Auftakt Saladin und die Kreuzfahrer

Minne, höfische Kultur und aufblühende Kunst – das ist die eine Seite des Hochmittelalters. Die andere, dunkle, ist die Gewalttätigkeit der Kreuzzugsbewegung. Beides fand Eingang in die heute beginnende Ausstellung „Saladin und die Kreuzfahrer“ im sachsen-anhaltinischen Halle. Das Vorhaben ist der Auftakt einer dreiteiligen Serie, die erstmals in der deutschen Ausstellungsgeschichte beide Seiten – die christliche und die muslimische – gegenüberstellt. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle bietet zudem extrem gute Einblicke in das Erbe der mitteldeutschen Kreuzfahrer. Die Auswahl der gezeigten Stücke ist phänomenal.

Politische Zwischentöne

Eine Ausstellung mit diesem Thema und Anspruch hat notgedrungen eine politische Dimension. Und so spricht Harald Meller, Landesarchäologe und Leiter des Landesmuseums Halle, auch von „Begegnung der Kulturen“, wenn er das Konzept umreißt. Das Erbe der Kreuzzüge umgebe die heutigen Menschen beinahe täglich, sagte er zur Eröffnungspressekonferenz am Mittwoch. Damit spielte Meller nicht nur auf archäologische oder bauhistorische Funde an, sondern auf die politische Entwicklung seit dem 11. September 2001.

Kern der Ausstellung ist die Aufbereitung von 130 Fundkomplexen aus europäischen Gebieten sowie von Originalschauplätzen im Nahen Osten. Die jeweils „besten Stücke“ (Meller) veranschaulichen die entsprechenden Kontexte. Dazu zählen auch Leihgaben aus Israel. Und die sorgten wiederum für einen politischen Eklat. „Wir hätten auch gern syrische Leihgaben gezeigt, aber das hat nicht geklappt“, bedauerte Meller. Diplomatie und Reisen nach Damaskus waren erfolglos – die Syrer, so Meller, bestanden auf dem Verzicht israelischer Exponate. Und Sultan Saladin (Salah ad-Din) hätte im Begleittext der Ausstellung nicht als Kurde bezeichnet werden dürfen. Das machten die Projektleiter nicht mit. Das Ergebnis ist dennoch eine Augenweide. Auf drei Ebenen entfaltet sich ein bewusst schlicht gehaltenes Konzept.

Saladin und Richard Löwenherz

Die Ausstellungsebenen umwinden einen Lichthof, der von einem überdimensionalem „Buch“ beherrscht wird. Die Abbildungen verdeutlichen buchstäblich beide Seiten der Kreuzzüge – auf der einen tobt die wilde Schlacht, auf der anderen vergnügen sich ein christlicher Ritter und ein Muslim beim Schachspiel. In einem Wasserbecken darunter glänzt das mystische Ziel aller Kreuzzugsträume – Jerusalem – als mittelalterliches Mosaik.

So eingeführt eröffnet sich dem Besucher die facettenreiche Welt des Orients. Das Leben zweier Kontrahenten, Saladin und Richard Löwenherz, haben die Ausstellungsmacher gegenübergestellt. Gilt Saladin als Inbegriff für religiöse Toleranz („Nathan der Weise“), so steht der englische König Richard für ritterliche Ideale. Seine Legende wird zum Teil entzaubert: Während des dritten Kreuzzugs eroberte er 1291 Akkon von Saladin zurück und ließ dabei Tausende muslimischer Gefangene niedermetzeln.

Die Welten begegnen sich

Jenseits kriegerischer Akte gab es natürlich auch ein ziviles Leben an der Levante. Im Laufe der zwei Jahrhunderte dauernden Lebenszeit der Kreuzfahrerstaaten entstanden Städte, Burgen, zogen Pilger zu den heiligen Städten und blühte der Handel auf allen Seiten. Diese Lebenskultur wird gleichfalls durch meisterhafte Stücke skizziert.

Das Leben auf einer Burg zeigen die Wissenschaftler am Beispiel von Montfort. 1220 erwarb der Deutsche Orden die Festung und baute sie zu seiner Ordensburg „Starkenberg“ aus. Die Anlage war für den Schutz von Akkon von enormer Bedeutung.

Deutsche Kreuzfahrer

Die dritte Ebene ist eine mitteldeutsche Spezialität. Die Menschen aus dem heutigen Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hinterließen tiefe Spuren. Ein prächtiges Andenken ist der weltberühmte Domschatz zu Halberstadt. Einige der schönsten Stücke, darunter das Armreliquiar mit dem mumifizierten Finger des Heiligen Nikolaus, fand den Weg nach Halle.

Damit aufs feinste eingerahmt präsentieren sich Hinterlassenschaften hiesiger Kreuzfahrer. Diese Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Für Meller ein Grund mehr, die mitteldeutschen Zeugnisse im Zuge der Ausstellung aufzuarbeiten. Das Ergebnis ist unter anderem eine detaillierte Liste überlieferter Namen von Rittern, die ins Heilige Land aufbrachen. Eine wahre Fundgrube für entsprechend aufgestellte Living-History-Akteure! Einen sehr schönen Ruhepol ergibt die Installation „Heiliges Grab zu Gernrode“. Es handelt sich um eine Nachbildung des vermutlich ältesten so genannten Heiligen Grabes nördlich der Alpen. Hineingehen und still abwarten, was passiert…

Ausblick

Die Ausstellung ist keine „Vitrinenshow“, aber auch kein sinnverwirrendes Spektakel. Dem Thema angemessen fanden die Macher die ausgewogene Mitte. Nur wenige Stücke finden auch den Weg zu den beiden weiteren Stationen der Ausstellung. Jeder Ort wartet mit einem eigenen Schwerpunkt auf. Das Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg (5. März bis 2. Juli 2006) setzt auf den Orient als Vermittler vielfältiger Kenntnisse. Im Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim (23. Juli bis 5. November 2006) geht es um kulturgeschichtliche Hintergründe.
Diese Trilogie ist ein Lehrstück über gute Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Wer nicht zu jedem Ort fahren mag, dem sei das Begleitbuch empfohlen (siehe Beitrag hier im Dossier). Hier findet sich das komplette Geschehen wieder.

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