Grabforschung Beweiskette für ottonische Königin

Anthropologen untersuchen die Gebeine aus dem Magdeburger Dom. © Juraj Liptak, LDA Halle

Es ist eineinhalb Jahre her, dass Forscher in Magdeburg eine auf 1510 datierte Knochenkiste aus Blei fanden – womöglich mit einem wesentlich älteren Inhalt. Jetzt sagen Archäologen: Alles deutet auf Editha!

Eine wahre Inschrift?

Mitte Juni traf sich mit Sachsen-Anhalts Landesarchäologen Harald Meller, dem Mainzer Anthropologen Kurt W. Alt, Grabungsleiter Rainer Kuhn und Magdeburgs Bürgermeister Lutz Trümper sowie dem Direktor der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt Boje E. Hans Schmuhl reichlich Prominenz, um die Forschungsergebnisse vorzustellen.

Demnach hat die lateinische Inschrift auf dem Sarg (Übersetzung: „Die geborgenen Reste der Königin Edith sind in diesem Sarkophag …“) nichts Falsches behauptet, denn die Forscher gehen mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass die Kiste die sterblichen Überreste von Editha enthielt. Von einer Frau, die Enkelin des berühmten angelsächsischen Königs Alfred des Großen und Gemahlin des nicht minder bedeutenden Herrschers Otto war, der gleichfalls den Beinamen „der Große“ erhielt.

Uns Ottonendarsteller interessieren natürlich am meisten die aufgefundenen Stoffreste und die Lebensumstände der Königin aus dem 10. Jahrhundert.

Brüchige Seide in Rot und Gelb

Da verbleibt nicht viel. Das einzige gut erhaltene Kleidungsstück (hervorragend gut) ist geistlicher Natur und stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die vom Beginn des 11. Jahrhundert stammenden Kleidungsfragmente sind womöglich erst mit einer späteren Umbettung (vor der endgültigen Niederlegung im Bleisarg gab es mehrere davon) an die Überreste der Königin gekommen. Es ist nicht mehr festzustellen, um welche Art von Gewand es sich handelt.

Der aus verschiedenfarbigen Seidenfäden gewebte Stoff ergab beim Tragen einen changierenden Effekt (Samitgewebe). Die Rotfärbung des Gewebes stammt von Kermes. Damit ist der Farbstoff gemeint, der aus der Gewinnung von Eiern der Schildlaus stammt, die vornehmlich in Südeuropa und Marroko auf strauchartigen Eichenarten lebt. Gelbe Seidenstoffreste, die sich auch im Bleisarg fanden, wurden bezüglich der Färbung noch nicht genauer analysiert.

Färbung und Gewebe waren auf jeden Fall sehr teuer und aufwendig hergestellt. Die Person, deren Reste damit geehrt werden sollte, war also vermutlich sehr hochstehend, vielleicht sogar von königlichem Geblüt.

Allerdings ist aus diesen Stoffstücken, die vermutlich auch nicht Kleidung der Editha waren, kein „Editha-Kleid“ oder zumindest ein ottonisches Kleid rekonstruieren. Es ist ein Mosaikstückchen mehr, aber wir sind für Rekonstruktionen weiterhin auf die Vorlagen aus den wenigen bebilderten Handschriften angewiesen.

Mädchen von Wessex

Die Knochen, die man im Bleisarg zwischen Stoffresten und dem vollständig erhaltenen Gewand fand, stammen indes von einer einzigen Person. Es handelt sich um die Gebeine einer Frau zwischen 30 und 40 Jahren, die etwa 1,57 Meter groß war. Weitere Untersuchungen ergaben Spuren von Mangelernährung oder einer Infektionskrankheit im Alter zwischen 10 und 14 Jahren. Ebenso weist der Gelenkkopf des Oberschenkels eine deutliche Reiterfacette auf. Leider ist das Skelett nicht vollständig erhalten, so ist etwa vom Schädel nur der Oberkiefer erhalten. Diese fehlenden Teile sind möglicherweise für Reliquienzwecke entnommen oder entwendet worden.

Faszinierend, was aufgrund der Strontium- und Sauerstoffisotopenanalyse der Knochen über die Aufenthaltsorte der Person ausgesagt werden kann. Diese Untersuchungen geschahen in Kooperation der Labore in Mainz und Bristol. Und sie kamen unabhängig voneinander zu gleichen Aussagen: Die Frau wuchs in ihren ersten acht Lebensjahren in Südengland auf. Allerdings scheint sie häufig den Aufenthaltsort gewechselt zu haben. Gesetzt, es handelt sich um Editha, passt dieses Ergebnis vermutlich zum Reisekönigtum ihres Vaters Edward des Älteren. Erst nach der Scheidung ihrer Mutter vom Vater, also nach 919, ist ein ständiger Aufenthaltsort in Wessex in der Gegend von Winchester anzunehmen. In ein dortiges Kloster wurde Edithas Mutter mit ihrer Tochter verbannt. Diese Analysen passen also im höchsten Maße zum bezeugten Lebenslauf von Editha.

Fisch auf Ottos Tisch

Die Mainzer Analysen befassten sich auch mit der Ernährung der untersuchten Person. Auffällig ist der hohe Anteil von tierischen Proteinen und Fisch. Die geringe Abnutzung an den Zähnen des komplett erhaltenen Gebisses sprechen für die Einnahme von weichen Nahrungsbestandteilen. Welche Vergleichsdaten das Landesamt für Archäologie bei der Nahrungsaufnahme „der Magdeburger Oberschicht des Mittelalters“ benutzt, darüber schweigt man sich leider aus.

Bekanntlich erstreckt sich das Mittelalter zeitlich sehr weit, so dass sich wissenschaftlich fundierte Vergleiche in dieser Art verbieten. Ein Raster, in dem man Editha vergleichsweise erfassen könnte, sehe ich nur zeitlich in der näheren Umgebung, sprich: der Ottonenzeit.

Der hohe Fischanteil führte allerdings zu einer zeitlich verzehrten Datierung der Knochen bei der C14-Untersuchung. Die beauftragten Labore in Kiel und Mannheim kamen annähernd zum selben Schluss: Die Knochen erscheinen in der Untersuchung 200 Jahre älter als das von Editha überlieferte Todesdatum. Der konsumierte Fisch führte, so die Erklärung, zu einer Beeinflussung der Kohlenstoffisotope in den Knochen. Ob dies auch zu Verzerrungen bei anderen Datierungen geführt haben könnte, steht nun nur nebenbei im Raum.

Die Indizienkette weist auf Editha

Die bereits aufgeführten Lebensumstände weisen auf die Beerdigung einer hochstehenden Person hin. Die Gebeine gehörten einer Frau in dem selben Alter, in dem auch Editha starb. Wie die schriftlich belegte Königin wuchs auch diese Frau in Südengland auf. Als Reiterin, die sich von gutem Fleisch und viel Fisch ernährte, sprechen diese Fakten für einen Lebenswandel in höchsten Kreisen.

Die wenigen Grabbeigaben, ein Gewand, ein Mantel oder eine Decke aus feinsten Gewebe weisen auf eine besondere Hochachtung für diese Person hin. Dazu darf man den archäologischen Fundort nicht vergessen. Ausgräber Kuhn fand unter dem angeblichen Kenotaph, der sich als echtes Grab herausgestellt hatte, als ältestes Relikt einen einfachen Sandsteinsarkophag, der durchaus der ältesten Bestattung zugewiesen werden könnte, und der bei den zahlreich vermuteten Umbettungen mehrmals geöffnet wurde.

Nach dem Magdeburger Dombrand 1207 wurden die Überreste der Königin in den Chorumgang des gotischen Neubaus verbracht und 1510 wurde die inschriftlich datierte Bleikiste gefertigt und in den großartig neu gestalteten Steinsarkophag gesetzt. Und auf der Bleikiste steht: Hier ist Editha drin. Dem ist nun nicht mehr zu widersprechen.

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4 Kommentare

  1. Hallo ‘Torsten,
    schöner Artikel, vielen Dank!
    Bist du sicher, was die Beschreibung des Seidenstoffs als “Samt” angeht? Könnte es auch “Samit” (bei Seide häufige Bindungsart) gewesen sein?

    18. Juni 2010, 10:06 Uhr • Melden?
    von Katrin Auer
    1
  2. Asche auf mein Haupt. Der “Samt”-Fehler geht auf meine Kappe. Redigierfehler. Torsten hat richtig Samit geschrieben, ich habe es zu “Samt” verschlimmbessert. Es geht um den 2. Absatz nach der zweiten Zwischenüberschrift.

    Das ändere ich sofort im Text und danke Katrin für den Hinweis! Toll, dass wir so aufmerksame Leser haben.

    18. Juni 2010, 10:06 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    2
  3. Hallo auch Herr Kreutzfeld,
    Ein ganz netter Artikel. Und ansonsten ist außer der Feststellung, daß es sich bei den im Sarg aufgefundenen Resten, wirklich um die der Gattin Ottos des Großen handelt, ja nichts zum Jubeln geblieben für den Herrn des Tellers. Wann bekommen die Magdeburger eigentlich “ihre” Königin zurück?
    Mit freundlichen Grüßen besonders an den Ottonen Torsten
    Guenther Krause

    12. Juli 2010, 09:07 Uhr • Melden?
    von Guenther Krause
    3
  4. wenn das richtig vernommen worden ist, Dr. Wunderlich ist Chemiker ? – kein Restaurator !

    17. Februar 2014, 16:02 Uhr • Melden?
    von thorsten Schlund
    4

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