Hammaborg Die Anatomie des Schwertkampfs

Historische Kampfkunst begeistert Vereine wie Hammaborg. © VS-Books / chronico

„I.33“ oder „Cod. Icon 393“ sind Codes für mittelalterliche Fechtbücher. Der Hamburger Schwertkampfverein Hammaborg erweckt sie zu neuem Leben. Aktuell mit Handschrift „44 A 8“ des Peter von Danzig.

Von den Anfängen

Bevor vom – leider recht anonym gebliebenen – Peter von Danzig und dem ihm zugeschriebenen Werk aus dem Jahr 1452 die Rede ist, muss ein Blick auf den Verein Hammaborg und seine Vorsitzenden Roland Warzecha und Dierk Hagedorn, geworfen werden. Beide sind sie Illustratoren und bekennende Fans des historischen Schwertkampfs.

Oder vielleicht doch etwas grundsätzlicher. Historische oder historischen Vorbildern nachempfundene Waffen sind ein Aspekt dessen, was Menschen an Geschichte faszinieren kann. Auf dem Mittelaltermarkt oder bei Living-History-Veranstaltungen sind Schwert, Schild & Co. kaum mehr wegzudenken. Und das quer durch die verschiedenen Epochen, für die sich moderne Akteure begeistern.

Seit es historische Spektakel gibt, gehören die Schaukämpfer dazu: idealerweise trainierte Menschen, die in mehr oder weniger miteinander abgesprochenen Choreografien agieren. Das aus dem Englischen kommende „Stage Combat“ (Bühnenkampf) ist solch eine Kunst, bei der es vor allem auf stimmige Atmosphäre und die perfekte Illusion fürs Publikum geht.

Vor allem in der Mittelalterszene bedeutsam sind sogenannte Freischlachten. Die Kombattanten treten in historischer Gewandung in Verbänden gegeneinander an. Auch hier geht es in erster Linie um eine stimmige Atmosphäre – für Zuschauer und Teilnehmer gleichermaßen. Die „Erstürmung“ der Burg, das Nachstellen historisch verbürgter Kämpfe (Reenactment), Treffen auf freiem Felde. Damit einher gehen Bemühungen, solche Aktionen unfallfrei ablaufen zu lassen. Bei den Gruppen kursieren Regelwerke (Codex Belli), oft wird eine Art Prüfung abgenommen (die viel diskutierte „A-Karte“). Das Ziel: Mit stumpfen Waffen viel Eindruck machen, aber kein Blut fließen zu lassen. Oft geht es ohne abgesprochene Choreografien zu. Wer in seiner (streng reglementierten) Trefferzone berührt wird, scheidet aus.

Huscarl und der logische Schritt

Gewissermaßen wurzelt die Kunst, die Hammaborg und gleichgesinnte Vereine pflegen, in den Techniken der Mittelalterszene. Genauer: der europäischen Wikinger-Reenactment-Szene. Die entwickelte Ende der neunziger Jahre einen Kampfstil, der an die Stelle der sonst üblichen Freischlachten trat. Huscarl ist eine Art Gegenbewegung zu den Showkämpfen, wie sie etwa auf Mittelaltermärkten gebräuchlich sind. Vor allem Akteure, die großen Wert auf die historische Qualität ihrer Ausrüstung legen, wurden Huscarl-Anhänger. Es ging schlicht darum, Waffenrepliken möglichst stimmig, und immer noch sicher genug, zum Einsatz zu bringen. Es war der Drang nach einer realistischen Gestaltung von Freikämpfen. Den Namen bekam die Technik von den skandinavischen „Hauskerlen“, den professionellen Kämpfern der Wikingerzeit.

Das war das Umfeld, in dem sich Hammaborg 1999 gründete. Aber das war auch der Punkt, von dem aus ein weiterer Schritt folgte; hin zur Rekonstruktion mittelalterlicher Kampftechniken. Mehr und mehr suchte der Hamburger Verein Antworten auf Fragen wie diese: Wie traten die Kämpfer damals wirklich gegeneinander an? Was davon lässt sich heute umsetzen – und was aus Sicherheitsgründen besser nicht? Und wie schützt man sich am besten?

Historische Fechtmeister

Für die Experimentierlust des Schwertkampfvereins ergaben sich logische Konsequenzen. Das Quellenstudium gibt heute den Ton an. Da es keine brauchbaren frühmittelalterlichen Quellen gibt, verschob sich damit die zeitliche Ausrichtung des Vereins – das Spätmittelalter ist Dreh- und Angelpunkt. Was übrigens für die meisten historischen Kampfkunstvereine gilt.

„Schuld“ daran sind im Grunde Peter von Danzig und all die anderen belegten oder vermuteten Autoren zeitgenössischer Handschriften, in denen die Fechtkunst behandelt wird. Namen wie Talhoffer oder Liechtenauer schmücken berühmte Fechtbücher, die vornehmlich vom 14. bis 16. Jahrhundert entstanden. Das älteste erhaltene Fechtbuch ist jenes, das den eingangs erwähnten wissenschaftlichen Kurztitel „I.33“ trägt. Es entstand um 1300 und ist ein Zeitgenosse der Manessischen Liederhandschrift.

Damit war die Trennung vom Auftritt in historischer Kleidung und Rüstzeug auf der einen sowie der Kampfkunst – mit moderner Schutzkleidung – auf der anderen Seite vollzogen. „Es geht uns um die Technik“, sagt Warzecha. Und die lasse sich mit originalgetreuen Waffen oder Rüstungen nicht sicher genug trainieren. In Deutschland, Österreich und der Schweiz entstand, wie in anderen europäischen Ländern auch, eine vielfältige Szene rund um die historische Kampfkunst.

Peter von Danzig

Hier kommt nun Handschrift „44 A 8“ ins Spiel. Sie ist vorläufiger Höhepunkt der akribischen Quellenrecherche von Hammaborg. Dessen stellvertretender Vorsitzender Dierk Hagedorn hat sich das Fechtbuch aus dem Jahr 1452 vorgenommen. „Es ist eine zeitgenössische Quelle für Interessierte und vor allem für Praktiker“, sagt er. Hagedorn hat zwei Dinge getan: den frühneuhochdeutschen Text kopiert und in modernes Deutsch übertragen. Das Ergebnis ist das jüngst im Verlag VS Books erschienene Buch „Peter von Danzig – Transkription und Übersetzung der Handschrift 44 A 8“.

Ob Peter von Danzig tatsächlich das Werk geschrieben hat, ist unbekannt. Er ist Verfasser des letzten Abschnitts, dem „Kampffechten“. Vor ihm taucht Material einer ganzen Reihe anderer Fechtmeister auf: Johannes Liechtenauer (u.a. langes Schwert, Rossfechten), Andre Lignitzer (kurzes Schwert, Schwert und Buckler, Dolch), Martin Huntfelt (kurzes Schwert) und Meister Ott (Ringen). Einige Besonderheiten in der Aufmachung der Handschrift lassen indes vermuten, das Peter von Danzig bei Erscheinen der Handschrift noch äußerst lebendig war und damit möglicherweise der Kompilator der einzelnen Texte.

Hagedorn, der bei Hammaborg Trainingsleiter für das lange Schwert ist, vertiefte sich also in das Werk. Ihn faszinierte eben, dass es die Lehren verschiedener Fechtmeister samt zeitgenössischer Kommentare versammelt. Im Grunde stelle das Buch die „Gesamtheit des spätmittelalterliches Kampfes“ dar, sagt der Herausgeber. Viele der dargestellten Techniken bilden die Grundlage der Trainingseinheiten nicht nur bei Hammaborg. Als reine Quellenlektüre ist das Buch aufgemacht. Es kommt ohne moderne Schaubilder, aber auch ohne eigene Interpretationen von Hagedorn daher. Ganz anders also, als die aufwändigen Rekonstruktionen der Buchreihe „Mittelalterliche Kampfesweisen“ des Zabern-Verlags (siehe Linkliste).

„Das Dilemma bei der Rekonstruktion ist, dass sich alle Fechtbücher an den Fortgeschrittenen wenden“, schreibt Hagedorn in seinem Vorwort. Was auch für das Danziger Manuskript gelte. Wobei nicht einmal geübte Sportfechter einen Vorteil hätten. Denn die nutzen eine moderne Technik, die kaum mehr etwas mit dem zu tun hat, was einst Talhoffer & Co. lehrten. Die Annäherung an den Ursprung muss also behutsam und mit viel Training vonstatten gehen. Hagedorns Buch ist ein Angebot, buchstäblich ursprüngliches Material in verständlicher Aufmachung zur Hand zu haben. In Verbindung mit erfahrenen Lehrern, guten Übungswaffen (Schwertsimulatoren) und den richtigen Protektoren ist das Werk ein idealer Wegbereiter.

Jede Buchseite ist ein Spiegel der gegenüberliegenden: links führt Hagedorn den historischen Text auf, rechts findet der Leser die moderne Entsprechung. Ein übersichtlich aufbereitetes Glossar, Bibliografie und eine schöne Kontaktliste zur Szene historischer Fechtgruppe runden das Werk ab.

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2 Kommentare

  1. “Ganz anders also, als die aufwändigen Rekonstruktionen der Buchreihe „Mittelalterliche Kampfesweisen“ des Zabern-Verlags”

    Rekonstruktionen? Aufwändig? In der Buchreihe “Mittelalterliche Kampfesweisen”? Frei interpretierte Verrenkungen in komischen Verkleidungen würde eher passen.

    Nein; das hier besprochene Buch von Hammaborg macht vor, wie man vorgehen sollte: Beschäftigung mit den Originalquellen als Ganzes, keine Interpretation ohne Kenntnis der Grundlagen.

    Das hier besprochene Buch ist vor allem denen zu empfehlen, die sich wirklich mit spätmittelalterlicher Kampfkunst beschäftigen wollen- und nicht mit dem selbstverliebt interpretierten Sport, den manche als solche bezeichnen.

    12. März 2009, 11:03 Uhr • Melden?
  2. Vielen Dank für den Artikel, Marcel.
    Der nachgezeichnete Weg von Hammaborg kann vielleicht Berührungsängste und Vorurteile zwischen den verschiedenen Szenen, in denen Schwertkampfbegeisterte sich bewegen, abbauen helfen.

    Letztlich können wir uns glücklich schätzen, durch die Fechtbücher, die in den letzten Jahren zugänglich gemacht worden sind, einen Ansatzpunkt für die Rekonstruktion der Kampfkünste des europäischen Mittelalters zu haben. Als ich Anfang der neunziger Jahre mit Geschichtsdarstellung begann, war dem noch nicht so.

    Liebe Grüße aus Mecklenburg,
    Roland

    12. März 2009, 12:03 Uhr • Melden?

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