Living History Hilfe, die Geschichte lebt!

So unterschiedlich die Interessen der Geschichts-Akteure, so unterschiedlich ist auch das Internetangebot. © chronico

Phänomen „inszenierte Geschichte“: Vielschichtig und verwirrend sind die vielen Strömungen und die verwendeten Begriffe. Die Archäotechnikerin Sylvia Crumbach wirft einen Blick auf eine Szene zwischen Professionalität und Liebhaberei.

Reenactment – Living History

Seit dem Beginn der Geschichtsforschung in der frühen Neuzeit waren nicht nur Fachleute, Historiker, Naturforscher und Gelehrte an neuen Erkenntnissen beteiligt, sondern auch Hobbyisten, Dilettanten und Privatleute. Ein heute stark umstrittener Höhepunkt der Geschichtsbegeisterung lässt sich für alle europäischen Länder im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert verzeichnen. In der Frühzeit der Archäologie mussten sich die Strukturen der Wissenschaft außerhalb der historischen Forschung nach Schriftquellen erst behaupten, dann festigen. Die Vereine zur Erforschung und Erhaltung „Vaterländischer Alterthümer“ fanden Mitglieder in allen Gesellschaftsschichten. Die politische Prägung und Ausnutzung dieser Vereine war sehr vielfältig und ist als Folge der damaligen Gegebenheiten zu sehen. Das Spektrum reichte vom Bildungsbürgerclub bis zum kämpferischen Arbeiter-Geschichtsverein.

Der Heimatforscher, wie ihn Siegfried Lenz in seinem Roman „Die Deutschstunde“ beschreibt, ein Lehrer oder Apotheker, eine gebildete Hausfrau oder Diakonisse der 1930er bis 1960er hat vielleicht eine Nachfolge gefunden. Während die traditionellen Geschichtsvereine mit einem Altersdurchschnitt jenseits der 60 aufwarten, bilden Living History und Reenactment eine Plattform für junge Leute. Vielleicht ein Ansatz, das Phänomen zu verstehen: Das grundsätzliche Interesse an der Geschichte, das Bedürfnis nicht nur die Informationen aus Museen zu konsumieren, sondern aktiv mitzudenken und die eigenen Interessen und Gedanken einzubringen. Also eine Art Heimatforschung ohne die Enge und den Staub der Schulen und Studierstuben der 1970er und 1980er Jahre?

Die Entwicklung der fast unüberschaubaren Szene zwischen Mittelaltermarkt, Reenactment und Eventindustrie ist schwer zu fassen und wird selten dokumentiert. Dazu kommt, dass die Entwicklung sehr schnell und nicht linear verläuft.

Die Anfänge: Mittelalter-Traumwelten

Das Öko-, Liedermacher- und Heile-Welt-Mittelalter der 1970er Jahre bildet eine Grundlage der aktuellen Entwicklung. Mit dieser Tendenz sind Namen wie Johannes Faget alias „Johannes Fogelvrei“, Musikgruppen wie „Elster Silberflug“ und Veranstaltungen wie die Mittelaltermärkte von „Kramer Zunft und Kurtzweil“ (KZK) verbunden.

In der DDR zeichnete sich eine ähnliche Entwicklung ab; es gab eine Subkultur zwischen Konsumverweigerung, Geborgenheit und einem idealisierten Mittelalter hart an der Grenze zur Phantasiebewegung in der Literatur. Im Laufe der 1980er und 1990er Jahre etablieren sich verschiedene Ritterspiele und Turniere. Eins der bekanntesten Beispiele ist das Mittelalter- und Ritterfest auf Burg Satzvey bei Köln (Nordrhein-Westfalen).

Diese beiden Wurzeln bilden die Grundlagen der inflationär vorkommenden Mittelaltermärkte als Spektakelveranstaltungen und Feste. Die Entwicklung hin zum kommerziellen Spektakel begründete eine ganze Industrie und ist mit verschiedenen Jugendsubkulturen verbunden. Diese Erscheinung „Mittelaltermarkt“ wurde im Rahmen der Dissertation von Erwin Hoffmann unter dem Titel „Mittelalterfeste in der Gegenwart – Vermarktung des Mittelalters im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Inszenierung“ untersucht und beschrieben.

Lebendige Geschichtsvermittlung in Museen

Eine Erscheinung der letzten Jahre ist die Vielzahl von Museumsfesten mit Kelten, Wikingern, Germanen etc. Anders als in England und Amerika, wo lebendige Bilder (also Geschichtsvermittlung durch Darsteller, Anm. d. Red.) in Museen eine lange und ununterbrochene Tradition haben, sind historische Interpretationen in deutschen Museen eine relativ neue Erscheinung.

Die Bandbreite reicht dabei vom lokalen Geschichtsverein in historisierenden Kostümen über die Vorführung von „alten“ Handwerkstechniken, die in auf den Anlass abgestimmter Kleidung vorgeführt werden, bis hin zu belebten Gebäuden. Die Anlässe sind dabei ebenso vielfältig wie die angestrebten Ziele. Eine Vorreiterrolle in Europa nimmt dabei sicher das Archäologische Festival in Biskupin (Polen) ein. Über den Zweck und die Öffentlichkeitswirksamkeit hat Wojciech Borkowski 2005 in „EuroREA“ (Magazin von EXARC, dem Verbund europäischer Freilichtmuseen; Anm. d. Red.) ausführlich geschrieben. Er stellt heraus, dass die Darstellung der Ergebnisse der Archäologie für die Öffentlichkeit und in der Öffentlichkeit eine Sache der Fachleute sein sollte.

Geschichte inszenieren: Ziele der Aktiven

Die folgende Übersicht erhebt keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit.

Anschauliche und fachliche Vermittlung der Geschichte

Zuletzt im Sonderheft „Lebendige Vergangenheit – Vom archäologischen Experiment zur Zeitreise“ der Zeitschrift Archäologie in Deutschland legten Jörg Bofinger und Thomas Hoppe die Arbeitsweise und die Ziele der Keltengruppe „Carnyx“ dar. Fachleute und Laien haben sich dort zusammengeschlossen, um für Museen und Bildungsträger ein anschauliches Bild der Vergangenheit zu vermitteln. Mit Handwerksvorführungen, Präsentationen und in Gesprächen mit dem Publikum von Museumsveranstaltungen soll über Leben und Sachkultur der Eisenzeit anschaulich informiert werden. Zweck ist hier die anschauliche Darstellung, nicht die experimentelle Archäologie. Also ein Grenzgang zwischen Information und Unterhaltung, der unter dem Schlagwort „Edutainment“ zusammengefasst wird.

Nachleben von Religion und Vergangenheit

Geschichte für sich selbst erleben sowie das Einbeziehen wiederbelebter keltischer, germanischer oder wikingerzeitlicher Religionen ist das Ziel vieler Gruppierungen der boomenden Living-History-Bewegung. Gelegentlich bieten rekonstruierte Häuser die Kulisse für neo-heidnische Kulte. Das „Keltendorf“ Gabreta (Bayern) bietet mehrmals im Jahr die Kulisse für Treffen historisch und esoterisch interessierter Personen. Während der Öffnungszeiten des Parks bieten diese Treffen einen Anziehungspunkt für die Besucher.

Kampfkunst und Männerkult

Der Mythos Schwert und historische Fechttechniken haben einen ständig wachsenden Interessentenkreis. Zum Teil mit sehr bunten Stilblüten. Vom „Freizeitschotten“ bis zum Freizeitsport reicht das Spektrum. Aktuelle Veröffentlichungen auf Basis historischer Aufzeichnungen (etwa Talhoffers Fechtbuch) zeigen, dass Praxis und die Überlegungen zu erhaltenen Originalwaffen ein wichtiger und seriöser Part sein können. Die Verbote von Verbindungen, die sich zwar auf Historisches berufen und sogar damit locken, wie zum Beispiel die Wiking-Jugend, zeigen andererseits die bedenkliche Seite dieses Spektrums.

Die persönliche Freude am Entdecken

Bogenbau, Spinnen mit der Handspindel oder Kräuterkunde – Seminare historischer Handwerke haben ein breites interessiertes Publikum. Mit- und Selbstmachen bietet eine kreative und interessante Freizeitbeschäftigung. Im Unterschied zu den ersten beiden Beispielen werden hier keine eigenen oder erlernten Erkenntnisse weitergegeben. Die Beschäftigung mit der Geschichte ist Selbstzweck.

Zwischen Forschung, Living History und Eventkultur

Zu den Vermittlungstechniken gibt es eine umfangreiche Diskussion. Dabei sind Schlagworte wie „Wenn es brennt – Event!“ oder der mittlerweile vermutlich geschützte Begriff „Infotainment“ bestimmende Überschriften. Die Diskussion ist vielschichtig und in Teilbereichen sehr emotional. Das hat vielfältige Gründe. Die lebendige und unterhaltsame Vermittlung von Geschichte hat, wie vieles andere auch, mit dem Stolperstein „Qualität kostet!“ zu kämpfen.

Auch in der lebendigen Geschichtsdarstellung zählt, dass Masse nicht Klasse ist und laute Werbung nicht in allen Fällen für Qualität bürgt. Der Sache dienlich sind Grabenkämpfe zwischen Hobbyisten in der Geschichtsdarstellung und den Angeboten von Eventagenturen sicher nicht. Ein Zusammenfinden ist zwar sehr wünschenswert, scheitert aber oft dort, wo es um lukrative Aufträge und damit um Existenzen geht. Einheitliche Anforderungen an die Vermittlungsqualität und Qualifikation gibt es nicht. Die Zusammenarbeit zwischen lebendiger Vermittlung und aktueller Forschung scheint schwierig. Chancen und Möglichkeiten sind nur unzureichend ausgelotet und entwicklungsfähig. Ein Potenzial, das diskutiert und genutzt werden sollte.

Erste Ansätze zu einer Qualitätssicherung gibt es zum Beispiel mit dem „Forum Archaeotechnik Federseemuseum“. Solche lockeren Zusammenschlüsse dienen, wie auch – ebenfalls als Beispiel – die Tagungen der EXAR (Verein zur Förderung der experimentellen Archäologie), dem Austausch zwischen Aktiven und Interessierten aus den verschiedenen Bereichen und Sparten. Eine ausbaufähige Chance.

Eine andere Basis sind verschiedene Diskussionsforen in Netz. Allerdings gilt hier, dass nicht jedes Forum zu jedem passt. Es liegt in der Natur der Foren, dass die Prägung und Qualität durch die User bestimmt wird – diese Angebote sind lebendige Plattformen. Vielfach findet hier der Austausch von Ergebnissen wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Geschichte statt. Das ist ein Meilenstein auf dem Weg von der Forschung in die lebendige Geschichtsdarstellung und eine Möglichkeit für persönliche Kontakte.

Fazit: Qualität und ein Bewusstsein für Qualität ist ein Prozess, der einem ständigen Wandel unterworfen ist. Das Interesse an lebendiger Geschichte ist nicht zwangsläufig mit einem Interesse an Vermittlung verbunden. Jedoch sollte die Fähigkeit und der Wunsch nach Vermittlung Basis für Geschichte in der Öffentlichkeit sein.

Literaturtipps der Autorin

  • Erwin Hoffmann: Mittelalterfeste in der Gegenwart; Die Vermarktung des Mittelalters im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Inszenierung; Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Sozialwissenschaften der FU Hagen; 2005; ibidem-Verlag; Stuttgart ISBN 3-89821-516-4
  • Hartwig Schmidt: Archäologische Denkmäler in Deutschland; Rekonstruiert und wiederaufgebaut; Sonderheft Archäologie in Deutschland 2000; Theiss; Stuttgart
  • Mamoun Fansa (Redaktion): Neues aus dem Mittelalter; Experimentelle Archäologie im Museumsdorf Düppel; Isensee; Oldenburg ;1996

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1 Kommentare

  1. Da die Linkliste zu diesem Beitrag von Sylvia Crumbach selbst stammt, lege ich mal noch etwas via Kommentar dazu.
    Die im Beitrag angesprochenen Neo-Kelten sind natürlich auch im Web vertreten. Was damit gemeint ist, wie die Vermischung aus Geschichtsinteresse und Religion funktioniert, dafür mag celtoi.net stehen. Auch die Musiker von Faun stehen den Neo-Kelten nah.

    09. Januar 2008, 18:01 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    1

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