Ronneburg Ritterspektakel in Traumkulisse

Ritterturnier in klassischer, wenn auch nicht authentischer Manier. © Michaela Kieckheim

Die Ronneburg in Hessen bietet viel Geschichte; das Pfingstturnier weniger. Wir lassen den historischen Anspruch mal beiseite und wandeln unvoreingenommen über den „Mittelaltermarkt“. Michaela Kieckheim schaute sich um.

Verlockende Burg

Die hessische Ronneburg begeistert schon von weitem. Restauriert, gut erhalten und wunderschön gelegen. Der gut 30 Meter hohe Burgfried ragt gut sichtbar über die Mauern hinaus, die von dichten Bäumen umgeben sind. Die ursprünglich staufische Wehranlage wurde 1231 erstmals erwähnt, dürfte aber älter sein. 1621 wurde ein großer Teil der Burg durch einen Brand zerstört und später im Dreißigjährigen Krieg geplündert.

Die Burg enttäuscht auch aus der Nähe nicht. Der Brunnen, die Innenhöfe mit den Wehrgängen und die Erkerfenster stammen aus verschiedenen Epochen. Die gesamte Anlage lädt dazu ein, sie in aller Ruhe anzuschauen. Zu einer gründlichen Besichtigung des Burgmuseums komme ich bei meinem Besuch diesmal jedoch nicht.

Ich hatte schon viel von dem Pfingstturnier auf der Ronneburg gehört und wollte es mir immer mal anschauen. Dieses Jahr machte ich ernst. Das Wetter spielte mit, wir nahmen die knapp einstündige Fahrt auf uns. Am Pfingstsamstag erreichten wir die Burg kurz nach 11 Uhr, und damit vor den Besuchermassen.

Der Markt enttäuscht

Ich wollte mir zuerst einen Eindruck von der Burg verschafften und dann den Markt anzuschauen. Die ersten Stände, an denen ich auf dem Weg zum Burgtor vorbei kam, waren ernüchternd. Vermutlich afrikanische Schnitzereien und indianische Traumfänger waren nicht eben sehr mittelalterliche Waren. Einer der wenigen Verkaufsstände, die sich innerhalb der Burg befanden, bot Spielzeug zum Thema Mittelalter und Ritter an, mit allem was sich so zu dem Thema verkaufen lässt.

Bücher fand ich noch akzeptabel. Wenn sich Kinder durch die Atmosphäre dazu verleiten lassen, mehr über das Thema zu erfahren, ist das eine gute Sache. Die diversen Drachenfiguren und Plastikprodukte aber wirkten doch eher unpassend. Im zweiten Burghof befindet sich eine zur Burg gehörende Schmiede. Dort hatte ein Schmied seine handgefertigte Ware ausgelegt, darunter Fibeln, Sicheln oder Gabeln. Der Handwerker war dabei, mit einem großen Blasebalg seine Feuerstelle anzuheizen. Historische Kleidung trug der Mann nicht – zog er sich später um oder verzichtete er absichtlich auf Gewandung?

Insgesamt fiel der Markt doch kleiner aus als ich angenommen hatte. Essen und Trinken gab es genug, auch modisches wie Wild-Burger oder frisch zubereitete Kartoffelchips. Die angebotenen Waren konnten nicht überzeugen. Kaum ein Stand war dabei, der sich allein auf ein mittelalterlich anmutendes Sortiment spezialisierte. Bis auf zwei Händler, die Ritterutensilien wie Waffen oder Rüstungen feilboten. An Schmuck gab es sowohl „Mittelalterliches“ als auch „Keltisches“ und Modernes. Ein Händler verkaufte aus Holz gefertigte Schwerter und Armbrüste sowie Pistolen. Wäre es denn so ein Verlust gewesen, den Korb mit den Schusswaffen zu Hause zu lassen?

In der Mitte des Marktes stand ein Karussell, das zwar irgendwie auf mittelalterlich getrimmt war, aber ansonsten fehl am Platze war. Den Kindern wird es wohl egal gewesen sein. Natürlich gab es auch die obligatorische Wahrsagerin und das Bogen- und Axtwerfen für die Besucher.

Die Gauklergruppe „Agripa“ unterhielt das Publikum mit Kunststücken und jonglierte, Ritter der Gruppe „Gral“ führte Schwertkämpfe und Stockfechten in lustiger Art vor. Das war durchaus nett, weil es nicht zu albern wurde. Sehr enttäuschend war, dass, vom Schmied abgesehen, kein altes Handwerk vorgeführt wurde. Da habe ich mehr erwartet. Vielleicht kamen später noch einige Akteure hinzu, doch es sah nicht danach aus.

Märchenhaftes Turnier

So scheint die Pfingstveranstaltung auf der Ronneburg hauptsächlich auf das Turnier ausgerichtet zu sein. Die Gruppe „Traken“ aus Böhmen ist in der Szene bekannt und sie macht ihre Sache meiner Ansicht nach sehr gut (auch wenn man als Reiter das ständige Zerren im Pferdemaul nicht gerne sieht). Das Turnier war in einen Handlungsrahmen eingebettet, natürlich ging es in der Geschichte um Gut und Böse, um Königstreue und Gegenspieler.

Der Herold unterhielt gut und amüsant; das Publikum wurde mit einbezogen und immer wieder angesprochen. Besonders die „Bösen“ verstanden sich darauf, was bewirkte, dass die gewünschten „Buh-Rufe“ nicht so deutlich ausfielen wie sie vielleicht sollten. Einige trockene Kommentare des Herolds und kleinere humoristische Einlagen der Ritter – wie die Strafen, die der „Sohn“ von seinem „Vater“ bekam, wenn er versagte, oder das verhinderte „Köpfen“ eines Zuschauers mit dem Hinweis, das man keine Kartoffeln ernten wolle (der Mann trug ein beinahe kahles Haupt) – waren amüsant und drifteten nicht ins Alberne ab. Über die Tatsache, dass es zu der Zeit noch keine Kartoffeln in Europa gab, konnte man getrost hinwegsehen. Dass eine Frau zu den Reiterdarstellern gehörte, störte nicht. Es passte in die Handlung, da sie nicht als Mann auftrat und ihre Rolle als böse Schwester der Königin hatte.

Nach dem Turnier durften die Kinder eine Runde auf einem der Ritterpferde reiten und die Darsteller gaben Autogramme. Ein gewisser Bekanntheitsgrad muss schon vorhanden sein, wenn man Poster und Autogrammkarten dabei hat. Die Hintergrundmusik während des Turniers hätte nicht sein müssen, doch irgendwann hat man sich daran gewöhnt. Mir fiel sie erst wieder auf, als ich meine Videoaufnahmen sichtete.

Gewandung ist Geschmackssache

Viele Besucher waren nicht mittelalterlich gekleidet (ich selbst auch nicht), was ich nicht schlimm finde. Umso schöner waren jene anzuschauen, die sich sehr viel Mühe gegeben hatten. Besonders fiel mir eine Familie auf, bei der die Kleidung der Eltern und des Sohnes perfekt aufeinander abgestimmt waren. Sie trugen Weinrot mit Gold und der Vater hatte ein Schwert im Gürtel, während Mutter und Sohn ein kleines Messer bei sich führten. Da machte das Betrachten einfach Spaß.

Mit anfänglicher Skepsis sah ich auch einen Robin Hood der klassischen Art. Doch auch hier passte farblich alles. Seine Kleidung war in Braun gehalten und seine Frau trug ein beigefarbenes Kleid mit braun abgesetzten Säumen. Ihr Kind, noch ein Säugling, trug ebenfalls eine Kombination aus den Farben von Mutter und Vater. Es gab ein sehr harmonisches Bild und ich staunte nicht mehr über Robin Hood.

Natürlich waren auch Frauen in Männerkleidung zu sehen, aber das wird sich in der Szene wohl nicht mehr ändern. Gothicfans waren kaum zu sehen; das mag aber an der frühen Tageszeit gelegen haben. Einige Besucher hatten sich einfach nur ein mittelalterlich anmutendes Oberteil übergeworfen und eine Waffe umgeschnallt. Manche Frauen schritten im Schleier einher. Eine Besucherin mit mittelalterlichem Kleid und High Heels wirkte dann doch sehr deplatziert. Dass Kinder, die nicht ein mittelalterliches Kleidungsstück trugen, aber mit allen möglichen Waffen ausgerüstet wurden, empfand ich als äußerst fragwürdig.

Wenn Besucher sich ein kleines Stück mittelalterlicher Gewandung überziehen, um ein wenig das Gefühl von Mittelalter zu haben, so ist das in Ordnung. Aber Veranstalter und Mitwirkende sollte doch mehr darauf achten. So sind Birkenstockschuhe aller Art und Turnschuhe scheinbar das bevorzugen mittelalterliche Schuhwerk. Ein Kleid überzuwerfen, und darunter Jeans zu tragen, scheint mir für Mitwirkende unpassend, zumal es warm war. Und auf knallroten Nagellack könnte man doch zumindest bei so einer Veranstaltung verzichten.

Neugierig war ich auf das Zeltlager der Darsteller. Ich glaube nicht, dass es erlaubt oder zumindest gern gesehen ist, wenn Besucher durch das Lager schlendern. Also tat ich es nicht. Doch könnte ich mir vorstellen, besonders durch die Internetauftritte verschiedener Gruppen, dass das Wochenende dort weitgehend „authentisch“ verbracht wurde. Eines der Zelte war zum Turnierplatz hin offen und man hatte eine gute Sicht auf das Treiben davor. Alle Gerätschaften, die sich vor und in dem großen Zelt befanden, machten einen historischen Eindruck. Zumindest ließ kein Gegenstand auf die Moderne schließen. So stelle ich mir das vor.

Die Veranstaltung war recht unterhaltsam, auch wenn es sicher bessere geben mag. Aber ein Besuch lohnt sich allein schon für die Burg, auch das Turnier hat Unterhaltungswert. An den Markt sollten nicht allzu hohe Erwartungen gerichtet werden. Anfang September werde ich mich wohl noch einmal auf den Weg machen. Die Veranstaltung „Wie auf unserer Burg gelebt wurde“ scheint unserem Interesse an alter Handwerkskunst entgegenzukommen.

Mit Sicherheit werde ich die Ronneburg besuchen, wenn keine Veranstaltung stattfindet und sie ganz auf mich wirken zu lassen. Die Landschaft ist traumhaft schön und die kleinen Ortschaften bei der Burg sowie das in der Nähe gelegene Büdingen sind ebenfalls einen Besuch wert.

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1 Kommentare

  1. Ich denke mal, dass man heutzutage von einem Mittelaltermarkt nicht ein hunderprozentig historisches Abbild erwarten kann.

    Natürlich ist einiges auf Verkauf und Unterhaltung getrimmt – schließlich braucht das Volk ja Brot und Spiele. Auch viele Gewandungen entspringen mehr der Phantasie oder Fantasy-Romanen. Aber dennoch versprüht so ein Event einen gewissen mittelalterlichen Flair dem man sich nur schwer entziehen kann.

    Auch wenn es eine teils doch sehr idealisierte Vorstellung des Mittelalters sein mag, einen Besuch ist es meist wert. Vor allem wenn auf den Abend zugeht und überall im “Heerlager” Feuer entzündet werden. Wer bitte mag keine Lagerfeuerromantik? ;-)

    15. August 2010, 13:08 Uhr • Melden?
    von Jens
    1

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