Varus-Reenactment Germanenkrieger formieren sich

Römische Reiter von Timetrotter treten 2005 gegen © Marcel Schwarzenberger

Unbeeindruckt vom Streit um Kalkriese als Ort der Varusschlacht bereitet sich die historische Darstellerszene auf den 2000. Jahrestag vor. Im Netzwerk „Comitatus“ sammeln sich erstmals ambitionierte Germanenakteure.

Jenseits dumpfer Gesinnung

Robert Brosch ist nicht zu übersehen. Der Tornister macht ihn für geübte Augen sofort als Reenactor kenntlich. Keine Probleme also beim Treffen in Hannovers City an der historischen Kröpcke-Uhr. Die Tasche ist einem militärischen Gepäckstück aus der napoleonischen Zeit nachempfunden – eine von vier Epochen, in denen sich der Göttinger Archäologe tummelt. Er gehört auch einer Spätmittelaltergruppe an sowie dem franco-flämischen Kontingent (FFC), das im vorigen Herbst beim Reenactment „Battle of Hastings 1066“ in Südengland für Furore sorgte. Sein Herz, sagt Brosch, schlage aber vor allem für die Zeit um Christi Geburt. Genauer: für die Darstellung von Germanen aus jener Zeit. Robert Brosch, in der Szene mit seinem Spitznamen „Ghandi“ bekannt, ist Sprecher des frisch gegründeten Verbundes Comitatus. Und der hat sich das Jahr 9 n. Chr. vorgenommen, um 2000 Jahre später ein Reenactor-Ttreffen mitzugestalten. Möglichst eben in Kalkriese.

Noch auf dem Weg ins Café steckt Brosch schon mal ab, womit Comitatus nichts zu tun hat: mit nationalistischer Germanentümelei. Tatsächlich macht mancher moderner „Germane“ mit einschlägigen Symbolen und Parolen seiner dumpfen Gesinnung Luft. „Damit haben wir nichts zu tun.“ Schon 2001 habe er sich mit Gleichgesinnten, die eine solide germanische Ausrüstung nach archäologischen Funden zusammenstellten, ähnliche Gedanken machen müssen. Der oft strapazierte Name „Cherusker“ fiel daher als Gruppenbezeichnung aus. Als „Chasuari“ – so der verbürgte Name eines vergleichsweise unbekannten Stammes im Osnabrücker Land – ist Broschs Gruppe heute gern gesehener Gast bei vielen Veranstaltungen in Freilichtmuseen wie eben dem Museumspark Kalkriese.

Die „Chasuari“ sind eine von acht Gruppierungen im Comitatus-Netzwerk mit insgesamt rund 50 Mitgliedern aus der gesamten Bundesrepublik. Sie eint die Ernsthaftigkeit, sich mit dem germanischen Alltagsleben von vor 2000 Jahren auseinander zu setzen. Und ihr Wissen in erstklassige Ausstattungen für den Jahrestag umzumünzen. „2009 wird es richtig rumpeln. Wir wollen uns bereithalten dafür, und das mit hohem Qualitätsanspruch“, macht Brosch klar.

Kampfsimulation oder Lagerleben?

Endlich im Café in der Altstadt. „Ghandi“ nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Teebecher und erzählt. Von der sich in den vergangenen Jahren sehr stark entwickelnden Römerszene, in der sich eine Vielzahl von Gruppen bewegt. Zwar stützen nicht alle ihre Darstellung auf Funde aus dem ersten Jahrhundert, aber ihre Mitglieder sind vergleichsweise zahlreich und gut ausgestattet.

Nun halten sich die Kooperationspartner des Veranstaltungsprojektes „2000 Jahre Varusschlacht“ in Kalkriese, Detmold und Haltern noch bedeckt, was ihre Ideen rund um ein Reenactment angeht. Dass es so etwas aber geben wird und das Programm aus Ausstellungen, Vorträgen und Fachtagungen abrunden wird, scheint immerhin klar. Der Nachbau eines römischen Schiffes, das ab 2008 Werbung für das Projekt machen soll, ist ein erstes Anzeichen dafür. Dessen Crew wird vermutlich auch mit Darstellern aus der Römerszene besetzt. Entscheidet sich Kalkriese tatsächlich, ein Reenactment auf seinem Museumsgelände auszurichten, es fehlte der germanische Part, wenn sich jetzt nicht darauf vorbereitet würde.

Die „Chasuari“ und andere Akteure gestalten seit langem Living-history-Programme in Kalkriese mit. 2005 legten Brosch und seine Mitstreiter erstmals das so genannte Wall-Projekt auf; eine Kampfsimulation an der wieder aufgebauten Wallanlage auf dem Schlachtfeldgelände des Museums. „Kampfdarstellungen aus der Antike sind noch sehr selten“, meint Brosch. Detaillierter Nachbau von Ausrüstungen, Exerzieren und Märsche in voller Montur – all das sei bei den „Römern“ längst üblich. Aber eben keine choreografierten „Gefechte“, bei denen die Kombattanten mit Waffenattrappen gegeneinander antreten. In der Mittelalterszene ist so etwas gang und gäbe. Viele Römerdarsteller belächeln das aber als spekulative Strategiespiele.

Beim Publikum kam der „Kampf um den Wall“ in Kalkriese indes hervorragend an. Das Spektakel erfährt daher in diesem Jahr zu Pfingsten eine Neuauflage, bei der sich einige Comitatus-Gruppen angemeldet haben. Diese Erfahrungen sollen in die endgültige Konzeption für 2009 einfließen. Ihm geht es indes weniger um ein Schlachtgetümmel, das dem Publikum lediglich wohlige Schauer über den Rücken treibt. „Wir wollen zeigen, wie Kampfverbände damals agiert haben könnten“, sagt Brosch. Und das funktioniere auch nur, wenn das Geschehen von einem Moderator kommentiert wird.

So könne deutlich werden, warum die verschiedenen Waffen genau so aussahen, die römische und germanische Verbände nutzten. Und vielleicht wird dem ein oder anderen auch klarer, warum die Germanenkrieger damals drei hochgerüstete Legionen vollständig vernichten konnten. Die Moderation soll dem Publikum auch helfen, historisch verbürgte von rein interpretierenden Darstellungen zu unterscheiden. Und: Reenactment bedeutet eben das Inszenieren historischer Ereignisse; der angepeilte Jahrestag stellt nun einmal auf ein Kampfgeschehen ab.

Konzentration auf die Zeit um Christi Geburt

Es gibt noch ein Anzeichen, warum 2009 in Kalkriese so einiges anders wird, als es bisher zu den alle zwei Jahre stattfindenden Römertagen der Fall ist. Der Museumspark hat bei den „Chasuari“ ein erstes Konzept in Auftrag gegeben, wie eine Veranstaltung auszusehen hat, die dem Jahrestag auch gerecht wird. „Einige unserer Mitglieder arbeiten auch für das Museum“, begründet Brosch. Dieser Auftrag bedeute aber noch nicht automatisch die Organisatorenrolle für die Gruppe oder den neuen Dachverband Comitatus. „Die Entscheidung, was passieren soll, steht noch aus.“

Die internationale Szene der Antiken-Darsteller schaut längst auf das, was da kommen soll. Einigkeit über die Gestaltung des Reenactments herrscht deshalb aber noch nicht. Die Ideen reichen von einem möglichst großen Aufgebot an Akteuren bis zur Gestaltung eines Zeitstrahls von der römisch-republikanischen Ära bis hin zur Spätantike. Noch herrscht vielerorts Skepsis über einen choreografierten „Kampf“ wie ihn Comitatus anstrebt. Aber auch das Netzwerk will eine Mischung aus militärischen und zivilen Aspekten. Und keinen Zeitstrahl, sondern – dem Thema entsprechend – eine Konzentration auf die Zeit um Christi Geburt. „Die Varusschlacht steht für die Begegnung zweier Kulturen. Das wollen wir angemessen und ohne Vorurteile zeigen“, sagt Brosch.

Im vorigen Dezember fanden die Mitglieder von Comitatus zueinander. Neben den „Chasuari“ sind auch die „Cohors Prima Germanorum“, das „Projekt Brukterer“, der Verein „Ars Replika“, die Reitergruppe „Equites Digni“, „Foederati“, das „Projekt Sueben“ sowie der Verein „Projekte zur lebendigen Geschichte“ dabei. Unter diesen Gruppen kann Ars Replika die längste Erfahrung mit der Darstellung von Germanen vorweisen.

Der Anfang ist gemacht

Die meisten Mitglieder müssen sich ihre passende Ausrüstung erst noch zusammenstellen. „Da ist sehr viel Quellenstudium angesagt“, sagt Brosch, der an seiner Göttinger Uni bereits gute Vorarbeit geleistet hat. In den vergangenen Jahren trug er alles zusammen, dessen er in Sachen Forschungsgeschichte über Germanen habhaft werden konnte. „Die Ausarbeitungen dazu reichen über 100 Jahre zurück.“ Genug Material, um etwa Klischee und Wahrheit über Sueben voneinander trennen zu können. „Klar ist aber auch: Was wir machen, ist Interpretation“, stellt der Archäologe fest.

Womit Brosch arbeitet ist die Trinität aus Kunstgeschichte, Archäologie und Literatur. Wo zeitgenössische Abbildungen nicht mehr weiterhelfen, können Funde oder ihre Interpretationen durch Historiker das Bild vervollständigen. All das soll in den nächsten Monaten in Leitfäden zur Fertigung germanischer Ausrüstungsgegenstände münden. Diese Leitfäden schreiben die Comitatus-Mitglieder selbst, um für ihre Vorhaben verbindliche Bekleidungsvorschriften zu entwerfen. Und letztlich auf dieser Grundlage ihre öffentlichen Auftritte zu planen. Auf diesen gemeinsamen Nenner haben sich die beteiligten Gruppen geeinigt. Sobald dieses Gerüst steht, will sich das Netzwerk auch für andere Akteure öffnen. Brosch weiß, dass dafür noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten ist. In anderen Teilen der historischen Szene grummelt auch Kritik an diesem vorsichtigen Vorgehen.

Den Comitatus-Leuten wird in einigen Internetforen mangelnde Transparenz vorgeworfen. Denn am großen Plan zum Varus-Spektakel 2009 wollen viele teilhaben. Brosch muss so manchen Interessierten etwas bremsen. „Es kommen jetzt immer wieder Anfragen nach der großen Feldschlacht zwischen Römern und Germanen.“ Doch was heißt in diesem Falle „groß“? Jedenfalls kein Massenauflauf um der schieren Masse wegen, findet Brosch. Weil moderierte Kämpfe in der Antiken-Szene an sich schon eine Neuerung sind, wäre auch ein Zusammentreffen von „nur“ 100 Beteiligten schon eine feine Sache.

Masse statt Klasse käme für Comitatus ohnehin nicht in Betracht. Zumal es noch am organisierten römischen Gegenpart fehlt, der sich ebenfalls auf einen Varus-Auftritt konzentriert. „Erstmal werden wir unsere eigene Darstellung optimieren, dann sehen wir weiter“, meint Brosch. Vorerst gehen die Comitatus-Gruppen weiter miteinander auf Tuchfühlung. Der Test der Ausrüstung soll bei Märschen in voller Montur – wie ihn die „Römer“ schon längst für sich entdeckt haben – sowie bei einem internen Treffen noch in diesem Jahr erfolgen. So aufgestellt hofft das Netzwerk freilich auch auf den Ruf aus Kalkriese. Dafür müsse eben die Qualität stimmen, sagt Brosch. Und gegen eine Rolle als Mitorganisator beim Jahrestag habe man sicher auch nichts, meint er lächelnd. „Das Potenzial dazu wollen wir jetzt schaffen.“ Und erste Kontakte mit „Römern“, die sich die augusteische Zeit vorgenommen haben, gebe es auch schon.

Das Comitatus-Netzwerk über „comitatus“

„COMITATUS lautet der Begriff, den Tacitus in seiner Germania für ein Phänomen verwendete, nach dem sich Krieger stammesübergreifend unter einem charismatischen Anführer sammelten.

Weniger kriegerisch, aber nach gleichem Muster gruppenübergreifend und in Eigenregie, haben sich erfahrene Darsteller aus verschiedenen Gruppierungen zusammengetan, um sich gemeinsam dem interessanten Thema der römisch-germanischen Auseinandersetzungen und Wechselbeziehungen in Nordwest- und Mitteldeutschland zwischen den Jahren 9 vor und 16 nach Christus zu widmen.“ (Quelle: comitatus.eu)

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