Roter Franz Der Mann aus dem Moor

Musica Romana mit Germanendarsteller bei der Eröffnung zur Schau. © Marcel Schwarzenberger

Ein Toter kehrt nach einer Weltreise zurück: Hannovers berühmtester Leichnam, der „Rote Franz“, wird mit einer Sonderschau im heimischen Museum gefeiert. Dabei trifft Germanisches auf Indigenes.

Ein Toter auf Reisen

Diese Geschichte ließe sich problemlos mit einer reißerischen Phrase beginnen. Vielleicht so: Renommiertes Landesmuseum stellt Bezüge zwischen dem Germanien des 3. und 4. nachchristlichen Jahrhunderts und Nordamerika her. Der Kern der Meldung ist wahr. Im niedersächsischen Landesmuseum Hannover ruht die berühmte spätantike Moorleiche des „Roten Franz“ neben Funden aus Museen in Kanada und den USA.

Die beiden hannoverschen Kuratorinnen Babette Ludowici und Jutta Steffen-Schrade wollen aber keine fest gefügten wissenschaftlichen Erkenntnisse erschüttern. In der Mitte Oktober gestarteten Ausstellung „Der Rote Franz – Ein Toter auf Reisen“ geht es nicht um wilde Hypothesen von chinesischen, phönizischen oder gar römischen Reisenden in das präkolumbianische Amerika. Die Sonderschau ist vielmehr eine Art Wiedersehensparty mit einem jahrelang in Hannover vermissten Leichnam.

Der Rote Franz war von 2002 bis vor gut einem Jahr mit der Wanderausstellung „Der Tempel im Moor“ in sieben Museen in Österreich, den Niederlanden, England sowie Kanada und den USA unterwegs. Nach seiner Rückkehr war der, seit seinem Fund 1900 zum Museum in Hannover gehörende, Tote noch eine Weile in diversen niedersächsischen Häusern unterwegs. Nun ist er wieder da. Die Hannoveraner fügten ihn aber nicht einfach wieder in ihre Sammlung ein. Die noch bis Januar 2009 laufende Schau wirft zwei Fragen auf: Was hätte Franz, wäre er tatsächlich in seiner Zeit als Lebender gereist, an den späteren Museumsstandorten angetroffen? Und darf man einen Toten einfach so ausstellen?

Der Mord im Moor

Torfstecher gruben am 8. Juni 1900 einen Toten aus dem Bourtanger Moor bei Meppen im Emsland aus. An eine wissenschaftliche Sensation dachten sie nicht und begruben den Leichnam vor dem Friedhof im nächsten Dorf. Die Aktion blieb indes nicht unbeachtet – das damalige Provinzialmuseum Hannover ließ die Moorleiche erneut exhumieren und ins eigene Haus schaffen, wo er die Katalognummer 17351 bekam. Man hatte ihn als prähistorisch erkannt.

Doch erst eine C-14-Untersuchung (Radiokarbonmethode) 1994 wies dem Toten einen realen Zeithorizont zu. Demnach starb der Mann zwischen 252 und 388 n.Chr. Ein Endzwanziger, ein gesunder Mann im besten Alter war er. Von robuster Natur und mit körperlichen Merkmalen versehen, die ihn als Reiter auswiesen. Die Wissenschaftler entdeckten Verletzungen, die durchaus von Pfeilen oder Lanzen herrühren mochten. Aber keine Beigaben oder erhaltenen Kleider gaben darüber hinaus Auskunft über den Toten. Der hatte indes schon längst seinen Spitznamen weg. Der „Rote Franz“ war längst zur lokalen Berühmtheit in Hannover geworden.

Durch eine Kopfrekonstruktion bekam er sogar ein Gesicht. Der Beiname rührt vom roten Haar des Toten her. Blond oder rotblond könnte der Mann zu Lebzeiten gewesen sein. Groß war er auf jeden Fall, gut 1,80 Meter. Was das Moor indes nach rund 1600 Jahren von ihm übrigließ, war eine nur noch 145 Zentimeter messende Mumie. Die besonderen Stoffe in dem sauren Milieu färbten auch die Haare. Die waren einer aufwändigen Frisur unterworfen. Am Hinterkopf und an den Seiten war das Kopfhaar mit einer Schere raspelkurz geschnitten, auf Scheitel und an Schläfen trug es der Mann hingegen lang. Ob „Franz“ diesen Schopf offen oder zum Zopf gebunden trug ist unbekannt. Auch sein Bart, dunkler als Kopfhaar, war gepflegt und mit einem scharfen Messer in Form gehalten.

Sein Tod bleibt rätselhaft. Gewiss ist, dass ein Schnitt durch die Kehle sein Ende war. Dann versenkte man den Leichnam im Moor – ganz im Gegensatz zur damals gebräuchlichen Verbrennung und Bestattung in einer Urne. Mord? Opferritual? Das bleibt offen.

Von Vindobona zur Saugeen-Kultur

Der „Rote Franz“ lebte also während der späten römischen Kaiserzeit bei den Germanen in Nordwestdeutschland. Es ist die Krisenzeit des römischen Reichs; die Völkerwanderung beginnt mit der Neuformung der europäischen Gesellschaften. Im Emsland scheint es hingegen noch recht stabile lokale Eliten gegeben zu haben. Einen Hinweis darauf sehen die Wissenschaftler in einem Schatz, der um 360 versenkt wurde. Darunter befand sich auch eine so genannte Zwiebelknopffibel aus Gold. Wer immer ihn vergraben hatte, könnte also ein Zeitgenosse des „Roten Franz“ gewesen sein.

Diese Fibel ist eines der Stücke, die nun gemeinsam mit dem Leichnam und der Kopfrekonstruktion im Landesmuseum zu sehen sind. Auf seinen Fundort verweisen auch andere typische Funde aus dem Emsland. Germanische Orakelstäbchen und eine bronzene Marsfigur, ein klassisches Einfuhrprodukt bei den Germanen der Spätantike. Beide Stücke passen in die Zeit des 3. und 4. Jahrhunderts.

Die anderen Vitrinen zeigen Objekte aus dem Raum der sieben Standorte der Wanderausstellung: Assen (Niederlande), Manchester (England), Wien (Österreich), Gatineau (Kanada), Pittsburgh (USA), Calgary (Kanada) und Los Angeles (USA). Wie könnte man die Heimkehr des Toten besser begehen, als seine Stationen praktisch durch eine „Zeitreise“ Revue passieren zu lassen? Eine klasse Idee!

Aus Assen stammen unter anderem Keramikgefäße. Darunter eines, das Abdrücke römischer Münzen trägt. Die westgermanischen Chauken werden in dieser Region vermutet. Auch Wien ist ein Ort, der geradezu als Paradebeispiel für die antiken Beziehungen zwischen Römern und „Barbaren“ zu Lebzeiten des „Roten Franz“ steht. Vindobona war einst Truppenstandort, Heimstatt einer der bekanntesten und am längsten bestehenden Legionen, der Legio X Gemina. Die bestand schon unter Caesar. Für gut 300 Jahre war die Legion bis ins 5. Jahrhundert hinein in Vindobona stationiert. In den Niederlanden wiederum gibt es heute eine Living-History-Gruppe, die diese Legion mit ihrem Stier-Feldzeichen wieder aufleben lässt. In der Ausstellung selbst sind römische Schleuderkugeln aus gebranntem Ton zu sehen. Sie kommen aus dem Naturhistorischen Museum Wien.

Den europäischen Reigen beschließt eine Bronzefibel aus Manchester. Wiederum verweist der Fund auf ein römisches Feldlager. Aus ihm entstand später die nordenglische Stadt. In ihrer Nähe hat sich ein Stück römische Straße erhalten. Ein Foto davon ist der Vitrine mit der Fibel beigesellt. Diese visuelle Gestaltung der jeweiligen Standorte zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch die Ausstellung.

Es folgen: Stücke der indigenen Saugeen-Kultur in Kanada. „Franz“ hätte dort ein Volk in seiner vollen Blüte mit einem ausgeprägten Totenkult erlebt. Eine Kupferhülle für eine Panflöte und ein Ohrpflock aus Kalkstein (beide um Christi Geburt) schmücken die entsprechende Vitrine. Auf intensiven Gartenbau wäre unser Mann im westlichen Pennsylvania gestoßen. Eine reiche Töpferkultur hat es dort gegeben. Doch ein solches Stück ist leider nicht nach Hannover gekommen, dafür Grabbeigaben aus den Zähnen von Wölfen und Bären. Passend wiederum sind die steinernen Pfeilspitzen aus den Prärien um Calgary, ein Gebiet der Bisonjäger. Aus Kalifornien kommt ein Handreibestein – ein Verweis auf die Lebensweise. Das Zermahlen von Wildfrüchten wie Eicheln diente den Menschen zur Gewinnung ihrer Hauptnahrungsmittel.

Auferstandene Spätantike

Es ist etwas dünn, was da von den einzelnen Regionen in der Schau zu sehen ist. Die wundervolle Idee erschöpft sich schnell an Keramik und Knochenresten. Amerika wäre aus Sicht des „Roten Franz“ ein exotischer Ort gewesen. Gern hätte ich wenigstens als Zeichnung eine Rekonstruktion der dort lebenden Menschen gesehen. Ihnen wiederum Darstellungen von spätantiken Legionären oder Germanen gegenüber zu stellen, hätte den Reiz gewiss vermehrt.

Schön aber, dass bei der Eröffnung auf den Kniff der „lebendigen Geschichtsdarstellung“, also der Living History zurückgegriffen wurde. Das Ensemble Musica Romana spielte auf rekonstruierten Instrumenten der spätantiken Welt. Zum Beispiel auf einer ägyptischen Harfe, Kithara oder der Panflöte. Ein Mitglied der Darstellergruppe „Cohors Prima Germanorum“ wandelte als Germane zwischen dem Publikum. In Kleidern, wie sie zu Zeiten des „Franz“ in Nordgermanien gebräuchlich waren. Gut möglich, dass der Mann aus dem Moor solche oder ähnliche Kleider besaß. Die „Cohors“ ist eine Gruppe, die sich auf die Darstellung einer germanischen Auxiliartruppe spezialisiert hat. Sie ist mit mehreren Akteuren auch von 19. Oktober bis zum 23. November jeweils sonntags im Museum zu sehen, wo sie in historischer Ausrüstung über das Alltagsleben im 3. und 4. Jahrhundert Auskunft geben.

Museumsbesucher – unmoralische Voyeure?

Vielleicht wäre ein Mehr an Ausstellungsstücken möglich gewesen, wenn sich die Kuratorinnen auf das Projekt „Reise“ konzentriert hätten. Sie entschieden sich aber, eine zweite Fragestellung in ihr Konzept einzubauen. Und greifen damit alte museumsethische Debatten auf, seit Museen die Überreste von Menschen sammeln und ausstellen. Im Begleitkatalog nehmen die Wissenschaftlerinnen Bezug auf die „Körperwelten“-Ausstellung eines Gunter von Hagens, die Präsentation der Gletschermumie „Ötzi“ in einer Kühlzelle in Bozen oder die 2007 gestartete Mannheimer Mumienausstellung, die derzeit in Braunschweig zu sehen ist. Die veranlasste seinerzeit den Berliner Direktor des Ägyptischen Museums, Dietrich Wildung, zu seiner medienwirksamen Kritik der „Mumienpornografie“.

Der „Rote Franz“ ist zu sehen. Verhärmt, verschrumpelt, mit roten Haaren und aufgerissenem Mund zeigt er sich dem Betrachter. Das gedämpfte Licht entrückt ihn aber allzu voyeuristischen Studien. Sinnsprüche und Gedichte zum Tod begleiten den Besucher auf seiner Wanderung durch die Schau. Am Ende hat er gar die Wahl: Mit einem Tennisball soll er in einer von drei Röhren sein Votum abgeben. Ist er gegen oder aber ohne Wenn und Aber für die Zurschaustellung Toter in Museen? Oder lieber, als goldener Mittelweg, für eine Ausstellung „in Würde“?

Es mag wenig überraschen, dass die Mehrzahl der Bälle am Eröffnungstag dem dritten Weg zuzuordnen ist. Seltsamer hingegen, dass überhaupt auch einige Male das kategorische „Nein“ gewählt wurde. Immerhin gehört der „Rote Franz“ seit Jahrzehnten als feste Größe zum hannoverschen Museum. Er gilt als eines der beliebtesten Exponate. Die Frage, darf man oder darf man nicht, ist in diesem konkreten Fall schlicht zu spät gestellt. Die Leiche ist ja schon gezeigt, die Überreste von hunderten anderen Toten lagern in den Museumsarchiven – viele Tausende sind es weltweit. Die Wahl, vor die der Besucher sich gestellt sieht, ist also blanke Kosmetik. Die Antwort hat die Ausstellung per se ja schon gegeben. Und was heißt eigentlich „mit Würde“? Wie unterschiedlich Kulturen mit ihren Toten umgehen, die Frage nach der mittelalterlichen Jagd nach Heiligenreliquien – all dies wird im Begleitkatalog zur Ausstellung angesprochen. Das immerhin hätte auch optisch noch intensiver in der Schau selbst seinen Widerhall finden können.

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