Herbstmesse Kassel Römer gehen auf Gewerbeschau

Römer- und Germanendarsteller zeigen sich dem Messepublikum. © ARTinvent / Stephanie Geise

Die 47. Herbstmesse im hessischen Kassel: Bunte Themen wie Lebensart, Gewerbe und Schlemmerei. Und mittendrin eine komplette Messehalle voller Römerdarsteller und Germanen. Nina Schnittger war dabei.

Neugier auf die Messe

Eine Römermesse in Kassel, das hört sich interessant an, dachte ich mir. Robert Brosch von den Chasuari – und einer der Initiatoren des Netzwerks Comitatus – hatte im Forum einen Aufruf gestartet, wo er ein paar Germanendarsteller für Kassel suchte. So sollte an zwei Wochenenden im September die Verbrauchermesse in Kassel mit Römern und Germanen ausgestattet werden.

Da es meine erste Messe war, konnte ich mir erstmal nichts darunter vorstellen. Die Neugier war geweckt, und mein Freund Sascha Klauss und ich packten unsere Sachen für die Veranstaltung. Mit Darstellern von dem Projekt Germani aus dem Verein „Projekte zur lebendigen Geschichte“, den Foederati Fabricae, Chasuari und uns beiden von Res Gestae Saxonicae, hatten wir einen gut zehn Meter langen und vier Meter breiten Stand zur Verfügung, den wir vor Messebeginn ausgestalteten. Robert Brosch hatte extra Flechtwände und einen Bohlenweg gebaut, die dem Stand einen gewissen historischen Flair gaben und sowohl als Dekoration, aber auch als erklärende Modelle dienten.

Da Fischereigeräte mitgebracht wurden, platzierten diese Darsteller sich direkt an dem kleinen Weg, der den Stand begrenzte. Daneben war ein langer Tisch, auf dem Schmuck, Waffen, Knochenbearbeitung und Metallhandwerk gezeigt wurden. Im Hintergrund arbeitete unter anderem der Schmied Sven Liebetrau an seinem Amboss, an der Bearbeitung eines Helmes. Markus Gruner (beide von Foederati Fabricae) hatte eine transportable Esse mitgebracht, die das Bild der Metallbearbeitung abrundete, noch etwas weiter stand ein kleiner Tisch mit germanischen Nahrungsmitteln, die als Beispiele für die damalige Ernährungsweise dienten.

Dankbare Gäste und entspannte Atmosphäre

Die Sonderausstellungshalle war zum größten Teil mit Römerdarstellern gefüllt. Die meisten Besucher, die zu uns kamen, hatten selten so etwas gesehen. Es handelte sich nicht um das typische Publikum, das öfter auf historische Veranstaltungen geht. Viele Menschen waren sehr überrascht, was wir alles zeigen konnten, und was es im 1. Jahrhundert nach Christus alles schon gab. Das Publikum war sehr interessiert. Viele Besucher blieben lange und stellten Fragen. Einige kamen tatsächlich nur wegen der Sonderausstellung. Um einmal Leute von Comitatus kennen zu lernen, weil dieses Netzwerk von Germanendarstellern, unter Einbeziehung der Römerszene, sich auf 2009 vorbereitet. Dann jährt sich die Varusschlacht zum 2000. Mal, und es wird eine große Veranstaltung in Deutschland erwartet. Die ersten Brücken dazu wurden bereits geschlagen, so zum Beispiel bei den Römertagen in Kalkriese, als „Römer“ und „Germanen“ dort gemeinsam die so genannte Wallaktion organisierten.

Aber wieder zurück zu den Messebesuchern. Besonders beeindruckt hatte mich dabei eine kleine Gruppe Hör- und Sehbehinderte, die lange bei Sascha vor der Knochenschnitzerei standen, der ihnen abwechselnd Werkzeuge und Werkstoffe in die Hand gab. Eine Begleiterin tippte den Besuchern dann die Informationen mit einer Art Zeichensprache auf ihre Handflächen, um ihnen die Sachen zu erklären. Sie hatten merklich Spaß, das war ihnen anzusehen, und so schenkte Sascha jedem einen kleinen Knochenwürfel als Andenken. Insgesamt waren viele gehandikapte Menschen in der Halle unterwegs, die man leider selten auf historischen Veranstaltungen sieht, da die Wege und das Gelände meist nicht sehr gut für Gehbehinderte geeignet sind.

Ich führte in Kassel das Tauschieren vor und erklärte die Herstellungsweise (Arabisch „tauschija“: färben; gemeint sind Metalleinlegearbeiten; Anm. d. Red.). Viele Leute waren erstaunt über die Kunstfertigkeit, die vor tausenden Jahren schon herrschte. Noch erstaunter waren sie, wenn ich den Ursprung dieser Technik mit etwa 4000 v. Chr. angab. Natürlich blieben auch immer sehr viele Besucher bei den Waffen stehen, die eigentlich auf jeder Veranstaltung ein absolutes Faszinosum darstellen. Eine Kampfschau gilt immer als der Publikumsmagnet. Eine solche Showeinlage gab es natürlich nicht, da die gezeigten Waffen allesamt scharf oder spitz waren, dafür aber eine ausführliche Modenschau von Römern und Germanen.

Alles nur bierernste Atmosphäre? Es gab auch komische Momente: Einmal kamen die Waffen zum „Einsatz“, als sich ein über zwei Meter großes gelbes „Eichhörnchen“ in die Sonderaustellung verirrte. Die Jungs ließen es sich nicht nehmen, natürlich nach Absprache mit dem im Hörnchenkostüm befindlichen Menschen, eine etwas überdimensionierte Kleintierjagd nachzustellen. Es gab auf der Messe auch einen Stand der Bundeswehr, dem vollständig aufgerödelte Germanen einen Besuch abstatteten, um nach der Beantwortung einiger Wissensfragen Jutebeutel in Flecktarn zu ergattern. Oder Mitglieder von Comitatus nacheinander bei einem Holzartikelstand einfielen, um dort Mollen, Schüsseln und Daubeneimer zu „erbeuten“. Ich hatte den Stand am Sonntagmorgen vor Beginn der Messe entdeckt und dabei einen wirklich riesigen Eimer gesehen, und nötigte ich meinen Freund, mit mir einkaufen zu gehen.

Insgesamt war diese Veranstaltung sehr entspannt. Bei einem kleinen Rundgang durch die Halle konnte man sich den Luxus und die Kultur der Römer anschauen, die in einer großen Ausstellung von Alltags- und Kultgegenständen in kleinen dekorierten Räumen, oder Dioramen veranschaulicht wurden. So zeigte etwa Markus Neidhardt von Replik römischen Schmuck. Mit ihm ließ es sich gut plaudern, von Handwerker zu Handwerker. Für das leibliche Wohl der Besucher sorgten der Gewürzweinausschank Caupona und die römischen Spezialitäten von Culina Romana gleich daneben. So ging das Wochenende meiner ersten Messe sehr schnell herum, da der Spaß beim Erklären, die netten römischen Nachbarn und die schöne Atmosphäre die Zeit vergehen ließen wie im Flug.

Nachtrag: Das Ausstellungskonzept

Keine 40 Kilometer von Kassel entfernt liegen die römischen Fundstätten im niedersächsischen Hedemünden. Die Reste des nahen Römerlagers inspirierten die Messeveranstalter, ein Stück Antike in ihre modernen Hallen zu holen. Schon im vergangenen Jahr gab man zu Kassel der Herbstschau mit einer Ägyptenausstellung ein historisches Gepränge. Das sorge auch für zusätzliche Gäste in den Hallen, sagte Messesprecher Matthias Tesch auf chronico-Anfrage. Man mag sich historisches Flair in kargen Betonhallen vorstellen können oder nicht – es bleibt eine pfiffige Idee, so lange das Konzept stimmt. Immerhin für die historische Szene auch eine Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die man auf klassischen Museumsveranstaltungen oder Märkten nicht zu sehen bekommt.

In diesem Jahr sollte es also ein experimentelles Abtauchen in die Vergangenheit sein. Fünf Living-history-Gruppen sorgten diesmal zusätzlich zur Ausstellung für Geschichte zum Anfassen. Als Sonderschau mit dem Titel „Leben im Reich der Römer“. Sieben Stationen umfasste diese besondere Messeabteilung, vom Alltagsleben, Handwerk, Mode, Militärwesen bis hin zum Festmahl. Erkenntnisse auf Informationstafeln, die vom Lager der Akteure umrahmt und höchst anschaulich vervollständigt wurde. (Anm. d. Red./Schwarzenberger)

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