Das Heilige Reich 40 Könige und der Codex Manesse

Ein König wie er im Buche steht: Kaiser Heinrich VI. im Codex Manesse. © Heidelberg, Universitätsbibliothek

Napoleon erzwang 1806 das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Exakt 200 Jahre später liefern Magdeburg und Berlin eine Doppelausstellung, die sich der 800-jährigen Karriere des Reiches widmet. Sie begann mit Otto I.

Who is who des Mittelalters

Das Deutsche Historische Museum Berlin und das Kulturhistorische Museum teilen sich eine gewaltige Aufgabe. Sie wollen ein kulturgeschichtliches Porträt des Staatengebildes schaffen, ein monumentales Gesamtbild eines vielschichtigen Reiches. Während sich die Berliner die Neuzeit von 1495 an vornehmen, wartet Magdeburg mit 420 teils noch nie öffentlich ausgestellten Objekten aus dem vorangegangenen halben Jahrtausend auf. Darunter ist auch ein so kostbares Stück wie die Manessische Liederhandschrift (Codex Manesse).

Am 28. August eröffnet die Magdeburger Ausstellung mit dem Subtitel „Von Otto dem Großen bis zum Ausgang des Mittelalters“ auf 2000 Quadratmetern. Die Organisatoren um Musumschef Matthias Puhle haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Gut 40 Kaiser und Könige sollen in der Ausstellung thematisiert werden.

In sechs Abteilungen durchwandert der Besucher die Dynastiegeschichten von Ottonen, Saliern, Staufern, Luxemburgern und schließlich den Habsburgern. Doch zuvor darf er noch einen Blick in das Rom der Cäsaren werfen – die Vorbilder der deutschen Kaiser.

Versammlung hochkarätiger Stars

Die Magdeburger vermochten hochkarätige Stücke in ihr Museum zu holen. Einen Star der hochmittelalterlichen Bildhauerei haben sie bereits – den berühmten Magdeburger Reiter. Diesseits der Alpen ist die Figur – die angeblich Otto den Großen darstellt – die erste Freiplastik eines Reiters. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde sie auf dem Alten Markt aufgestellt; heute steht das Stück im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums. Und anlässlich der Ausstellung gibt es den Reiter neuerdings handlich verkleinert als Playmobilfigur …

Die Plastik bekommt honorige Gesellschaft. Der nicht weniger berühmte Cappenberger Barbarossakopf, das so genannte Essener Schwert – mit ihm soll Otto I. 955 gegen die Ungarn zum Lechfeld gezogen sein – oder der Nürnberger Heiltumsschrein. In ihm wurden ab dem 15. Jahrhundert die Heilige Lanze und das Reichskreuz aufbewahrt.

Was die Mona Lisa für den Louvre soll für die Dauer der Ausstellung der Codex Manesse in Magdeburg sein. Seit 15 Jahren hat das Stück die Heidelberger Universitätsbibliothek nicht verlassen. Es gilt als eines der wertvollsten Bücher weltweit. Versicherungswert: 50 Millionen Euro. Um 1300 entstand mit ihm die umfassendste mittelhochdeutsche Liedersammlung des Mittelalters. Präsentation und Sicherheitsvorkehrungen sind vorerst noch das Geheimnis der Ausstellungsmacher. So viel ist derzeit klar: Voraussichtlich acht der insgesamt 426 Pergamentblätter sollen wechselweise gezeigt werden.

Die Liederhandschrift versammelt die wichtigsten Dichter aus der glanzvollen Ära der Minne zwischen 1150 und 1300 samt einigen ihrer Werke. Auch der Stauferkaiser Heinrich VI. ist vertreten; sein Konterfei aus dem Codex erkoren die Magdeburger zum Sinnbild ihrer Ausstellung. Und sie haben mit der Liedersammlung noch etwas vor.

Codex Manesse zum Hören

Mediävisten und Musikwissenschaftler tüfteln seit dem Herbst 2005 an einer Vertonung der Manessischen Liederhandschrift. Dafür holten sie sich das Bamberger Ensemble für hochmittelalterliche Musik, die Capella Antiqua Bambergensis (CAB), ins Boot. „Wir planen eine neuartige Mischung aus Hörspiel und Musik-CD“, sagt Thomas Spindler von der CAB.

Am 30. September findet die Uraufführung des Hörspiels statt, natürlich im Kaiser-Otto-Saal des Magdeburger Museums. Musiker und Schauspieler erzählen in sechs szenischen Kapiteln die Entstehungsgeschichte der Liederhandschrift nach. Mit dabei ist unter anderem Christian Brückner – der deutsche Synchronsprecher von Robert de Niro.

Fünf Minnesänger bekommen im Hörspiel ihren eigenen Auftritt: Tannhäuser, Neidhart, Ulrich von Liechtenstein, Otto von Botenlauben und Walther von der Vogelweide. „Mit jedem von ihnen wird ein weiterer Aspekt des mittelalterlichen Sängerdaseins beleuchtet“, erklärt Spindler. Für das zum Hörspiel gehörende Album nahm die CAB Originalstücke aus dem Codex Manesse auf. Musikalisch untermalt mit authentischen Instrumenten.

Großer Vorläufer

Das Kulturhistorische Museum Magdeburg hatte zuletzt 2001 eine ähnlich namhafte Ausstellung auf die Beine gestellt. Damals widmete sich das Haus voll und ganz Otto dem Großen. Auf diesen Hintergrund baut die nun bevorstehende Schau auf.

Die frühen deutschen Kaiser sind ein Thema, das zu Magdeburg hervorragend passt. War es doch eben Otto I., der aus der kleinen Siedlung Megedeborch erst die Heimstatt seiner Lieblingspfalz und schließlich ein Erzbistum machte. Und damit zum wichtigsten Vorposten für die Ausdehnung des Reiches in slawische Gebiete. Ottos Kaiserkrönung am 2. Februar 962 in Rom gilt unter Historikern als „Gründungsakt“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

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