Gütesiegel-Diskussion

Qualität mit Zertifikat - im Geschichtstheater

In die Diskussion: "Gütesiegel für historische Darsteller – ja oder nein?" kommt neuer Schub. Freiburger Forscher bereiten genau das vor. Professor Wolfgang Hochbruck, einer der Projektleiter, stellt den Plan vor.

Geschichte zum Anfassen: Living-History-Darsteller im römischen Freilichtmuseum Kalkriese. (Foto: Marcel Schwarzenberger)
Geschichte zum Anfassen: Living-History-Darsteller im römischen Freilichtmuseum Kalkriese. (Foto: Marcel Schwarzenberger)

Fotos zum Thema

  • Darsteller der Geschichtstheatergesellschaft 1998 in Stuttgart. <span class="copy">(Foto: Frank Gosebruch (historische Kamera))</span>

Dossier

Details

Der Autor
Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck lehrt Nordamerikastudien an der Universität Freiburg und ist Leiter des Projekts „Geschichtstheater: (Re-)Konstruktionen nordamerikanischer historischer Lebenswelten“ der Forschergruppe „Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart“ (FOR 875). Er hat als Living Historian mit der Geschichtstheatergesellschaft www.gtg1848.de seit dem Offenburger Freiheitsfest 1997 Museums- und Schulauftrittspraxis gesammelt und als Reenactor 1994 bis 2002 an „Battles“ von Darstellungen des US-amerikanischen Bürgerkriegs teilgenommen.

Aussicht auf Lösung

Zwei Artikel von chronico bringen eine alte Diskussion auf neue Umdrehungen: Ob man es Gütesiegel nennt oder, ein Jahr später Geschichts-Michelin, es gibt nach wie vor eine in dieser Form auch notwendige Suche nach Standards und Richtlinien für die Qualität historischer Darstellungen. Auf mehreren Ebenen: Um Authentizität bemühte Gruppen und Einzeldarsteller rümpfen die Nase vor den sich wie die Karnickel verbreitenden und doch auch zu Recht beliebten Mittelaltermärkten; so genannte Reenactors, die eher auf Spiel und Spaß aus sind, bezeichnen die Authentiker als Fadenzähler und Schlimmeres. Museen lehnen den Einsatz von freien Gruppen gleich ganz ab oder klagen hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand über die Schwierigkeiten, qualitativ hochwertige Gruppen zu bekommen und mehr noch über die Unsicherheit der Qualität dessen, was man (für möglichst billiges Geld natürlich) in der Szene einkauft, um ein paar zuschauerträchtige Events im Jahresprogramm zu haben.

Die Diskussionen in dieser Sache drehen sich unter anderem deshalb im Kreis, weil zum einen manche der Adressaten falsch sind, und weil es zum zweiten für einige der Parameter, über die diskutiert wird – Stichwort Authentizität – schlechterdings keine absolut zu setzenden Bewertungskriterien gibt. Nachfolgend in diesem Zusammenhang ein paar grundsätzliche Anmerkungen, gefolgt von einem Vorschlag für eine denkbare, möglichst faire Lösung.

Fokus liegt auf Museumsarbeit

Es ist nicht sinnstiftend für einen auf historische Authentizität bedachten Living Historian (Vertreter der Living-History-Darstellerszene; Anm. d. Red.) über einen Mittelaltermarkt zu wandern, und sich über die zum Teil groteske Mischung von Zeitschienen und Ausstaffierungen und das veraltdeutschte Marktsprech aufzuregen. Auch ein publikumsträchtiges Reenactment ist kein Ort für Puristen: Es werden sich nicht viele napoleonische Truppen eigens für einen Auftritt, und wäre er in einem Spielfilm (siehe z.B. den „Polizeiruf 110: Die Schlacht“ von 2003), neue Uniformen und Hüte machen lassen, nur weil die Hutform „bicornes“ bei der Schlacht bei Großbeeren 1813 historisch nachweisbar nicht mehr getragen wurde. Umgekehrt sind dort, wo in einem Museum eine Präsentation historischer Anderzeit angestrebt wird, Birkenstock, Armbanduhr und Kassenbrille wirklich fehl am Platze.

Es sind vor allem Museen, die an qualitativ hochwertigen und historisch nach Stand des Wissens einwandfreien Darstellungen interessiert sein müssen. Märkte und mehr noch Stadtfeste und sonstige von Eventagenturen inszenierte Schaustücke schielen letztlich doch zuerst auf den Preis, statten ihre „Stadtwachen“ mit gelb-roten Polyesterklamotten aus (Wolfenbüttel!) und schicken sie so ins Freie, oder holen sich Möchtegern-Konföderierte für ihre „Festungstage“ (Germersheim!) und sind dann selbst schuld.

Museen erfüllen dagegen einen Volksbildungsanspruch und haben von daher eine Verpflichtung. Eine Reihe von Museen, nicht nur Freilicht, arbeitet im Bereich des Geschichts- bzw. Museumstheaters zum Teil bereits seit Jahren gut und vertrauensvoll mit freien Gruppen und Einzelpersonen zusammen. Das Rheinische Freilichtmuseum Kommern, wo Dr. Michael Faber jahrelang Gruppen aus der Napoleonik mit dramatisch entwickelten Szenarien hat auftreten lassen, und das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim, wo die Gruppe „1476 – Städtisches Aufgebot“ regelmäßig Mittelalterwochen anbietet, sind Beispiele dafür, wie es gehen kann, wenn Qualitätsanspruch und Angebot zusammenpassen bzw. vor Ort zusammengebracht werden.

Forschergruppe erarbeitet Typologie

In diesem Zusammenhang ist erst einmal zu klären, dass es hinsichtlich dessen, was im Angebot sein kann, nicht nur terminologische Unterschiede gibt, und welche. Zu diesem Zweck erarbeitet das „Geschichtstheater“-Projekt der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschergruppe Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart an der Universität Freiburg eine Typologie dessen, was unter diesem Sammelbegriff gefasst wird. Als Geschichtstheater wird nach derzeitigem Stand von uns alles bezeichnet, was bisher mit zum Satzende absinkendem Qualitätsanspruch unter experimenteller Archäologie, Living History, Reenactment, und LARP abgeheftet wurde, und was als Mittelaltermarkt, historische Stadtführung und als Museumspädagogik irgendwie kostümiertes Geschichts-Spiel beinhaltet. Dazu gehören auch die Spielszenen in den sich explosionsartig vermehrenden TV-Dokufiktionen, dazu gehören Histo-Soaps à la „Schwarzwaldhaus1902“, dazu gehören sogar Zeitzeugenauftritte.

Man merkt: Das gemeinsame Vielfache ist bei dieser Herangehensweise nicht die skaliert auftretende Authentizität der Darstellung, sondern die Darstellung an sich, das Geschichts*theater* eben. Als Vermittlungsinstanz ist Museen besonders an diesem Aspekt gelegen, weshalb sich auch ein ganzer internationaler Fachverband gegründet hat, der als International Museum Theatre Alliance (IMTAL) auch einen europäischen Zweig hat. Museumstheater sind im Unterschied zum Geschichtstheater nur jene Unterformen, die im Museum sinnvollerweise zum Einsatz kommen sollten und können, also hauptsächlich das, was gemeinhin als Living History firmiert.

Experimentelle Archäologie ist forschungs-, nicht vermittlungszentriert, und Reenactors spielen hauptsächlich in ihren eigenen Kriegsfilmen mit – dagegen ist nichts einzuwenden, ich kenne viele ausgezeichnete Living Historians und experimentelle Archäologen, die auch gelegentlich als Reenactors Streitaxt und Muskete schwingen. Aber im Museum, der Vermittlungsinstanz für Geschichtswissen, hat das Schlachten-Karaoke der Reenactments im engeren Sinne nichts verloren. Dass sonst hauptsächlich bei Reenactments auflaufende Gruppen gleichwohl in ebenso anregende wie gelungene Museumstheater-Szenarien eingebunden werden können, haben wiederum die dramatischen Programme im Freilichtmuseum Kommern (s. o.) anschaulich bewiesen.

Bewertung von Authentizität

Konzentrieren wir uns also auf Gruppen und Individuen, die nach Selbst- und möglichst auch Fremdbild einen Standard der materiellen Ausrüstung erreichen, der als Museumsqualität durchgehen könnte. Heißt das zwangsläufig, dass diese auch den Ansprüchen genügen werden, die in einer Vermittlungssituation vor Publikum an sie gestellt werden? Leider nicht zwingend. Manchen steht ihre physische Konstitution im Weg, andere sind einfach keine Schauspielertypen. Auch der ernsthafteste Living Historian ist nicht notwendig ein begnadeter Vermittler. Also doch lieber an-kostümierte „Nachtwächter“ mit Holzhellebarde und Motorradstiefeln; dafür aber mit Stentorstimme und abgebrochener Schauspielschule? Keineswegs.

Es gibt für manche Probleme keine einfachen Lösungen, und dies ist so eines. Ein Ansatz könnte sein, wenn es in Ankündigungsforen eine Art Authentizitätskataster gäbe; eine abgestufte Skala dessen also, was von Veranstaltern erwartet und geboten wird. In den USA etwa reicht für die Bürgerkriegsszene die einfache Bezeichnung „hardcore“ für das um historische Nähe bemühte Ende der Skala, und „mainstream“ für die unter einer Decke schamhaft versteckte Kühlkiste. Daran könnten sich dann Gruppen und Aussteller orientieren.

Keine Alternative zum Gütesiegel

Für die Museumsarbeit aber wäre es enorm wichtig, wenn sich innerhalb der deutschen Histo-Szene und speziell unter den Gruppen und Einzelpersonen, die an Auftritten in Museen interessiert sind, die Idee eines Gütesiegels durchsetzen könnte. Dieses Gütesiegel gäbe dann Auskunft über die historische Ausrichtung, den angestrebten Grad von Authentizität, die dramatische Neigung – spielt die Gruppe eigene Szenen oder erklären sie Objekte und Alltagsverrichtungen?

Zunächst einmal wäre aber zu klären: Wie denn ein solches Siegel schaffen, und: Wer sollte es verleihen? Es gibt, um wieder Marcel Schwarzenberger zu zitieren, bisher „keine neutrale Instanz, die festlegt, was eine qualitativ hochwertige Veranstaltung ausmacht, die ‘erlebte Geschichte’ zum Inhalt hat“ (chronico-Beitrag: „Geschichts-Michelin“). Jedenfalls nicht in Deutschland, und die Versuche von Museen, sich einen Qualitätsstandard und Gütesiegel zuzulegen, bedeuten für Living Historians hauptsächlich, dass diese Museen es sich in Zukunft erst recht nicht mehr werden leisten können, qualitativ materiell oder theatertechnisch schlechte Vorführungen einzukaufen.

In den USA gibt es für Zwecke der Orientierung für Museen und der Qualitätssicherung in der Geschichtstheater-Szene seit Jahren im Rahmen der National Association for Interpretation (NAI) die Möglichkeit, die eigene Darstellung oder die der Gruppe zertifizieren zu lassen. Eine solche Dachorganisation fehlt in Deutschland. Auch eine Organisation wie English Heritage fehlt; wäre allenfalls in den deutschen Denkmalschutzämtern zu verorten – die scheiden jedoch ebenfalls aus, was Marcel Schwarzenberger nachgefragt hat (chronico-Beitrag: „Gütesiegel“), der daraufhin konstatiert: „Eine unabhängige und historisch versierte Institution müsste her.“

Freiburger Forscher als Zertifizierungsstelle?

Ein vorsichtiger Vorschlag könnte nun sein, als Ausgangsplattform einer solchen Institution das oben genannte Freiburger Forschungsprojekt zu benutzen. Dies hätte den Vorteil, dass das Projekt selbst neutral ist, über seine Mitarbeiter theoretische Grundlagen ebenso wie praktische Erfahrungen in verschiedenen Bereichen des Geschichts-, Museums-, Schul- und auch des Normaltheaters aufweist. Und dass zum einen Kontakte in die Szene und zu Museen bestehen, zum zweiten aber auch Fachwissenschaftler und Experten über das Projekt erreicht werden können.

Ziel einer solchen Plattform könnte sein, in einem Zeitraum von etwa drei bis fünf Jahren eine funktionierende Anlaufstelle im Sinne der NAI zu schaffen, an die sich Gruppen und Einzeldarsteller wenden können, um ihre Darstellung zertifizieren zu lassen. Diese Anlaufstelle könnte möglicherweise die Form einer neutralen Agentur als Ausgründung der Forschergruppe annehmen.

Ohne einer konkreten Ausgestaltung einer Zertifizierung unnötig vorgreifen zu wollen, können auf der Basis des oben Angeführten einige Parameter schon jetzt einigermaßen sicher benannt werden. So wird der Prüfbereich sicher über die Frage nach der Authentizität hinausreichen; es müssten für eine Zertifizierung vielmehr wahrscheinlich bis zu vier Schwerpunkte gleichermaßen geprüft werden:

  • materielle Qualität
  • historisches Wissen
  • didaktische Konzepte
  • dramaturgische Vermittlungsfähigkeiten.

Damit wären die wesentlichen für einen qualitativ ansprechenden Auftritt relevanten und für Museumszwecke wie im Zuschauerinteresse unabdingbaren Sach- und Fachgebiete abgedeckt. Sofort wird deutlich, dass weder Wissenschaft noch Geschichtstheaterpraxis einen solchen Beurteilungsrahmen allein abdecken könnten. Um auf jeden Fall den Prozess wie auch die Bewertungen nicht zu sehr zu verwissenschaftlichen, und um ein Moment kreativer Selbstkontrolle einzubauen, sollten deshalb z.B. in der Art eines peer review wechselnde Praktiker aus der Szene zu den Gutachter-Kommissionen eingeladen werden.

So, oder wenigstens so ähnlich, wie man bi os to Huus am Niederrhein sagt: To wit. Es geht nicht darum, dass mit diesem Vorschlag irgendjemand versucht, „das Ruder in die Hand zu nehmen“ („Gütesiegel“). Es geht darum, erst einmal ein Ruder zu schnitzen. Daran können und sollten sich möglichst viele beteiligen: Das Konzept und die möglichen Übertragsformen in die Praxis können live zum Beispiel vom 1. bis 3. Mai 2008 bei der Living-History-Tagung im Freilichtmuseum Kiekeberg weiter diskutiert werden.

Wolfgang Hochbruck  |  Artikel vom 07. April 2008

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