Neu im Kino Götterdämmerung in Alexandria

Rachel Weisz in der Rolle der forschenden Hypatia. © Tobisfilm

„Agora – Die Säulen des Himmels“ läuft am 11. März in den Kinos an. In dem Film von Alejandro Amenábar geht es um das spätantike Alexandria, Glaubenskämpfe, um Philosophie. Und um eine historische Figur: Hypatia.

Story mit Gegenwartsbezug

„Ich bin das Licht, das über allem ist. Ich bin das All. Aus mir ist das All hervorgegangen. Und zu mir ist das All gelangt.“ Das ist ein Spruch, den frühe Christen in Syrien Jesus zuschrieben, und der sich im 4. Jahrhundert auf einem von 13 koptischen Papyruscodices im oberägyptischen Nag Hammadi wiederfindet. Es ist das Thomasevangelium, das den Spruch enthält (Vers 77; in der Übersetzung von Hans-Gebhard Bethge). Mag dieses Evangelium auch zu den gnostischen Apokryphen zum Neuen Testament zählen, also kein Teil des offiziellen Bibelkanons sein –, der Vers sagt einiges über das frühchristliche Denken und den Anspruch auf eine vollkommene Lehre aus. Ein Zeitgenosse, der die Mechanik des Himmels untersucht, der Zweifel an dessen Vollkommenheit hegt und überhaupt dem Zweifel als wissenschaftliche Notwendigkeit huldigt, musste den Christen ein Dorn im Auge sein. Erst recht, wenn dieser Zeitgenosse eine Frau ist, die zugleich als forsche Vertreterin alten Heidentums gilt.

Die 415 von einem aufgebrachten Mob getötete Mathematikerin und Philosophin Hypatia von Alexandria war ein solcher Mensch, der ganze Gesellschaftskreise polarisieren konnte. Ihre Geschichte bot dem spanischen Regisseur Alejandro Amenábar den Grundstoff für seinen neuen Film „Agora – Die Säulen des Himmels“ über ein spannendes Kapitel alexandrinischer Stadtgeschichte. Es ist ein Stück, das wissenschaftliche und religiöse Auseinandersetzungen widerspiegelt. Das Christentum schickte sich in jener Epoche an, zur Staatsreligion im Imperium zu werden.

Der Regisseur legte es darauf an, seinem Werk einen aktuellen Anstrich zu verleihen. Und so bekämen christliche Fanatiker in dem Film eine Anmutung, die historische Beschreibungen „mit der Welt der Taliban kombiniert“, erläuterte Amenábar. Schnitt und Kameraführung sollen zudem eine Wirkung erzielen, als sähe man einem Reporterteam zu, wie es Ereignisse des vierten Jahrhunderts dokumentiert. „Dieses Gefühl der Dringlichkeit, der ‘Breaking News’, war die Basis meines Ansatzes.“, sagte der Regisseur. Der Film sei „eine Mischung aus Genauigkeit und Spektakel“.

Mit einem Budget von rund 50 Millionen Euro und einem vorwiegend europäischen Produktionsstab nahm sich der junge Spanier eines tragischen Moments in der Spätantike an. Bislang fiel Amenábar durch Thriller wie „The Others“ auf oder durch das intensive Drama „Das Meer in mir“, in dem ein Gelähmter für die Legalisierung der Sterbehilfe kämpft. Ob „Agora“ zum Überraschungshit wird, muss sich erst noch herausstellen.

Gleichwohl: Es ist wohltuend, dass die europäische Filmindustrie die Lust auf historische Stoffe nicht verloren hat. „Henri 4“ von Jo Baier startet beinahe zeitgleich und kümmert sich seinerseits um einen Religionskrieg. Den zwischen katholischen und protestantischen Franzosen im 16. Jahrhundert. Diese Ära ist cineastisch nun wirklich nicht unterrepräsentiert, man denke an die aufwühlende „Bartholomäusnacht“. „Agora“ hingegen nimmt erstmals das spätantike Alexandria ins Visier. Und hier eröffnet sich Amenábar eine schier unerschöpfliche Themenvielfalt.

Inszenierung eines Untergangs

Da ist nun die Geschichte, wie Amenábar sie erzählt – der mit Schauspielerin Rachel Weisz ein glückliches Händchen bewiesen hat. Die stellte unter anderem in „Der ewige Gärtner“ einen standhaften und geradlinigen Frauencharakter glaubhaft dar. Und genau diese Mischung aus Weiblichkeit und Geradlinigkeit ist auch der von Amenábar in Szene gesetzten Hypatia zu eigen. Die Story steigt im Jahr 391 ein, in dem Hypatia und ihr Vater Theon im Museion von Alexandria Mathematik und Astronomie lehren. Selbstbewusst und von ungestümer Forscherlust beherrscht, gerät Hypatia nach und nach in den Strudel religionspolitischer Ereignisse.

Die Lehrerin richtet ihren Blick fest ins All, spricht über Planetenkonstellationen und erwehrt sich der Avancen des jungen Adligen Orestes, ihres Schülers. Eine Frau wie sie sieht ihre Zukunft nicht in den Grenzen einer Ehe, sondern als selbstständige Forscherin, die das Wissen der Altvorderen bezweifeln, verbessern und weitergeben will. Kostümdesignerin Gabriella Pescucci (Zeit der Unschuld; Es war einmal in Amerika) verlieh der Hypatia denn auch durch den Verzicht auf den üblichen Schleier oder das Tragen einer Toga einige maskuline Züge – die ihre Sonderstellung in der Gesellschaft unterstreichen sollten. Der Film arbeitet mit bildhaften Symbolen; Authentizität bis hin zum Lederriemen für das Schuhwerk steht also nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.

Die Leidenschaft der Hypatia gehört dem Sonnensystem. So wie sich nach und nach der tragische Stoff ihrer Geschichte entwickelt, so spinnt der Regisseur auch den Faden ihrer wissenschaftlichen Forschungen weiter. Es geht um Sternenbilder, Planetenbewegungen und schließlich um die Frage nach geozentrischem oder heliozentrischem Weltmodell. Darum kreisen die Gedanken Hypatias, trotz einer um sie herum ins Chaos sinkenden Welt. Heiden und die erstarkenden Christen geraten gewalttätig aneinander. Auch Hypatia muss sich schließlich der Glaubensfrage stellen.

Dieser Tragik allein trauen die Filmemacher allerdings nicht genug Dynamik zu; sie flechten noch eine Liebesgeschichte ein. Und werfen Hypatia in eine Dreiecksbeziehung zwischen ihrem Schüler und Verehrer Orestes, der später als Präfekt Ägyptens auch ihr Leben zu schützen sucht, und ihrem wissbegierigen Sklaven Davus, der seinerseits in fundamentalistische Kreise gerät. Regisseur Amenábar malt seine Hauptfigur zudem als feministische Vorzeigefrau. Es sind viele Saiten, die der Mann in seinem Film anklingen lässt.

Der Film steuert auf einen Höhepunkt zu, in dem Emotionen, Glaubenskämpfe und die gute alte alexandrinische Schule ihre Rollen zu spielen haben. Es ist das Jahr 415, das für Hypatia zum Schicksalsjahr wird. In dem der amtierende Bischof Kyrill ihre Arbeit zum Anlass nimmt, die Lehrerin als heidnische Hexe zu diffamieren. Hypatia bleibt trotz aller Anfechtungen ihrem Ideal treu; dem Ideal der Wahrheit. Amenábar wird diesen Moment als einen Höllentrip darstellen: Hüben der christliche Mob, der eifernden Führern folgt und gewissermaßen den Weg zum „düsteren Mittelalter“ freilegt – drüben die leuchtende Hypatia und ihre Philosophenschule samt berühmter Bibliothek, die für eine wissensdurstige Welt stehen. Oder mit des Regisseurs eigenen Worten gesagt: „Alexandria symbolisierte eine Zivilisation, die langsam durch verschiedene Gruppen, vor allem religiöse Gruppen, zerstört wird. Für viele markiert die Zeit, in der Hypatia lebte, das Ende des Zeitalters der Antike und den Beginn des Mittelalters.“

Authentischer Hintergrund

Die Zutaten sind also angerichtet, die Gewürze verteilt. Nun muss sich erweisen, ob das Werk so elegisch daherkommt, wie es der Trailer verspricht. Optisch immerhin ist „Agora“ ganz auf höchste Ansprüche getrimmt. Bleibt nun die Frage nach der richtigen Mischung. Nimmt sich „Agora“ genügend Zeit für wissenschaftlichen Anschauungsunterricht? Es wäre wünschenswert. Und bei allem Verständnis für dramaturgisch bedingte Verknappungen – ein reines Schwarz-Weiß-Denken in Sachen Glaubenskrieg wäre wenig dienlich. Denn weder der verbürgte Sturm auf das Serapeion noch die Angriffe auf Hypatia bedeuteten tatsächlich das sofortige Aus für die Schule von Alexandria. Die passte sich allerdings den Gegebenheiten an; unter anderem rückte Aristoteles immer mehr ins Zentrum. Erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts wurde die Schule rein christlich.

Weiter bleibt zu hoffen, dass auch Pathos und Liebesschmerz den Kern der Geschichte nicht überstrahlen. Derartig intime Details sind von Hypatia auch nicht bekannt. Der historische Anstrich wäre dahin – und das bei diesem sorgfältig arrangierten Personal: Authentisch sind Hypatia und ihr Vater Theon. Auch Präfekt Orestes war der Philosophin tatsächlich in Freundschaft zugetan. Ihr berühmtester Schüler war Synesios, später ein Bischof. Auch er bekommt seinen Platz im Film und spielt gewissermaßen die Karte des gemäßigten Christen aus. Der Film beginnt unter der Ägide des alexandrinischen Patriarchen Theophilos. Er ist eine historisch belegte Figur, die auf Geheiß von Kaiser Theodosius I. (379 bis 395) gegen die Heiden aktiv wurde. Auf den Patriarchenthron folgte Kyrill, ein Neffe von Theophilos, auch das ist verbürgt.

Imperium am Scheideweg

Regisseur Alejandro Amenábar will Alexandria als einen öffentlichen Platz inszenieren – als eine Agora also, wo sich beispielhaft eine historische Zäsur abspielt. Der Zeithorizont ist geschickt gewählt. Politisch: Nach dem Tod von Theodosius erfolgt unter seinen Söhnen die Teilung des römischen Reichs in zwei Verwaltungseinheiten, die sich danach rasant zu eigenständigen Reichshälften entwickeln – wobei Westrom bald der Völkerwanderung erliegt. Religiös: Nach mehreren Konzilen setzt sich zunehmend eine Glaubenslehre durch, die später als katholische Kirche bezeichnet wird, und die nicht nur heidnische Religionen bekämpfen wird, sondern auch als ketzerisch angesehene christliche Sekten.

Es ist die dynamische Zeit nach dem Konzil von Nicäa; die Zeit der Auseinandersetzungen mit Nestorianern oder Arianern. Noch um 360 hatten zeitgenössische Chronisten Ägypten als Hort uralter Weisheit geschätzt; sie lobten Mysterien und Orakel, die Kulte, Tempel und die Priesterfrömmigkeit. Alexandria galt als größte und reichste Stadt des Orients. Sie war Wirtschafts- und Bildungszentrum. Die neuplatonische Universität in Alexandria war neben den Schulen von Pergamon und Athen die Hochburg des Heidentums schlechthin.

Unter Kaiser Theodosius war der römische Senat noch vorwiegend heidnisch, Heiden dienten im Offizierskorps. Dennoch erklärte er das katholische Christentum zur offiziellen Religion des Imperiums. Was nicht hieß, dass die Bürger zum Übertritt gezwungen wurden. Auch das Verbot, heidnische Riten öffentlich auszuüben, ließ sich kaum sofort im ganzen Reich umsetzen. Doch Übergriffen und gewalttätigen Auseinandersetzungen waren mit den neuen Gesetzen Tor und Tür geöffnet. Patriarch Kyrill von Alexandria tat sich im aktiven Kampf gegen das Heidentum hervor. Mit einer Art Miliz und mit Hilfe vieler Mönche beherrschte er praktisch die Straßen der Metropole. Er terrorisierte angebliche Ketzer und ließ 415 viele Juden aus der Stadt vertreiben. Im selben Jahr inszenierte er eine Hexenverfolgung, der im März Hypatia zum Opfer fiel. Der Historiker Alexander Demandt beschreibt in seinem Grundlagenwerk „Die Spätantike“ die Christianisierung Ägyptens als eine Art Kulturrevolution. Die breite Masse des Volkes identifizierte sich mit dem Volk Gottes – und zerstörte die alten religiösen Monumente. Im 6. Jahrhundert dann war Ägypten mit über 100 Bistümern eine christliche Hochburg – in monophysitischer Ausrichtung.

Artikel aus der Rubrik „Medien“

  • Zehn Jahre „Traditionell Bogenschießen“

    Seit wie viel zehntausend Jahren gibt es die Kunst des Bogenschießens? Der Frage kann man in der Gelehrtenstube nachgehen. Oder aber dem Geheimnis der uralten Waffe durch eigenes Erleben nachspüren. „Traditionell Bogenschießen“ hilft…

  • Ritterorden im Mittelalter

    Endlich ein Übersichtswerk, das sich der Entwicklung der abendländischen Ritterorden vollständig annimmt. Verfasst von Fachautoren, die mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Organisationen von Templer, Johanniter und Co. untersuchten.…

  • Das Zeitalter der Keltenfürsten

    Er ist Wissenschaftsjournalist, hat Vor- und Frühgeschichte studiert, schrieb über Kulturgeschichte und Neandertaler. Jetzt hat Martin Kuckenburg ein Keltenbuch vorgelegt. Simon Kahnert hat reingeschaut.

  • Drama am Abgrund

    In der noch jungen Romanreihe des Archäologieverlags Philipp von Zabern darf man gut recherchierte Bücher erwarten. Wir nehmen den frisch veröffentlichten historischen Roman über Otto den Großen unter die Lupe.

2 Kommentare

  1. Komme soeben aus dem Kino. Ich könnte jetzt an Details mäkeln, zB über den etwas unglücklichen Einsatz von erklärenden Untertiteln.

    Was soll´s: Ich empfinde den Streifen als überzeugend gemacht. Schöne Perspektiven durch / über Alexandria. Sehr schön sind die wichtigsten Handlungsstränge durchgehalten worden – die Forschungsaufgabe Hypatias und der Zusammenprall der Religionen. Bei dem übrigens durchaus alle Parteien ihre dunklen Seiten zeigen. Das gibt einen Pluspunkt. Und dann das Finish. Das ist gutes europäisches Kino, kein weichgespültes Finale.

    Ich darf “Agora” getrost empfehlen.

    17. März 2010, 23:03 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    1
  2. Agora ist jetzt kein Film, dessen Veröffentlichung auf Blu-Ray/DVD ich herbeisehne nach dem Kinobesuch. Aber: Ich wurde richtig gut unterhalten, habe fantastische Bilder gesehen. Der Film ist richtig gut gemacht, sehr schöne Kulisse, authentische Schauspieler und eine harsche Kritik an den Christen, obwohl auch andere ihr Fett abbekommen haben.
    Der Kinobesuch lohnt sich also in jedem Fall, erst recht wegen der tollen Bilder.

    18. März 2010, 10:03 Uhr • Melden?
    von David Maciejewski
    chronico
    2

Ihr Kommentar zum Artikel „Götterdämmerung in Alexandria“

Jetzt anmelden mit Facebook Twitter

oder