Kontraste Streit um den Koran?

„Dunkle Passagen“ im Koran wollte Christoph Luxenberg klären. Textpassagen also, die islamischen wie abendländischen Gelehrten von Beginn unverständlich waren. Erstmals hat Luxenberg den Koran mit philologischen Mitteln in seinem historischen Kontext untersucht.

Tauchfahrt in philologische Tiefen

Es geht um eine Methode, die in der muslimischen Welt bestenfalls auf kritisches Interesse stoßen dürfte – weshalb „Luxenberg“ auch das Pseudonym eines Semitisten einer deutschen Universität ist. Sein Werk ist ein Schlemmermahl an grammatikalischen Genüssen – und ein verdammt wichtiger Diskussionsbeitrag.

Das Buch ist im Berliner Verlag Hans Schiler erschienen, der sich unter anderem dem literarischen Orient verschrieben hat. Es ist eine wissenschaftliche Lektüre und als solche – und das betont Luxenberg – auch nur gewissermaßen ein Forschungsbericht, ein Ausschnitt aus der „Werkstatt“ des Wissenschaftlers. Luxenberg legt keine komplette Neuübersetzung des Koran vor, sondern wirft ein neues Licht auf viele Suren dieser heiligen Schrift der Muslime.

Die so genannten „dunklen Stellen“ vergleicht der Autor zunächst mit altarabischen Kommentaren. So bereinigt, nimmt er die fraglichen Zeilen Wort für Wort auseinander und sucht nach den ihnen zugrunde liegenden syro-aramäischen Wurzeln. Denn das Aramäische ist die Mutter der arabischen Schriftsprache, die die islamischen Eroberer ab dem 7. Jh. erst nach und nach entwickelten. Das Aramäische ist damit zugleich eine Art christliches Erbe in der islamischen Kultur.

Lebt eine christliche Tradition im Koran fort?

Die aramäische Sprache, oder korrekter Syro-Aramäisch, war im Frühmittelalter die lingua franca auf der Arabischen Halbinsel. Zu Beginn der Invasion der muslimischen Araber stellten die Christen die Mehrheit in der Levante. Und ihre Sprache war auch die Sprache der Literatur und blieb es noch als der Koran erstmals verfasst wurde. Aus dieser Schriftsprache heraus entwickelten die muslimischen Gelehrten erst ihre eigene.

Als die ersten Koranexegeten im 9. und 10. Jh. ihre Kommentare verfassten, waren die aramäischen Wurzeln, wenn nicht vergessen, so doch verdrängt. Kein Wunder, dass bei der Interpretation so mancher Sure die korrekte Bedeutung eines ehemals aramäischen Wortes dunkel blieb. Oft waren sich die Gelehrten gar nicht bewusst, dass das fragliche Wort dem christlich geprägten Aramäisch entlehnt war.

Das Wort „Quran“ selbst, so Luxenberg, geht wahrscheinlich auf das aramäische Wort für ein liturgisches Buch zurück, das ausgewählte Texte der Heiligen Schrift – also des Alten und Neuen Testaments – enthielt. Einige Suren, so der Autor, lassen eindeutig darauf schließen, dass sich der Koran auf die Schrift bezieht, Teil von ihr ist. Und was können die „Schrift“ sein, wenn nicht die Offenbarungen der Christen und Juden! So gesehen, plädiert der Autor also dafür, dass der Koran gewissermaßen eine Übertragung der Schrift ist – und nicht in fertiger arabischer Schriftsprache dem Propheten eingegeben wurde – wie es die islamisch-orthodoxen Gelehrten sehen. Mohammed habe also gar keine komplett neue Religion installieren wollen, sagt Luxenberg.

Ein Beispiel mag genügen, um inhaltliche Diskrepanzen zwischen orthodoxer Lesart und der neuen Interpretation nach Luxenberg aufzuzeigen: Berühmt sind die Suren, in denen islamischen Rechtgläubigen (und Märtyrern) ein Paradies voller Huris, also schwarzäugiger Paradiesjungfrauen versprochen wird. Legt man die syro-aramäischen Wurzeln der betreffenden Worte zugrunde, werde den zum Himmel Aufgefahrenen lediglich „kristallklare Weintrauben“ versprochen. Ein Bild, das übrigens mit christlichen Paradiesvorstellungen und überdies mit christlich-syrischen Hymnen des 4. Jhs. übereinstimmen würde. An anderer Stelle verdeutlicht die neue Lesart auch erstmals, dass der Koran durchaus die christliche Vorstellung der jungfräulichen Geburt Jesu legitimiert und anerkennt!

Brisanter Lesestoff

Luxenberg sieht sich in der Tradition frühislamischer Aufklärer, die allerdings nicht soweit in ihren Ansichten vorgedrungen seien. Und er ist sicher, dass seine Forschungen auch in der islamischen Welt nicht nur auf Ablehnung oder Ignoranz stoßen.

In der Absicht des Autors liegt nicht, die „dunklen Stellen“ stets pro Christentum verstanden zu wissen oder die Muslime gar zum Christentum zu bekehren. Die Brisanz der Arbeit liegt in ihrer Bedeutung als Diskussionsbeitrag für ein neues Verständnis zwischen beiden Kulturen. Delikat wird der Anspruch Luxenbergs, wenn man berücksichtigt, dass sowohl gemäßigte als auch fundamentalistische Kreise im Islam auf ihre Deutung des Korans pochen.

Eine wichtige Dokumentation

Bei aller Spannung des Themas ist klar, dass sich das Buch zunächst an philologisch Interessierte wendet. Es ist ein wissenschaftliches Werk, dessen Inhalte sich noch besser erschließen, wenn der Leser gleich einen Koran zum Nachschlagen zur Verfügung hat. Aber gerade der wissenschaftliche Aufbau und die detaillierten Untersuchungen der Wortstämme und ihrer Bedeutungen machen die Schlagwirkung des Buches aus.

Als Dokumentation ist das Werk von unschätzbarer Bedeutung. Und dennoch, so Luxenberg, ist es eigentlich erst der Beginn einer langen Untersuchungsreihe. Die neue Exegese hat gerade erst begonnen.

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1 Kommentare

  1. Nach Durchsicht mehrerer Rezensionen, von denen die deutschsprachigen weitestgehend affirmativ waren, schien mir die von Francois de Blois im Journal of Qur’anic Studies, Vol. V (2003), S. 92-97, doch ernüchternd, da er die angebliche Sprachkompetenz des Autors doch (meines Erachtens zu Recht) in Frage stellt. Gegen eine historisch-kritische Analyse auch des Korans ist nichts einzuwenden, sie ist sogar zu begrüßen, nur sollte eine silche wirklich das sein, was sie vorgibt, nämlich “historisch-kritisch”. Phantastereien tragen nämlich ebensowenig zur Aufklärung bei wie ein unkritisches Beharren auf Glaubensüberzeugungen.

    29. März 2005, 16:03 Uhr • Melden?
    von Karl-Heinz Golz
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