Nachlese Goslar Leistungsschau der Reenactmentszene

Modenschau der Elvelüüt-Hamborch. © Schwarzenberger

Die Veranstaltung „Abenteuer Mittelalter“ am letzten Septemberwochenende in Goslar war ein Erfolg. Zunächst aus Sicht der Akteure, die eine Art Leistungsschau in Sachen Living History auf die Beine stellten. Vorsichtig optimistisch zeigte sich auch der Veranstalter.

Donnernde Ungetüme

Der Erfolg von Thomas Arnswald war nicht zu überhören. Der Inhaber der Werkstatt für historische Repliken in Parsberg-Willenhofen hatte gleich ein ganzes Arsenal spätmittelalterlicher Geschütze auf den Hang oberhalb der Harzstadt Goslar geschleppt. Und weil ein Mann kaum ausreicht, um die Ungetüme sicher zu laden und zu zünden, tat sich Arnswald mit einigen Mitgliedern des Nürnberger Aufgebots 1474 zusammen. Deren Ausstattung passt zum historischen Kontext der Kanonen. Das Ergebnis: Das Publikum erlebte den Drill an mehreren Geschützen, wie er Ende des 15. Jahrhunderts ausgesehen haben könnte. Nur ohne Geschosse. Treibladung und feuchtes Heu reichten aus, um die Wucht der Waffen zu demonstrieren.

Manche dieser Geschütze hätten eine Reichweite von bis zu 100 Metern gehabt, sagte Arnswald, der die Ladevorgänge fachgerecht kommentierte. Und genau auf die korrekten Schritte achtete. Sicherheit war oberstes Gebot und so näherte sich auch der Mann mit dem Zunder nur behelmt den Kanonen. Arnswald baut sie ausschließlich nach Originalvorlagen und unter anderem auch für Museen.

Das Lager der Nürnberger war eine von fünf Zeitinseln, die das „Abenteuer Mittelalter“ zu bieten hatte. Die Organisation der zweitägigen Living-History-Schau lag in den Händen der Werkstätten für lebendige Geschichte und der Goslar Marketing GmbH. Über den Hang verteilt boten Zeltlager Einblicke in die Zeit der Salier (11. und 12. Jahrhundert), der Welfen und Staufer (12. und 13. Jahrhundert) sowie die Zeit Goslars als Hansestadt (13. und 14. Jahrhundert) und als freie Reichsstadt (14. und 15. Jahrhundert).

Die riesige Wiese bot genug Platz, um die Lager deutlich voneinander zu trennen. Eine Beschilderung gab es allerdings nicht. Die Veranstalter verließen sich auf das Faltblatt mit Übersichtskarte, das jeder Besucher am Eingang bekam. Eine gute Idee, die nicht immer aufging. Das weiträumige Gelände ist Teil eines Landschaftsschutzgebietes, nicht planiert und von tiefen Furchen und Hasenbauen durchzogen. Was nicht nur den Fußweg erschwerte, sondern auch manchen Teilnehmer zwang, sein Lager anderswo aufzuschlagen als auf dem Plan angegeben.

Minnesänger, Kriegsleute und Handwerker

510 Akteure hatten den Weg nach Goslar gefunden. „Das sind alles handverlesene Darsteller“, lobte Andreas Kuhnert, der Vorsitzende der IG WOLF und zugleich der Koordinator für den hochmittelalterlichen Teil der Veranstaltung. Die Interessengemeinschaft widmet sich seit fast 20 Jahren der Zeit um 1193. Die Mitglieder präsentierten in Goslar eine Ausrüstung, wie sie europäische Adlige und Kriegsknechte zur Zeit des Dritten Kreuzzugs getragen haben könnten.

Ihr Vorgehen versteht die IG WOLF als experimentelle Archäologie. Was sie indes nicht nur auf militärische Aspekte beschränkt. Neben Kuhnert ließen auch andere WOLF-Mitglieder den Samstagabend musikalisch ausklingen – mit Liedrezitationen aus dem 12. Jahrhundert. In beschaulicher Runde mit gut zwanzig Besuchern gaben die Akteure Trink- und Liebeslieder zum Besten.

Es war diese besondere Nähe zwischen Publikum und Akteuren, die den Reiz der Veranstaltung ausmachte. Tomasz Nowak und Heike Schmid (beide vom Regensburger Aufgebot „Evocatio Ratisbonensis 1470“) erlebten sie auf ihre Art: als Magd und Kriegsmann, die durchs Lager der Nürnberger zogen. „Ein klasse Gelände und sehr ansprechende Auswahl der Gruppen“, meinte Nowak, der in voller Montur am Lagertor Stellung bezog – und hier mit den Eintretenden ins Gespräch kam. Über mangelnde Nähe zu den Besuchern konnten sich auch Andreas Friedmann und Patrick Fobian von „Bauer und Bonde“ (Epoche: 15. Jh.) nicht beklagen. Beide verstärkten die Mannschaft um den Schleifischer Jörg Nadler, der unter anderem mit einer handgefertigten Seilerbahn nach Vorlagen aus dem 15. Jahrhundert auftrat. Gut eine halbe Stunde brauchten die drei Männer, um ein gebrauchsfertiges, acht Meter langes Seil zu winden. Viele Kinder drängten sich um die Seilerbahn und legten selbst Hand an.

Dicht umlagert zelebrierten „Elvelüüt-Hamborch“ ihre spätmittelalterliche Modenschau für die Zeit zwischen 1380 und 1400. Und zeigten, dass auch damals körperbetonte Kleidung durchaus angesagt war. Je nach Geldbeutel eben. Jens Börner von „Diu Minnezît“ führte Stück für Stück die Ausrüstung eines Ritters aus der Mitte des 14. Jahrhunderts vor. Darunter gewichtige Metallplatten und viele Einzelteile, die die Panzerung der damaligen Krieger komplettierten. „An dieser Ausrüstung arbeite ich noch“, sagte Börner. Alles in allem werde die Rüstung gute 35 Kilogramm wiegen, sagte er. Den Kübelhelm von noch einmal sieben Kilogramm nicht mitgerechnet.

Neugierig schoben sich die Menschen durch die einzelnen Lager. Nicht jeder sprach die Akteure sofort an. Eine gute Idee, Hemmschwellen abzubauen, setzten „Equites Normanorum“ in der hochmittelalterlichen Zeitinsel um. Die Gruppe hat sich der normannischen Kultur der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts angenommen. Quer durch ihr Lager stellten die Mitglieder Schautafeln mit knappen Informationen zum Alltagsleben im Mittelalter auf. „Die sind in Zusammenarbeit mit dem Museum im niedersächsischen Meppen entstanden“, sagte Klaus Biehl, der seit drei Jahren dabei ist. Der Weg nach Goslar habe sich gelohnt, meinte er. „Wir haben hier ein sehr interessiertes Publikum.“

Wirbel um Gewandete

Die Durchmischung von Besuchern und Akteuren hatte indes auch ihre Schattenseiten. So war das Franco-flämische Kontingent (FFC) zu seinem letzten Training vor dem Reenactmenteinsatz bei der „Battle of Hastings“ (Mitte Oktober in Südengland) angetreten. Verstärkt durch Reiter der Darstellergruppe „Timetrotter“ boten mehr als 200 schwer gerüstete Männer eine Kampfvorführung. Immer wieder mussten die Akteure kameraschwingende Erwachsene und neugierige Kinder hinter die Absperrungen verweisen. Sie taten es mit höflicher Bestimmtheit. Die Ordner der Veranstalter hatten derweil alle Hände voll zu tun, um Besucher am Betreten des – ebenfalls abgetrennten – Landschaftsschutzgebietes zu hindern. Sie lockte die erhöhte Aussicht von dort auf den Kampfplatz.

Für Ärger unter vielen Teilnehmern sorgte die erst kurz vor Veranstaltungsbeginn getroffene Entscheidung der Goslar Marketing GmbH, auch gewandete Besucher zuzulassen. „Viele Mitglieder der Mittelalterszene hatten das gefordert“, begründete Marketingchefin Angelika Weiß-Lucht. „Wir haben das erlaubt, um die Veranstaltung zu einem möglichst breit angelegten Happening zu machen“, sagte sie auf Anfrage von chronico. Eine Ermäßigung gab es für Gewandete allerdings nicht – und sie mussten einen Besucherbutton tragen.

„Das verfälscht dennoch das Gesamtbild“, kritisierte Andreas Kuhnert. „Die Veranstalter hätten hart bleiben sollen“, sagte auch Tomasz Nowak. Gisela Michel von „Ars Replika“, dem Verein für lebendige Archäologie, nahm den Zutritt für kostümierte Besucher gelassen. „Sie sind durch den Button kenntlich gemacht, das reicht“, sagte sie. Unabhängig von der Qualität der mitgebrachten Gewänder hätten diese Besucher ja auch Interesse am Geschehen und sollten Zugang bekommen, sagte Michel, die beruflich im museumspädagogischen Dienst zu Köln arbeitet.

Michel ist gelernte Archäologin, die Arbeit von „Ars Replika“ umschrieb sie mit „Reenacmtent mit Lehrauftrag“. Sie selbst fertigte in Goslar Tonspielzeug nach mittelalterlichen Funden an, andere widmeten sich diversen Handwerkskünsten. Der Verein ist in mehreren Epochen „zu Hause“ und arbeitet bereits seit 1992 mit Museen zusammen. Auftritte bei historischen Veranstaltungen gehören zum Vereinsleben. Auch wenn Michel das Gelände in Goslar wegen der zahlreichen Hasenbaue und Gräben als „schwierig“ empfand – das Konzept der Organisatoren um Klaus Haller und Claus Meiritz fand auch bei ihr Beifall. „Die Idee mit den Zeitinseln ist sehr gut“, meinte sie. Denn so könnten die Besucher die einzelnen Entwicklungen im Mittelalter besser nachvollziehen. „Und die Orga gibt sich große Mühe, dass alles klappt“, sagte Michel. Was aber nicht immer reibungslos lief: So mancher Programmpunkt entfiel mangels Mitwisserschaft seitens der Akteure …

10.000 schauten vorbei

Was bleibt vom „Abenteuer Mittelalter“ in Goslar? Zufriedenheit – mit Abstrichen – auf Seiten der Besucher und Akteure. Einmal mehr zeigte sich auch hier, dass die Teilnehmer mit großem Aufwand ihren Beitrag zu Veranstaltungen wie dieser leisten. Honorare wie sie etwa bei den großen kommerziellen Mittelaltermärkten üblich sind, gab es auch in Goslar nicht. Für viele Gruppen reichte es gerade, um die eigenen Kosten zu decken. Ob dies die Zukunft qualitätsvoller Veranstaltungen sichert, sei dahingestellt – und dies ist auch ein anderes Thema.

Durchaus angetan vom Ergebnis zeigte sich die Goslarer Marketingleiterin Weiß-Lucht. „Für eine Erstveranstaltung dieser Art hatten wir einen guten Start“, sagte sie. Das Touristikunternehmen nahm rund 130.000 Euro in die Hand. Rund 10.000 Besucher fanden am Wochenende den Weg zum Landschaftsschutzgebiet „Blauer Haufen“. „Aus Kostendeckungsgründen hätten wir uns mehr Besucher gewünscht“, räumte Weiß-Lucht ein. Dennoch sei man zufrieden, diese Anzahl praktisch „aus dem Nichts“ mobilisiert zu haben.

Das Unternehmen wollte die mittelalterliche Stadt Goslar vermarkten. „Das ist uns absolut gelungen“, sagte die Marketingfrau. Tatsächlich nannten einige Akteure als wesentlichen Grund für ihre Teilnahme, dass „Abenteuer Mittelalter“ eben in der Harzstadt stattfand. Der famose Blick auf den Stadtkern mit der alten Kaiserpfalz tat ein Übriges. Ob die Veranstaltung in dieser Größe und mit diesem Konzept wiederholt wird, ließ Weiß-Lucht noch offen. Allerdings zeigte schon der Vorgänger „Leben vor 1000 Jahren“ auf der niedersächsischen Kaiserpfalz Werla: Das Grundkonzept ist auf viele Orte übertragbar.

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2 Kommentare

  1. Salve Marcel,

    herzlichen Dank für die Zusendung der Nachlese.

    Der Darstellungszeitraum ist zwar nicht der unsrige, es ist aber schön zu erfahren, dass so manche Veranstaltung von Erfolg gekrönt ist und dass man auch bei “Euch” zunehmend Wert auf Authentizität legt.

    Dein Beitrag macht jedenfalls wieder Appetit auf mehr und sorgt für jede Menge Vorfreude auf die nächste Saison.

    Es grüßt ganz herzlich aus dem Rheinland…

    alles Gute und viel Glück für die Zukunft., wünscht der…

    Alexander

    AVLVS CORNELIVS LVCIVS

    CENT VEX LEG XV PR

    13. Oktober 2006, 10:10 Uhr • Melden?
  2. Hallo!

    Ein guter Übersichtsbericht. Goslar war eine sehr gelungene Veranstaltung und hat gezeigt, dass eine historische Darstellung durchaus eine Alternative zum Fantasiemittelaltermarkt sein kann.

    Ein kleiner Hinweis zum Inhalt habe ich noch. Das Franko Flämische Contingent stellt selbst Reiter, so auch in Goslar. Die Gruppe Timetrotter war Teil dieser Reitereinheit. Die Reiter kamen von den Gruppen:

    “Die Freien von der Karlshöhe”
    “Hessischer Ritterbund”
    “Timetrotter”

    Der Reiter oben auf dem Bild ist von den “Freien von der Karlshöhe”.

    Grüße

    Thomas

    29. März 2007, 14:03 Uhr • Melden?
    von Thomas
    2

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