Römische Amphoren Antikes „Einmachglas“ im Test

Wohlgerüstet beim Weintransport: Zivilisten und Legionäre der Vigilia Romana Vindriacum auf dem Weg zum Weinkeller. © Vigilia Romana Vindriacum

Der Falerner war berühmt, Augustus ließ sich den Setiner schmecken: Die Weinamphore war also eine der wichtigsten Verpackungen in Rom. Transport und Lagerung bergen indes noch viele Fragen. Ein Experiment soll nun Antworten bringen.

Römerverein macht den Versuch

Das Wintricher Weingut Romanushof (Rheinland-Pfalz) ist derzeit Schauplatz eines ungewöhnlichen Experiments. Vier Jahre lang recherchierte der lokale Römerverein Vigilia Romana Vindriacum (VRV) zum Thema Weinanbau und -verarbeitung in der römischen Antike. Die Ergebnisse, wenn man so sagen will, ruhen jetzt still im Weingut: 100 Liter vom süffigen Tropfen, umhüllt von zwei schlanken Amphoren. In einer Schräglage, wie sie Archäologen bei Schiffsfunden nachweisen konnten. Das Zusammenspiel von Amphoren und Wein ist gewissermaßen Hauptakteur in einem Stück namens „Römer, Wein und Amphoren“. Mit dem Projekt will der um authentische Darstellung römischen Lebens bemühte Verein um Wolfgang Friedrich neue Antworten finden.

Wie lange konnten die Römer den Wein für Gastmähler und den täglichen Gebrauch eigentlich lagern? Wie mussten Amphoren beschaffen sein, um möglicherweise wochenlange Transporte zu Land oder Wasser zu überstehen? Das sind die Fragen, denen VRV nun auf den Grund gehen will. „Es hat bisher noch niemand solche Amphoren abgefüllt und untersucht“, sagt Friedrich. Und genau das hat sein Wintricher Verein jetzt getan. Am 21. Juli füllten die modernen „Römer“ den Moselwein in die originalgetreu nachgeformten Amphoren ab. Im September folgt die Kostprobe. Ein „bisschen verrückt“ sei das Projekt schon, meint Friedrich humorvoll. Aber das Experiment folgt auch einer streng wissenschaftlichen Versuchsanordnung – unter archäologischer Aufsicht.

Schlichte Schmuckstücke werden zum Vorbild

Nicht weit von Wintrich entfernt liegt das erst 2002 eröffnete Museum mitten im Archäologiepark Belginum. Dort, wo sich einst ein antikes Straßendorf erstreckte, befindet sich nun die Gemeinde Morbach-Wederath. Das Museum hat sich auf die Aufbereitung keltischen und römischen Alltags spezialisiert. Zu seinen Ausstellungsstücken gehören auch Amphoren vom Typ Dressel 1 aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. Einer von mehreren nahe liegenden Gründen für die VRV, regelmäßig zum benachbarten Archäologiepark zu pilgern.

Die Vigilia Romana Vindriacum vereint gleich mehrere Passionen in ihrem Vereinsleben (ein Wortspiel, wie sich noch erweisen wird). Zum einen die militärische Darstellung von Soldaten der Legio XXII aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. Die 1997 gegründete, und heute 35 Mitglieder starke Gruppe widmet sich aber auch dem zivilen Leben der Römer. Das Moselgebiet und ein in Wintrich nachgewiesener römischer Kelter brachten dem Verein einen Themenschwerpunkt beinahe automatisch ein: den antiken Weinbau mit all seinen Aspekten. Bei allem, was der Verein mache, lege er Wert auf authentische Ausstattung, betont Friedrich. So gehört die VRV längst zu den Stammakteuren bei historischen Veranstaltungen wie den Römerspielen in Xanten. Samt seiner detailgetreuen Ausrüstung – sei es die von Legionären oder eben die eines Weinhändlers.

Archäologen begleiten Bewährungsprobe

Für das Projekt „Römer, Wein und Amphoren“ tat sich die VRV mit den Museumsleuten von Belginum und Historikern zusammen. Archäologen sind auch längst in den Reihen der Vereinsmitglieder selbst vertreten; Spezialgebiet: römische Geschichte. Der Verein will die antike Vergangenheit buchstäblich aus den Ausstellungsvitrinen holen. Die römischen Weinamphoren sollten als vorzeigbare Kopie neu entstehen.

Im vorigen Herbst entstand schließlich die Idee, diese Kopien auch historisch korrekt zu verwenden – und damit zugleich auf Herz und Nieren zu prüfen. Der Keramikermeister Joachim Rech von der Keramik-Fachschule in Höhr-Grenzhausen übernahm den Job, die beiden Tongefäße aus dem Belginum-Museum so originalgetreu wie möglich nachzubilden. Aus ähnlichem Material, mit gleichen Abmessungen und all den Unebenheiten, die die antiken Amphoren aufweisen.

Die Originale sind nicht hart gebrannt und wurden nicht lasiert. „Die Amphoren sind also ziemlich porös. Man hat vermutlich eine gewisse Verdunstung in Kauf genommen“, sagt Friedrich. Die Amphoren vom Typ Dressel waren in mehreren Varianten bis ins 2. Jahrhundert n.Chr. in Gebrauch. Ein Erfolgsmodell der antiken Verpackungsindustrie also. Das Wort Amphora kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die typischen zweihenkligen Gefäße, die mal mehr, mal weniger bauchig daherkamen. Über die Jahrhunderte hinweg erschien die Amphora in unzähligen Formen, vom einfachen Tongeschirr bis hin zum reich bemalten Luxusgefäß. Öl und Wein wurden darin aufbewahrt, oft dienten sie als Asche- oder Wahlurnen.

Die so genannten Spitzamphoren, zu denen auch die schlanken Gefäße vom Dressel-Typ zählen, waren reine Gebrauchsgefäße für Lagerung und Transport. Für das Projekt der VRV also das perfekte Objekt zum Experimentieren. Seit einigen Wochen lagern die beiden Gefäße, gut abgedichtet und mit vollmundigem Wein gefüllt, im Keller des Wintricher Weinguts. Beide Amphoren haben bereits angefangen „zu schwitzen“, sagt der Vereinschef. „Genau das haben wir aber auch erwartet.“ Zwei Monate soll der Wein lagern, am 23. September dieses Jahres kommt die Stunde der Wahrheit.

Im Archäologiepark Belginum werden beide Amphoren mit großem Pomp entsiegelt. Die Wintricher Römergruppe, Historiker, Lokalpolitiker, Winzer und der Keramikermeister nehmen den Inhalt genau in Augenschein. Natürlich wird auch probiert. Schmeckt der Wein wie vor der Abfüllung? Und freilich wird genauestens gewogen und analysiert: Verdunstung, Alkoholgehalt, Gewicht und Zustand der Amphoren. Vor einem möglichen Fehlschlag ist Friedrich nicht bange. „Ein wissenschaftliches Ergebnis kommt so oder so heraus. Selbst wenn der Wein ungenießbar sein sollte.“ Erfahrungen, die in neue Versuche, in wissenschaftliche Publikationen und nicht zuletzt in den Ausbau der historischen Ausstattung des Vereins münden sollen. Denn mit dem Experiment ist die Beschäftigung mit römischem Weinanbau in all seinen Facetten für die VRV längst nicht beendet. „Wir wollen auch weitere historische Gerätschaften und Behältnisse rekonstruieren und damit experimentieren“, sagt Friedrich.

Der Ursprung der Vigilia Romana Vindriacum

Sie waren schon Pontius Pilatus, Kaiphas, Jesus oder einfache römische Legionäre: Viele Mitglieder der Vigilia Romana Vindriacum übernahmen Rollen bei den traditionellen Wintricher Passionsspielen. Die erste Aufführung erlebte die Gemeinde 1902. Ein regelmäßig wiederkehrendes Schauspiel, das 50 Jahre später vorerst endete. Der lokale Theaterverein legte sich wiederum einige Jahrzehnte später ins Zeug, um die Tradition wieder aufleben zu lassen. Die Passionsspiele in der Fastenzeit von 1997 hatten einen phänomenalen Erfolg und versetzten das Dorf auch zu den Neuauflagen regelrecht in einen Ausnahmezustand.

Die Kostümfrage war und ist bei der Wintricher Passionsspielvereinigung sicher nicht der wichtigste Part. Von Beginn an legte man in der Gemeinde aber Wert auf stimmige Kleidung. Alle Römerdarsteller der ersten Aufführungen sind heute im VRV dabei. Und die Legionäre der diesjährigen Passionsspiele traten allesamt in authentischer Ausrüstung auf. Erstes nachchristliches Jahrhundert eben. Den Pontius Pilatus mimte VRV-Vorsitzender Wolfgang Friedrich. Die Passionsspiele finden nunmehr alle fünf Jahre statt – die Wintricher Living-history-Gruppe aber erlebt ihren Gang in die römische Geschichte schon längst zu jeder sich bietenden Gelegenheit.

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1 Kommentare

  1. Darstellungen,Experimente mit überliefertem Hintergrund auth. durchgeführt bis ins Detail. Das ist es was viele Leute begeistert. Ich freue mich auf weitere Mitteilungen und drücke fest die Daumen.

    07. August 2007, 13:08 Uhr • Melden?
    von Rausch Heribert
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