Ravensburg Humpis-Quartier erwacht zu neuem Leben

Konserviert: Jahrhunderte alte Stadthäuser im Humpis-Quartier. © Museum Humpis-Quartier

Das Ravensburger Museum Humpis-Quartier öffnet seine Pforten: Eine vor allem spätmittelalterliche Attraktion, die kulturhistorisch weit über Oberschwaben hinaus ausstrahlen dürfte.

Ouvertüre

Samstagnachmittag am vergangenen Wochenende, pünktlich um 14 Uhr: Im Anschluss an den traditionellen Wochenmarkt hallten fünf laute Böllerschüsse vom Mehlsack, einem der zahlreichen Türme in Ravensburg, und kündigten den Tausenden Besuchern die festliche Eröffnung des neuen Stadtmuseums an. Der Ravensburger Oberbürgermeister Hermann Vogler begrüßte die Menschenmenge und ließ noch einmal den langen, manchmal sehr steinigen Weg des Projekts Revue passieren: Von den ersten Ideen für ein museal genutztes Humpis-Quartier bis hin zur jetzigen Realisierung vergingen mehr als 20 Jahre. Gleichzeitig begann ein großes, zweitägiges Mittelalterfest mit rund 50 Ständen, Gauklergruppen und bunter Unterhaltung für Kinder und Erwachsene, das zusammen mit den Veranstaltern von „Kramer Zunft und Kurtzweyl“ realisiert wurde.

Das historische Ensemble

Insgesamt umfasst das Museum Humpis-Quartier ein Ensemble von sieben Häusern mit insgesamt 60 Räumen, das mitten in der Ravensburger Oberstadt zu finden ist und eines der am besten erhaltenen spätmittelalterlichen Wohnquartiere in Süddeutschland darstellt. Die Gebäude wurden hierfür denkmalpflegerisch erschlossen und gesichert. Hier wurde keine Rekonstruktion oder „geglättete“ Sanierung vollzogen, sondern die Bausubstanz in ihren verschiedenen Zeitschichten wurde erhalten und so den Besuchern präsentiert.

Die Humpis-Familie hatte zusammen mit den Familien Möttelin (Buchhorn, heute Friedrichshafen), Muntprat (Konstanz) die Große Ravensburger Handelsgesellschaft gegründet, die zwischen 1380 und 1530 eine zentrale Rolle im Fernhandel zwischen den oberdeutschen Leinenanbaugebieten und den Mittelmeerländern spielte und somit Reichtum und Wohlstand in die Stadt brachten. Im späten 15. Jahrhundert bewohnten die Humpis das jetzige Museumsquartier und gaben ihm seinen heutigen Namen.

Ein Museum für lebendige Geschichte

Das Quartier beherbergt das Museum und ist gleichzeitig sein wertvollstes Exponat. Mit Mauerfundamenten aus dem 11. Jahrhundert und einer baulichen Substanz, die insgesamt sechs Jahrhunderte Zeitschichten abbildet, ist es ein idealer Ort, um Geschichte authentisch zu präsentieren. Die Grundkonzeption des Museums sieht vier Stationen „Ravensburger Lebenswelten“ vor. Die jeweiligen Geschehnisse vor Ort werden in breitere Themen der Politik-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte eingebettet und mit diesen rückgekoppelt.

Ankerpunkt jeder Abteilung ist die Geschichte eines zeitgenössischen Bewohners: ein Lederhandwerker für das Welfische Ravensburg um 1100; der Fernhändler Hans Humpis für die patrizische Lebenswelt rund um das Jahr 1479, als Humpis Bürgermeister der Stadt wurde; die Figur des Gerbers Johannes Wucherers für das paritätische Ravensburg um 1789 sowie der Gastwirt Gottfried Rösch für die Epoche der Industrialisierung um das Jahr 1842.

Trotz feierlicher Eröffnung steht die Ausstellung immer noch im „Rohbau“, den Besuchern des Eröffnungswochenendes konnte zunächst nur die spätmittelalterliche Station Hans Humpis sowie ein Blick in die hochmittelalterliche Gründungszeit des Lederhandwerkers gezeigt werden. Die anderen Abteilungen, die vorgesehenen „wundersamen Kammern“ in den kleineren Gebäuden sowie ein „Geschichtslabor“, in dem die neueste Geschichte seit dem Kaiserreich präsentiert wird, werden erst Schritt um Schritt hinzukommen.

Abgerundet wird die Gesamtkonzeption durch jeweilige Sonderausstellungen im breiten Erdgeschoss und die Nutzungsmöglichkeit für weitere aktuelle Veranstaltungen und – auch nichtmuseale – Sondernutzungen. Passend wird die erste Sonderausstellung dem „Making of“ des Projekts Museumsquartier gewidmet.

Lust und Leid eines Großprojektes

Ravensburgs Bürgermeister Vogler selbst erinnerte die Bürger an die vielen, wechselvollen Stationen voller Lust und Leid. Den versammelten Verantwortlichen der Stadt konnte man deshalb ihre Freude und Erleichterung förmlich ansehen, nun das Ziel wirklich erreicht zu haben. Die ersten Ideen stammten aus den 1980er Jahren, 1988 bis 1991 gab es einen ersten Anlauf für ein Realisierungskonzept. In den 1990er Jahren waren es vor allem die engagierten Bürger der Museumsgesellschaft e.V., die das Konzept weiter vorantrieben. In einem der Gebäude des Humpis-Quartiers realisierte man zwischenzeitlich auf ehrenamtlicher Basis ein museumspädagogisches Angebot zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt.

Einen zweiten Anlauf nahm der Ravensburger Gemeinderat im Jahr 2001 mit einem Grundsatzbeschluss. Das Gremium stand aber bald vor dem Problem gesunkener Steuereinnahmen, so dass weitere Verzögerungen eintraten. Erst die Bewilligung von umfangreichen Fördermitteln, insbesondere durch die Landesstiftung Baden-Württemberg, 2005 stieß das Tor zur Realisierung weit auf. Aber selbst auf den letzten Meter traten weitere Hürden auf: dramatisch war die Situation im Jahr 2008, als Bauarbeiten alte Gasleitungen im Humpis-Quartier beschädigten und die Feuerwehr Häuser und Menschen vor einer drohenden Gasexplosion retten musste. Oberbürgermeister Vogler sah hier einen Schutzengel des Quartiers am Werk.

Insgesamt benötigte das Gesamtvorhaben Investitionen von über 16 Millionen Euro, die zur Hälfte aus Mitteln der Stadt Ravensburg und zur anderen Hälfte aus verschiedenen Töpfen des Landes Baden-Württemberg, insbesondere der Landesstiftung, der Denkmalpflege und von privaten Spendern der Stadt kamen. Dass mit dem Geld aber nur die notwendige wirtschaftliche Voraussetzung eines solchen Projektes geschaffen ist, und dass es für ein solches Großprojekt weit mehr Erfolgsfaktoren bedarf, wurde bei der Eröffnungsveranstaltung ebenfalls deutlich.

Unabdingbar ist die einmalige historische Substanz eines Humpis-Quartiers, die eine besondere Stellung in der überregionalen Museumslandschaft begründet. Erst damit war ein außergewöhnliches Engagement der Landesregierung möglich. Es braucht aber vor allem den Willen und einen lagerübergreifenden Konsens der kommunalen Politik, eine solche Idee ausdauernd und trotz Rückschlägen immer wieder weiter voran zu bringen.

Diese Bedingungen sind in Ravensburg offensichtlich erfüllt, so dass sich nun Bürger wie Besucher über ein Museum von besonderer Qualität freuen können, das in den kommenden zwei Jahren noch um zwei weitere Kultureinrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft abgerundet werden soll: 2010 wird die Neueröffnung des Verlagsmuseums des bekannten Spieleherstellers Ravensburger AG angestrebt und 2011 soll der Neubau eines Kunstmuseums der Stadt fertig gestellt werden, in dem die bedeutende Sammlung „Selinka“ präsentiert wird.

Das Programm am Eröffnungswochenende

Am vergangenen Wochenende wurde den Besuchern jedenfalls ein buntes Programm mit Gauklern, historischer Musik sowie kleineren und größeren Reenactment-Aufführungen geboten. So wurde z.B. die Ankunft eines Handelszuges inszeniert, der am Quartier Leinen für den Transport nach Oberitalien aufnahm. Die Museumsgesellschaft lud mit ihren Vorführ- und Mitmachangeboten für Kinder und Erwachsene in das Haus der Museumspädagogik. Insgesamt fügten sich Museum und Fest harmonisch in die gewachsene Altstadtstruktur. Die vor dem Umbau bereits bestehende Gastronomie wurde wieder integriert und soll ab Herbst Teil des neuen Quartiers werden. Auffällig ist auch das Bemühen des Museums, die benachbarten Gewerbetreibenden, die Anwohner und den schönen Wochenmarkt an das Quartier an- und für die Werbemaßnahmen einzubinden. Kommerz und Kultur werden hier nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten einer Medaille gesehen. Das Thema Handel bietet damit eine tragfähige Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart der Ravensburger Altstadt und wurde am Samstagvormittag sehr schön durch den fließenden Übergang des traditionellen Wochenmarkts in die Stände des Mittelalterfestes realisiert.

Es wird sich erst im Dauerbetrieb zeigen, in welchem Verhältnis lebendige Formate der Geschichtsdarstellung mit einer fachlich-fundierten Pädagogik zu Tourismus und Einzelhandel stehen werden. Insofern ist das Ravensburger Museumskonzept auch noch ein wenig Zukunftsmusik. Man darf gespannt sein, inwieweit sich das Versprechen des Teams um Museumsdirektor und Stadtarchivar Andreas Schmauder einlösen lässt, Geschichte sowohl emotional als auch authentisch zu präsentieren.

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2 Kommentare

  1. Ich wüßte gerne ob das runde Eingangsportal wirklich aus dem 15. Jahrhundert ist.
    Könnten Sie mir ein Foto mailen weil ich ein Vergleichsfoto zu einem anderen Objekt gut gebrauchen könnte?

    MfG R. Wittek

    19. Dezember 2009, 20:12 Uhr • Melden?
    von r. Wittek
    1
  2. Hallo,
    Fragen direkt zum Museumsqartier wird Ihnen am besten die Museumsleitung beantworten können. Dort können Sie auch Bildmaterial bekommen.
    Kontakt Ansprechpartner

    Viele Grüße

    27. Dezember 2009, 12:12 Uhr • Melden?
    von Armin Müller
    2

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