageslohn. Die Living-History-Szenen gestalteten Darsteller der Agentur „Facing the Past“ und des Vereins „Historische Uniformen 1871 bis 1918“.

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