Rekonstruktion Fechtstunde nach Talhoffer

Talhoffers Vorlage (Tafel 42) und Rekonstruktion. © chronico

Es gibt wenige Bücher, die in der Mittelalterszene Wellen schlagen. Die Reihe des Verlags Philipp von Zabern „Mittelalterliche Kampfweisen“ hat das Zeug dazu. Sie nimmt Talhoffers Fechtbuch auseinander. Band eins ist jetzt erschienen.

Neues Leben für alten Codex

Glaubt man der üppigen Selbstdarstellung von Hans Talhoffer (um 1420 bis um 1490), war dieser Fechtmeister ein Virtuose seiner Zunft. Er stand in der Tradition eines anderen berühmten Kollegen: Johannes Liechtenauer, der um 1389 seine Lehren niederschreiben ließ. Während Liechtenauer seine Technik in verschnörkelten Versen für ein erlesenes Publikum wiedergab, verlegte sich Talhoffer auf schlichte Prosa plus ausdrucksvolle Tafelbilder. In einem seiner bekanntesten Lehrbücher, dem Gothaer Codex von 1467 (Cod.Icon.394a), scheinen die Kombattanten geradezu über die Seiten zu schweben. Äußerst fein gab der unbekannte Zeichner die einzelnen Szenen wieder. So fein, dass der Autor André Schulze sofort fasziniert war, als er erstmals Reprints der Tafelbilder in der Hand hielt. 2001 fasste er den Entschluss, den „Talhoffer Codex“ nachzustellen.

Schulze, Jahrgang 1963, ist Lehrer für asiatische Kampfkünste. Auch dem Schwertkampf widmet er sich seit einigen Jahren – unter anderem im Hochmittelalterverein „Das Drachenbanner“. Gemeinsam mit der Archäologin Sandra Fortner machte sich Schulze an die Recherche und Umsetzung seines Plans.

Talhoffers Fechtbuch ist in in mehrere Kapitel unterteilt, die sich jeweils anderen Waffengattungen widmen. Den Anfag bildet der Kampf mit dem Schwert – und diesen Part legt das Autorenteam im nun erschienenen Buch „Das Lange Schwert“ vor. Schulze seziert die Tafeln 1-67. Insgesamt enthält der Codex 270 Tafelbilder, unter anderem zu Schild, Dolch, Ringen, Reiterkampf und Luzerner Hammer. Diese Techniken sind Inhalt der weiteren Bände, die im Mainzer Verlag in den nächsten zwei Jahren erscheinen sollen.

Interpretation hat ihre Grenzen

Die Vorgehensweise ist einfach, und deshalb gerade für Einstieger in die Materie oder interessierte Laien sehr gut nachvollziehbar. Eine Übersicht zur mittelalterlichen Lebenswelt – korrekterweise auf das Rechtssystem und den Zweikampf konzentriert – stimmt den Leser ein. Im umfangreicheren zweiten Teil des Bandes finden sämtliche Tafeln der Schwertserie ihren Platz. Und denen stellt Schulze Rekonstruktionen der Techniken und Erklärungen gegenüber.

Die Darstellung hat ihre Grenzen und Schulze zeigt sie auch selbst auf. Das Buch ist der Versuch einer Interpretation von Talhoffers Fechtweise. Er erhebe keineswegs den Anspruch auf „absolute Korrektheit“, schreibt der Autor. Die Gründe liegen auf der Hand: Schwertkampf heute – das ist ein Sport, kein Kampf auf Leben und Tod. Entsprechend anders sind die Bewegungsabläufe, die zudem nur gebremst oder gar als Standbilder nachgestellt wurden. Schulzes Kampfpartnerin ist seine Koautorin Fortner. Standbilder mussten zudem her, um die Szenen in ihren wichtigsten Abläufen fotografieren zu können. Und schließlich: Die zweidimensionalen Abbildungen im Codex lassen deren tatsächliche Ausführung nur erahnen. Zieht oder drückt der Angreifer mit seiner Waffe? Die – trotz der erlesenen Zeichnungen – nur begrenzten anatomischen Kenntnisse des Künstlers und unausgereiften Proportionen taten ein Übriges.

Fortner besorgte die Einführung in das Gerichtswesen des Mittelalters und durchstreift dabei einige Quellen, die diese Epoche an Literatur über Kampfesweisen hinterließ. Etwa das Royal Amouries Manuscript Ms.I.33, das ein Mönch um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert schrieb. Oder ein Überlick zu Liechtenauers Werk. Fortner erledigt diese Aufgabe informativ und mit flüssiger Schreibe.

Schulze nimmt sich den Kampfstil Talhoffers vor und breitet in groben Zügen dessen Biografie aus. Das Leben eines Mannes, der vermutlich aus dem süddeutschen Raum stammte, und hier dem Hochadel als Fechtlehrer diente. Aber auch am Zürcher Rathaus zeigte der Kämpe 1454 vor Schweizer Eidgenossen seine Kunst.

Schulze beschreibt Talhoffer als Akrobaten auf dem Kampfplatz, dessen geschmeidige Bewegungen an „indische Tempeltänzerinnen erinnern“. In diesem Part übertreibt Schulze, nimmt er doch oft Bezug auf fernöstliche Techniken wie Aikido oder Tai Chi Chuan, um die Wirkung und Effizienz von Talhoffers Aktionen zu umschreiben. Diese Vergleiche sind dem verständlich, der Schulzes Hintergrund als Kampfsportler vor Augen hat, lenken aber doch etwas ab. Aber der Autor legt nach und liefert mit Originalauszügen und Übersetzungen von Talhoffers Anweisungen wichtige Einblicke in die Geisteshaltung des Lehrers.

Detaillierte Einblicke

Die detaillierten Ausführungen im spätmittelalterlichen Codex lassen kaum Zweifel an dessen Bestimmung als Unterrichtslektüre. Aus dem Früh- und Hochmittelalter sind vergleichbare Werke kaum bekannt. Zeitgenössische Abbildungen wurden zudem oft von Laien angefertigt. Mit Talhoffer aber trat ein ausgewiesener Experte und Praktiker auf den Plan. Und genau das macht sein Werk auch für heutige Schwertkampf-Eleven interessant. Allein, die Interpretation ist eine Kunst für sich. Und erstmals hat mit Schulze wiederum ein Praktiker diesen Versuch unternommen.

Die Tafelbilder im Buch sind ein Genuss, brillant die farbige Wiedergabe der Codex-Originale. Und die Idee Schulzes, diese spätmittelalterlichen Bilder in reelle Kampfszenen zu übersetzen, ist einfach gut. Anschaulich seziert er Talhoffers Vorgaben und baut einzelne Bilder, manchmal ganze Serien darauf auf. Die knappen Erklärungen sind gespickt mit Fachbegriffen, die aber im Glossar erläutert werden.

Die Qualität der Fotos der nachgestellten Szenen lässt indes oft zu wünschen übrig. Die Aufnahmen entstanden in einem Schlosshof, zuweilen in einem Park. Der Bildhintergrund ist oft unruhig und überstrahlt wichtige Details der beiden Kampfpartner. Und acht Detailaufnahmen auf eine Seite gequetscht – das sorgt auch nicht eben für den besten Überblick.

Akteuren der Mittelalterszene dürfte noch etwas auffallen: „Auf historische Korrektheit der Kleidung wurde keinen Wert gelegt“, betont Schulze vorsorglich. Der Autor konzentriert sich auf die Kampfaktionen und das geht auch völlig in Ordnung.

Trotz aller Grenzen der Interpretation und einigen Mängeln – das Buch ist ein faszinierender Einblick in Talhoffers Werk und zeigt diskussionstaugliche Rekonstruktionen. Es bietet Stoff für Liebhaber mittelalterlicher Buchkunst und Schwertschüler. Anfänger seien aber vor eigenmächtigen Experimenten gewarnt. Das Buch ist ein Nachschlagewerk, kein klassisches Lehrbuch, das ohne erfahrene Lehrer auf Herz und Nieren getestet werden kann.

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5 Kommentare

  1. Der Rezensent nennt die Interpretationen des Buches ganz richtig “diskussionswürdig”. Aufgrund der Quellenlage ist es nunmal so, dass solche Auslegungen immer Extrapolationen aus einer kleinen Menge von Informationen darstellen. Als Qualitätskriterium für ein Buch wie das vorgestellte mag daher dienen, ob die Bewegungen für den Ausübenden in einem gewissen Sinne überzeugend sind, und die von Herrn Schulze vorgestellten sind es ohne Zweifel. Auch wenn der Autor sich oft für eher aufwändige Versionen der Techniken entscheidet und damit vielleicht den Rahmen der “deutschen Schule” verläßt, haben mir die dargestellten Bewegungen mit wenigen Ausnahmen sehr gut gefallen.

    17. November 2006, 10:11 Uhr • Melden?
    von Elmar Bihler
    1
  2. Interpretation ist in. Besonders bei Geschichte wird das Wort bemüht, leider ist es zu oft
    eine Floskel für mangelnde Recherche. Die Idee des Buches in Ehren, aber ob Bewegungen überzeugend sind, ist eben kein Kriterium für
    eine Rekonstruktion. Wohl aber deren Haltbarkeit bei Vergleichen mit Quellen anderer Autoren. Und da sieht es leider teils sehr schlecht aus.
    Die vorgestellten Interpretationen lassen Zweifel an der Bekanntheit der Prinzipien Johannes Liechtenauers, auf denen Talhoffert aufbaut, aufkommen, und tatsächlich:
    André Schulze selbst gibt zu, diese nicht als Basis benutzt zu haben. Die Verwendung der Kostümierung ist unnötig und in dem Zusammenhang nicht zweckdienlich, sie wäre für eine Nachstellung der Szenen nur dann sinnvoll gewesen, wenn sie der Zeit entspräche, was nicht der Fall ist.
    Die Herleitung über fernöstliche Bewegungen entbehren jeder Logik und dem Verständnis für die Entwicklung der mitteleuropäischen Kampftechnik.
    Was bleibt ist ein schöner Farbdruck der Tafeln aus dem Codex.
    Bleibt zu hoffen, dass der Autor bei den folgenden Werken mehr Kommunikation innerhalb der fachlich sehr aktiven Szene pflegt,
    und die Fehler des ersten Bandes nicht nur vermeidet, sondern auch korrektiert.

    17. November 2006, 14:11 Uhr • Melden?
    von Jens Börner
    2
  3. Leider daneben…
    Das ist der Eindruck, der sich einstellt, wenn man sich dieses Buch ansieht.

    Leider daneben, wenn es um die Wahl der Darstellung der Fotos ging.
    Wozu Jeggins, Winterstiefel und klobiger Gambeson ? Entweder historisch korrekte Klamotte der Zeit, oder moderne Sportkleidung.
    Das eine vermittelt Wissen, das andere ist die seriöse Alternative für die Präsentation einer Kampfkunst.

    Leider daneben, wenn es um den historischen Hintergrund geht. Europäische Fechtkunst basiert auf den Bewwegungsmustern indischer Tempeltänzerinnen? Wie man so etwas ernsthaft glauben und schreiben kann, ist mir schleierhaft.

    Leider daneben auch, wenn es um die Interpretation der Techniken geht.
    Man kann Talhoffers Tafeln nicht verstehen, wenn man die Grundlagen dazu – nach eigener Aussage – nicht kennt. Und die sind nunmal Lichtenauers Lehren.
    Das ist wie der Versuch, Tanzen zu lernen, wenn man nicht mal laufen kann.

    In dem Buch steckt viel Potential, gute Reproduktionen der Farbtafeln, es enthält schöne Bildquellen zur Sozialgeschichte des Spätmittelalters, besonders der Betrachtung der Gerichtskämpfe, in der Einleitung.

    Um so härter klafft der Graben zum Rest des Buches.
    Sehr schade darum, sehr schade auch für einen Verlag, der ansonsten für hohe Qualität steht.

    27. November 2006, 17:11 Uhr • Melden?
    von Alexander Klenner
    3
  4. Ein informatives und gelungenes Werk!

    Um die Meinung meiner beiden Vorredner etwas zu relativieren: Das Buch ist klasse! Es bietet außergewöhnliche Herangehensweisen an das Thema und überraschende Lösungsvorschläge. Daß bei den Rekonstruktionen nicht streng der Liechtenauer’schen Tradition gefolgt wurde, stört mich dabei wenig, denn niemand kann genau sagen, wie die Techniken tatsächlich ausgesehen haben. Die freieren Auslegungen sind gut gelungen und sehr hilfreich, um die oftmals etwas kryptischen Originaltafeln zu verstehen. Auch die Übersetzung behebt viele Fehler bisheriger Bearbeiter. Die Bekleidung der beiden Akteure hätte jedoch tatsächlich authentischer sein können.
    Interessant ist die Einführung zur Gerichtsbarkeit und die Praxis des Gottesurteils, die durch zahlreiche seltene, überaus qualitätvolle Abbildungen illustriert wird. Die „Biografie“ Talhoffers, über dessen Person kaum etwas bekannt ist, wurde sehr einfühlsam und kenntnisreich erschlossen. Natürlich bietet sie in erster Linie die subjektive, auch emotionale Sicht des Autors, doch gerade dieses begründete spekulative Element ist es, das zum Nachdenken über die Lebenswelt mittelalterlicher Fechtmeister anregt und die Person Talhoffer plastisch vor Augen führt.
    Selbst die wie auch immer geartete Verbindung zur (fern?)östlichen Welt und ihrer Kampfkunsttradition ist durchaus mehr als einen Gedanken wert. Schließlich spricht Schulze an keiner Stelle von einer direkten, unmittelbaren Tradierung, wie seine Kritiker hineinlesen wollen. Man bedenke, dass ein intensiver kultureller Austausch zwischen beiden Regionen nachweislich nicht erst seit dem Mittelalter bestanden hat.

    Alles in allem ist dies ein informatives und auch drucktechnisch hochwertiges erstes Buch einer ganzen Reihe zu historischer Fechtkunst des Hans Talhoffer, die wohl ein Standardwerk werden wird.

    13. Dezember 2006, 23:12 Uhr • Melden?
    von Katharina Schneider
    4
  5. Später Nachtrag, nachdem nun die weiteren Bände der Buchreihe publiziert sind:
    Die hier angegebene Reihung ist überholt und stimmt so nicht mehr. Mehr Infos zu den weiteren zwei Bänden gibts im zweiten Artikel dieses Dossiers (Link im Kasten)

    11. Juli 2008, 13:07 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    5

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