Experimentelle Archäologie Zeitreisen in unsere Vergangenheit

Auch das findet sich im Buch: Erlebnisbericht einer Familie, die es in die Bronzezeit zog. © Federseemuseum Bad Buchau

Weg von kostümierten Heimatforschern oder volkstümelnden „Germanen“ – hin zur seriösen Inszenierung von Geschichte: Die experimentelle Archäologie hat sich gewandelt. Wie sehr, zeigt das Buch „Lebendige Vergangenheit.“

Aus dem Sumpf des Germanentums

Der Sonderband der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ (AiD) erschien jüngst im Theiss-Verlag. Es wurde Zeit, dass mal jemand aus eigener Erfahrung eine Nabelschau auf die Entwicklung der experimentellen Archäologie wirft. Und sich auch mit den aktuellen Wegen der doch inzwischen sehr vielseitig arbeitenden Reenactmentszene befasst. Beides leistete ein Wissenschaftler: Erwin Keefer, seines Zeichens Archäologe am Landesmuseum Württemberg, besorgte die Herausgabe des Buches und die Einführung in die Thematik. Zehn weitere Autoren widmen sich der Inszenierung historischer Lebenswelten.

Aller Anfang ist schwer, das galt auch für den Beginn der experimentellen Archäologie. Was immer die Forscher bei Ausgrabungen fanden, wollte man buchstäblich sinnlich erfahren, nachbauen und praktisch ausprobieren. In Deutschland, Österreich und der Schweiz entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts etliche Laiengruppen, die sich auf Spurensuche nach ihren „heidnischen Vorfahren“ begaben. Möglichst urige Kostümierung inklusive – allzu oft mit fragwürdigen Methoden und Kenntnissen hergestellt.

Der erste Rekonstruktionsversuch einer steinzeitlichen Pfahlbausiedlung entstand 1888 in der Ostschweiz bei Aarau – gewissermaßen ein Urmodell der sich daraufhin rege entwickelnden Freilichtmuseen. Das Reenactment – auch wenn es damals noch nicht so hieß – war bereits von Beginn an dabei. Mit Begeisterung widmeten sich viele Menschen dem Nachstellen historischer Szenerien; eine Attraktion für Tourismus und Massenmedien. So drehte die UFA schon 1928 den Film „Natur und Liebe“ mit Steinzeit-Darstellern im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen am Bodensee. Bilder aus dieser Anfangszeit hat der Theiss-Verlag im Buch publiziert.

Eine Entwicklung, die im Nazi-Deutschland allerdings zu Missbrauch führte, wie Keefer aufzeigt. Freilichtmuseen mit „echten Germanen-Höfen“ entstanden vielerorts. Unbekümmert um Glaubwürdigkeit oder wissenschaftliche Erkenntnisse vereinnahmten die Nationalsozialisten die lebendige Archäologie für ihre Ideologie. Kein Wunder, dass diese noch junge Methodik im Nachkriegsdeutschland lange auf der Strecke blieb, schreibt Keefer. Hierzulande kehrte vielmehr zunächst eine bewusste Abkehr hin zu einer betonten Sachlichkeit ein. Die allerdings mündete bald in staubtrockenen Vitrinenschauen in den Museen. Der Museumsarbeit war ein wichtiges Element im Kontakt mit dem Publikum verloren gegangen. Vorerst.

Heyerdahls abenteuerliche Fahrten

Wenn die klassische Archäologie eindeutige Zeugnisse der Vergangenheit aus dem Boden holt und zu klassifizieren versucht; was macht dann die experimentelle Archäologie? Keefer versucht eine Abgrenzung zu finden. Zunächst einmal soll sie idealerweise nach streng wissenschaftlichen Methoden arbeiten. Heißt: Akkurater Versuchsaufbau, der auch Wiederholungen zulässt, und eine fundierte Dokumentation. Das gilt für den Nachbau historischer Siedlungen oder dem Weben von Kleidern gleichermaßen. Was in der breiten Öffentlichkeit aber kaum ungestört zu leisten ist, meint Keefer.

Für die öffentliche Vermittlung wiederum kommen Archäotechnik-Vorführungen oder eben die „Living History“ zum Einsatz. Diese „Lebendige Archäologie“ formuliert anschauliche Bilder und Lebenswelten. Auch das Reenactment gehört in diese Kategorie. So kamen Methoden der Archäotechnik fraglos zum Einsatz, als der norwegische Experimentalarchäologe Thor Heyerdahl seine berühmten Wasserfahrzeuge wie „Kon Tiki“ (ein südamerikanisches Floß) oder „Ra“ (ein ägyptisches Papyrusboot) nachbauen ließ. Die Fahrten, die er mit diesen Fahrzeugen unternahm, waren indes ein klassisches archäologisches Experiment. Doch was bewies er mit seinen Touren auf verschiedenen Weltmeeren? Nur, dass diese prähistorischen Boote in der Lage waren, bestimmte Strecken zu bewältigen. Das bedeutet indes nicht zwingend, dass die Ägypter auch tatsächlich von Afrika nach Mittelamerika reisten – eine der Theorien Heyerdahls. Dennoch lösten solche Experimente einen ungeheuren Schub aus.

Wissenschaft und Living History

Wer die Geschichte der experimentellen Archäologie nachzeichnet, kommt um eine wegweisende Ausstellung nicht herum. Und Keefer geht folgerichtig auch auf die schon legendäre Schau „Experimentelle Archäologie“ ein, die der damalige Oberkustos des Museums für Natur und Mensch, Mamoun Fansa, 1990 in Oldenburg konzipierte. Fansa ist heute Direktor des Museums und sah schon längst den großen Nutzen der experimentellen Methodik, als viele Wissenschaftler noch jede Inszenierung als unglaubwürdig von sich wiesen. Fansa interessierte seit jeher das ursprüngliche Aussehen von alten Gebäuden und Gerätschaften. „Vielfach erschließen sich ihre mutmaßlichen oder wahrscheinlichen Funktionen erst durch den nachvollziehenden Gebrauch von Rekonstruktionen“, schrieb Fansa im Internetmagazin „Archäologie online“.

Die von Fansa initiierte Ausstellung wirkte, wie Heyerdahls Reisen oder die Legionärsmärsche des Marcus Junkelmann, wie eine Art Katalysator. Längst sammelten sich immer mehr Akteure in einer vielfältigen Reenactmentszene, die durchaus mit wissenschaftlichem Anspruch zu Werke gehen. Darunter auch Menschen wie die kaufmännisch-technische Angestellte Sylvia Crumbach, die seit 1999 mit Museen wie dem Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen oder dem Niederösterreichischen Landesmuseum Asparn/Zaya zusammenarbeitet. „Projekte zur lebendigen Geschichte“ heißt ein Netzwerk aus Gleichgesinnten, mit denen Crumbach an verschiedenen Themen arbeitet. Und folgerichtig erscheint Crumbach auch als Co-Autorin.

Knapp und präzise widmet sich Sylvia Crumbach einem ihrer Spezialthemen: der Textilforschung und Rekonstruktion von Webtechniken. In einem eigenen Kapitel legt sie den Weg dar, den sie von Textilfunden aus der Hallstattzeit (Eisenzeit) bis zum Rekonstruktionsversuch für einen eisenzeitlichen Prachtmantel beschritt.

Auf eigene Erfahrungen in der „Living History“ können auch zwei andere Autoren zurückgreifen: Die beiden Ur- und Frühgeschichtler Jörg Bofinger und Thomas Hoppe waren 1999 Mitbegründer der Keltengruppe „Carnyx“ aus dem Tübinger Raum. Damals gab es schon längst zahlreiche Mittelaltergruppen und Römerdarsteller, die keltische Eisenzeit hatte bis dahin aber kaum Beachtung gefunden. Diese Lücke schloss „Carnyx“. Die Mitglieder gehen mit großer Ernsthaftigkeit und bar jeder esoterischen Färbung – die inzwischen eine wachsende Neokeltenszene ergriffen hat – an die Sache. Was und wie sie es tun macht ein ungemein farbiges und gut zu lesendes Kapitel im Buch aus.

Schade aber, dass die beiden „Carnyx“-Autoren gewissermaßen stellvertretend das komplette Kapitel „Living History“ und „Reenactment“ abhandeln. Hier hätte eine neutrale Betrachtung der Sache gut getan. Immerhin halten Bofinger und Hoppe genug Abstand zur Thematik, um auch die Grenzen ihrer Arbeit deutlich aufzuzeigen. „Living History“ kann demnach kein absolut authentisches Bild zeichnen, aber durchaus glaubhafte Inszenierungen präsentieren. Ihr Motto: Durch originalgetreue Nachbildungen beim Publikum Interesse für die Geschichte wecken.

Von Möglichkeiten und Gefahren

Ob auf Archäotechnik-Veranstaltungen, bei historischen Events oder klassisch im Museum angesiedelt: Die „Lebendige Archäologie“ mache Geschichtsvermittlung zur „sinnlichen Pädagogik“, findet Keefer. So sehen es auch aufgeschlossene Wissenschaftler wie Mamoun Fansa. Der aber auch die experimentelle Archäologie als Diskussionsgrundlage verstanden wissen will.

Die Entwicklungen der vergangenen gut 20 Jahre haben die verschiedenen Inszenierungsmethoden hoffähig gemacht. Sie fehlen in kaum einem museumspädagogischen Programm. Und auf die Museumsarbeit, hier besonders auf die der Freilichtmuseen, stellt Keefer seine Aussagen hauptsächlich ab. Er warnt vor einer unbedachten Anwendung immer wiederkehrender Angebote. Workshops und Vorträge zum historischen Schmieden, Bogenbau oder Feuersteinschlagen und historische Kochkurse müssten einem Konzept und damit bestimmten Zielen folgen, resümiert Keefer. Nur dann könnten die Angebote vom Publikum auch richtig eingeordnet werden. Jede Methodik, jedes vermittelte Wissen müsse auch stets hinterfragt – und gegebenenfalls angepasst werden.

Wiederum schade: Die Autoren formulieren aus ihren Gedanken und Thesen keine exakten Qualitätsmerkmale, mit denen etwa Reenactmentgruppen an ihre Arbeit gehen könnten. Das hätte den wunderbaren Einblick in die wissenschaftliche Seite der Museen sowie die Erfahrungsberichte der einzelnen Co-Autoren so richtig abgerundet.

Gibt es den Königsweg?

Wulf Hein ist eine Art Guru der deutschen Archäotechnikszene. Seit rund zwei Jahrzehnten befasst er sich mit der Gestaltung von Freilichtmuseen und dem Nachbau originalgetreuer Repliken, vornehmlichen nach steinzeitlichen Funden. Er liefert gleichfalls einen Einblick in seine Arbeit. Der Leser kann ausführlich den Nachbau eines prähistorischen Einbaums verfolgen sowie dessen Testfahrt auf der Donau im Jahr 2001. Hein baute das Boot für das oberschwäbische Federseemuseum Bad Buchau. Der Bericht, im leicht ironischen Stil geschrieben, führt wiederum beispielhaft vor Augen, was alles dazugehört, wenn es um glaubwürdige Inszenierung historischer Lebenswelten geht.

Gleiches gilt für das sich anschließende Kapitel des Frankfurter Ur- und Frühgeschichtlers Jens Lüning. Wie schon bei Sylvia Crumbach geht es auch ihm um die textile Wiederentdeckung einer alten Kultur. Genauer: der Bandkeramik-Trachten aus dem mitteleuropäischen Raum. Eine Gruppe Frankfurter Studenten hatte vor einigen Jahren Funde wie Stoffreste, Keramiken oder Figuren (Idole) untersucht und daraus komplette Ausstattungen rekonstruiert. Historische Frisuren inklusive. Heraus kamen verblüffend modern anmutende Kleider.

Es bleibt indes nicht nur bei Positivbeispielen. Wulf Hein hat ein zweites Kapitel übernommen und widmet sich darin der philosophisch daherkommenden Frage nach „Sinn und Unsinn der Living History“. Nun ist Hein ein großer Kritiker gewisser „Auswüchse“ der Szene, vor allem, wenn sie das Fernsehen erreichen. Und so bezeichnet Hein TV-Formate wie die Living-History-Serie „Abenteuer Mittelalter“ im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) auch schon mal als blanken Voyeurismus. Auch Reenactmenttreffen, die verstärkt auf Rollenspiel setzen, finden wenig Gnade bei Hein. Ihm geht es bei der Sache vor allem exakte Rekonstruktionen, und deren wissenschaftlich fundierte Präsentation. Hein nennt auch Beispiele dafür, und die sind wirklich lesenswert. Etwa Schleuderversuche mit prähistorischen Speeren, die schon aus sportlicher Sicht verblüffende Ergebnisse zeigen.

Nur: Die Kritik Heins mag aus seiner Sicht durchaus berechtigt sein, doch das haben auch andere Autoren des Buche, nicht zuletzt Keefer selbst, schon ausgiebig besprochen. Heins Abrechnung mit kommerziellen Auswüchsen der Szenerie ist zu einseitig und abkanzelnd; und sie ist wiederum die Sicht von Innen. Die Sicht eines Praktikers, ja, – aber sie wirkt wie eine Verteidigungsrede für die experimentelle Archäologie. Die hat das aber nicht nötig, das zeigen die vielen guten Beispiele in diesem Buch.

Fazit

Es macht nichts, dass in dem Buch viel auf Freilichtmuseen und besonders viel auf die Epochen von Steinzeit bis Eisenzeit eingegangen wird. Die grundlegenden Ideen und Herangehensweisen gelten für alle Zeiten, die von modernen Menschen in Szene gesetzt werden. Genau dafür bieten die Autoren ein hervorragend aufgemachtes Kaleidoskop der Möglichkeiten. Diese Art der Nabelschau muss unbedingt fortgesetzt werden.

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2 Kommentare

  1. Schade, daß ausgerechnet bei der Besprechung dieses Bandes sich ein Autor an’s Werk machte, der den Unterschied zwischen Reenactment und Experimenteller Archäologie nach wie vor nicht so ganz durchschaut. Genau daß ist auch das Thema auf daß Wulf Hein sowie Bofinger und Hoppe abzielen. Daher auch der Blich von “oben herab” der in diesem Fall dem Unbeteiligten bisweilen arrogant erscheinen mag.

    20. Februar 2007, 13:02 Uhr • Melden?
  2. Was ich kritisiere, ist ja eben das: Dass der “Blick von oben” für sich allein steht. An den Ansichten der Buchautoren gibt es wenig zu rütteln, man darf sie aber hinterfragen, eben weil sie persönliche Wertungen sind – wie fundiert auch immer (das ist ja nicht die Frage). Die Unterschiede zwischen Reenactment und exp. Arch. sind mir durchaus bewusst. Allein: Die Grenze ist bisweilen fließend bzw. sie wird von vielen Akteuren so gesehen. Es gibt nicht umsonst derzeit einige Bemühungen aus der Wissenschaft (zB der Uni Freiburg) eine exakte Aufstellung der verschiedenen Disziplinen im Bereich der “Inszenierung historischer Lebenswelten” vorzunehmen. Aber das ist wieder ein anderes Thema, das über das hinaus geht, worum es in diesem Beitrag hier geht.

    20. Februar 2007, 14:02 Uhr • Melden?

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