Xanten Die Verzauberung antiker Ruinen

Schafe vor dem römischen Hafentempel der Colonia Ulpia Traiana. © Axel Thünker/APX

Wie ein Keil schiebt sich die Bundesstraße mitten durch die Colonia Ulpia Traiana. Die geteilte antike Stadt (heute: Xanten) wird mit Millionenaufwand wieder vereint. Sie bietet schon jetzt eine Traumkulisse für römische Spiele.

Die geteilte Stadt

Es muss im zweiten nachchristlichen Jahrzehnt gewesen sein: Das zivile Leben zog in eine neue Siedlung unweit des erst wenige Jahre zuvor errichteten Legionslagers Vetera castra ein. Der Grundstock für eine Stadt mit einer romanisierten Bevölkerung war gelegt. Kaiser Traian erhob die Gemeinde am damals noch schiffbaren Rheinarm zur Colonia Ulpia Traiana – zur Stadt unter kaiserlichem Schutz.

Seither unterlag die Siedlung so manchem Wandel. Fränkische und germanische Stämme zerstörten sie bis ins 4. Jahrhundert hinein mehrfach. Sie wurde aufgeben, an neuer Stelle wieder errichtet. Die römische Geschichte versank in den Wirren der Völkerwanderungszeit; Vergessen waberte über den antiken Gräberfeldern. Vermeintliche Märtyrergräber gaben der langsam aufblühenden frühmittelalterlichen Stadt ihren Namen. Ad Sanctos (bei den Heiligen) wandelte sich zum heutigen Namen: Xanten. Nahe den römischen Überresten erstand die moderne Stadt. Jüngst hat ein neuer Wandel begonnen, der dem antiken Areal ein völlig neues Gesicht geben wird.

2006 schnürte der Landschaftsverband Rheinland ein 60 Millionen Euro teures Paket. In den kommenden zehn Jahren soll der Archäologische Park Xanten (APX) zu einem Forschungs- und Besuchermagnet ausgebaut werden, der in Deutschland seinesgleichen sucht. Erst 18 Prozent der insgesamt 73 Hektar fassenden Fläche der alten Römerstadt sind bislang ausgegraben. Seit Ende des 19. Jahrhunderts graben Wissenschaftler schon in den Ruinen. Die spätantiken Zerstörungen sind ein Glücksfall für Archäologen: „Die Colonia ist die größte, nicht überbaute römische Stadt nördlich der Alpen“, beschreibt APX-Sprecher Ingo Martell. Seit 1977 schon gibt es der APX, doch erst jetzt lösten Bundesland und Kommunen ein gewaltiges Problem. Man beschloss den Bau neuer Umgehungsstraßen, damit die Bundesstraße 57 verschwinden kann, die sich jetzt noch quer durch die Colonia Ulpia Traiana zieht. Und gaben damit dem Weg zu einem ehrgeizigen Projekt frei: Die Freilegung und Konservierung des kompletten Areals.

Straße macht den Weg frei

In den vergangenen Jahrzehnten konzentrierte sich das Forschungsgeschehen vor allem in der östlichen Hälfte der antiken Stadt. Nur dort streiften auch die Besucherströme über bereits freigelegte Grundmauern und zum Teil rekonstruierte Gebäude wie etwa dem alten Hafentempel oder dem Amphitheater. „Wir können den Park nun erweitern“, frohlockt Martell.

Die Bundesstraße nötigte Fußgänger vom erschlossenen Museumspark in die Westhälfte der alten Stadt zu Umwegen. Die Verkehrsader trennte etwas, das aus historischer Sicht zusammengehört. Zum eigentlichen Problem für den Museumspark wurde die B 57 im Jahr 1999. Damals setzte der APX mit dem so genannten Thermenschutzbau neue Maßstäbe. Die freigelegten Überreste riesiger Thermen aus der Zeit Kaiser Hadrians bekamen eine feste Behausung. Beliebt unter den rund 380 000 Menschen, die jedes Jahr den Park besuchen. Aber umständlich zu erreichen – die Thermen liegen westlich der Bundesstraße.

Die Verlegung der Fernverkehrsstraße macht den nächsten großen Schritt zum neuen APX möglich: dem Neubau des Regionalmuseums Xanten. Die antiken Schätze, die Archäologen bisher geborgen haben, lagerten lange im Stadtmuseum im Zentrum der modernen Stadt. Sie sollen an den Ort zurückkehren, wo sie gefunden wurden. Im Frühjahr 2008 soll das neue Museum seine Pforten öffnen. Bis dahin, so der Plan, sind auch die Umgehungsstraßen fertig. Der Park kann sich zu seiner neuen Größe entfalten und hält alles, was zur antiken Stadt gehört, künftig auf einer zusammenhängenden Fläche bereit.

Monumentaler Museumsbau

Der Museumsbau läuft bereits auf Hochtouren. Noch im November soll der Rohbau stehen, dann beginnt der Umzug der Ausstellungsstücke. Gut 22,5 Millionen Euro nimmt der Landschaftsverband allein für dieses Projekt in die Hand. Ein riesiger Glasbau birgt die fast 2000 Quadratmeter fassende Ausstellungsfläche. Galerien schwingen sich durch den monumentalen Bau. „Themenfenster“ heißen die in sich geschlossenen Abteilungen, in denen die Entwicklung von Colonia Ulpia Traiana bis in die Spätantike nacherzählt wird. Fundstücke und Rekonstruktionen machen fast 500 Jahre Siedlungsgeschichte lebendig.

Monumental wirkt der Museumsbau nicht nur durch die offene Halle. Die Eingangsfront ersteht im Stil einer römischen Basilika. Das Dach wird mit roten Ziegeln gedeckt. “Ähnlich, wie bei römischen Häusern üblich“, sagt Martell. Genau so, wie es bereits für den benachbarten Thermenschutzbau geschah. Rot leuchten auch die Ziegel bei rekonstruierten Häusern im Osten des Parks. Wie aus einem Guss sollen die Hochbauten des APX wirken und so das Gefühl verstärken, sich wirklich in der antiken Stadt zu bewegen.

Für den stimmigen Eindruck sorgen auch weitere Baupläne. Schon jetzt ist die alte Mauer an manchen Stellen wieder hergestellt, Hecken markieren die restlichen Teile der ehemaligen Stadtgrenze. „Diese Stadtmauern wollen wir auch in der Westhälfte zum Teil rekonstruieren“, kündigt Martell an. Wachtürme, Werkstätten und Stadthäuser stehen gleichfalls auf dem Programm. Gebaut wird mit Techniken und dem Material wie sie auch vor 2000 Jahren zum Einsatz kamen.

Die bereits bestehenden Bauten und die künftigen Häuser sind keineswegs eine tote Hülle, die nur prächtig anzuschauen ist. Seit Jahren schon arbeitet der Museumspark mit Museumspädagogen und Akteuren der Living-history-Szene zusammen. Legionäre, römische Damen und Handwerker beleben Park und Gebäude. Allein im neuen Museum werde es drei große Aktionsräume geben, sagt Martell. Platz genug für Führungen, Feste, Handwerkerschauen und Workshops. Auch der große Spielplatz mit seinen hölzernen Palisaden und Klettertürmen soll ausgebaut werden. Unter Verwendung antiker römischer Technik entstehen dort Wasserspiele. „All das tun wir mit größtmöglicher Authentizität“, sagt APX-Sprecher Martell, der selbst Archäologe ist.

Beschränkter Zutritt ins alte Museum

Womöglich wird sich das alte Regionalmuseum in Xanten auf die mittelalterliche Geschichte des Raums konzentrieren. Immerhin ist die Stadt auch Teil des Sagenkreises um die Nibelungen, der Held Siegfried soll schließlich aus Xanten stammen. Die Entwicklung eines „Nibelungenmuseums“ läge also nahe, sagt Martell. Aber das Konzept steht noch nicht endgültig fest.

Klar ist aber: Das alte Regionalmuseum gewährt derzeit nur begrenzten Zutritt, und auch das nur für angemeldete Besuchergruppen. Den meisten Platz beansprucht die Lagerung und Vorbereitung der kostbaren Ausstellungsstücke, die bald in ihr neues Domizil ziehen sollen. Immerhin steht eine eigens zusammengestellte Schau auf einer Fläche von 400 Quadratmetern offen.

Zu sehen sind dort fast nur Replikate. Aber die haben es durchaus in sich, meint Martell. Wissenschaftler, Archäotechniker und Handwerker der Reenactmentszene haben die Stücke detailgetreu hergestellt. Sie zeigen Alltagsgegenstände wie Schmuck, Kleidung, die Ausrüstung römischer Legionäre, Gerätschaften und Schreibutensilien. Während den Führungen können einige dieser Stücke auch ausprobiert werden. Diese Nähe zur Geschichte ist überhaupt das Credo, das den Kern des Museumskonzepts ausmacht.

Schwerter, Brot und Spiele

Natürlich kann man das ganze Jahr über so einiges im Museum erleben. Aber alle zwei Jahre organisiert das APX sein berühmtes Fest „Schwerter, Brot und Spiele.“ Gut 300 Akteure aus fast 40 Gruppen haben sich auch für dieses Wochenende, 16. und 17. Juni 2007, angesagt. In der Masse kommt dann das zusammen, was es sonst nur vereinzelt bei museumspädagogischen Programmen zu erleben ist: die Inszenierung römischer Geschichte.

Mit ihren Zelten und ihrer Ausrüstung lagern die modernen „Römer“ mitten auf dem Gelände des Museumsparks. Sie zeigen ziviles und militärisches Leben. Legionärsdrill, Musik, Gladiatorenkämpfe in der Arena, Reiterspiele sowie Handwerk und antike Köstlichkeiten – es bleibt praktisch kaum ein Lebensbereich der antiken Gesellschaft unberührt. Die perfekte Gelegenheit, um Geschichte, den Museumspark und die Baupläne kennen zu lernen. Das Xantener Römerfest zählt zu den größten seiner Art in Europa.

Virtuelle Zeitreise

Seit kurzer Zeit ist übrigens auch ein virtueller Blick durch die Geschichte der Colonia Ulpia Traiana möglich. Der Landschaftsverband Rheinland und das APX haben ein aufwändig gestaltetes, digitales Informationssystem entwickelt. Im Internet ist eine rasante Fahrt durch die Entwicklung des „Xantener Raums in der Antike“ zu erleben.

Wie ein roter Faden zieht sich ein dreidimensionales Abbild der antiken Stadt durch das System. Ein interaktiver Zeitstrahl erlaubt die Reise durch die Geschichte. Legionslager, Tempel, Häuser und Schiffe kommen und gehen – übersichtliche Erklärungen zu den einzelnen Jahreszahlen inklusive. Animationen zu den wichtigsten Gebäuden ergänzen die Sache. Von den Anfängen um 12 v.Chr. bis zum 4. Jahrhundert erlaubt das System tiefe Einblicke in sechs Zeitschichten der römischen Stadt und ihrer Umgebung. Anschauen!

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2 Kommentare

  1. Also der Archäologische Park in Xanten ist auf jeden fall eine Reise wert für jeden Freund der römischen Antike!!! Das virtuelle Römerlager ist auch sehr gut gemacht!!!

    26. September 2007, 21:09 Uhr • Melden?
    von Frank Straßburger
    1
  2. Ich bin auch immer mit meiner Freundin auf der Suche nach interessanten Orten, die wir noch nicht besucht haben. Xanten gehört sicherlich mit auf die Liste.

    02. April 2008, 21:04 Uhr • Melden?

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