Musica Romana Rockmusik der Antike

Reich illustriert und mit Hintergründen gespickt: das Booklet zum Album. © chronico

Das neue Album von Musica Romana ist ein starkes Stück antiker Musik. Wissenschaftlich fundiert, aber lebendig arrangiert. „Pugnate“ setzt römische Gladiatorenspiele auf kraftvolle Weise akustisch in Szene.

Konzeptalbum mit Geschichte

„Pugnate!“ – das klingt kämpferisch und war im römischen Altertum auch so gemeint. Der lateinische Ruf war vermutlich vor allem auf den Rängen der Arenen zu hören, wenn drunten die Gladiatoren auftraten. So reißerisch sich dieser Titel für ein Musikalbum auch ausnehmen mag, er passt einfach gut zur neuen Scheibe von Musica Romana. Das Ensemble ist seit Jahren für seine Tourneen in Sachen antiker – griechischer wie römischer – Musik bekannt. Und nun legt die Gruppe etwas vor, das Bandleader Susanne Rühling mit Fug und Recht als das erste Konzeptalbum von Musica Romana bezeichnet.

„Eine Geschichte wollen wir erzählen“, sagt Rühling. Der rote Faden dieser Geschichte sind die Gladiatorenspiele eines Tages, sagen wir: in Rom. Die tragischen Helden des Tages, aber auch das Publikum geben den Rahmen. Man mag es sich so vorstellen: Nicht mit der Kamera, sondern mit dem Mikrofon werden die fiktiven Figuren dieses Schauspiels begleitet. Keine Kammermusik, sondern Lieder und Musikstücke für das ganz große Publikum sind es, die Musica Romana arrangiert haben. Die Band bedient sich an überlieferten antiken Melodien und Texten – und mischt sie mit eigenen Kompositionen.

Das Ergebnis ist eine geniale Mixtur. Die vor allem für moderne Ohren bestimmt ist. Dennoch ist das Album auch ein historischer Leckerbissen. Dafür sorgen schon allein die Nachbauten antiker Instrumente, die durchgehend zum Einsatz kommen.

Formation mit besten Voraussetzungen

Für das Projekt ist Musica Romana bestens aufgestellt. Da ist also die Musikarchäologin Susanne Rühling, die sich seit langem mit historischer Musik auch wissenschaftlich befasst. Die Tanzpädagogin Jutta Knur bewegt sich sowohl theoretisch als auch praktisch auf sicherem Parkett, wenn es um traditionelle Tänze und Musik geht. Die Bonner Museumspädagogin Marion Nickel bringt Fachwissen unter anderem zur römischen Geschichte mit – und ihre Stimme in die Gesänge ein. Ur- und Frühgeschichte studierte auch Merit Zloch. Die Greifswalderin macht auf „Pugnate!“ das, was sie seit Jahren perfektioniert hat: Harfespielen. Mit dem Album „Urban Legends“ bewies sie jüngst, wie furios eine Harfe klingen kann. Zloch spielt wiederum auch in der Folkband „Bilwez“ mit Matthias Branschke zusammen, der sich als Dudelsackspieler profiliert hat. Für „Pugnate“ sorgt er mit den Auloi für einen satten Sound.

Das Ensemble wird von zwei Musikern ergänzt, die mit kaiserzeitlichen Blechblasinstrumenten und der römischen Wasserorgel ordentlich Stimmung machen. Es mag in der europäischen Living-History-Szene viele Nachbauten des Cornu, des geschwungenen Signalhorns der römischen Legionen, geben. Aber was der ausgebildete Konzerttrompeter Hagen Pätzold dem so berühmten Instrument entlockt, darf getrost als einzigartig gelten.

Justus Willberg wiederum studierte unter anderem historische Aufführungspraxis und Musikwissenschaft. Wunderbar fügten sich vor ein paar Jahren zwei Dinge zusammen: Willberg beschloss, die sogenannte Aquincum-Wasserorgel detailgetreu nachzubauen. Ihre Überreste stammen aus dem 3. Jahrhundert und wurden in Aqincum (heute Budapest) gefunden. Mit dem Nürnberger Mechaniker Martin Braun – selbst in der Living-History-Szene unterwegs – fand Willberg den richtigen Partner für die Rekonstruktion.

Von der Pompa zum Gelage

Schon das erste Lied auf der Scheibe ist ein starker Auftakt. Untermalt mit den Stimmen feiernder Menschen (wofür die Römer-Darsteller der Gruppe „Flavii“ zum Einsatz kamen) machen Tubabläser ordentlich Dampf. Man mag sich vorstellen, wie der Zug aus Gladiatoren, Fans und Musikern sich zur Arena bewegt. Bei Titeln wie diesem arbeitete Musica Romana mit einen Kniff, der Soundfetischisten begeistern dürfte: Am Computer tüftelten die Tontechniker eine akustische Rekonstruktion eines typisch antiken Viertels aus. Die Verteilung der Häuser, der Straßenraum – all das sorgte für ein bestimmtes Echo. Genau das haben die Techniker künstlich erzeugt und auf die Tonspur gelegt. Klasse Idee!

Opferriten, also der Tribut an die Götter, durfte bei auch bei einem Spektakel wie den römischen Spielen nicht fehlen. Ob der „Hymnus Dianae“ (Lied Nummer vier) tatsächlich bei solchen Ereignissen gesungen wurde, sei dahingestellt. Aber dem Ensemble kommt es auf etwas anderes an: Dieses Stück ist eine lebendig gewordene Originalstimme aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Der römische Dichter Catull hinterließ die Zeilen, mit denen die jungfräuliche Göttin der Jagd geehrt wurde. Ein gutes Jahrhundert älter ist der „Hymnus an Helios“. Diesen antiken Text hat der Musiker Mesomedes von Kreta überliefert. In zünftigem Altgriechisch zelebrieren die Sängerinnen von Musica Romana das Loblied auf den Sonnengott. Es sind zwei Lieder, die mit ihrem authentischen Text, gespielt auf authentischen Instrumenten, für einen stimmungsvollen Rahmen sorgen. Sie erinnern zudem daran, dass die Spiele nicht einfach nur ein mehr oder minder blutiges Spektakel waren. Sondern auch ein Ritual zu Ehren der Himmlischen.

Mit „Naumachia“ beweisen Pätzold am Cornu und Willberg mit der Hydraulis, der römischen Wasserorgel, ihre Meisterschaft im Zusammenspiel. Das Stück ist modern, komponiert von den beiden selbst. Es mangelt an überlieferten Melodien für diese Paarung. Dass es solche Duette aber bei Gladiatorenspielen gab, ist hinreichend belegt. Und was das Blechblasinstrument und die Orgel miteinander leisten können, zeigen die beiden Musiker genussvoll mit getragenen Melodien. Der Titel „Naumachia“ kommt nicht von ungefähr. Es ist durchaus gewollt, wenn der Hörer große Kriegsschiffe vor seinem inneren Auge vorbei ziehen sieht. Historische Quellen sprechen auch von inszenierten Seeschlachten in den Arenen. Technisch war das zumindest im Colosseum in Rom möglich.

Immer wieder gibt es auf dem Album kurze Sequenzen, in denen mal Willbergs Orgel, mal Pätzolds fulminantes Spiel auf den Blechblasinstrumenten dominieren. Überhaupt ziehen sich deren Instrumente als eine Art roter Faden durch das gesamte Konzeptalbum.

Zum Höhepunkt geputscht wird das Spiel in den zentralen Stücken „Pugnate!“, „Iugula!“, „Missio“ und „Victoria!“. Über den Sound aufgeregter Stimmen, die die Kämpfer in der Arena antreiben, den Verlierer ausbuhen und den Gewinner feiern, entwickelt Musica Romana hier eine atmosphärisch dichte Kulisse rund um die eigentlichen Gladiatorenauftritte. Pätzold dreht am Cornu zu Höchstleistungen auf, und entlockt dem Instrument jazzig wirkende, aufpeitschende Melodien. Und, so seltsam es klingen mag, Willberg bleibt mit dem mechanischem Schwergewicht seiner Orgel immer gleichauf – doch ohne sich in misstönende Kakophonien treiben zu lassen. Er legt den Soundteppich, auf dem Pätzold improvisieren kann. Einfach genial! Nicht ganz einzusehen sind aber die winzigen Spielpausen zwischen diesen doch so sehr zusammenhängenden Stücken. Ein fließender Übergang hätte die Wirkung noch gesteigert

Nach so viel Aufregung – wie vermutlich nach den historischen Spielen wohl auch – ist ein Moment der Ruhe angesagt. Musica Romana folgt hier den imaginären Spuren der römischen Oberschicht. Die ließ sich gern zu Gastmählern nieder, um den Tag würdig zu beschließen. Diesem Ansinnen verpassen die Musiker das akustische Pendant. „Musica Tabulae“ heißt treffend das nächste Stück. Hier darf die Wasserorgel mit dem Aulos konkurrieren. Die Doppeloboe ist Sache von Matthias Branschke. Der meistert seinerseits das antike Instrument spielerisch, das seinerzeit vom pompösen Auftritt in der Öffentlichkeit bis hin zur Hausmusik gleichermaßen beliebt war.

Szenenwechsel. Die Musik verlässt das Haus der Feiernden. Wäre das Album ein Film, so würde die Kamera nun auf einen Trauerzug halten. Bei allem bunten Treiben: Die Gladiatorenspiele blieben immer auch Kampfspiele mit Todesgefahr. Auch diesen Aspekt wollen die Musiker nicht unterschlagen. „Seikilos“ ist ein Klagelied, der Text ist einem anonymen Epitaph aus den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten entnommen. Begleitet von düsteren, aber immer noch geschmeidigen Cornu-Klängen singen die Musikerinnen zu Ehren des Gefallenen. „Solange des Lebens Licht dir leuchtet, halte dich von Leid und Kummer fern. Das Leben ist allzu kurz, bald ist auch deine Zeit abgelaufen.“

Und wieder ein radikaler Wechsel, hin zum Patrizierhaus, wo die sich vorzustellende Party ihren Höhepunkt erklimmt – mit bacchanalischen Gesängen.

Die das Publikum rocken

Der enorme Aufwand für ein Konzeptalbum hat sich gelohnt. Keine trockene Musikwissenschaft, sondern Musikspaß pur ist das Ergebnis. Während andere auf antik getrimmte Musikprojekte manchmal merkwürdig steril und sehr bemüht wirken, ist „Pugnate“ ein erdiges, ja kraftvolles Stück Musik. Und für den wissenschaftlichen Hintergrund sorgt schon das aufwendige Booklet zur CD.

Es geht nicht darum, ob die einzelnen Melodien exakt so auch in der Antike zu hören waren. Das lasse sich heute auch kaum sicher nachvollziehen, sagt Rühling. „Es geht uns um den authentischen Klang historischer Instrumente“, sagt sie. Also darum, was antike Musiker leisten konnten – auch und gerade, wenn sie gegen ein lautstarkes Publikum anspielen mussten. Oder modern übersetzt: Es waren Vollblutmusiker, die die Arenen rockten. Mitreißend in allen Situationen, die so ein Tag voller Gladiatorenspiele mit sich brachte. Das ist auch Musica Romana gelungen.

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3 Kommentare

  1. Nach langer Zeit ist die CD “Pugnate” von Musica Romana nun endlich erschienen. Natürlich habe ich große Erwartung darin gesetzt, die auch noch durch den sich immer wieder verzögernden Erscheinungstermin gesteigert wurde. Wie in dem Beitrag von Marcel erwähnt, handelt es sich bei dem neuen Werk um ein Konzeptalbum. Wenn man aber einen Titel hört, hat man eine Erwartung, z. B. weiß man, daß es bei dem Konzeptalbum von Pink Floyd “The Wall” um eine Mauer geht, wenn auch um eine imaginäre, die die Hauptperson um sich herum aufgebaut hat. Bei einem Titel, der auf deutsch “Kämpft” heißt, erwarte ich, daß es Lieder gibt, zu denen man auch kämpfen kann. Diese Erwartung wurde leider nicht erfüllt. Stattdessen bietet “Pugnate” die perfekte Hintergrundmusik für eine römische Cena. Das, was Susanna und Albin bei unserem Auftritt letztes Jahr im Helms-Museum gespielt haben, war die Art von Musik, die ich auch auf dieser CD erhofft hatte zu hören.

    01. Juni 2009, 18:06 Uhr • Melden?
    von Medusa
    1
  2. Ich bin begeistert von PVGNATE, eine Reise in das Rom der Kaiserzeit!

    18. Juni 2009, 21:06 Uhr • Melden?
    von Olivia Sievers
    2
  3. Dem Artikel von Marcel ist nichts hinzuzufügen, die CD ist ein einziger Genuß von Titel 1 – 23. Mein Lieblingsstück: Titel 20 “Umbra” Herrlich, diese Harfe…
    Einziger Wermutstropfen: Die sehr anspruchsvoll und ausführlich zusammengestellten Informationen zum Projekt im Booklet hätte eine mindestens 2 pt größere Schrift verdient, sich da mit der Lupe durchzuarbeiten strengt doch sehr an. @ Medusa: Als Konzeptalbum versucht die CD ja, die Stimmung bei einem römischen Gladiatorenkampf einzufangen, nicht sie zu produzieren. Ich denke, für Deine Kampfvorführungen würden mvsica romana Dir sicherlich gern als Auftragsarbeit eine Begleitmusik zur Untermalung komponieren und aufnehmen.

    Wulf Hein
    (ist jetzt schon gespannt auf das nächste Album)

    22. Juli 2009, 10:07 Uhr • Melden?
    von Wulf Hein
    3

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