Katalog Roter Faden durch die Reichsgeschichte

Bilder einer Ausstellung im Katalog: die Weltchronik von Rudolf von Ems um 1300. © chronico

Der Erfolg rechtfertigte den Aufwand: Über 400.000 Menschen sahen die Ausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“. Die Kataloge stehen diesem Anspruch keinesfalls nach.

Raum für Fülle

An diesem Wochenende gehen die beiden Ausstellungen in Magdeburg und Berlin zu Ende. Das Kulturhistorische Museum und das Deutsche Historische Museum zu Berlin teilten sich das Mammutprojekt. Die Magdeburger präsentierten das, worum es auch in dem hier vorgestellten Katalogwerk geht: „Von Otto dem Großen bis zum Ausgang des Mittelalters“ – also vom 10. Jahrhundert bis zum Übergang vom Spätmittelalter zur Neuzeit um 1500. Die Habsburgerdynastie markiert diese Wende.

Der Aufbau des Kataloges folgt auch der inhaltlichen Struktur der Magdeburger Schau. Eingebettet in eine Vorbetrachtung der römischen Cäsaren und eine Art Rückschau auf das mittelalterliche Kaiserreich zieht sich die Betrachtung der einzelnen Königsdynastien als roter Faden durch das Buch. Korrekter: die Bücher. Denn das Begleitbuch kommt in klassischer Manier zweibändig daher. Neben dem eigentlichen Katalog fasst das Autorenteam die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse in einem Essayband zusammen (das gilt auch für das Begleitbuch zur Berliner Schau: „Altes Reich und neue Staaten. 1495-1806“).

Klare Struktur

Die Geschichte des Reiches an den Königshäusern festzumachen, war die richtige Entscheidung. Das Konzept funktionierte schon bei der Ausstellung in Magdeburg, bei der die Macher mehr als 400 Objekte in eine leicht nachvollziehbare Reihenfolge zu bringen hatten. Und diese Einteilung macht auch den Begleitband zu einem hervorragenden Nachschlagewerk.

Der Essayband bietet genügend Raum für die Wissenschaftler, jeweils ihre Fachgebiete zum Thema angemessen unterzubringen. Der Platz reicht für wichtige Aspekte wie Politikgeschehen, religiöse Entwicklungen, Kunst- und Kulturgeschichte und Architektur. Typografie und Illustration sind zweckmäßig aufgebaut. Sie dienen der Übersicht und Klarheit. Das Buch ist ein solider Schmökerband – eine leichte Kost darf der Leser indes nicht erwarten.

Ottonen, Salier, Staufer, Luxemburger und Habsburger beherrschen die Thematik des Bandes. Jede Dynastie wies ihre Besonderheiten auf, die sich wiederum auf die Entwicklung des Reiches auswirkten. Die Autoren bieten dazu wundervolle Zusammenfassungen und führen zeitgenössische Quellen und Literatur zu jedem Kapitel auf. Kartenmaterial und Stammtafeln vervollständigen das Bild.

Gegenpole: Kaiser und Papst

Die Könige des ostfränkisch-deutschen Reiches verstanden sich als Universalerben des Römischen Imperiums. Auch der Titel „König der Römer“ gehörte zu ihrem Selbstverständnis dazu wie Krone und Szepter. Den Begriff „heiliges Reich“ (sacrum imperium) prägten vor allem die Stauferkaiser – vorneweg Friedrich I. Barbarossa, der aus diesem Grunde auch die Heiligsprechung von Karl dem Großen forcierte.

All diese universellen Ansprüche prallten durch die Jahrhunderte auf einen mächtigen Gegenpol: den Vatikan. So versuchte Papst Gregor VII. in den 1070er Jahren seinen Angstgegner Heinrich IV. auf ein weniger imperiales Maß zurechtzustutzen. Er nannte ihn „König der Deutschen“ (rex Teutonicorum) und sein Herrschaftsgebiet „deutsches Reich“. Die Auseinandersetzung zwischen Heinrich und Gregor war die erste in der Geschichte des Kaiserreichs, in der ein Monarch vom Papst mit dem Bannspruch belegt wurde. Der Streit mündete in den berühmten Bußgang nach Canossa, den Heinrich 1077 unternahm. Nach ihm taten die Päpste fünf weitere Kaiser in den Kirchenbann und schoren damit heikle machtpolitische Krisen herauf. Auch das ist unbestritten ein Verdienst des Essaybandes: Mit unbestechlichem Blick folgen die Autoren den Höhepunkten und Tiefschlägen des Reiches im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Kaisertum und Vatikan.

Gleichwohl bleibt ausreichend Raum, um auch anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens gerecht zu werden. In würziger Kürze entwickelt beispielsweise Hans-Joachim Behr das Wesen von Minnedichtung und Ritterroman des Hochmittelalters. Allerdings hätten einige Beispiele ruhig sein dürfen. An Details mangelt es hingegen bei Cecilie Hollberg und ihrem Normannen-Kapitel nicht. Sie liefert eine feine Zusammenfassung dessen, was sich im 11. und 12. Jahrhundert in Süditalien und Sizilien abspielte. Wie buchstäblich eine Handvoll abenteuerlustiger Normannen anfing, sich ein eigenes Reich zu erobern – und dabei den Papst, die lokalen Fürsten und den byzantinischen Kaiser gegeneinander ausspielte. Bis die Staufer das Ruder im Königreich Sizilien übernahmen.

Geschlossenes Gesamtbild

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation steckte voller Symbolik und realen machtpolitischen Ansprüchen. In diese Materie ist der Begleitband zur Magdeburger Ausstellung mehr als eine bloße Einführung. Die Essays bieten genug Versatzstücke, die sich zu einem geschlossenen Bild vereinen. Der Katalogteil listet die teils noch nirgends öffentlich ausgestellten Objekte der Schau in sehr gutem Bildmaterial auf. Und auch hier sind die beigestellten Texte mehr als nur dürre Erklärungen des Gezeigten. Sie zeigen weitere Hintergründe auf, immer angelehnt an die Geschichte des Ausstellungsstückes.

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