Geschichte verkaufen Die historische Szene und die Gretchenfrage

Klare Labels, getrennte Bereiche, Vorlagentreue: Julian Blomanns Qualitätsmerkmale für historische Events sind nicht neu. Aber er hat sie erforscht und Empfehlungen zur seriösen Vermarktung von Geschichte entwickelt.

Eine Umfrage – 1500 Antworten

„Es wird viel geredet in der Szene, aber es werden kaum Begründungen geliefert“, sagt Julian Blomann zu den Diskussionen um Qualität historischer Darstellungen. Allzu oft bleibe es bei subjektiven Einschätzungen oder bloßen Bekräftigungen bekannter Positionen. In seiner 2006 eingereichten Diplomarbeit wählte Blomann deshalb einen anderen Weg, nämlich nachzufragen. Und das bei möglichst vielen Anbietern und Besuchern historisch orientierter Veranstaltungen. Diese Arbeit ist inzwischen als Buch erschienen.

Geantwortet haben auf seine Umfrage immerhin 1500 Interessierte, so dass wir die bislang deutschlandweit größte Umfrage in der Szene in Blomanns Arbeit „Geschichte verkaufen – Eventkultur als Arbeitsfeld“ nachlesen können. Darunter sind Vertreter von Living History und Reenactment über Museumsveranstaltungen oder Mittelaltermärkten bis hin zu Liverollenspielern. Die Untersuchung bietet also einen breiten Überblick über die Szene und was sie von historischen Veranstaltungen erwartet.

Die entwickelten Empfehlungen zur Vermarktung von Geschichte sind natürlich kein Selbstzweck, denn Julian Blomann ist professioneller Anbieter. Historica Events heißt das Projekt der Eventagentur in Saarbrücken, mit der er und sein Partner Michael Hess seit 2002 historisch orientierte Veranstaltungen verkaufen. Zur Anwendung kommen dabei die Qualitätsmerkmale, die er in seiner Untersuchung herausgefunden hat.

Entertainment und Bildung haben beide ihre Berechtigung. Aber auf die Kennzeichnung komme es an, sagt Blomann. Auf klare Labels. Und darauf, dass unterschiedliche Bereiche einer Veranstaltungen voneinander getrennt werden, so dass sich dargestellte Zeiträume nicht vermischen. Die Besucher müssen klar erkennen können, womit sie es im Einzelfall zu tun haben. Und wenn historisch draufstehe, müsse die Darstellung auch vorlagentreu sein.

So weit, so bekannt. Der Unterschied liegt darin, dass das eben die Qualitätsmerkmale sind, die den Besuchern und Anbietern historisch orientierter Veranstaltungen laut Blomanns Untersuchung wichtig sind. Der Maßstab für qualitätvolle Darstellungen ist also nicht einer kleinen Gruppe Wissender vorbehalten. Dass diese Ansprüche noch steigen, je höher die historische Bildung der Befragten ist, verwundert nicht. Aber es ist keineswegs das „stumpfsinnige Publikum“, das automatisch nach dem „Keltenkasper“ verlangt.

Die Wunschliste der Besucher

Werfen wir beispielhaft einen kurzen Blick auf die Ansprüche, die die Besucher an historisch orientierte Veranstaltungen richten (siehe Abbildung). Unter den in der Umfrage angebotenen Antworten ist für sie die Trennung der Bereiche das wichtigste Merkmal (mit einem Wert von 6,3 von maximal 7 Punkten). Mitmachaktionen und Showeinlagen liegen am unteren Ende der Bedeutsamkeit (3,8 Punkte). Soviel zum angeblichen Damoklesschwert der Besucherorientierung.

Nun kann man in einer Untersuchung natürlich nicht alles abfragen. Aber wenn die Antworten nur Aussagen zur historischen Qualität ermöglichen, bekommt man, nicht so überraschend, auch nur Aussagen zur historischen Qualität. Ausgeblendet bleiben Fragen nach Rahmenbedingungen wie Kosten, Anfahrt, Übernachtungsmöglichkeiten. Alles ganz konkrete Gesichtspunkte, die für die Qualität einer Veranstaltung von Bedeutung sein können.

Die Auswahl der von Blomann vorgegebenen Antwortmöglichkeiten ist zudem durchaus suggestiv: Stellen wir uns vor, statt „Showeinlagen“ lautete die Antwort „Historischer Schwertkampf“. Dann wäre dieses Merkmal wahrscheinlich deutlich wichtiger bewertet worden. Hinzu kommt letztens, dass die mittleren Abweichungen in allen abgefragten Merkmalen so hoch sind, dass die Verteilung auch purer Zufall sein kann.

Was soll diese Kritik am Einzelfall: Eigentlich nur soviel, dass selbstverständlich auch um empirisch gewonnene Ergebnisse gestritten werden kann, und der Teufel im Detail steckt. Das ändert nämlich alles nichts daran, dass diese Untersuchung zumindest eine nachvollziehbare Argumentation für eine verantwortungsvolle Vermarktung von Geschichte ist. Und das ist bedeutend mehr wert als das normative Wiederkäuen subjektiver Qualitätsvorstellungen.

Julian Blomanns Untersuchung eignet sich als erster Schritt. Er beschreibt unter anderem die Szene nicht anhand einzelner Merkmale, sondern versucht die Szene mehrdimensional zu durchleuchten. Beispielsweise führt er Indizes, also zusammenfassende Kennzahlen, für das Qualitätsbewusstsein oder die historische Bildung ein. Vieles steckt in den Kinderschuhen, er zeichnet ein Skelett, ohne es bereits mit Fleisch füllen zu können.

„Ich bin weiter am Thema dran und sammle Informationen“, sagt Blomann denn auch. Die Idee, aus der ersten Untersuchung eine Doktorarbeit zu machen, lebt weiter. Zumal er nebenbei einen Lehrauftrag an der Universität des Saarlandes zu Living History hat. Die Umfrage selbst steht dauerhaft online. Aber ein Versprechen, dass das Projekt zu einem Ende kommt, kann der Autor heute nicht geben. Denn aktuell steht für ihn seine Agentur im Vordergrund.

Realität und das Leben von Enten und Mäusen

Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus als es das Idealbild der Qualitätsmerkmale suggeriert. Auch bei Historica Events. „Als Kulturwissenschaftler und Historiker wird mir schon manchmal schwummrig, bei dem, was wir machen müssen“, gibt Blomann zu. Es sei schon so, dass Geld und Professionalisierung oft die Qualität von Veranstaltungen senken. Umgekehrt, meint er aber, sei ohne finanzielle Mittel auch keine historische Qualität zu haben.

Nachgezählt kommt er für 2007 auf vier Living-History-Stadtführungen durch das mittelalterliche Saarbrücken, mit deren historischer Qualität er selbst zufrieden war. Die also seinen eigenen Ansprüchen an historische Veranstaltungen entsprachen. An den Führungen nahmen nur jeweils 25 bis 40 Leute teil, und es waren wenige Darsteller, so dass auf Ausrüstung und Umsetzung viel Wert gelegt werden konnte.

Das läuft eher selten so. Von allen Veranstaltungen, die Blomanns Agentur organisiert, machen die historisch orientierten Veranstaltungen schätzungsweise 20 Prozent aus. Und wenn Veranstaltungen nicht historisch korrekt, sondern Entertainment sind, dann „mache ich auch klar, dass es jetzt um Entertainment geht“. Oder wie ein Teilnehmer der Umfrage sagte: „Disneyland behauptet von sich nicht, das Leben von Enten und Mäusen darzustellen.“

Objektivität? – Eine klare Aussage wäre ein „Ja!“

Damit ist natürlich noch nicht geklärt, wie historische Qualität oder Vorlagentreue festzustellen sind. Hier folgt nun wiederum nicht mehr als die bekannte Forderung nach Qualitätsstandards. Blomann denkt schon, „dass es möglich ist, historische Qualität objektiv zu beurteilen“.

Dazu fehle es aber einerseits an Dachverbänden, die solche Anforderungskataloge entwickeln und anwenden könnten. Andererseits sei das Interesse der Geschichtswissenschaft an lebendiger Geschichte noch viel zu gering. „Die Geschichtswissenschaft braucht einen stärkeren Praxisbezug.“ Dass solche Anforderungskataloge Neulinge aus dem Geschichtsmarkt heraushalten, glaubt Blomann nicht. Vielmehr dienten solche Kataloge als Orientierungshilfen für Einsteiger.

Voraussetzung für diese Art Qualitätsstandards bleibt der Glaube, man könne überhaupt historisch korrekte Darstellungen umsetzen. Dass man also Geschichte auf Richtigkeit hin prüfen könne. Und umgekehrt gehört dazu die Befürchtung, dass Besuchern ein „falsches Geschichtsbild vermittelt werden“ könne.

Qualität ist aber ein relativer Maßstab, nämlich der „Grad, in dem eine Leistung die an sie gestellten Erwartungen erfüllt“, wie Blomann selbst definiert. Wer dann versucht, Qualitätsstandards an historischer Korrektheit zu beurteilen, der braucht eine unmenschliche Leidensfähigkeit, um das heiße Eisen Qualitätsstandards lange genug in der Hand halten zu können. Genau da scheint Blomanns Vorgehen, bei den Interessierten direkt nachzufragen, wohl eher ein gangbarer Weg zu sein, als das bange Hoffen auf die Inquisition.

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