Mittelalterlicher Kampf Scheibendolch, Stechschild & Co.

Hans Talhoffers Bilder stehen im Zentrum der Rekonstruktionen. © chronico

Der Mainzer Verlag setzt seine Buchreihe „Mittelalterliche Kampfesweisen“ fort. Herausgeber André Schulze präsentiert ein gut aufgestelltes Autorenteam mit vielen Praktikern. Dazu gibt es frisch aufgelegt – ein Fechtlehrbuch.

Talhoffer praktisch gesehen

Zabern hatte es 2006 angekündigt, und bislang zieht der Mainzer Geschichtsverlag das Projekt auch wirklich durch: Auf fünf Bände ist allein die Rekonstruktion des Fechtbuchs von Hans Talhoffer aus dem 15. Jahrhundert angelegt. Inzwischen liegen Band 2 und 3 der Reihe „Mittelalterliche Kampfesweisen“ vor, die André Schulze – ein Schwertkämpfer aus Passion – herausgibt. Beide sind in dieser Geschichte das Thema. Zabern will die Reihe durch einschlägige Lehrbücher ergänzen. Auch dieser Schritt ist bereits getan. Fechtlehrer Wolfgang Abart, der bereits in Schulzes Reihe als Co-Autor auftritt, hat jetzt frisch das Werk „Lebendige Schwertkunst“ publiziert. Das Buch richtet sich an Einsteiger zum „Bloßfechten mit Schwert und Feder“, wie der Untertitel verrät.

Eine derart umfangreiches Buchpaket in Sachen spätmittelalterlicher europäischer Kampfkunst ist mehr als nur ein Diskussionsangebot. Freilich gibt es reichlich zeitgenössisches Material, sprich: mehr oder minder aussagekräftige Fechtlehrbücher. Das von Talhoffer ist nur eines, aber in vielen Kreisen das bekannteste Buch. Es erlebte mehrere Auflagen. Die berühmteste von 1467 ist jene, die André Schulze gemeinsam mit der Archäologin Sandra Fortner aufbereitet. Ihr Konzept bleibt: Talhoffers Bildtafeln nacheinander zu publizieren und die dort gezeigten Fechtszenen zu interpretieren und in nachgestellten Kampfszenen zu rekonstruieren.

Nach Erscheinen des ersten Bandes „Das Lange Schwert“ hatte Schulze reichlich Kritik seitens jener Szene einstecken müssen, die Schwertkampf nach historischen Vorbildern trainiert und auch öffentlich praktiziert. Sei es als Schaukampfgruppe oder als Akteure, die nach Outfit und Kampfmethodik nah am Original bleiben wollen. Oder anders gesagt: Wer Living History im 15. Jahrhundert betreibt, sich an der damaligen Kultur Mitteleuropas orientiert und eben auch Wert auf Kampfkunst legt – der kommt an Talhoffer kaum vorbei. Was das Autorenduo Schulze / Fortner da also aufgreift, trifft den Nerv vieler Akteure. Und viele wollen Schulzes Buch denn auch nur als einen Deutungsvorschlag verstanden wissen. Anderes hatte der Herausgeber allerdings auch nie behauptet.

Geballtes Expertenwissen

Eines muss man Schulze lassen: Er nahm die Kritik an und baute schon im zweiten Band „Der Kriegshammer, Schild und Kolben“ sein Autorenkollegium umfassend aus. Und im derzeit vorliegenden dritten Teil „Scheibendolch und Stechschild“ blieben die Co-Autoren nicht nur dabei; die Liste ist sogar noch länger geworden. Es sind vor allem Namen aus der Schwertkampfszene in Deutschland, Österreich und der Schweiz – allesamt ausgewiesene Praktiker wie Elmar Bihler (historische Schwertfechtergruppe „Die Schwertler“), Roland Warzecha (Vorsitzender des Vereins „Hammaborg“), Dieter A. Bachmann von der Schweizer Gruppe „Freywild“ oder der Österreicher Marcel Dorfer („Soldknechte“). Mit dem Schmied Arno Eckhardt holte Schulze zudem einen Mann ins Boot, der seit Jahren selbst Schwerter herstellt.

Die Autorenriege kann sich sehen lassen. Eine Garantie, nun endlich die einzig wahre Aufbereitung historischer Kampfkunst bieten zu können, ist sie sicherlich nicht. Genau das werden die Autoren auch nicht müde, zu betonen. Aber die Buchreihe darf für sich verbuchen, den wohl bislang umfangreichsten Rekonstruktionsversuch gestartet zu haben. Nacheinander arbeitet Schulze die Bildtafeln aus Talhoffers Fechtbuch ab. Brillant nach wie vor die Wiedergabe des historischen Bildmaterials. Und die Idee, diesen Bildern „lebendige Rekonstruktionen“, also moderne Neuinszenierungen in Form von Fotoserien, beizustellen, geht nach wie vor auf.

Leider bleibt es dabei: Die modernen Fotos verblassen vor der Brillanz der historischen Vorlage. Ein optischer Genuss sind sie meistens nicht. Schade, wenn womöglich aus Kostengründen auf den Einsatz professioneller Fotografen verzichtet wurde. An der Bildverarbeitung durch Zabern liegt es jedenfalls nicht, dass manches Detail in viel zu klein abgebildeten Fotos verschwimmt oder zu kontrastarm wiederkommt. Der Verlag selbst legte satz- und drucktechnisch eine gewohnt gute Qualität vor. Zumindest die vergrößerte Darstellung wichtiger Schlüsselszenen hätte optisch noch einigen Reiz gehabt. So bleibt es dabei: Interessierte Laien werden im Gleichmaß der abgedruckten Bildserien (bis zu acht Fotos je Talhoffer-Originalseite) schnell den Faden verlieren. Für Anfänger und Experten der Schwertkampfkunst werden die vorgelegten Interpretationen freilich ausreichend Diskussionsstoff bieten. Und an sie dürfte sich die Reihe ja vor allem richten.

Zusammenstellung nach Zufallsprinzip

Die didaktische Aufbereitung des Stoffes kommt mit einigen Problemen daher. „Schuld“ daran hat vor allem Talhoffer selbst. Sein Fechtbuch ist keineswegs klar durchstrukturiert. Die klare Linie bei der Zabern-Reihe bilden – aber nur für den aufmerksamen Leser – tatsächlich die Tafelnummern. Linear geht Schulze vor. Wo der Tafelteil des einen Bandes aufhört, geht es im nächsten weiter. Es ist schwer, die behandelten Waffengattungen strikt zu trennen. Die Folge: Die Buchtitel fassen den Inhalt nur ungefähr zusammen.

Zuweilen merkt man den Bänden an, dass nicht die ganze Reihe durchgeplant ist, sondern von Buch zu Buch vorgegangen wird. Was weniger die Fachbeiträge zum Gerichtswesen oder der mittelalterlichen Medizin betrifft. Vielmehr kommt die Waffenkunde etwas sehr zufällig verteilt daher. Die Einführung in das Schmieden von Schwertern wäre natürlich im ersten Band besser aufgehoben, sie steht nun im zweiten Teil. In enger Nachbarschaft zu Marcel Dorfers Abhandlung über die Plattenrüstung. Die aber kommt erst im dritten Band so richtig zum Zuge, wo wiederum Dorfer das Harnischfechten anhand von Fotoserien rekonstruiert. Und Holger Herzog („Trivium“) ist mit seinem Beitrag zur Rekonstruktion eines Stechschildes im dritten Band zwar auch gut aufgehoben – doch schon im zweiten Teil stand dieses Gerät im Mittelpunkt.

Aber: Der Serie tut die Versammlung verschiedener Autoren, und damit unterschiedlicher Herangehensweisen, richtig gut. Vor allem ist die Entscheidung eine richtige, es nicht nur bei der bloßen Abbildung Talhofferscher Zeichnungen sowie der zugehörigen Rekonstruktionsvorschläge zu belassen. Als Gesamtwerk betrachtet, bietet „Mittelalterliche Kampfesweisen“ einen guten Überblick über Kampftechniken und die Betrachtung wichtiger Themen. Die Serie bleibt mit der Auswahl nahe an dem, was mit der spätmittelalterlichen Gerichtsbarkeit oder dem Umfeld damaliger Fechtmeister zu tun hat.

Nicht nur grenzenlose Faszination

Waffen faszinieren, keine Frage. Und es ist auch nicht wirklich verwunderlich, dass historische Kampftechniken heute eine solche Zugkraft entwickeln. Fechtschulen gibt es allerorten, die sich mehr oder weniger strikt auf historische Vorbilder berufen. Bei der Faszination allein sollte es allerdings nicht bleiben. Schon gar nicht bei einer Buchreihe, die nicht allein die historische Betrachtung, sondern eben die praktische Umsetzung fokussiert.

Schulzes Serie bietet einige Ansätze, die Grenzen der Faszination und vor allem des Einsatzes der Techniken und Waffen aufzuzeigen. Das Kapitel über Medizinkunde ist ein solcher Ansatz. Lobenswert vor allem bei den Praktikern ist auch die permanent auftauchende Bitte um verantwortlichen Umgang mit den Geräten. Im dritten Teil bieten Schulze und Gabriele Schott, Fachärztin für Psychiatrie, einen gemeinsamen sozial-psychologischen Exkurs zum Schwertkampf. Roland Warzecha kommt im zweiten Band so richtig in Fahrt: Mit teils drastischen Bildern demonstriert er, was ein Schwert anrichten kann. Ob das Abbilden blutiger Rehbockkadaver unbedingt nötig war, sei dahingestellt. Letztendlich mag aber auch das der puren Faszination die nötige Erdung verleihen.

Im dritten Band legt Elmar Bihler einige technische Grundlagen für Anfänger der Schwertkampfkunst nach. Die lassen sich so zusammenfassen: Lerne erst die Grundschritte, bevor du eine Trainingswaffe in die Hand nimmst, von Metallgeräten ganz zu schweigen. Einige wichtige Huten bietet Bihler ebenfalls in eigens erstellten Bildserien. Was mir noch fehlt, ist eine Aufbereitung der modernen juristischen Dimensionen – ergo Gebrauch, Einsatz, Transport von Waffen. Und, ja, vielleicht auch verbunden mit einem Regelwerk für den massenkompatiblen Einsatz beim Reenactment. Das muss nicht mit einem Talhoffer-Band verbunden sein. Aber Zabern hat einen wichtigen Schritt getan. Auf halbem Weg sollte der Verlag jetzt nicht stehen bleiben. Und da gibt es ja auch noch andere Epochen.

Wolfgang Abarts „Lebendige Schwertkunst“

Seit Frühjahr 2008 wird die Buchreihe von Zabern mit dem Titel „Lebendige Schwertkunst“ von Wolfgang Abart praktisch unterstützt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der 36-Jährige unterhält in Süddeutschland eine eigene Fechtschule. Er ist gelernter Schwertfeger und zudem als Fechtchoreograf tätig. Mit seinem Buch übernimmt Abart die Aufgabe, gewissermaßen die Grundsubstanz aus den überlieferten Techniken der Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert herauszufiltern.

Alte Fechtmeister tickten besonders: Gaben sie ein Lehrbuch heraus, richtete es sich im Grunde an Fortgeschrittene. Die Grundstellungen, die Hut, musste ein damaliger Leser bereits kennen. Auf diese bauten die Meister dann ihre eigenen Kniffe auf. Abart versucht nun, eben diese Grundtechniken aufzuarbeiten. Sein Buch richtet sich also an Anfänger, die mit Schwert und Feder (biegsame, stumpfe Trainings- und Wettkampfwaffe) umgehen wollen.

Der Autor durchforstete die alten Überlieferungen. Am Ende stand ein System aus 15 Huten, die Abart wiederum in über 50 Stellungen zergliederte. In dieser Zusammenstellung dürfte es diese Techniken nie in einem historischen Buch gegeben haben. Sein Vorgehen beschreibt Abart so: „Im Laufe der Zeit habe ich mich auf die systematische Suche nach den Kreuzungen im Fechten gemacht und ihre historischen Namen recherchiert. Das mag dem einen oder anderen Leser pedantisch vorkommen, aber es erleichtert das Lehren ungemein.“

Es folgen: Einzelseiten, die jeweils eine bestimmte Hut aufgreifen. Jede hat ihren Namen. Für jede liefert Abart eine genaue Beschreibung der Haltung. Anleitungen für Übungen sowie Zeichnungen verdeutlichen das Gesagte. Abart kommt erfreulich schnell zur Sache und hält sich nicht mit historischen Entwicklungen auf – das besorgt schließlich bereits Schulzes Buchreihe. Auch Kombinationen verschiedener Stellungen bietet der Autor an. Keine Frage, das Buch ist ein echtes Praxishandbuch. Freilich gilt auch hier: Nur die tatsächliche Übung sorgt für das richtige Verständnis – verbunden mit der Wahl fortgeschrittener Fechtpartner. Ein Freibrief für das private Training mit anderen Ungeübten, und ohne Anleitung, ist das Werk nicht. Abgerundet ist auch dieses Buch mit einem brillanten Tafelteil historischer Abbildungen.

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3 Kommentare

  1. Nun, das Fechtbuch deines “Kollegen” Hernn Abarts liegt nun vor; bedauerlicherweise ist es, wie zu erwarten, dem mittelalterlichen nachweisbaren Fechten ebensofern, wie dieses es dem indischen Tempeltanz ist.
    Mehr kann man unter arsgladii nachlesen; Herr Abart verwurstet einfach historische und unhistorische Begriffe, und lehrt nicht historisches Fechten, sondern seine ganz eigene, selbsterfundene Sportart.
    Nun, der Markt der deutschsprachigen Fechtbücher ist derzeit hart umkämpft, und auch dieses wird seine Leser finden.
    Allein die Frage: muss das sein?

    21. Juli 2008, 14:07 Uhr • Melden?
  2. “Meines Kollegen”? Das habe ich nicht verstanden, Jens. Oder richtet sich dein Eingangssatz an den Herausgeber der Buchreihe “Mittelalterliche Kampfesweisen”?

    23. Juli 2008, 10:07 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    2
  3. …sollte “seines” heissen. Bezugen auf Herrn Schulze.

    23. Juli 2008, 12:07 Uhr • Melden?

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