Salzhändler Opfer im Machtspiel der Welfen

Vor dem Hintergrund eines Zollstreits zwischen dem Erzbischof von Freisingen und Heinrich dem Löwen entwickelt Roland Mueller die Handlung seines Romans "Das Erbe des Salzhändlers", der 2006 bei Limes in München erschienen ist.

Vorhersehbare Konstruktion

Munichen, anno 1158. Der Salzhändler Anselm Zierl ist mit schwerer Fracht auf dem Handelsweg nach Augsburg. Als seine Ochsengespanne auf die Brücke über die Isar rollen, geht diese in Flammen auf. Nur sein Sohn Kai überlebt.

„Sollten versierte Leser historische Schwächen entdecken, liegt es vor allem am Autor, der solche Fakten opferte, wenn es der Geschichte in diesem Roman diente“, erklärt der Autor im Nachwort. Dabei ist gerade der historische Bezug eine der gelungenen Seiten des Romans, bildet er doch eine durchaus vorstellbare Kulisse für die Ereignisse um den Jungen Kai, der nach dem Brand von einem Junker namens Gottfried auf die Burg Badenweiler gebracht wird, wo er einige Jahre lebt, bevor er sich aufmacht, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen.

Eine wesentliche Schwäche des Romans zeigt sich dagegen in seiner Gesamtkonstruktion. Denn für den Leser liegt das Geheimnis um Kais Herkunft von Anfang an offen. Die Entwicklung der Handlung, welche Umwege sie auch nimmt, und das Ende des Romans sind bestenfalls Bestätigung dessen, was der Leser schon die ganze Zeit wusste. Viel Raum für Spannung bleibt da nicht, auch wenn der Klappentext etwas anderes verspricht. Auch die dann und wann eingestreuten Sequenzen bruchstückhafter Erinnerung, in denen Kai eine Frau inmitten eines Flammenmeeres sieht, bieten wenig Abhilfe.

Helden à la carte

Das eigentliche Potential der Geschichte wird vom Autor dagegen nicht ausgereizt, weder auf der Ebene der äußeren, noch auf der der inneren Handlung. Mueller verschenkt die Chance, Kais Suche nach der äußeren eine nach der inneren Wahrheit gegenüber zu stellen. So bleibt der Protagonist bei seinen Nachforschungen blass. Schon als Knabe weiß er immer, was richtig und was falsch ist. Nie gerät er in Zweifel, nie in Gefahr, die verkehrte Wahl zu treffen, sich auf die falsche Seite zu schlagen. Kaum entwickelt er sich im Verlauf der Ereignisse.

Auch die anderen Figuren sind oft zu einseitig gut oder böse, manchmal durch zu viel Klischee charakterisiert. Lisa, die Frau, die Kai liebt, ist natürlich rothaarig, hat natürlich die Gabe zu sehen und wird natürlich als Hexe verfolgt – das haben wir alles schon mal woanders und meist spannender gelesen.

Überhaupt berichtet Mueller viel über seine Figuren, erklärt und beschreibt und vergisst dabei, dass gerade ein Roman genügend Möglichkeiten bietet, auf Sätze wie „Er wirkte eher gemütlich,“ oder „Mit Kai geschah eine Veränderung“, zu verzichten – mithilfe von Handlung und Dialogen. Doch in dieser Hinsicht traut der Autor seinen Lesern und wohl auch sich selbst nicht all zuviel zu.

Schade. Denn Mueller hat durchaus das Zeug packend und spannend zu schreiben. Das zeigt sich immer wieder zwischendurch, in einzelnen handlungsbetonten Szenen, in denen sich die Atmosphäre kurzzeitig verdichtet. Zum Beispiel bei der Ochsentour der Zierls am Ufer der Isar entlang, die Angst im Nacken, das wertvolle Handelsgut zu verlieren. Hätte Mueller auf diese Art den ganzen Roman geschrieben, er wäre um Einiges lesenswerter geworden.

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2 Kommentare

  1. Ich lese gerne historische Romane, die im Mittelalter spielen, um mehr über das Leben in dieser Zeit zu erfahren. Dabei erwarte ich mir kein Geschichtswerk, das auf historischen Fakten beruht, sondern eben einen Roman. Aber Roland Mueller geht mir mit seiner Phantasie doch zu weit, wenn Kai Sohn eines Innsbrucker Salzhändlers sein soll, in Innsbruck geboren sein soll, es in Innsbruck Bürger- und Handelshäuser, eine Stadtmauer und eine Pfarrkirche etc. gegeben haben soll.
    Tatsächlich gab es im Jahr 1158 kein Innsbruck, noch nicht einmal die namensgebende Innbrücke, sondern auf dem Gebiet der Innsbrucker Altstadt nur grüne Wiese. Die Besiedlung dieses Gebietes begann erst 1180, nachdem die Grafen von Andechs den Grund vom Kloster Wilten erworben haben.

    07. Februar 2007, 16:02 Uhr • Melden?
    von Hansjörg Mayr
    1
  2. Ich bin in der Tat ein Liebhaber Historischer Romanen und ich azeptiere es schon lange, dass in jedem, zum Teil auch in sehr guten Romanen im frühen Mittelalter immer mal wieder ein Schnaps getrunken wird. Obwohl Destillate erst im 17 Jahrhundert im Schwange waren (auch bei Ken Follett, niemals bei Umberto Ecco) Aber Vöhringen liegt an der Iller, nicht an der Isar Telfs wird urkundlich erst 1175 erwäht…
    Sprachlich und logisch nicht überzeugend. Die Charaktere ohne Profil. Ich habe das Buch bald wieder weggelegt.

    18. Juli 2007, 23:07 Uhr • Melden?
    von Wolfgang Döring
    2

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