Historischer Roman Drama am Abgrund

Buchcover zu „Abgründe der Macht“ © Torsten Kreutzfeldt

In der noch jungen Romanreihe des Archäologieverlags Philipp von Zabern darf man gut recherchierte Bücher erwarten. Wir nehmen den frisch veröffentlichten historischen Roman über Otto den Großen unter die Lupe.

Skeptischer Blick

Für chronico bin ich in eine Zeit zurückgereist, in der ich mich ohnehin seit über zehn Jahren hobbymäßig aufhalte: in die Ottonenzeit, die Zeit der Herrschaft der Sachsenherrscher Heinrich I., Otto I. bis III. und Heinrich II. Als das Buch von Robert Gordian auf meinem Schreibtisch landete, war ich skeptisch. Ein Roman über Otto I., genannt der Große?

Warum soll ich eine Fiktion über einen Herrscher lesen, über den es bereits so gute Sachbücher gibt, der in weniger guten Dokumentarfilmen und in vielen Internetquellen hinreichend beleuchtet wird? Ausstellungskataloge von vergangenen und künftigen Ausstellungen habe ich gar nicht mitgerechnet. Wir werden sehen, ob sich die Lektüre gelohnt hat.

Gordian hat sich für seinen neuesten historischen Roman Otto I. (912 bis 973) ausgesucht, aber wer einen Roman von Ottos Geburt in Wallhausen bis zu seinem Sterbetag in Memleben erwartet, der wird enttäuscht werden. Wir steigen erst bei Ottos Krönung zum König des ostfränkischen Reiches 936 in Aachen ein und erleben die schweren Jahre seiner Herrschaftskonsolidierung bis zum Jahr 939 mit. Jahre, die Gerd Althoff und Hagen Keller in „Heinrich I. und Otto der Große“ (2. Aufl. 1994) folgendermaßen charakterisierten: „In den ersten Jahren seiner Regierung und noch einmal zu Beginn der 50er Jahre stürzten Erhebungen gegen den König das Reich in eine schwere Krise“.

Stürmischer Anfang mit offenem Ende

Otto, der um seine mangelnden militärischen Fähigkeiten weiß, beseitigt darum mit größerem Einsatz von List alle Widerstände. Am Ende sind drei Gegner um die Herrschaft tot, die Herzöge Eberhard, Giselbert und Ottos Halbbruder Thankmar. Otto hat die Bayern unterworfen und nur sein Bruder Heinrich kann ihm den Thron noch streitig machen, aber das Finale dieser Geschichte findet erst 941 statt.

Der Roman endet aber bereits 939 und damit bleibt alles offen. Und ich blieb als Leser an dieser Stelle ratlos zurück. Auch etwas verstimmt, das gebe ich gerne zu.

Dabei hatte mir Gordians Otto durchaus gefallen und ich fühlte mich ausgezeichnet unterhalten. Die Spannung hielt sich natürlich in Grenzen, denn die Geschehnisse sind im Großen und Ganzen bekannt. Schon beim Aachener Krönungsfest fällt Otto verbal über seine Umgebung her und wie in einem Theaterstück strichen die meisten Hauptakteure vorbei und werden von ihm im Gespräch mit Königin Editha hinter ihren Rücken verrissen. Otto wirkt dabei wie eine Mischung aus Hexe, Macbeth und König. Gordian schildert ihn als einen Mann mit Verstand und scharfer Zunge, der aber äußerlich gar nicht königlich wirkt.

„Anscheinend sind wir als Königspaar etwas missraten“, lässt er ihn im Roman zu seiner Königin sagen, „von mir sagt man, ich sähe aus wie ein als König verkleideter Spaßmacher“. Der König kann tatsächlich Spaß machen: Bierkannen kickt er wütend durchs Zelt und gegen das Knie seines Feldherrn Hermann Billung; seinem Schreiber wirft er das Tintenfass um und seine Gegner führt er mit erfundenen Geschichten über das Ausmaß einer Schlacht hinter das Licht. König Otto hat es laut Gordian faustdick hinter den Ohren. In Wahrheit weiß natürlich niemand mehr, wie Otto wirklich aussah und ob er beim Bierkannenkicken Berühmtheit erlangte.

Starke Frauen, Schurken und Helden

Seine Frau Editha, deren Grabauffindung vor kurzem für archäologischen Wirbel und zu einen handfesten Streit zwischen den Städten Halle und Magdeburg geführt hatte, ist im ersten Teil des Romans ständige (macht-)politische Beraterin und Mahnerin. Sie verschwindet im zweiten Teil allerdings etwas aus der Handlung.

Das macht nichts, denn an Frauengestalten herrscht in Gordians Roman dennoch kein Mangel, gibt doch die Ottonenzeit einiges her: Da ist Mathilde, Ottos dominante Mutter, die lieber ihren hübschen Sohn Heinrich auf dem Thron gesehen hätte, sodann Petrissa, gefangene Slawin und Mutter von Ottos illegitimen Sohn Wilhelm, und schließlich Ottos Schwester Gerberga, die ihrem Bruder, was Machthunger betrifft, in nichts nachsteht, ihre Ziele aber auf andere Weise erreichen muss. Mit der Verführung von Ludwig, dem jugendlichen westfränkischen König, erreicht sie tatsächlich ihr Ziel und wird Königin im Reich der Karolinger.

Die „finsteren Schurken“ dieses Dramas sind Ottos Bruder Thankmar, Herzog Eberhard und Herzog Giselbert. Alle erheben sich nacheinander und miteinander gegen den König und finden den Tod dabei. Ottos Bruder Heinrich, der bei allen Aufständen munter dabei ist, einmal ausgenommen. Dieser dritte Sohn von Ottos Vater und Vorgänger Heinrich I. ist die eigentliche Hauptperson des Romans für mich.

Von seinen Ansprüchen auf den Thron oder zumindest auf die Herzogswürde in Sachsen überzeugt und darin von seiner Mutter Mathilde stets bestärkt und heimlich unterstützt, rebelliert Heinrich gegen seinen königlichen Bruder Otto und scheitert stets erbärmlich, bis seine Machtbasis so schmal und seine Möglichkeiten so beschränkt geworden sind, dass nur noch eine Verzweiflungstat helfen kann. Aber die kommt in Gordians Roman nicht mehr vor, ebenso wenig wie die Wandlung des kleinen Bruders vom Feind zum besten Verbündeten des Königs.

Kommen wir von den „Schurken“ zu den „Helden“ des Romans. Die treuesten Verbündeten Ottos sind knorrige und grausame Grafen wie Hermann Billung, Gero, Udo und Konrad Kurzbold. Sie sind Ottos Paladine, wenn sie auch nicht immer uneigennützig handeln, und mit ihren Grausamkeiten den Unwillen der Königin erregen. Kurzbolds Homosexualität wird zum Glück nur kurz gestreift, ich hätte sie ganz weggelassen. Aus den Quellen erschließt sich das ohnehin nicht. Udo und Konrad gelingt es als Finale des Romans, mit List und schnellem Handeln den Aufständen ein vorläufiges Ende zu setzen.

Geschliffene Dialoge in spröder Kulisse

Stilistisch ist Gordian ein konservativer Erzähler. Seine Stärke sind die guten und lebendigen Dialoge, die mir sehr viel Spaß gemacht haben. Nicht nur das abrupte Ende, sondern auch die im Stil von Filmszenen wechselnden Handlungsstränge vervollständigten den Eindruck eines Romanfragments.

Der Theaterbühne, die mit lebendigen Dialogen und stimmigen Bildern aufwarten konnte, fehlten am Ende leider die Schauspieler, die den Figuren Leben verleihen konnten. Die Figuren erstarben, bevor sie sich richtig entwickelt hatten. Der Zuschauer bzw. Leser fragt sich immer noch, wo der letzte Akt dieses Stücks abgeblieben ist.

Noch einige Äußerlichkeiten: Ehrlich gesagt, wäre ich schon vom Titel abgeschreckt gewesen: „Abgründe der Macht“. Handelt es sich um eine Abhandlung über Politik? Ist August der Starke oder Kurt Biedenkopf gemeint? Was Autor oder Verlag da geritten hat; ich habe keinen blassen Schimmer. Und wenn es heißt: „Roman über einen Sachsenkönig“, dann hätte ich es besser „Roman über DEN Sachsenkönig“ genannt.

Das Umschlagbild mit einem Teil eines Gemäldes eines italienischen Meisters aus dem frühen 16. Jahrhundert ist noch unpassender als der Titel, zumal es eine Menge Abbildungen aus ottonischen Buchmalereien für eine passendere Gestaltung gegeben hätte. Vielleicht kann das der Umschlaggestalterin Katja Holst bei Gelegenheit mitgeteilt werden. Ein Buch ist ein Produkt und muss verkauft werden, doch muss die Verpackung und Benennung zum Produkt passen. Sonst fällt die Kaufentscheidung unter Umständen negativ aus.

Schade, aber dieser Roman ist ein Schnellschuss, was um so bedauerlicher ist, weil Umsetzung und Potential des Stoffes mehr hätten zulassen können. Weder das Bierkannenkicken, noch ein Gürteltrinkhorn (auf welchen Mittelaltermarkt waren wir denn?) fand ich schlimm, sondern dass ich als Leser mit diesem Romanfragment und diesen Scherenschnittfiguren abgespeist wurde. Das Lesen hat sich gelohnt, aber nicht wirklich erfreut. Drum kurz und knapp: Herr Gordian, das können Sie besser!

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