Qualität mit Zertifikat - im Geschichtstheater

- Geschichte zum Anfassen: Living-History-Darsteller im römischen Freilichtmuseum Kalkriese. (Foto: Marcel Schwarzenberger)
Aussicht auf Lösung
Zwei Artikel von chronico bringen eine alte Diskussion auf neue Umdrehungen: Ob man es Gütesiegel nennt oder, ein Jahr später Geschichts-Michelin, es gibt nach wie vor eine in dieser Form auch notwendige Suche nach Standards und Richtlinien für die Qualität historischer Darstellungen. Auf mehreren Ebenen: Um Authentizität bemühte Gruppen und Einzeldarsteller rümpfen die Nase vor den sich wie die Karnickel verbreitenden und doch auch zu Recht beliebten Mittelaltermärkten; so genannte Reenactors, die eher auf Spiel und Spaß aus sind, bezeichnen die Authentiker als Fadenzähler und Schlimmeres. Museen lehnen den Einsatz von freien Gruppen gleich ganz ab oder klagen hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand über die Schwierigkeiten, qualitativ hochwertige Gruppen zu bekommen und mehr noch über die Unsicherheit der Qualität dessen, was man (für möglichst billiges Geld natürlich) in der Szene einkauft, um ein paar zuschauerträchtige Events im Jahresprogramm zu haben.
Die Diskussionen in dieser Sache drehen sich unter anderem deshalb im Kreis, weil zum einen manche der Adressaten falsch sind, und weil es zum zweiten für einige der Parameter, über die diskutiert wird – Stichwort Authentizität – schlechterdings keine absolut zu setzenden Bewertungskriterien gibt. Nachfolgend in diesem Zusammenhang ein paar grundsätzliche Anmerkungen, gefolgt von einem Vorschlag für eine denkbare, möglichst faire Lösung.
Fokus liegt auf Museumsarbeit
Es ist nicht sinnstiftend für einen auf historische Authentizität bedachten Living Historian (Vertreter der Living-History-Darstellerszene; Anm. d. Red.) über einen Mittelaltermarkt zu wandern, und sich über die zum Teil groteske Mischung von Zeitschienen und Ausstaffierungen und das veraltdeutschte Marktsprech aufzuregen. Auch ein publikumsträchtiges Reenactment ist kein Ort für Puristen: Es werden sich nicht viele napoleonische Truppen eigens für einen Auftritt, und wäre er in einem Spielfilm (siehe z.B. den „Polizeiruf 110: Die Schlacht“ von 2003), neue Uniformen und Hüte machen lassen, nur weil die Hutform „bicornes“ bei der Schlacht bei Großbeeren 1813 historisch nachweisbar nicht mehr getragen wurde. Umgekehrt sind dort, wo in einem Museum eine Präsentation historischer Anderzeit angestrebt wird, Birkenstock, Armbanduhr und Kassenbrille wirklich fehl am Platze.
Es sind vor allem Museen, die an qualitativ hochwertigen und historisch nach Stand des Wissens einwandfreien Darstellungen interessiert sein müssen. Märkte und mehr noch Stadtfeste und sonstige von Eventagenturen inszenierte Schaustücke schielen letztlich doch zuerst auf den Preis, statten ihre „Stadtwachen“ mit gelb-roten Polyesterklamotten aus (Wolfenbüttel!) und schicken sie so ins Freie, oder holen sich Möchtegern-Konföderierte für ihre „Festungstage“ (Germersheim!) und sind dann selbst schuld.
Museen erfüllen dagegen einen Volksbildungsanspruch und haben von daher eine Verpflichtung. Eine Reihe von Museen, nicht nur Freilicht, arbeitet im Bereich des Geschichts- bzw. Museumstheaters zum Teil bereits seit Jahren gut und vertrauensvoll mit freien Gruppen und Einzelpersonen zusammen. Das Rheinische Freilichtmuseum Kommern, wo Dr. Michael Faber jahrelang Gruppen aus der Napoleonik mit dramatisch entwickelten Szenarien hat auftreten lassen, und das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim, wo die Gruppe „1476 – Städtisches Aufgebot“ regelmäßig Mittelalterwochen anbietet, sind Beispiele dafür, wie es gehen kann, wenn Qualitätsanspruch und Angebot zusammenpassen bzw. vor Ort zusammengebracht werden.
Forschergruppe erarbeitet Typologie
In diesem Zusammenhang ist erst einmal zu klären, dass es hinsichtlich dessen, was im Angebot sein kann, nicht nur terminologische Unterschiede gibt, und welche. Zu diesem Zweck erarbeitet das „Geschichtstheater“-Projekt der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschergruppe Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart an der Universität Freiburg eine Typologie dessen, was unter diesem Sammelbegriff gefasst wird. Als Geschichtstheater wird nach derzeitigem Stand von uns alles bezeichnet, was bisher mit zum Satzende absinkendem Qualitätsanspruch unter experimenteller Archäologie, Living History, Reenactment, und LARP abgeheftet wurde, und was als Mittelaltermarkt, historische Stadtführung und als Museumspädagogik irgendwie kostümiertes Geschichts-Spiel beinhaltet. Dazu gehören auch die Spielszenen in den sich explosionsartig vermehrenden TV-Dokufiktionen, dazu gehören Histo-Soaps à la „Schwarzwaldhaus1902“, dazu gehören sogar Zeitzeugenauftritte.
Man merkt: Das gemeinsame Vielfache ist bei dieser Herangehensweise nicht die skaliert auftretende Authentizität der Darstellung, sondern die Darstellung an sich, das Geschichts*theater* eben. Als Vermittlungsinstanz ist Museen besonders an diesem Aspekt gelegen, weshalb sich auch ein ganzer internationaler Fachverband gegründet hat, der als International Museum Theatre Alliance (IMTAL) auch einen europäischen Zweig hat. Museumstheater sind im Unterschied zum Geschichtstheater nur jene Unterformen, die im Museum sinnvollerweise zum Einsatz kommen sollten und können, also hauptsächlich das, was gemeinhin als Living History firmiert.
Experimentelle Archäologie ist forschungs-, nicht vermittlungszentriert, und Reenactors spielen hauptsächlich in ihren eigenen Kriegsfilmen mit – dagegen ist nichts einzuwenden, ich kenne viele ausgezeichnete Living Historians und experimentelle Archäologen, die auch gelegentlich als Reenactors Streitaxt und Muskete schwingen. Aber im Museum, der Vermittlungsinstanz für Geschichtswissen, hat das Schlachten-Karaoke der Reenactments im engeren Sinne nichts verloren. Dass sonst hauptsächlich bei Reenactments auflaufende Gruppen gleichwohl in ebenso anregende wie gelungene Museumstheater-Szenarien eingebunden werden können, haben wiederum die dramatischen Programme im Freilichtmuseum Kommern (s. o.) anschaulich bewiesen.
Bewertung von Authentizität
Konzentrieren wir uns also auf Gruppen und Individuen, die nach Selbst- und möglichst auch Fremdbild einen Standard der materiellen Ausrüstung erreichen, der als Museumsqualität durchgehen könnte. Heißt das zwangsläufig, dass diese auch den Ansprüchen genügen werden, die in einer Vermittlungssituation vor Publikum an sie gestellt werden? Leider nicht zwingend. Manchen steht ihre physische Konstitution im Weg, andere sind einfach keine Schauspielertypen. Auch der ernsthafteste Living Historian ist nicht notwendig ein begnadeter Vermittler. Also doch lieber an-kostümierte „Nachtwächter“ mit Holzhellebarde und Motorradstiefeln; dafür aber mit Stentorstimme und abgebrochener Schauspielschule? Keineswegs.
Es gibt für manche Probleme keine einfachen Lösungen, und dies ist so eines. Ein Ansatz könnte sein, wenn es in Ankündigungsforen eine Art Authentizitätskataster gäbe; eine abgestufte Skala dessen also, was von Veranstaltern erwartet und geboten wird. In den USA etwa reicht für die Bürgerkriegsszene die einfache Bezeichnung „hardcore“ für das um historische Nähe bemühte Ende der Skala, und „mainstream“ für die unter einer Decke schamhaft versteckte Kühlkiste. Daran könnten sich dann Gruppen und Aussteller orientieren.
Keine Alternative zum Gütesiegel
Für die Museumsarbeit aber wäre es enorm wichtig, wenn sich innerhalb der deutschen Histo-Szene und speziell unter den Gruppen und Einzelpersonen, die an Auftritten in Museen interessiert sind, die Idee eines Gütesiegels durchsetzen könnte. Dieses Gütesiegel gäbe dann Auskunft über die historische Ausrichtung, den angestrebten Grad von Authentizität, die dramatische Neigung – spielt die Gruppe eigene Szenen oder erklären sie Objekte und Alltagsverrichtungen?
Zunächst einmal wäre aber zu klären: Wie denn ein solches Siegel schaffen, und: Wer sollte es verleihen? Es gibt, um wieder Marcel Schwarzenberger zu zitieren, bisher „keine neutrale Instanz, die festlegt, was eine qualitativ hochwertige Veranstaltung ausmacht, die ‘erlebte Geschichte’ zum Inhalt hat“ (chronico-Beitrag: „Geschichts-Michelin“). Jedenfalls nicht in Deutschland, und die Versuche von Museen, sich einen Qualitätsstandard und Gütesiegel zuzulegen, bedeuten für Living Historians hauptsächlich, dass diese Museen es sich in Zukunft erst recht nicht mehr werden leisten können, qualitativ materiell oder theatertechnisch schlechte Vorführungen einzukaufen.
In den USA gibt es für Zwecke der Orientierung für Museen und der Qualitätssicherung in der Geschichtstheater-Szene seit Jahren im Rahmen der National Association for Interpretation (NAI) die Möglichkeit, die eigene Darstellung oder die der Gruppe zertifizieren zu lassen. Eine solche Dachorganisation fehlt in Deutschland. Auch eine Organisation wie English Heritage fehlt; wäre allenfalls in den deutschen Denkmalschutzämtern zu verorten – die scheiden jedoch ebenfalls aus, was Marcel Schwarzenberger nachgefragt hat (chronico-Beitrag: „Gütesiegel“), der daraufhin konstatiert: „Eine unabhängige und historisch versierte Institution müsste her.“
Freiburger Forscher als Zertifizierungsstelle?
Ein vorsichtiger Vorschlag könnte nun sein, als Ausgangsplattform einer solchen Institution das oben genannte Freiburger Forschungsprojekt zu benutzen. Dies hätte den Vorteil, dass das Projekt selbst neutral ist, über seine Mitarbeiter theoretische Grundlagen ebenso wie praktische Erfahrungen in verschiedenen Bereichen des Geschichts-, Museums-, Schul- und auch des Normaltheaters aufweist. Und dass zum einen Kontakte in die Szene und zu Museen bestehen, zum zweiten aber auch Fachwissenschaftler und Experten über das Projekt erreicht werden können.
Ziel einer solchen Plattform könnte sein, in einem Zeitraum von etwa drei bis fünf Jahren eine funktionierende Anlaufstelle im Sinne der NAI zu schaffen, an die sich Gruppen und Einzeldarsteller wenden können, um ihre Darstellung zertifizieren zu lassen. Diese Anlaufstelle könnte möglicherweise die Form einer neutralen Agentur als Ausgründung der Forschergruppe annehmen.
Ohne einer konkreten Ausgestaltung einer Zertifizierung unnötig vorgreifen zu wollen, können auf der Basis des oben Angeführten einige Parameter schon jetzt einigermaßen sicher benannt werden. So wird der Prüfbereich sicher über die Frage nach der Authentizität hinausreichen; es müssten für eine Zertifizierung vielmehr wahrscheinlich bis zu vier Schwerpunkte gleichermaßen geprüft werden:
- materielle Qualität
- historisches Wissen
- didaktische Konzepte
- dramaturgische Vermittlungsfähigkeiten.
Damit wären die wesentlichen für einen qualitativ ansprechenden Auftritt relevanten und für Museumszwecke wie im Zuschauerinteresse unabdingbaren Sach- und Fachgebiete abgedeckt. Sofort wird deutlich, dass weder Wissenschaft noch Geschichtstheaterpraxis einen solchen Beurteilungsrahmen allein abdecken könnten. Um auf jeden Fall den Prozess wie auch die Bewertungen nicht zu sehr zu verwissenschaftlichen, und um ein Moment kreativer Selbstkontrolle einzubauen, sollten deshalb z.B. in der Art eines peer review wechselnde Praktiker aus der Szene zu den Gutachter-Kommissionen eingeladen werden.
So, oder wenigstens so ähnlich, wie man bi os to Huus am Niederrhein sagt: To wit. Es geht nicht darum, dass mit diesem Vorschlag irgendjemand versucht, „das Ruder in die Hand zu nehmen“ („Gütesiegel“). Es geht darum, erst einmal ein Ruder zu schnitzen. Daran können und sollten sich möglichst viele beteiligen: Das Konzept und die möglichen Übertragsformen in die Praxis können live zum Beispiel vom 1. bis 3. Mai 2008 bei der Living-History-Tagung im Freilichtmuseum Kiekeberg weiter diskutiert werden.
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64 Kommentar(e) zum Thema
1.
Torsten Kreutzfeldt
Hallo Prof.,
das klingt nach dem ersten Lesen sehr interessant. Das Ruder würden wir als “Lebendige Geschichte der Pfalz Tilleda” (Ottonenzeit, 10. Jhd.) gerne mitschnitzen. Leider können wir Praktiker aber in den Maitagen nicht nach Kiekeberg kommen, da woanders engagiert. Wo kann die Schnitzwerkstatt entstehen ?
Mit ottonischen Grüßen
Torsten Kreutzfeldt
2.
Steve Lenz
Ich sehe es als absolut zu begrüßen, wenn es diesbezüglich akademische Bemühungen gibt. Nichts desto Trotz sehe ich auch einige “zu klärenden Punkte” hinsichtlich der “Vorgaben”. Ich gehe mit allem konform – bis auf die dramaturgische Komponente. Ein “Theater”? Auf welcher Basis? Im Falle des amerikanischen Bürgerkrieges gibt es ja etliches an Bild- und Schriftmaterial, diesbezüglich mag es ja noch vertretbar sein, dies in didaktischer Form publikumswirksam umzusetzen. Was aber macht ein Darsteller vor- und frühgeschichtlicher Kulturen? Soll der Eiszeitjäger eher “Uga, uga!” rufen oder stoisch den edlen Wilden mimen? Soll der Kelte sich kalken und die Haare hochstehen lassen und über die Römer lamentieren? Der griechische Hoplit wiederum über die Keltenplage zu Delphi schwadronieren? Bekiffte Skythen? Rom geht schon wieder “etwas einfacher” in der Darstellung und zwischen römischer und amerikanischer Armeekultur gibt es – so man diversen Militärautoren in West Point Glauben kann – sowieso sehr wenig Unterschiede.;-) Im Falle verläßlicher zeitgenössischer Quellen sehe ich kein Problem, die Lebensweise “rüberzubringen” – aber dort, wo sich schon die Rekonstruktion der Sachkultur als äußerst schwierig darstellt, sollte man ganz weit davon wegkommen, mehr darstellen zu wollen. Die Problematik der schauspielerischen Eignung wurde ja schon angesprochen. Wenn, dann muß es tatsächlich run sein und der Legionär darf keine Spinnenbeine mit Sockenrändern aufweisen, der Kelte muß aussehen, als käme er soeben hinter seinem Pflug hervor (aber die waren ja sowieso alle Krieger und kämpften ganztägig). Was sehen wir denn mehrheitlich? Ich muß mich allein in der darstellenden Keltike arg weit bewegen, bis ich mal einen überzeugenden “Krieger” zu Gesichte kriege. Es genügt eben nicht, sich nur “in Gewandung” martialisch zu geben. Man muß den Eindruck auch vermitteln, wenn man “einfach nur dasteht”. Und das kriegt in der “Szene” kaum einer hin.
Da sind die kochenden, spinnenden und webenden Frauen um Welten überzeugender als der waffenstarrenste Mann. Meines Erachtens sollte die dramaturgische Komponente gelöscht werden – und ersetzt durch eine “Ausgewogenheit zwischen Lebensunterhalt und Martialismus”. Wenn in der Gruppe ein Schwert gezeigt werden soll, muß es den gleichen rezenten Wert dieser Replike auch in Werkzeug geben. Wenn es eine “Kampfdemo” (geht eh seltenst über Marktgeklimper hinaus) gibt, muß es eine in gleicher Weise geartete Handwerksdemo geben. Und mit einem Klüpfel und Beitel von Dick eine Schale ausstemmen ist keine “Vorführung antiker Handwerkskunst”! Bevor wir Gefahr laufen, den Darstellern eine neue Möglichkeit, die eigene Unzulänglichkeit zu kaschieren, verschaffen, sollten wir uns erst mal dahin bewegen, dass der Mensch sich nicht immer nur gekloppt hat. Und das wir dies auch den Besuchern vermitteln! Aber die meisten sind im Alltag wohl so unzufrieden mit dem “Realleben”, dass sie sich so gerne in der Rolle sähen, in welcher sie das Schwert oder die Brown Bess in Händen halten und die Freiheit in die Welt tragen.
Solchen Leuten eine museale Plattform zu bieten halte ich persönlich für äußerst gefährlich und wenig wünschenswert. Ich jedenfalls würde wirder zusammenpacken, wenn solche (Selbst-)Darsteller neben mir ihren Auftrag (!) erfüllen (!) würden! Und somit wird keine Kluft verkleinert, sondern gefördert. Und das letzte, was ein Museumsverantwortlicher will (wollen sollte) ist ein Eklat vor Publikum. Dann werden die Ursachen analysiert (Gruppen können nicht miteinander, unhaltbare Zustände, ergo nicht mehr einladen). Dabei sitzt der eigentliche Verantwortliche immer noch auf seinem weisungsbefugtem Platz. Er hat ja dann eine Ausrede: Die hatten alle ihre Zulassung, ich dachte, die ziehen alle am gleichen Strang! Weil ein solches Signum zur Oberflächlichkeit verleitet. Und gerade das wollen wir ja eben nicht. Deswegen sollten wir zunächst mal an der Vernetzung zwischen Museen und Darstellern auf akzeptablen Niveau hinarbeiten. Und die Museumsleute sollen eben nicht nach den Gütesiegeln suchen, sondern sich die Leute genauestens ansehen. Und die Darsteller sollen ihre Arbeiten transparenter gestalten. Ein Arbeitsnachweis ist definitiv wünschenswert (ich persönlich sehe einen solchen sogar als unabdingbar)! Aber bitte kein DSDSD (Deutschland sucht den Super Darsteller)!!!
3.
Steve Lenz
eieiei…
Die Tippfehler möge man bitte entschuldigen. Komme eben von der Grabung und bin etwas “augenmüde”.
.4.
Hans Trauner
Wie Steve Lenz nehme ich erfreut zur Kenntnis, dass sich die Träger von Museen, zumindest einige, Gedanken nicht nur das Event an sich, sondern auch um die Qualität machen. Gut so, so soll es sein. Aber braucht man ein Gütesiegel? Verliehen von wem? Gibts dann auch einen Dachverband der Living-History-Darsteller mit Vorsitzenden und Schatzmeister, die dann das Gütesiegel verleihen? Welch grausliche Vorstellung.
Ich betrachte die Qualitätsfrage aus beiden Gesichtswinkeln, aus der des Museums und der des Darstellers. Ich ‘bin’ beides – sowohl tätig für ein archäologisches Museum, Kontakte zu div. süddeutschen Museen, die solche Veranstaltungen betreiben, aber auch mitunter, wenn auch selten, als ‘Darsteller’ unterwegs.
Man kann sich sicher sein, die Museumsleute sind von sich aus in der Lage, die Qualität zu erkennen. Wenn nicht die Museen, wer denn dann? Man braucht aus diesem Blickwinkel kein Siegel. Da genügt, falls die Gruppe, der Darsteller, wer auch immer, nicht ohnehin schon bekannt ist, ein aussagekräftiger Auftritt im Internet oder eine Bewerbungsmappe. Es ist manchmal schon arg verblüffend, wie hochkreative, handwerklich begabte Leute sich schwertun, ihre Leistung auch als solche darzustellen. Das müssten sie für ein ‘Gütesiegel’ auch – also reicht die Leistungspräsentation an sich bereits aus.
An Soft Skills würde ich, wie Steve, nicht den Schwerpunkt auf ‘darstellerische’ Qualitäten legen – es würde in vielen Fällen ja schon reichen, wenn die Darsteller nicht regelrecht kontaktscheu wären, nahezu autistisch dem Publikum den Rücken zuwenden und ausser ‘Äh..wenn’s fei Fragen haben, dann fragen’s.’ auch sich mündlich artikulieren könnten. Wichtig ist zudem eine minimierte Streitsucht, falls man schlimmerweise zusammen mit einer anderen Gruppe zusammengespannt wird und sich dann anschließend der Arroganz und Unfähigkeit schilt.
Ich denke, die Museen würden es sich zu leicht machen, nach einem Gütesiegel zu schielen. Man will sich Arbeit sparen, möglichst sich nicht in das Klein-Klein der Gruppen untereinander einlassen (….verständlich…) und eine eigenverantwortliche Recherche vermeiden.
Fazit: Gruppen, Teams, Forengemeinschaften: Stellt euch qualifiziert und professional vor und zeigt Eure Leistung. Das reicht. Einen Aufkleber “Geprüfter Geschichtsdarsteller, gültig bis 12-2010” will ich auf meinem Helm nicht haben.
H.
5.
Wulf Hein
In aller Kürze: Auch ich stimme Ihnen weitgehend zu, Herr Hochbruck, allerdings hat die experimentelle Archäologie per definitionem im Geschichtstheater keinen Platz, auch wenn Sie sie freundlicherweise an die erste Stelle setzen. Wissenschaftliche Experimente eignen sich nicht zur Aufführung vor Publikum. An diese Stelle müsste in Ihrem Projekt die Archäotechnik treten. Wie Steve Lenz schon schreibt, betrifft das in erster Linie die Darstellung der Vor-und Frühgeschichte. Steinzeitliches Leben kann man nicht “vorleben”, man kann es entweder vermitteln oder inszenieren. Für Letzteres muss man sich schon etwas einfallen lassen, edukative Illusion wird ganz schnell albern. Was in der Vermittlungsarbeit der ArchäotechnikerInnen zählt, sind archäologische Fakten, die Fähigkeit, diese “rüberzubringen” und die eigene Geschichtsbegeisterung mitzuteilen, um dem Bildungsauftrag der Museen gerecht zu werden. Da liegen die Schwerpunkte individuell ganz unterschiedlich, eine objektive Bewertung (durch wen auch immer) dürfte schwer fallen. An erster Stelle stünde deshalb für mich eine Selbstorganisation der “Szene”, deren vornehmstes Ziel sein könnte, sich an die archäologischen Fakten halten zu wollen und bestimmte Statuten anzuerkennen. Einen solchen “Arbeitskreis” haben wir 2001 am Federseemuseum gegründet. Vielleicht sind es eher solche regionalen Modelle, die sich unter einem zentralen Dach zusammenfinden und künftig die Qualitätssicherung in der Vermittlung (prä)historischer Fakten gestalten und garantieren können, ich denke da beispielsweise an EXARC.