Streit um Kalkriese

Wo starben Varus’ Legionen wirklich?

Kalkriese bereitet sich auf den 2000. Jahrestag der Varusschlacht vor. Der Ort gilt vielen Forschern als Austragungsort des legendären Kampfes. Kritiker melden erneut Zweifel an. chronico zeigt die Fakten Pro und Kontra auf.

Wissenschaftler graben Skelette in Kalkriese aus. (Foto: Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH)
Wissenschaftler graben Skelette in Kalkriese aus. (Foto: Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH)

Was überliefert die Geschichte?

Unter Kaiser Augustus bemühten sich die Römer für lange Zeit, ihren Machtbereich auf ganz Germanien auszudehnen. Der Provinzgouverneur Publius Quinctilius Varus trat sein Amt im Winter 6/7 n.Chr. an. Zu seinen Aufgaben zählten unter anderem die Durchsetzung des römischen Rechts- und Steuerwesens und die Schlichtung zwischen rivalisierenden germanischen Stämmen. Varus scheint wenig diplomatisches Geschick an den Tag gelegt zu haben. Fakt ist: Unter seiner Regierung explodierte der lange brodelnde germanische Kessel mit ganzer Wucht.

Aus dem Inneren Germaniens bewegte sich Varus im Spätsommer des Jahres 9 n.Chr. auf die römischen Winterquartiere an Rhein oder Lippe zu. Neben seinen drei Legionen – mit den Nummern 17, 18 und 19 (die später nie wieder vergeben wurden) – begleitete ihn auch der cheruskische Adlige Arminius. Wohl kein Römer ahnte, dass der Cherusker insgeheim einen umfassenden Aufstand vorbereitete und mit seinen Verbündeten auch zur List griff. Eine vorgetäuschte Revolte lockte Varus und seine Legionen in unwegsames und ihnen völlig unbekanntes Gelände. Die Falle schnappte zu; in einer Region, die zeitgenössische Autoren mit „saltus teutoburgensis“ (Teutoburger Wald) beschrieben – irgendwo in der Nähe des Brukterer-Gebiets, also zwischen Ems und Lippe.

Die antiken Autoren berichten von nur wenigen Überlebenden der Schlacht. Varus richtete sich offensichtlich selbst, seinen Kopf schickten die Germanen nach Rom. Die Schlacht fuhr den Römern dermaßen ins Gebein, dass sie sich einige Jahre später endgültig an den Rhein zurückzogen und dort verschanzten. Auch der Feldherr Germanicus, der 14 bis 16 n.Chr. erneut Truppen in die Region führte, hatte letztlich keinen Erfolg. Mindestens einmal geriet er dabei selbst in eine ähnlich prekäre Situation wie Varus und rückte unter schweren Verlusten ab. Bei seinen Märschen besuchte er auch das Varus-Schlachtfeld und soll dabei die Gefallenen bestattet haben.

Seit dem 19. Jahrhundert tobt der Streit unter den Historikern, wo genau die entscheidende Varusschlacht stattfand. Schon Theodor Mommsen bezeichnete vor über hundert Jahren Kalkriese als Originalschauplatz. Rund 500 Vorschläge wurden in der Vergangenheit publiziert. Der heutige Teutoburger Wald zieht sich südlich des Osnabrücker Landes bis nach Detmold hin. Den Namen trägt er aber erst seit einigen hundert Jahren. Zwar in Anlehnung an die historische Schlacht, letztlich aber ohne genaue geografische Kenntnis. Einer der vielen Versuche, die Varusschlacht in der Lippe-Region anzusiedeln. Dafür spricht auch das Hermannsdenkmal bei Detmold, das 1875 eingeweiht wurde. Hermann ist der eingedeutschte Name des Arminius.

Indizien statt Beweise

1987 streifte der britische Offizier und Hobbyarchäologe Tony Clunn über die Flur bei Bramsche-Kalkriese. Er fand römische Münzen und Schleuderbleie im Boden, wie sie die Armee benutzte. Das war der Beginn der systematischen Erforschung dieses bald als ein Schlachtfeld klassifizierten Ortes. Nur welches? Untersuchen die Archäologen Spuren der Varus-Legionen oder der später eingesetzten Truppen von Germanicus und Caecina? Die Wissenschaftler in Kalkriese waren sich schließlich ihrer Sache sicher: In Kalkriese fand Varus den Tod, es sind die Überreste seiner Legionen. Der Kreis Osnabrück und niedersächsische Sparkassen gründeten die „Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH“, die wiederum den Museumspark Kalkriese betreibt. Ein florierender Wallfahrtsort für alle, die der Schlacht, der auch nüchterne Wissenschaftler eine Bedeutung als historischer Wendepunkt nicht absprechen, möglichst nahe kommen wollen.

Die Sache hat nur einen Haken: Die archäologische Leiterin von Kalkriese, Susanne Wilbers-Rost, sagt selbst, dass es Indizien sind, die für Kalkriese sprechen. DEN handfesten archäologischen Beweis gibt es bislang nicht, und das öffnet Kritikern Tor und Tür. Ende Dezember meldete sich der Verein Arminiusforschung zu Wort. Er will die niedersächsische Landesregierung auffordern, dass der Museumspark nicht mehr mit dem Zusatz „Ort der Varusschlacht“ für sich wirbt, schrieb das „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. „Wir stellen den Alleinvertretungsanspruch durch Kalkriese in Frage, der tatsächliche Schlachtort zu sein“, sagte der Vereinsvorsitzende und nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Heinrich Kemper auf Anfrage von chronico. Die wissenschaftlichen Fakten würden diese These einfach nicht ausreichend stützen.

Seit seiner Gründung 2004 hat sich der Verein Arminiusforschung auf Kalkriese eingeschossen. Er sucht nach Beweisen dafür, dass der wahre Ort der Schlacht eher im Raum Ostwestfalen-Lippe zu finden sei. Damit hätte Detmold, dessen Museum einer der Partner bei der Kooperationsveranstaltung „2000 Jahre Varusschlacht“ im Jahre 2009 ist ”(siehe den Beitrag „Ein Jahrestag elektrisiert die historische Szene“ hier im chronico-Dossier)”:http://www.chronico.de/erleben/menschenorte/0000405/ , eine wesentlich wichtigere Rolle bei den geplanten Veranstaltungen zu spielen als vorgesehen. In Detmold wird der Mythos rund um die Schlacht und die Nachwirkungen bis in die Neuzeit aufbereitet, während Kalkriese den eigentlichen Kampf thematisiert. Diese Themensetzung müsste noch einmal überdacht werden, fordert Kemper.

Wissenschaftler sind uneins

Der Verein Arminiusforschung sieht sich durch Meldungen bestätigt, wie sie unter anderem vom Magazin „Der Spiegel“ im vergangenen Herbst verbreitet wurden. Das Magazin verwies auf Funde in Kalkriese, die womöglich gegen die Theorie sprechen, dass Varus sich dort aufhielt. So genannte v-förmige Spitzgräben, die in Kalkriese auftauchten, seien eher das Werk römischer Legionäre. Kalkriese könnte damit eher ein klassischer Lagerstandort sein und nicht zwingend der Ort, an dem drei Legionen im Chaos untergingen. Die Kalkrieser Archäologen halten dagegen: Die Germanen hätten von den Römern gelernt. Mehrere Teile einer Wallanlage aus Rasensoden kamen bei den Grabungen in Kalkriese ebenfalls zum Vorschein. Laut antiken Autoren bauten die aufständischen Germanen einen solchen Wall, um die Varus-Legionen einzukesseln. Zahlreiche Menschen- und Tierskelette gruben die Forscher in Kalkriese zusätzlich aus. Viele mit klassischen Kampfspuren.

Die Arminiusforscher berufen sich auch auf ihn: Peter Kehne, Historiker an der Leibniz-Universität Hannover und seit Jahren ein vehementer Kalkriese-Kritiker. Er wirft den Kalkriesern Tatsachenverdrehung vor, um den Museumspark besser vermarkten zu können. „Jede Rekonstruktion der Varus-Schlacht hat von literarischen Quellen auszugehen“, schrieb Kehne am 29. November 2006 als Gastautor in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Antike Autoren wie Cassius Dio oder Tacitus würden genügend geografische Hinweise bieten, die gegen Kalkriese sprechen. Dort könnten sich – laut antiken geografischen Beschreibungen – allenfalls Germanicus oder der Heerführer Caecina aufgehalten haben, sagte Kehne.

Aber: Zum einen warnen Wissenschaftler seit langem davor, die antiken Autoren allzu wörtlich zu nehmen. Ihre Berichte entstanden lange nach den Ereignissen, sind aus römischer Sicht geschrieben und beziehen sich allenfalls auf Augenzeugen mit mangelnden Kenntnissen der örtlichen Situation. Man könnte aber Tacitus auch so lesen: Er berichtet von einer Schlacht, die sich über mehrere Tage und eine längere Strecke hingezogen hat und für die Römer mit erheblichen Verlusten verbunden war. Exakt diese Fakten spiegeln die Kalkriese-Funde wider. Aber wenn man die antiken Autoren anzweifele, dann dürfte man sie überhaupt nicht zu Rate ziehen, sagte Kemper. „Doch gerade Tacitus liefert gute Fakten. Und danach passt das Kampffeld von Kalkriese viel besser zum Geschehen während der Germanicus-Feldzüge“, sagte er.

Bringen Münzfunde die Lösung?

Etwas könnte jeden Zweifel ersticken: individuelle Feldzeichen wie die Legionsadler. Das Wahrzeichen der 19. Legion hatte schon Germanicus gefunden und geborgen. Die beiden anderen blieben bislang verschwunden. Anhänger beider Seiten ziehen daher die Münzfunde heran. Der Fundplatz Kalkriese sei durch „wissenschaftlich unzureichende Auswertung“ der Münzfunde „falsch datiert“ worden, schrieb Kehne. Eine Feindatierung der Münzen würde eher über das Jahr 10 n.Chr. hinaus verweisen. „Auch damit wäre die Hypothese von Kalkriese als Ort der Varusschlacht widerlegt“, meinte Kehne.

Diese Aussagen sind nicht neu. Schon 2004 setzte sich der Numismatiker Frank Berger mit der Problematik der Münzdatierung auseinander. Berger, heute am Historischen Museum Frankfurt tätig, befasste sich vor Jahren als Numismatiker des hannoverschen Kestner-Museums intensiv mit den Kalkriese-Münzen. Auf ihn zielt Kehnes Kritik denn auch vordergründig ab. Berger konterte und warf Kehne Profilierungssucht vor. „Über allem wittert [Kehne] offenbar den Geruch einer Verschwörung zum Nutzen einer medienträchtigen Vermarktung der Varusschlacht“, wetterte Berger damals im Numismatischen Nachrichtenblatt.

Auch Berger hält die Münzfunde für das entscheidende Indiz. Der Fachmann, der sich die bislang rund 700 Münzen aus Kalkriese vornahm, kommt indes zu ganz anderen Ergebnissen. Sämtliche Kalkriese-Münzen stammen aus der Zeit vor dem Jahr 10 v.Chr., betonte Berger. „Die jüngsten Münzen sind diejenigen mit einem VAR-Gegenstempel, der zwischen Ende 6 und Mitte 9 n. Chr. angebracht worden sein muss, wogegen die ab 10 n.Chr. geprägten Münzen fehlen“, schrieb er im Fachblatt. Die Buchstaben „VAR“ verweisen auf den amtierenden Statthalter, also Varus. Solche Münzen hätten dessen Legionäre demnach durchaus in ihren Taschen haben können.

Berger bezieht sich wiederum auch auf seinen Fachkollegen Reinhard Wolters vom Archäologischen Institut der Universität Tübingen. Der Professor stellte 2004 in der historischen Zeitschrift „Klio“ eigene Vermutungen zu Pro und Kontra der Kalkriese-Theorie an. Zunächst mit einiger Skepsis: Das Fehlen von Münzen aus den Jahren 10 bis 16 n.Chr. in Kalkriese könnte demnach auch daran liegen, dass diese Sorten schlicht noch nicht in der Region in Gebrauch waren. In der Summe bescheinigt aber auch Wolters der gesamten Situation in Kalkriese eine große Nähe zur tatsächlichen Varusschlacht. Damit geben sich die Kritiker nicht zufrieden. „Gerade weil die Verteilung von Münztypen recht lange dauerte, können die Münzen mit dem VAR-Stempel unmöglich schon im Jahre 9 n.Chr. in den Boden von Kalkriese gelangt sein“, beharrt Kemper. Somit würde auch dies eher dafür sprechen, dass Soldaten von Germanicus ihr Geld bei späteren Kämpfen in Kalkriese verloren.

Aber auch Berger lässt nicht locker: „Die schiere Menge der Goldmünzen und die in Nordwestdeutschland einzigartige Fundmenge lassen keine andere Deutung als die Varusschlacht zu.“ Vorerst bleibt es also dabei: Meinung steht gegen Meinung; und die Archäologen sind gefordert, den schlüssigen Beweis Für oder Wider zu ergraben.

Der Kommentar

Es ist immer legitim und richtig, Fragen zu stellen. Dass sich Kalkriese-Kritiker gerade jetzt zu Wort melden, ist eigentlich nur schlüssig. Die eben begonnenen Vorbereitungen zum Jahrestag 2009 sorgen für Aufmerksamkeit. Nur hinterlassen öffentlich geäußerte Zweifel wie die vom Verein Arminiusforschung aus dem Kreis Lippe eben auch den Beigeschmack von Lokalpatriotismus. Auch wenn das der Landtagsabgeordnete und Vereinsvorsitzende Heinrich Kemper abstreitet. Andererseits hat auch das Bemühen der Niedersachsen um „ihren“ Schlachtort Kalkriese etwas mit lokal gefärbter Förderpolitik zu tun. Nur: Mit einem Ausspielen Nordrhein-Westfalen gegen Niedersachsen kommt man wissenschaftlich keinen Schritt weiter.

Sachlichkeit ist gefordert. Und dafür bieten die bevorstehenden Kongresse und Tagungen rund um den Jahrestag gute Möglichkeiten. Und da darf und soll auch Kalkriese eine wichtige Rolle spielen. Kein Schlachtfeld ist so gut erforscht wie dieses. Die Archäologie krankt stets an zu wenig Geldressourcen. Dass Kalkriese womöglich der Ort der legendären Varusschlacht ist, sichert den Wissenschaftlern dort (noch) offene Fördertöpfe. Diese Chance muss genutzt werden. Allerdings, wer ganz offiziell mit dem Etikett „Ort der Varusschlacht“ um Publikum wirbt, muss auch unbequeme Fragen aushalten – und offen reagieren.

Marcel Schwarzenberger  |  Artikel vom 10. Januar 2007

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