Schlechte Saat Kurzurlaub unter Wikingern

Ein riesiges Lagerfeuer beleuchtet das Wikingerdorf. © Marcel Schwarzenberger

Man kann die Wikinger der „Schlechten Saat“ nicht lang allein lassen. Nicht, dass sie ihr Dorf in Niedersachsen nicht in Schuss halten würden. Im Gegenteil: Es passiert ständig etwas. chronico kehrt zur Siedlung zurück.

Zeitreise ins 11. Jahrhundert

Mein erster Besuch war vor gut drei Jahren. Damals hatten sich die rund 25 Frauen, Männer und Kinder gerade erst eingerichtet auf ihrem Hang, hoch über dem Leinetal, in dem die Kleinstadt Alfeld liegt. Noch immer bange ich um den Boden meines Toyota, und schleiche über die Buckelpiste Richtung Tor der Wikingersiedlung. Es ist Ostersamstag, die Wikinger haben erneut zum Workshopwochenende mit Freunden eingeladen. Für mich ist es inzwischen die dritte Stippvisite im Lager, dessen Antlitz sich auch jetzt wieder geändert haben dürfte.

Als Dorf der Living-history-Gruppe „Schlechte Saat“ ist das Gelände längst in der Gemeinde bekannt. Der Bürgermeister schaut regelmäßig vorbei; immer öfter verlegen Spaziergänger und Kinder ihre Wegstrecken hierher. Ganze Schulklassen schauen den Wikingern bei Handarbeiten und Schaukämpfen zu – oder mischen kräftig mit. Bei der Saat ist eigentlich immer Tag der offenen Tür. Beinahe jedes Wochenende lebt die Gruppe mit Kind und Kegel hier draußen. Der Urlaub für „zwischendurch“ gerät bei den Niedersachsen stets zur Zeitreise ins frühe 11. Jahrhundert.

Namen und Gewänder

Das große Tor steht – natürlich – weit offen. Weiße Zelte leuchten auf der Wiese dahinter. Die Schlafstellen der Gäste. Wie immer tobt das Leben weiter unten am Hang vorm Langhaus. Das Kochfeuer zündelt wie immer; die Frauen und Männer sind in Handarbeiten oder beim Schwatz vertieft. Bogensehnen schwirren; diesmal haben die Männer eine Zielscheibe aufgestellt, an der sie ihre Künste mit dem Langbogen üben.

Ymme, die Frau vom Yarl Udal, nimmt ihre Gastgeberrolle ernst. Nur wenige Augenblicke, und ich halte ein Tongefäß mit kühlem Trank in den Händen. Ich bin bereit, meine Beobachterrolle einzunehmen, und die Dinge einfach wirken zu lassen. „So, du Zivilist“, grinst Udal, mit einem verdächtig anmutenden Paket auf dem Arm, „du ziehst dich erstmal um.“ Er legt mir die leuchtend rote Pluderhose und die blaue Tunika, samt Ledergürtel und Beinschnüren unmissverständlich ans Herz und schiebt mich in die geräumige Hütte.

Verwandlung also. Angus, der Waffenmeister der Gruppe, hatte es schon angedeutet. Einen Tag miterleben, heißt: mitleben. Mein „Fremdkörperdasein“ nun auf ein Mindestmaß reduziert, hocke ich mich zu den anderen ans Feuer. Ymme rührt schon im Kessel mit dem saftigem Eintopf. Natürlich heißt sie im wirklichen Leben nicht so. Aber bei der Schlechten Saat hat jeder einen zeitgemäßen Namen. Der nach jahrelangem Gebrauch völlig gleichberechtigt neben dem „echten“ Namen steht. Udal zum Beispiel heißt Uwe Fricke. Aber so nennt ihn inzwischen auch bei seinem Arbeitgeber, dem städtischen Bauhof in Alfeld, kaum noch jemand. Sein Name sei Udal und damit basta. Was für alle gelten mag.

Brennende Versuche

Bjorn will mir etwas zeigen. Bjorn gehört den Jorvikern an, einer kleinen Gruppe aus Hannover, die sich erst im vorigen Jahr zusammengefunden hat. Die Wikingersiedlung Jorvik (heute York) in England hat es der Gruppe angetan. „Wir wollen historische Darstellung mit Projektarbeit experimenteller Natur verbinden“, sagt Bjorn.

Heute haben sich Bjorn und seine Mitstreiter auf Fehlschläge eingestellt. Das Wochenende bei der Schlechten Saat ist ihr erster großer Test in Sachen Keramik. Tonware haben sie nach historischem Vorbild gefertigt. Kleine Krüglein und Schüsseln. Die britische Living-history-Gruppe „Regia Anglorum“ liefert auf ihrer Webseite eine grobe Anleitung zum richtigen Brennen. Die Jorviker gehen strikt nach dem Prinzip Lernen aus Fehlern vor.

Solveijk und Olaf bereiten schon eine neue Feuergrube vor. Bjorn holt die Ergebnisse eines ersten Brandes hervor. Verkohlt, gerissen und zerbrochen – die Gefäße bieten einen traurigen Anblick. Gut vier Stunden brutzelten sie in der Glut des Erdofens. Bjorn zuckt die Schultern. „Das probieren wir so lange, bis wir es hinkriegen.“ Auf einer Schicht Borke legen die Jorviker ihr frisches Brenngut. Die so zerbrechlich wirkenden Gefäße bekommen einen Mantel aus Holzschnitzeln. „Das Holz beim ersten Versuch war womöglich zu dicht und zu schwer gepackt. Das hat den Ton darunter eingedrückt“, mutmaßt Bjorn. Vorsichtig schüttet er zum Schluss eine weitere Borkenschicht in die Grube. Ganz oben drauf werden sie später das Feuer entzünden und die Stücke über Nacht durchglühen lassen.

Arbeit an der Vervollkommnung

Bei den Alfeldern gibt es kein durchchoreografiertes Programm. Naalbinding, Weben, Schnitzen oder Schmieden – all das geschieht nach Lust und Laune dort, wo sich auch Gleichgesinnte gerne tummeln. Platz genug bieten die Bänke rund ums Feuer, aber auch die Wiese des Dorfes. Am unvermeidlichen Thingbaum klimpern nackte Tierschädel. Hier treffen die Mitglieder der Schlechten Saat ihre Entscheidungen. Frische Zäune, Palisaden am Schafsgehege, Gemüsebeete und die Holzgerüste für zwei neue Schlafhütten künden vom Wachsen der Siedlung.

Stolz zeigt Udal auf einen schlichten Holzkasten. Eine Anregung, die die Alfelder von einem ihrer Besuche aus dem Freilichtmuseum Haithabu in Schleswig mitgebracht haben. Der Yarl nimmt die Bretter auf dem Kasten ab und zeigt auf das hohle Innere, in dem nur einige Zweige hängen. Platz für frischen Fisch, der sich in dem speziell gebauten Kasten hervorragend räuchern lasse, sagt Udal. „Alles schon probiert, geht prächtig.“

Überhaupt sind die Wikinger immer auf der Suche nach neuen Projekten, die ihr Dorf und ihre eigene Ausrüstung weiter vervollständigen. Immerhin tritt die Gruppe auch bei mehreren Mittelalterveranstaltungen auf; 2005 buchte das Hildesheimer Dommuseum die Truppe. Dafür will braucht es schließlich auch was Vorzeigbares, finden sie. Und Besucher, die immer wieder ins Dorf kommen, sollen auch was Anständiges zu sehen kriegen. „Wer weiß, vielleicht wird irgendwann mal ein Museumsdorf daraus“, sinniert Udal. Mit „irgendwann“ meint er eine Zeit weit in der Zukunft, in der die Mitglieder möglicherweise die Lust am Projekt verloren haben, oder auch ihre Kinder nicht mehr mitmachen wollen. Dann soll all das hier nicht verloren gehen. Aber davon ist bislang nichts zu spüren. Die Sippe steckt voller Ideen; in den vergangenen fünf Jahren hat kaum einer das Handtuch geworfen.

Treffen der Kulturen

Schild und Schwert liegen gut in der Hand. Schaukampf ist angesagt. Aber ich bin ungeübt, mehr als ein Schlagabtausch probehalber ist nicht drin. Die Arbeit überlasse ich dann doch lieber den anderen. Jeder der Wikinger, der irgendwann in Waffen auftritt, muss dafür trainieren. Matti, Sohn von Angus und Riana im Teenageralter, präsentiert seinen neuen Schild. Rehe, Wahrzeichen der Sippe, tummeln sich auf roten und gelben Feldern. So sollen einmal alle Schilde der Mitglieder aussehen.

An diesem Wochenende treffen gleich drei mittelalterliche Kulturen aufeinander. Neben „Postea Imperio“, deren Mitglieder unter anderem fränkische Darstellung betreiben, sind auch die Hildesheimer von „Ferrum ferox“ wieder da – eine Hochmittelaltergruppe. Andere Zeiten, andere Waffen, andere Kampftechniken. Üben, erklären, üben, so ziehen die Stunden dahin. Bogenschießen und Axtwerfen inklusive. Waffenübungen, bei denen ich auch mal einige Erfolge verbuchen kann.

Ansgar, einen hünenhafter Typ mit Rauschebart, mischt fröhlich mit. Doch wann immer er kann, nimmt er lieber feineres Werkzeug zur Hand. Schmale Bretter liegen am Feuer, schon teilweise mit verschlungenen Motiven verziert. An ihnen schnitzt Ansgar derzeit am liebsten herum. Die Zierbretter sollen bald den Eingang des Langhauses schmücken. Wie überhaupt die Häuser der Gruppe immer wohnlicher werden. Schnitzkunst, Perlen, Blumen, Ruhebänke – es fehlt kaum etwas, das für urige Behaglichkeit nötig ist.

Feuer in der Nacht

Abend. Lichterloh prasselt das Feuer auf dem großen Platz. Wie an so vielen Orten Niedersachsens ist auch in Alfeld die Tradition der Osterfeuer noch immer beliebt. Ein Grund mehr für die Wikinger, einen extra großen Holzhaufen aufzuschichten. Osterfeuer sind heidnischen Ursprungs – ein Umstand, bei dem die Schlechte Saat naturgemäß locker mithalten kann. Kräftige Stöße in Hörner und „Odin“-Rufe schicken die Wikinger durch die Nacht.

Die Funken stieben in den sternenklaren Himmel; einige Männer wachen mit Wassereimern auf den Holzdächern der Hütten. Fast 60 Menschen umlagern das Feuer, darunter viele modern gekleidete – Nachbarn, Verwandte oder Spaziergänger, die der Zufall ins Dorf brachte. Becher kreisen, irgendwo schlägt jemand eine Trommel; Gesang und Gemurmel durchmischen sich. Die Gespräche drehen sich um Religion, den nächsten Urlaub, anstehende Arbeiten und Kinofilme von historisch bis fantastisch.

Stille liegt im Tal, als ich mich wieder auf den Weg über den rumpeligen Ackerweg mache. Danke für den Kurzurlaub, Schlechte Saat.

Artikel aus der Rubrik „Geschichtsszene“

  • Das wehrhafte Geschlecht

    Eine Ausstellung über Amazonen darf getrost als Pflichtveranstaltung für Bogenbauer und Skythenexperten gelten. Michael Kieweg machte sich mit Gleichgesinnten auf nach Speyer zu den „Geheimnisvollen Kriegerinnen“.

  • Inszenierung eines Untergangs

    Wenn Jahrestage sich runden, bekommt das erinnerte Ereignis einen besonderen Touch. Was auch für Waterloo zutrifft. Inklusive der Einordnung als Großereignis, Besuchermagnet und Zielscheibe für Medienschelte.

  • Fürstlicher Fund in der Donau

    „SR“ steht auf der Klinge eines Schwerts; gefunden bei Linz. Hatte es einen fürstlichen Träger? Fakt ist, der Fund dürfte ein Leckerbissen für Hochmittelalter-Fans sein. Die Huscarl-Redaktion war auf Spurensuche

  • Zweite Karriere für antikes Instrument

    Eine Geschichte, viele Hauptrollen: Musiklehrer, Mechaniker, ein experimentierfreudiges Ensemble und die Replik einer römischen Orgel. Musica Romana auf musikarchäologischen Pfaden.

5 Kommentare

  1. Odin zum Gruße,
    schöner Artikel, war ja auch ein schönes Wochenende!
    Kleine Korrektur muß aber leider sein: wir haben uns nicht erst letztes Jahr gefunden (das ist schon etwas länger her), wir sind erst seit letztem Jahr (offiziell) als “Die Jorviker” solo unterwegs…
    Ich weiß, ist ‘ne Kleinigkeit, aber soll uns ja auch niemand den Status “Frischlinge” verpassen…
    Wie gesagt, schöner Artikel. Bin gespannt, was wir Marcel nächstes Jahr zeigen können…
    Gruß
    Bjorn

    20. April 2007, 21:04 Uhr • Melden?
    von Bjorn
    1
  2. Jo Bjorn: es ist freilich eine wichtige “Kleinigkeit”! Danke für Korrektur. So viel Zeit muss sein:-))

    21. April 2007, 09:04 Uhr • Melden?
  3. Ich habe eine Anfrage:
    Wir wollen im Kindergarten ein Projekt zum Thema Wikinger machen, weil unsere Kinder sich sehr dafür interessieren. das ist sozusagen fast ein Standort Thema weil der Kindergarten in Nordfriesland, direkt an der Küste mit Blick auf die Nordsee liegt. Können Sie uns Tips oder Ideen dazu geben ? Ev. auch Personen die Zeit und Lust hätten den Kindern direkt etwas zu vermitteln ? Am 12. Juli wollen wir unser Sommerfest ganz zum Thema Wikinger gestalten.
    Über Anregungen würde ich mich sehr freuen.
    Vielen Dank
    Heike Hoppe

    11. Januar 2009, 18:01 Uhr • Melden?
    von Heike Hoppe
    3
  4. Hallo Frau Hoppe,

    diesbezüglich kann ich Ihnen Jörg Nadler wärmstens ans Herz legen:

    http://www.schleifischer.de

    Freundliche Grüße

    Steve Lenz

    11. Januar 2009, 19:01 Uhr • Melden?
  5. Hm, Heike Hoppe, das ist nicht eben der perfekte Ort für solche Anfragen, da sie mit dem Beitrag selbst wenig zu tun haben. Aber ich lass es mal gelten. Wer noch einen Tipp für den Kindergarten hat, sende ihn bitte direkt an redaktion@chronico.de. Ich leite es dann an die Einrichtung weiter.

    12. Januar 2009, 08:01 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    5

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