Himmelsscheibe-Show Museum greift nach den Sternen

Die Himmelsscheibe und der Hort von Nebra. © Juraj Lipták / LDA

Die Himmelsscheibe von Nebra avancierte zum Bestseller für das Landesmuseum in Halle. Mit dem Stück als zugkräftigen Mittelpunkt ließ das Bundesland das Museum für Millionen ausbauen. Torsten Kreutzfeldt kam zur Eröffnung.

Presserummel nach dem Umbau

Am 23. Mai öffnete das Landesmuseums für Vorgeschichte im sachsen-anhaltinischen Halle (Saale) nach einer 5,4 Millionen Euro teuren Generalsanierung des Museumsgebäudes von 1918 endlich wieder seine Tore. Einen Tag zuvor konnten bereits Pressevertreter und eine Vielzahl geladener Gäste einen Blick in die Dauerstellung werfen – nach einer eineinhalbjähriger Bauzeit im ersten reinen Vorgeschichtsmuseums Deutschlands. Der Ansturm der Gäste (und ihrer Freunde) war so gewaltig, dass den Museumsmitarbeitern die im Haus übliche Freundlichkeit und Lockerheit schwer fiel. Sollte die Begeisterung dieser ersten Stunde so anhalten, kann das von EU, Land und Bund geförderte Haus für die Zukunft große Erfolge verbuchen. Der Magnet, die Himmelsscheibe von Nebra, zieht ungeheuer an. Ob das Haus „Dreh- und Angelpunkt einer modernen Archäologie“ (Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz) werden kann, wird sich allerdings in den nächsten Jahren zeigen.

Ein altes Projekt wird endlich realisiert

Olbertz merkte bei seiner Rede an, dass bereits 1912 ein Beschluss des preußischen Landtags vorlag, den geplanten Museumsbau mit einem Anbau auszustatten, um das Museumsgebäude bar aller Verwaltungsbereiche und Werkstätten zu einem reinen Ausstellungshaus zu machen. Dieser Zustand, bereits vom Düsseldorfer Architekten Wilhelm Kreis geplant, konnte nun voll realisiert werden. Die Mühlen in Preußen mahlen wahrlich langsam und auch wenn das Land jetzt Sachsen-Anhalt heißt, ein wenig ist man in Halle doch eher in Preußen und weniger sächsisch. Damit das „magische Projekt Himmelsscheibe“, so Minister Olbertz, weitergeht, wurde eine Zielvereinbarung über weitere 1,6 Millionen Euro geschlossen. Bisher sind mit der Neueröffnung des Hauses 1200 Quadratmeter der Dauerausstellung fertig gestellt. Die Gesamtausstellungsfläche des Hauses wird zukünftig über 3000 Quadratmeter umfassen. Zunächst werden die leerstehenden Räumlichkeiten ab 31. Oktober 2008 mit der Landesausstellung „Fundsache Luther – Archäologen auf den Spuren des Reformators“ gefüllt.

Auf den Himmelswegen

Mit der Neueröffnung der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte ist ein weiteres touristisch-archäologisches Projekt des Landes Sachsen-Anhalt vollendet, „Die Himmelswege“. Ob diese „Himmelswege“ eine ähnliche Anziehungskraft wie der auch als „Sternenweg“ bekannte Pilgerweg in Nordspanien haben wird, steht sozusagen noch in den Sternen. Der durch Strukturschwachheit und Arbeitslosigkeit gebeutelten südlichen Region Sachsen-Anhalts wäre es zu wünschen. Ob markige Versprechungen wie „Wir holen für Sie die Sterne vom Himmel“ dabei helfen werden, ist allerdings zu bezweifeln, sagt aber einiges über die Art aus, wie Archäologie hierzulande vermarktet wird.

Insgesamt bestehen die „Himmelswege“ aus vier Stationen. Der Fehler vieler Tourismuswege, eher mit Masse als mit Klasse zu glänzen, wurde damit vermieden. Die Stationen sind die neu erbaute „Arche Nebra“ am Fundort der Himmelsscheibe, das Sonnenobservatorium von Goseck, die Dolmengöttin von Langeneichstädt und natürlich als krönender Abschluss die Präsentation der Himmelsscheibe im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Dazu gibt es auch einen „Himmelswege-Radweg“, der aber leider nur an drei Stationen vorbeiführt. Die Dolmengöttin wurde außen vor gelassen. Die Strecken an Saale und Unstrut sind landschaftlich sehr reizvoll, auch Unterkünfte sind dank bereits vorhandener touristischer Infrastruktur vorhanden. Der Verkehrsminister des Landes brachte zur Museumsneueröffnung noch ein Geschenk mit: Extra für die Arche Nebra wird eine neue Bahnstation „Wangen“ eröffnet, „auch wenn dort (noch) keine ICEs halten werden“ (Minister Karl-Heinz Daehre).

Ausflug in die Restaurationswerkstatt

Hinter dem eigentlichen Ausstellungshaus, „der Trutzburg aus Muschelkalk“ (Landesarchäologe und Museumschef Harald Meller), steht ein moderner Anbau. Der wird von normalen Museumsbesuchern nicht betreten. Hier ist die Restaurationswerkstatt des Landesmuseums unter der Leitung von Christian-Heinrich Wunderlich, Chemiker und Restaurator, untergebracht. Der moderne Bau nimmt in seiner Gestaltung die Form der „Trutzburgtürme“ erneut auf. Nach vielen Jahren der Improvisation haben nun Dr. Wunderlich und seine Mitarbeiter (fast) alle Möglichkeiten, in ihrem Bereich eine moderne Archäologie wahr zu machen.

Immerhin, die Kaffeemaschine funktioniert schon. Die Fahrstuhlstimme ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die Räume der Werkstatt wirken ruhig. Noch kann nicht über die Schulter der Restauratoren geschaut werden. Als Entschädigung gibt es die Nachbildung eines bronzezeitlichen Kultstabes in die Hand, das Original befindet sich bereits in der Ausstellung. Über dem Stuhl des Chefrestaurators hängt allegorisch in Öl das Versprechen, dass die Wissenschaft über den Verfall siegen wird. Hier wirkte der Restaurator als Künstler. Und die Kunst wird uns in Halle weiter begleiten, nicht nur in der Restaurationswerkstatt.

Vorgeschichtsmuseum anders ? – Die Ausstellung

Museumschef Harald Meller hat Großes vor. In einem, wie er sagt, „atemberaubenden Museumsbau“ soll ein etwas anderes Vorgeschichtsmuseum entstehen. Quasi als Schreckgespenst beschreibt der Landesarchäologe die ersten Tage des Hauses, als Museumsbesuche eine „streng bürgerliche Angelegenheit war, um vaterländische Altertümer“ anzuschauen. Etwas erheitert konnte ich am Abend feststellen, dass sich in neunzig Jahren nicht viel verändert hat, auch wenn sich die Bekleidungskonventionen extrem gelockert haben: Die Eröffnung wurde zu einer Vernissage, zu einem Treffen des künstlerisch-wissenschaftlich angehauchten Bürgertums, das die Fortentwicklung eines modernen Museums bestaunen wollte, Kind und Kegel im Schlepptau. Vorgeschichte wird zu einem kulturellen Großereignis, wer hätte das gedacht ?!

Mellers Wunsch nach einer Ausstellungskritik möchte ich zunächst mit einem Gesamteindruck nachkommen: Die Farbe der Vorgeschichte in Halle ist schwarz und kann auf eine Bronzescheibe auf schwarzen Untergrund reduziert werden. Das ist auch das Hauptverkaufsprodukt der Halleschen Marketing-Archäologie. Schwarz sind die Umschläge der Publikationen, die Farbe der Vitrinen und Schubladen ist Schwarz. Das wirkt mehr als beeindruckend, stellenweise sind die Inszenierungen atemberaubend.

Eine ganze lange Wand „regnen“ Steinbeile (alles Originale!) auf einen Baumstamm in unterschiedlichen Stadien der Bearbeitung herab. Restaurierte Bestattungen, absichtlich in Blockbergung belassen, befinden sich nicht am Boden, sondern sind an der Wand befestigt. Ausstellungsobjekte scheinen in ihren Vitrinen zu schweben. Für die Ausleuchtung wurde eine eigene Lichtinstallation entwickelt. „Hunderte von Schubladen“ (Meller) locken mit Fundobjekten und Informationen. Und als Höhepunkt des Ganzen: Ein eigener Turmraum für die Himmelsscheibe, die „wie ein Pylon aus dem Film 2001 – Odyssee im Weltall“ vor dem Sternenhimmel abzuheben scheint., wie Meller schwärmt Danach hilft frische Luft für ein Fazit des Gesamteindrucks: Die zugegebenermaßen wundervolle künstlerische Gestaltung überdeckt in Halle den Inhalt und die Vermittlung.

Von der Altsteinzeit zur Himmelsscheibe

Was gibt es bereits in der bisher realisierten Dauerausstellung außer der Himmelsscheibe zu sehen? Der Rundgang beginnt mit dem Fundkomplex des altsteinzeitlichen Lagerplatzes von Bilzingsleben (ca. 370.000 v. Chr.). Immer wieder ein Blickfang ist der Neandertaler, der in der Denkerpose von Rodin der gestaltet wurde. Das Leben einer Neandertalersippe als Comicstrip ist etwas für Kinder, aber auch für Erwachsene.

Nun der Übergang: Der Neandertaler verschwindet im Dunkel (ins Schwarze), im nächsten Raum betritt ein barbusiges Homo-Sapiens-Sapiens-Weibchen die Bühne der Geschichte. Den Bildern und Rekonstruktionszeichnungen von Karol Schauer ist ein hoher künstlerischer Wert zuzusprechen, doch unter dem Gesichtspunkt der Rekonstruktion und der Ästhetik kann schon darüber gestritten werden. Ohne prüde werden zu wollen, ob der menschliche Akt bei Rekonstruktionen immer im Vordergrund stehen muss, kann zumindest diskutiert werden.

Immerhin hat uns Schauer eine einfach nur barbusige „Schamanin von Bad Dürrenberg“ erspart und ihr dafür ein Gesicht wieder gegeben. Neben dem kleinen Höhlenbärenskelett, das leider sehr gefährlich im Weg steht, ist die Inszenierung der „Schamanin“ immer noch mein Lieblingsraum im Museum. Ebenso ein Glanzpunkt der Zeichenkunst von Karol Schauer.

Nun der nächster Übergang, gleichzeitig der Beginn der neuen Teile der Dauerausstellung: Ob die Wand aus Gipsgesichtern und die gegenüber liegende, gerodete Erde jedem klarmacht, dass nun ein Bevölkerungsanstieg durch die neolithische Revolution beginnt, wage ich zu bezweifeln. Als künstlerische Inszenierung ist es jedenfalls grandios, ebenso wie der dahinter liegende Steinbeilregen aus 3700 Originalen, der bereits erwähnten wurde. Doch inhaltlich soll hier der Bereich Jungsteinzeit (ca. 5500 bis 2000 v. Chr.) und seine verschiedenen Bauernkulturen vermittelt werden.

Die neolithische Revolution und die Verbesserung der Lebensumstände hatte auch eine Kehrseite: die Herausbildung von sozialen Unterschieden und der Beginn von kriegerischen und blutigen Auseinandersetzungen; versinnbildlicht in den Familiengräbern von Eulau, die Blockbergungen als Triptychon gestaltet. Nebenbei konnte hier die weltweit älteste, nachgewiesene Kernfamilie ausgestellt werden, liebevoll von den Überlebenden des Massakers bestattet. Mit dem Beginn der Bronzezeit gelangten einzelne Personen zu hohem Ansehen und Reichtum, womöglich bereits die ersten Kriegsgewinnler. Kultstäbe und -äxte deuten ihre mögliche Stellung an. Grabhügel sollten Ansehen auch im Jenseits sichern. Dazu gelangt man durch den verkleinert rekonstruierten Grabhügel von Leubingen. Dem Toten hier wurden außer goldenem Schmuck auch Waffen und Würdezeichen aus Bronze mit auf die letzte Reise gegeben. War es dieser oder ein anderer „Fürst“, der möglicherweise die Himmelsscheibe im Auftrag gab? Diese bildet den Abschluss des bisher fertig gestellten Teils der Dauerausstellung.

Mit Kindern ins Museum ?

Ist nun diese künstlerische Archäologieschau auch etwas für Kinder? Diese Zielgruppe, durch das Älterwerden der Gesellschaft zunehmend an den Rand gedrängt, gerät mitunter auch museal aus dem Blickwinkel. Unser mitgebrachtes Testkind nahm die Dinge wahr, z.B. das neolithische Modell, das von der angebrachten Höhe eher etwas für Klein- oder Wickelkinder, denn für museumsinteressierte Zehnjährige war, aber begeistert war es nicht. Meller hat recht, es muss nicht überall ein Spielecomputer stehen, aber etwas kindgerechter sollte die Dauerausstellung doch sein. Ähnliche Mühe wie auf die großartigen Inszenierungen hätten auch auf Tast-, Riech-, Ausprobier- und Spielgelegenheiten verwandt werden können.

Kurz, ein Museum sollte auch erlebbar sein: Unsere Kinder schwärmen immer noch vom „Holzklotz-Haithabu“ im Wikingermuseum an der Schlei, in dem sich das Gesehene in den Vitrinen gleich in die Praxis umsetzen ließ. Wie wäre es in Halle mit einem Tisch mit einem „Holzklotz“-Sonnenobservatorium, Bilzingsleben zum Nachspielen oder eine Himmelsscheibe als Holzpuzzle? Wenn Museumschef Meller beim Kultusminister eine Änderung der Rahmenrichtlinien auf mehr Vermittlung der Vorzeit anmahnt, muss er selbst im eigenen Haus über eine Alibi-Museumspädagogik hinausschauen können. Immerhin: Vor dem Tor des Museums befindet sich nun auf Initiative eines Vereins ein „Vorzeitspielplatz“ im Bau. Aber welcher Museumsbesucher lässt mitten in einer Großstadt seine Kinder alleine auf einem Spielplatz?

Lebenswandel: Publikationen und Vorträge

Begleitet wird die Neueröffnung in Halle von zwei neuen Publikationen: LebensWandel – Früh und Mittelneolithikum (Band 3 der Begleithefte zur Dauerausstellung, 12 Euro) und Maraszek, Regine: Die Himmelsscheibe von Nebra (Band 1, Kleine Reihe zu den Himmelswegen, 8,50 Euro. Besonders freue ich mich aber auf die nun beginnende Vortragsreihe. Die Vortragsthemen vertiefen den neugestalteten Teil der Ausstellung, die Vortragenden sind Fachleute aus dem In- und Ausland. Ganz im Sinne der Himmelsscheibe, die auch mit Rohstoffen aus ganz Europa gefertigt worden ist.

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