Hospitaliter / Johanniter Darsteller auf schmalem Grat

Gemeinsame Auftritte: Die Schweizer Hospitaliter mit Gleichgesinnten aus Braunschweig (Niedersachsen). © Marcel Bieger

Templertreffen im Herbst 2007 auf der hessischen Tannenburg. Darunter auch Timo Hennecke, alias „Timotheus vom Hahnenwinkel“, Gründer der Schweizer Hospitaliter- Gruppe „Comthurey Alpinum“. Das Interview von Marcel Bieger.

Marcel Bieger: Du hast vor noch gar nicht allzu langer Zeit mit einigen Gleichgesinnten die Hospitaliter-Gruppe „Comthurey Alpinum“ ins Leben gerufen. Was verbirgt sich hinter diesem Namen?

Timo Hennecke: Unsere Absicht ist es, ein Hospitaliter-Heereslager von Kreuzzugs-Heimkehrern aus der Zeit um 1180 so authentisch wie möglich nachzustellen. Dazu fertigen wir, wie viele andere Gruppen auch, einen Großteil unserer Ausrüstung selbst an und beschäftigen uns intensiv mit dem Recherchieren in historischen Quellen, um unsere Darstellung laufend weiterzuentwickeln. Vor allem ist es uns aber wichtig, eine gesunde Balance zwischen dem militärischen wie religiösen Teil zu finden, was der ursprünglichen Intention der christlichen Ritterorden aus historischer Sicht wahrscheinlich auch am nächsten kommt. Der Begriff „Comthurey Alpinum“ ist beabsichtigterweise ein reines Phantasiekonstrukt, selbstverständlich hat es nie eine historische Komthurei dieser Bezeichnung gegeben. Der Name soll lediglich innerhalb der europäischen Szene darauf hinweisen, dass wir aus der Schweiz kommen.

Warum schreibt Ihr Euch denn Eure Herkunft auf Euer Banner?

Nun, der größte Teil der Schweizer Mittelalter/Reenactment-Gemeinde ist zeitlich in einer anderen Epoche, nämlich im Spätmittelalter angesiedelt. Da wir offenbar zudem noch der erste organisierte Zusammenschluss von Interessierten sind, die sich hier lokal mit der Kreuzfahrer-Thematik beschäftigen, haben wir quasi eine Nische für uns entdeckt, in der wir uns noch ziemlich frei bewegen können.

Nun assoziiert man mit dem Begriff Schweiz ja nicht sonderlich viele Zusammenhänge zur Kreuzzugsthematik, wahrscheinlich denkt man hier in der Tat eher an die schlagkräftigen Heere der helvetischen Söldner und Reisläufer, die im Spätmittelalter in ganz Europa bekannt und gefürchtet waren. Gibt es in Eurer Darstellung trotzdem einen Zusammenhang zur Schweiz an sich?

Hierzu muss man sich vielleicht erst einmal rückbesinnen, dass die Schweiz wie wir sie heute kennen zum Zeitpunkt unserer Darstellung noch gar nicht als eigenständige nationale Einheit existiert hat. Zwar waren die verschiedenen Volksgruppen der hiesigen Alpenregion bereits den Römern unter der Sammelbezeichnung „Helvetier“ bekannt, jedoch gehörte dieses Gebiet in diesen letzten Dekaden des 12. Jahrhunderts. noch zum Heiligen Römischen Reich und war somit hoheitlich gesehen Stauferland.
Interessant ist aber umso mehr, dass hier bereits in jener Zeit zahlreiche Kommenden und Komthureien (Ordenshäuser, Anm. d. Autor) der christlichen Ritterorden, vor allem der Hospitaliter, gegründet wurden. So ist etwa die Kommende Hohenrain zu nennen, deren Gründung tatsächlich auf das Jahr 1180 zurückgeht, und ebenso die berühmte Kommende Bubikon (heute vielfach bekannt als „Ritterhaus Bubikon“), deren Wurzeln auf eine Landschenkung des Grafen von Toggenburg in den 1190er Jahren zurückgehen. Beide Stätten sind übrigens noch in äußerst gutem Zustand erhalten und lohnen sich als historisches Ausflugsziel. Bei diesen Institutionen schließt sich auch der Kreis unserer Darstellung als heimkehrende Kreuzzugsveteranen, die nach jahrelangem Einsatz im Outremer (wörtlich „über See“, also das heilige Land, Anm. d. Autor) in die entlegene Alpenregion des Reiches geschickt werden, um eine Komthurey zu gründen und die dringend benötigte Verstärkung für das heilige Land zu rekrutieren.

Warum denn gerade Kreuzfahrer? Klar gäbe es für eine Wikingergruppe in den Alpen entsprechenden Erklärungsbedarf, aber wird man bei der Darstellung dieses Themas heutzutage nicht hin und wieder in Diskussionen verwickelt?

Definitiv! Solche Grundsatzdebatten sind zwar mühsam, aber auch verständlich, denn in der heutigen Zeit gelten die Kreuzzüge und ihre beteiligten Zeitgenossen zunehmend als „political incorrect“. Es ist auch nicht unsere Absicht, diese Ära oder einzelne Ereignisse zu glorifizieren. Wir möchten aber anregen, die Betrachtungsweise nicht aus der Perspektive des aufgeklärten Menschen unserer Zeit vorzunehmen, und sich von dem Klischee zu lösen, dass jeder Kreuzfahrer ein kindermordender, religiöser Fanatiker war. Stattdessen möchten wir aufzeigen, dass vor allem auch „Menschen wie du und ich“ aus ihrem mittelalterlichen Weltbild heraus an eine für sie reale Vision glaubten und ihr gesamtes Hab und Gut zurückließen, um sich von den Sünden ihres irdischen Lebens reinzuwaschen. Die heute vielleicht belächelte „ewige Verdammnis des Fegefeuers“ galt selbst für das gebildete Volk als unbestreitbare Tatsache. Für viele Zweit-oder Drittgeborene, die ohne Aussicht auf ein Erbe oder eine Perspektive waren, stellte die Teilnahme an einer „bewaffneten Pilgerfahrt“ (der Begriff Kreuzzug entstand erst im 19. Jahrhundert und war im Mittelalter noch ungebräuchlich; d. Autor) den einzigen Ausweg aus dem weltlichen Elend dar. Dass natürlich auch für viele Glücksritter und Söldnerseelen die rein materielle Gier und Aussicht auf mögliche Beute der bewegende Hauptantrieb war, soll ebensowenig geleugnet werden.

Noch einmal zurück zum Thema „Reenactment“ an sich. Sicherlich hat es zu der eigentlichen Definition und Bedeutung schon mehr als genug Diskussionen gegeben, aber was genau bedeutet dieser Begriff nun für Euch?

Also wenn ich ehrlich bin, benutze ich das Wort nur sehr ungern, eben weil es bereits so abgelutscht ist, und innerhalb der Mittelalter-„Szene“ einen meiner Meinung nach ziemlich arroganten Beigeschmack bekommen hat. Meiner bisherigen Erfahrung nach bezeichnen sich offenbar vor allem gerne viele selbsternannte „Experten“ als Reenactor, bei denen es offenbar im Vordergrund steht, Außenstehende mit ihrer Auffassung einer „möglichst korrekten Darstellung“ zu belehren oder zu beeindrucken.
Leider stellt sich dann aber oftmals heraus, dass solche Personen zwar schnell mit einem Urteil darüber zur Stelle sind, was „authentisch“ ist und was nicht, aber meist stützt sich diese Meinung nur schablonenhaft und plakativ auf einzelne Quellen statt auf experimentelle Archäologie oder logische Wahrscheinlichkeit. Für die meisten Mitglieder unserer Gruppe steht hingegen mehr die vollkommen subjektive Erfahrung für jeden selbst im Vordergrund: Es geht uns mehr darum, einfach so nah wie möglich an das Erlebnis heranzukommen, wie man sich etwa als Zeitgenosse einer bestimmten Epoche in bestimmten Situationen gefühlt haben mag. Diesen Faktor kann nämlich keine noch so genaue historische Quelle vermitteln, wie etwa ein Teppich von Bayeux, der inzwischen für so viele Standards als Maßstab herhalten muss. Prinzipiell ist es für uns glaubwürdiger, lediglich mit einer möglichst authentischen Minimalausrüstung, wie etwa nur mit Bruche und Beinlingen echten Hunger zu fühlen oder zu frieren, statt als voll ausgerüsteter „Ritter“, der seine Ausrüstung im Internet bestellt hat, im Lager umherzustolzieren und mit Dosenbier und Klappstuhl Mittelalter-Camping zu betreiben.

Bezieht Ihr das religiöse Alltagsleben in diesen Authentizitätsanspruch mit ein?

(schmunzelt) Nun, ja, hier haben wir sicher noch Potential, aber zu unserer Entlastung muss man auch anmerken, dass es gar nicht so einfach ist, den ganzen Tag nach der überlieferten Ordensregel zu leben. Wir erlauben uns insofern den einen oder anderen Kompromiss, da wir davon ausgehen, dass manche der Vorschriften im Feldlager aus rein praktischen Gründen etwas liberaler gehandhabt wurden als innerhalb der Klostermauern. Was wir aber als Minimum konsequent einhalten, sind beispielsweise die Morgenandacht, das Tischgebet und das obligatorische Schweigen beim Essen. Ich muss sogar sagen, dass mir solche Rituale persönlich als Ausgleich zum hektischen Alltagsleben in der Tat eine spürbare innere Ruhe bringen. Hinzu kommt vielleicht zusätzlich, dass niemand von uns ein tatsächlicher Geistlicher ist oder auch nur nahe an ein solches Niveau herankommt. Allerdings vertreten die meisten von uns den Grundsatz, dass man Glauben nicht spielen kann, wenn man glaubwürdig wirken möchte – entweder ist er in irgendeiner Form tatsächlich da oder nicht.

Wenn Ihr ohne „echten“ Geistlichen seid, besteht da nicht die latente Gefahr von Konflikten mit tatsächlichen kirchlichen Institutionen? Schließlich existieren ja sowohl der Johanniter- als auch der Malteser-Orden noch.

Ich glaube, wir selber haben den größten Einfluss darauf, ob es zu Akzeptanzschwierigkeiten oder sogar Konflikten kommen könnte, und treten daher natürlich mit der nötigen Umsicht und Bescheidenheit auf. Bisher waren wir aber wahrscheinlich auch noch zu klein und unbekannt, um weiter aufzufallen. Trotzdem kann man sicher bereits ein wenig vorbeugen, um Provokationen zu vermeiden. So bewegen wir uns zum Beispiel schon bei der Namensgebung in der kleinen Grauzone, die sich hier bietet, und bezeichnen uns bewusst als Hospitaliter und nicht als Johanniter. Weiterhin verwenden wir auf unseren Gewändern ausschließlich eine der frühesten Versionen des achtspitzigen Kreuzes. Darauf gibt es keinen geschützten Copyright-Anspruch von Seiten der regulären Orden, es ist aber trotzdem historisch als weitestgehend korrekt anerkannt. Die wichtigsten Sympathie-Faktoren sind aber sicherlich das Bemühen um eine qualitativ möglichst hochwertige Darstellung und das allgemeine Verhalten in der Öffentlichkeit. Wir sind schließlich keine Morgenstern-schwingende Söldnertruppe und legen auch größten Wert darauf, nicht als solche wahrgenommen zu werden.

Nun gibt es ja in manchen Rittergruppen auch weibliche Darsteller, die sich in Lagern oder auf Märkten nicht mehr lediglich mit den klassischen Funktionen als Zofe, Waschfrau oder Magd begnügen wollen, sondern mit Schwert und Kettenhemd ebenfalls kriegerische Rollen wählen. Haben die Hospitaliter sich schon einmal mit diesem Thema auseinander gesetzt?

(lacht laut) Die Frage musste ja irgendwann kommen. Also gut, dieses Thema hat sich ja inzwischen, wie man in unzähligen Foren und Diskussionen verfolgen kann, zu einem regelrechten Szene-Politikum hochgeschaukelt. Für uns ist der Umgang mit dieser Grundsatzfrage eigentlich denkbar einfach: Es hat im europäischen Mittelalter keine regulären weiblichen Soldaten gegeben – also gibt es das auch bei uns nicht. Uns geht es um eine historisch möglichst korrekte Darstellung, Punkt. Frauen in einer Rolle als Ritter oder Knappe mit Schwert in der Hand und Kreuz auf dem Waffenrock sind ein Authentizitäts-Widerspruch der allergrößten Sorte. Letztendlich muss jede Gruppe für sich selber entscheiden, wie sie mit dieser Balance aus darstellerischer Freiheit und historischer Tatsache umgeht – für uns ist die Entscheidung wie gesagt klar und auch unsere weiblichen Mitglieder haben keinerlei Mühe damit, dass geschichtliche Darstellung ohne Hauberk und Schild genauso spannend und sehr anspruchsvoll sein kann.
Es gibt sicher viele andere Möglichkeiten, so findet man etwa genauso reisende Pilgerinnen jeglichen gesellschaftlichen Ranges, die sich gemäß den geschichtlichen Rollenvorbildern unter den Schutz der Ordensbrüder gestellt haben. Dennoch stellen die sogenannten „Trossfrauen“ sicher die am häufigst vertretene weibliche Berufsgruppe in einem Kreuzfahrer-Heerlager dar. Die Wichtigkeit des Trosses, der die unverzichtbare Stütze zur Versorgung jeder schlagkräftigen militärischen Einheit darstellt, geht ohnehin bei der Darstellung in vielen Mittelalter-Lagern unter. Die meisten reisenden Heere, die weite Strecken zurücklegen mussten, bestanden in der Regel zu mehr als der Hälfte ihrer Personenstärke aus Versorgungseinheiten. Eben dem Tross, dessen Funktion wiederum zu einem großen Teil durch Frauen sichergestellt wurde. Viele Gruppen beschränken sich in ihrer Darstellung fast ausschließlich auf den rein kriegerischen Teil und weisen demnach ein klassisches Übergewicht an Rittern und Soldaten auf, mit denen sie dann waffenstarrend auf Veranstaltungen präsent sind. Zugegeben, dieses Gleichgewicht stimmt bei uns aber auch noch nicht ganz, was aber auch auf die interne Entwicklung und die noch immer recht bescheidene Größe unserer Gruppe zurückzuführen ist.

Wie sieht für Euch die bevorstehende Saison 2008 aus, steht es schon fest wo man Euch antreffen kann?

Auf den ersten Blick ist der Kalender der Mittelalter-Veranstaltungen in Mitteleuropa für 2008 bereits jetzt schon kaum noch zu überblicken. Mittelalter und alles, was man dafür hält, ist offenbar „hip“ und salonfähig geworden und fast jede mittelgroße Ortschaft folgt diesem Trend und stellt irgendein „historisches“ Programm auf die Beine. Für uns sind dabei als Zielveranstaltungen die Märkte generell weniger interessant – auch wenn wir hier in der Schweiz, quasi als Heimspiel, sicher als Gäste auf den bekannten Märkten wie etwa Luzern zu finden sein werden. Allgemein konzentrieren wir uns vornehmlich auf bestimmte Lagerveranstaltungen, die zu unserer Darstellung passen und auf denen wir befreundete Kreuzfahrer Gruppen treffen, etwa die Hospitaliter Braunschweig, mit denen wir dann als vereinigte Heereseinheit gemeinsam lagern. Ich denke, der Höhepunkt wird für uns die Schlacht um die Brandenburg (Nähe Wartburg) vom 8. bis 10. Juli sein. Hier wird sich alles versammeln, was in der deutschsprachigen Kreuzfahrer-Reenactement Szene Rang und Namen hat. Weiterhin sind noch ein Gepäck-Wintermarsch mit Übernachtung und ein internes Sommerlager geplant. Langweilig wird das Jahr also sicher nicht.

Ich danke für das Gespräch.

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