Wasserorgel Zweite Karriere für antikes Instrument

Justus Willberg prüft noch einmal den Aufbau der Orgel. © Marcel Schwarzenberger

Eine Geschichte, viele Hauptrollen: Musiklehrer, Mechaniker, ein experimentierfreudiges Ensemble und die Replik einer römischen Orgel. Musica Romana auf musikarchäologischen Pfaden.

Ein Brand mit Folgen

Aquincum um 250 nach Christus. Ein Brand zerstört das Haus in der Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia inferior. Beim Einsturz des Gebäudes begraben die Trümmer auch die Metallteile eines römischen Hausinstruments unter sich. Die hölzernen Stücke der Orgel allerdings lösen sich in Asche auf.

Der selbe Ort im Jahr 1931. Aus Aquincum, das die Römer Anfang des 5. Jahrhunderts verließen und damit den Hunnen auslieferten, ist inzwischen die ungarische Hauptstadt Budapest geworden. Archäologen graben im Keller des einst verbrannten Hauses die Überreste der Orgel aus. Eine Widmungstafel gibt Aufschluss über das Alter des Instruments. Der Lokalpolitiker Gaius Iulius Viatorinus schenkte die Orgel 228 nach Christus der Feuerwehr von Aquincum, deren Leiter er selbst war. Das abgebrannte Gebäude war der Amtssitz der Feuerwehrleute.

Keine andere antike Orgel ist so gut erhalten wie die von Aquincum. Es gab mehrere Versuche, das Instrument zu rekonstruieren. Ungarische und deutsche Orgelbauer wollten den Ursprüngen ihrer so urchristlich anmutenden Instrumente auf die Spur kommen. Auch moderne Kirchenorgeln basieren letztlich auf einem Bauprinzip, das schon die Griechen für musikalische Zwecke einsetzten: Druckluft, die sich buchstäblich pfeifend einen Weg durch schmale Metallröhren bahnt. Und so setzten die neuzeitlichen Rekonstrukteure Blasebälge ein, um die Luft durch das Röhrensystem ihrer Repliken zu blasen. Allerdings glauben immer mehr Wissenschaftler, dass bei der Aquincum-Orgel nicht nur Luft, sondern auch Wasser im Spiel war.

Tüfteln für den Praxistest

Schwerin am Sonnabend, 20. Januar 2007. Justus Willberg inspiziert die 52 Spielpfeifen ein letztes Mal. „Vielleicht war es tatsächlich eine Wasserorgel. Aber die Beweise dafür sind verbrannt.“ Ein Jahr tüftelte der Profimusiker aus dem fränkischen Weißenburg mit dem Nürnberger Mechaniker Martin Braun an dem Nachbau der Aquincum-Orgel. Nun steht das rund 30 Zentimeter breite, und fast 60 Zentimeter hohe Instrument im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin. Silbern glänzen die Pfeifen im gedimmten Licht des kleinen Konzertsaals in der Schweriner Altstadt. Die Replik von Willberg und Braun ist der jüngste Rekonstruktionsversuch des antiken Meisterwerks. Und – nach einer Replik im ungarischen Pécs aus den 1990er Jahren – vermutlich erst der zweite originalgetreue Nachbau einer Wasserorgel. Anders als die Ungarn geht Willberg aber noch einen Schritt weiter: Er will das Instrument auf einer regelrechten Konzerttour auf Herz und Nieren prüfen. Den Auftakt bildet eben der Auftritt in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Es ist eine Tournee mit dem Ensemble Musica Romana.

Willburg ist seit einigen Monaten Mitglied von Musica Romana – eine Formation aus professionellen Musikern, Archäologen und Tänzern. Die Musikarchäologin Susanna Rühling war 2002 Mitbegründerin des Ensembles, das sich der Erforschung und Aufführung antiker griechischer und römischer Musik verschrieben hat. „Die Wasserorgel passt hervorragend in unser Repertoire“, sagt sie. Musica Romana tritt ausschließlich mit originalgetreuen Repliken historischer Instrumente auf und ist gefragter Partner von archäologischen Museen in ganz Europa.

Bei einem Auftritt des Ensembles in Bayern wurde Willberg im vergangenen Jahr auf Musica Romana aufmerksam. Schon seit längerem habe er sich selbst mit antiken Liedern und deren Aufführungspraxis befasst, erzählt der Leiter der Musikschule in Weißenburg. Aus der Leidenschaft für historische Musik erwuchs auch sein Interesse an der berühmten Orgel von Aquincum. „Das ist quasi mein Beitrag für den Limesstandort Weißenburg.“ Die fränkische Kleinstadt war einst eine römische Garnison am Limes, der Grenze zum unabhängigen Germanien.

Cornu und Orgel in trauter Zweisamkeit

Der Konzertsaal füllt sich; kaum jemand im Publikum weiß genau, was ihn bald erwartet. Das erste Mal soll die Orgel nun im Verbund mit anderen antiken Instrumenten ertönen. Panflöte, Trommeln, Leier, Aulos (Doppeloboe) oder Zimbeln – die Vielfalt ist groß. All das präsentieren die Musiker in überlieferter antiker Tracht. Der Barocktrompeter Hagen Pätzold tritt als römischer Legionär mit dem Cornu, einem geschwungenen Blechblasinstrument, auf. Er hat das Instrument selbst gebaut – nach einem Fund unter den dicken Ascheschichten, die der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 über der Stadt Pompeji hinterließ.

Die Orgel von Willberg und Braun befindet sich also in bester Gesellschaft. Doch passt es auch zu den Melodien der anderen Instrumente? Die Antike kannte keine Orchester, in der viele Musiker gleichzeitig spielten. Anders als die Griechen liebten es die Römer immerhin, verschiedene Instrumente zu mischen. „Und man kannte auch schon Noten“, sagt Rühling. Die Archäologen fanden komplette Liedtexte samt Notation. Aus Zeugnissen wie diesen sowie aus Arbeiten von Musikhistorikern stellen die Mitglieder von Musica Romana ihr Programm zusammen. Viele antike Bildnisse geben auch Aufschluss auf Tanzstile – und das Zusammenspiel bestimmter Instrumente. Daher weiß man: Cornu und Wasserorgel kamen gemeinsam zum Einsatz. Beliebt bei den Römern war der Auftritt der Trompeter (Cornicen) und Orgelspieler bei Gladiatorenspielen in Amphitheatern. „Das waren dann aber größere Orgeln“, sagt Willberg. Abbilder zeigen beinahe mannshohe Instrumente.

Es beginnt eine Zeitreise in die antike Musikwelt. Klagelieder, Hymnen, Tänze und Lieder aus der Ära des spätantiken Christentums tönen durch den kleinen Saal. Und immer wieder die Klänge, die Willberg aus der Orgel herausholt. Das Beispiel eines Trauerliedes zeigt es deutlich: Cornu und Orgel harmonieren ausgezeichnet. Das Aquincum-Instrument ist nach dem griechisch-römischen Tonsystem gestimmt. Zwei Oktaven mit je neun Tönen kann der Orgelspieler dem Instrument entlocken. Das Moderne System umfasst zwölf Töne je Oktav. Die Pfeifen sind mit vier Registern verbunden, die jeweils für eine andere Klangfarbe sorgen. Willberg zieht bei einem Musikstück alle vier Register. Das Ergebnis ist dem volumigen und getragenen Klang einer neuzeitlichen Kirchenorgel verblüffend ähnlich. Das Experiment ist gelungen. „Wahnsinn, so etwas habe ich noch nie gehört“, meint eine Besucherin begeistert. Viele Zuhörer nehmen nach dem Konzert die so unscheinbar aussehende Orgel in Augenschein.

Ein Erfinder aus Alexandria

Auch Martin Braun ist zufrieden. „Klang doch richtig gut, nicht wahr?“ Der gelernte Industriemechaniker war sofort dabei, als ihm Willberg von seinem Plan erzählte, das antike Gerät zu rekonstruieren. Der Musiker lieferte die Vorlagen und das theoretische Know-how, Braun setzte die Vorgaben um.

Der griechische Mechaniker Ktesibios, der im 3. Jahrhundert vor Christus in Alexandria viel mit Wasser und Druckluft experimentierte, gilt als Erfinder der Orgel. Vermutlich auf sein Konto geht eine frühe Form der Wasseruhr, eine Art Luftgewehr, eine Feuerwehrspritze, die mit einer Luftpumpe arbeitete, und eben die Wasserorgel. Er konstruierte Wasserdruckpumpen, um die Pfeifen gleichmäßig mit Luft zu versorgen. Bei ihm ruhte die Orgel auf einem hölzernen Kasten, an dessen Seiten Hebel angebracht waren. Wenn die Aquincum-Orgel tatsächlich eine Wasserorgel war, so musste der Kasten, und mit ihm das Röhrensystem, ein Raub der Flammen gewesen sein. Sklaven bewegten in der Antike die seitlichen Hebel auf und ab. Diese Bewegungen pressten Luft in eine mit Wasser gefüllte Kammer im Innern des Kastens. Der so aufgebaute Druck wurde wiederum in Röhren übertragen, die mit den Pfeifen verbunden waren. Auch dieses System wollen Braun und Willberg in den nächsten Wochen bauen. Beim Konzert in Schwerin kam ein provisorisches Gebläse zum Einsatz.

Über 13 Tasten kann Willberg die Pfeifen ansteuern. Rückstellfedern aus Kupfer sorgen für die Übertragung. „Allein deren Einstellung hat uns gut drei Wochen gekostet“, berichtet Braun. Für ihn war der Orgelbau nicht die erste Rekonstruktion historischer Originale. Er ist Mitglied der fränkischen Darstellergruppe „Avis Rapax“, die sich der mittelalterlichen Kultur der Kreuzfahrerstaaten um 1250 widmet. Braun tritt als praktizierender Schmied auf, der althergebrachte Gerätschaften herstellt. Sein neues Projekt hat er schon im Visier: eine Pfeilschleuder (Scorpio), wie sie von der Antike bis zum Mittelalter verwendet wurde.

In den nächsten Monaten folgt eine Reihe weiterer Konzerte im kleineren Rahmen. Der erste Großeinsatz für die Orgel steht im Juni im Archäologischen Park Xanten auf dem Programm. Bei den Römertagen tritt auch die Gladiatorenschule des Historikers Marcus Junkelmann auf. Wie im alten Rom sollen Wasserorgel und Cornu von Musica Romana die Spiele begleiten. Die Gruppe bereitet auch ein neues Album vor.

Vorfahr der Kirchenorgel

Ganz gleich, ob antike Orgeln mit Wasser oder nur mit Druckluft daherkamen: Sie gelten als direkte Vorläufer der modernen Instrumente. Mit dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches geriet auch diese Technik im westlichen Europa in Vergessenheit. „Aber die Byzantiner setzten Wasserorgeln nach wie vor ein“, sagt Willberg. Vorrangig bei wichtigen Zeremonien am Kaiserhof. Die Orgel war damit längst dem Status eines Musikinstruments zur bloßen Unterhaltung entwachsen.

Erst der karolingische Königshof kam wieder mit der alten Technik in Berührung. Eine byzantinische Gesandtschaft soll Karl dem Großen eine Orgel mitgebracht haben. Bald darauf fanden diese Instrumente Eingang in abendländische Kirchen. Der Rest ist Musikgeschichte.

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2 Kommentare

  1. Salvete,

    wir haben soeben Hörproben von unserer neuen CD \“MVSICA ROMANAPUGNATE\” ins Netz gestellt.
    Nur eine sehr kleine Auswahl erst einmal.
    Dazu ein kleiner Text, der das neue Album etwas beschreibt.

    \“Hier zu finden\”:http://www.myspace.com/mvsicaromana

    Bei dem ersten Lied handelt es sich z.B. um ein Originalstück aus dem 2.Jh. n.Chr.

    Danke nocheinmal an das Chronico-Team!

    Valete,
    Susanna

    24. April 2007, 08:04 Uhr • Melden?
    von Susanna
    1
  2. Hallo Herr Willberg, komme gerade zurück von den Römertagen in Aalen. Es war ein Genuss ! gestern von Ihnen und Ihren Begleitern das Dargebotene in der St-Johann-Kirche in Aalen zu hören und zu sehen. Ich selbst … war 1998 zum ersten Mal in Aalen, … Gestern und heute war ich das erste Mal – nach 10 Jahren wieder in Aalen – ich bereiste jahrelang den Limes ab Miltenberg bis Eining nach Regensburg. Nur das Kastell in Murrhardt im Württembergischen habe ich noch nicht geschafft. Es wird werden. Auch war ich vor ca. 10 Jahren in Speyer, in dem hervorragenden Museum dort mit grosser römischer Abteilung. Dort sah ich zum ersten und einzigen Mal die bronzenen Reste einer Wasserorgel und konnte mir niemals vorstellen, wie das funktioniert hat ! Und nun gestern diese Vorführung ! Hervorragend, heute stand ich als Zuschauer hinter Ihnen während der Auffführung Junckelmann, Gladiatoren. Ihre Begleiterin – Frau Rühling ? – fragte ich gestern nach dem Namen des Ortes mit dem Mosaik in Lybien, beginnend mit Z….. Bitte helfen Sie mir hier weiter mit den Namen ! Ich habe ihn schon wieder wegen der vielen Eindrücke der letzten beiden Tage vergessen. Danke !!! Und, wie oft war ich von Nördlingen aus in Weissenburg, dieser einzigartige Götterfund !!! Anfangs des Jahres war ich nach 10 Jahren wieder dort, aber das Museum hatte noch Winterpause. Ich werde wieder vorbeikommen … (private Daten gelöscht; Anm. d. Red). Ich fahre lieber Landstrasse ab Nördlingen und komme wieder vorbei in Gunzenhausen, Weissenburg, Theilenhofen usw., all die Orte, die ich vor 10 Jahren und früher von Nördlingen aus besucht hatte. Nochmals vielen DANK ! an alle von Ihnen für diese Präsentation !!! in der Kirche auf dem Friedhof, die sonst auch nur immer verschlossen war. Viele Grüsse an Ihr Team von Manfred Schmitt aus Bernau am Chiemsee

    26. September 2010, 20:09 Uhr • Melden?
    von Manfred Schmitt
    2

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