Brot & Spiele 2006 Ein Traum von Rom

Florian Himmler vom Regensburger Legionslager. © Schwarzenberger

Authentisches und Phantastisches umwaberten die Römertage „Brot&Spiele“ am vergangenen Wochenende in Trier. Anspruch und Wirklichkeit lagen manchmal weit auseinander. Ein tendenziöser Erlebnisbericht.

Römischer Exhibitionismus

Malerisch gruppieren sich Zelte und Stände der beteiligten Römergruppen, Händler und Handwerker um den Teich im Zentrum eines gut ausgewählten Geländes. Es wird am einen Ende vom kurfürstlichen Palais und dessen Garten flankiert, am anderen von den Ruinen der antiken Kaiserthermen. Und mittendrin Tavernen, Markt und Lager. Ein naturgegebener Schauplatz für die inzwischen fünfte Auflage von „Brot&Spiele“.

Dicht umlagern die Besucher den zentralen Exerzierplatz. Zum Konzept gehört, dass die teilnehmenden Gruppen ihr Können und damit einen Einblick in das römisch-militärische Leben geben. Diesmal steht die Vindeliker-Kohorte (COH IIII VIN) im Zentrum des Geschehens. Eine Reenactmentgruppe, die sich der historisch verbürgten Kohorte aus dem hessischen Groß-Kotzenburg angenommen hat. Und die mit Recht behaupten kann, eine der ältesten Gruppen dieser Art in Deutschland zu sein – die Vindeliker gibt es seit 1982.

Der Historiker Markus Neidhardt leitet in der Uniform des Centurio den Drill „seiner“ Legionäre. Mit ihren großen, blau bemalten Schilden bilden die Soldaten äußerst flexible Schutzmauern. Simuliert wird der Angriff mit Fernwaffen wie Pfeilen und Speeren. Neidhardt, der in einem eigenen Unternehmen auch authentische Repliken von Schmuckstücken unterschiedlicher Zeiten produziert, kommentiert die Übungen. Und dann dürfen auch die Jüngsten im Publikum mal gegen die Legionäre antreten. Auch das ist eine Form, mit der Geschichte buchstäblich in Tuchfühlung zu kommen. Und dafür bietet „Brot&Spiele“ etliche Gelegenheiten.

Bei Florian Himmler zum Beispiel. Der Geschichtslehrer steht in voller Kampfausrüstung eines Legionärs des 3. Jahrhunderts am Ufer des kleinen Teiches. Den Helm ziert eine gitterförmige „Knautschzone“, die vermutlich der Abwehr von Schwerthieben diente. Eine lange Stoßlanze und ein riesiger eckiger Schild komplettieren seine Ausstattung. Zum Anfassen und Erkunden. Und für jeden Interessierten hat er ausführliche Erklärungen parat. Der Helm etwa ist die Rekonstruktion eines Fundes aus dem Donautal. Der bunte Schild ist dem Original nachempfunden, das Archäologen im syrischen Dura Europos am Euphrat fanden und in die Zeit um 250 n.Chr. datierten.

„Ein bisschen Exhibitionismus ist schon dabei“, meint Florian. Man will ja schließlich nicht im stillen Kämmerlein hocken, sondern auch seine Werke zeigen. Neben dem Zeigen steht für ihn und seine Gruppe das Ausprobieren im Vordergrund. Florian – oder wie die anderen zu ihm sagen: Legionär Aurelius Florianus – ist Teil des Projekts Regensburger Legionslager. Die Mitglieder geben einer gleichfalls historischen Garnison ein Gesicht (Legio III Italica). Und dahinter steht wiederum der Verein der Freunde der Alten Geschichte (VEFAG).

Die VEFAG hat ein klares Ziel: Für ein klar umrissenes Projekt die wissenschaftlichen Thesen mit Selbstversuchen zu untermauern. In authentischer Manier versteht sich. Wie funktionierte also eine Garnison, wie war sie ausgerüstet und wie wurde all das hergestellt? Dies sind Fragen, auf die die Regensburger Antworten suchen. 2004 gingen zwölf „Legionäre“ in kompletter Ausrüstung auf einen Fußmarsch von Regensburg nach Trient. Für kurze Zeit schloss sich ihnen damals auch der Historiker Markus Junkelmann an – der in den 1980er Jahren mit seinen legendären Märschen und Ritten über die Alpen und am Limes die experimentelle Archäologie so richtig hoffähig machte. Vor einigen Jahren initiierte VEFAG den Nachbau eines römischen Flusspatrouillenschiffes. „Damit sind wir demnächst wieder auf der Donau unterwegs“, erzählt Florian.

Die Eisernen

Leise schnarrt das Werkzeug am Holzstück. Ein junger Besucher zieht an den Enden eines Seils, das um das Werkstück gewickelt ist. Die Bewegungen lassen das Holz, aus dem einmal ein Schwertgriff werden soll, kreiseln. Ein Mitglied der Interessengemeinschaft Vicani Aquensis Mattiacorum aus Wiesbaden (Reenactment 2. Jahrhundert) gibt dem Griff den letzten Schliff.

Gleich daneben hat die 26. Freiwilligen-Kohorte römischer Bürger (COH XXVI VCR) ihr Lager aufgeschlagen. Ich blicke in leere Augen in einem golden glänzenden Gesicht. Ein Helm mit Gesichtsmaske, sicher für einen Reiterkrieger. „Falsch“, berichtigt mich Dirk Esser, der Optio (Stellvertreter des Centurio) der Gruppe. Es gab ausgewählte Fußsoldaten, die ebenfalls eherne Masken tragen durften – die Standartenträger (Signifer). Die Maske verdeckte Emotionen, etwa den Schmerz nach einer Verwundung, und gab dem Hüter des Hoheitszeichens etwas Übermenschliches, erklärt Dirk.

Dirks Centurio, Egbert Michel, ist derweil mit dem Anfertigen eines Kettenhemdes beschäftigt. Das Ketteln war für ihn der Einstieg in das Römer-Reenactment. „Das erste Hemd habe ich begonnen, nachdem ich Marcus Junkelmann den Limesweg entlang reiten sah“, sagt er. Einige Jahre lag es unfertig da, bis 1999 die Freiwilligen-Kohorte aus der Taufe gehoben wurde. Egbert ist Gründungsmitglied. Als die Truppe ihrerseits auf einen 120-Kilometer-Marsch am Obergermanischen Limes ging, zog sich auch Egbert die genagelten Legionärsstiefel (Caligae) über die Füße. Mit gut 35 Kilogramm schwerem Gepäck ging es auf eine Tour von Rheinbrohl nach Holzhausen. „Über Schnee und Eis mit diesen Schuhen kein Problem“, meint Egbert.

Von Hornisten und Thrakern

Die Bedingungen sind denkbar ungünstig: „Tavernenwelt“ nennen die Veranstalter die Fläche zwischen den hohen Mauern des ehemaligen römischen Warmwasserbades und den unterirdischen Resten der Anlage. Die Tische der Tavernen reichen bis an die kleine Bühne an der Mauer heran. Der Spielort des Musikensembles Musica Romana. Mehrmals müssen sie gegen den Lärm der Speisenden anspielen. „Ohne Mikrofone, wie wir es in den vergangenen Jahren hatten“, ärgert sich Susanna Rühling. Die Organisatoren von der Medienfabrik Trier verzichteten diesmal auf technische Unterstützung der Musiker.

In der Antike traten die Künstler in kleinen Räumen vor vergleichsweise kleinem Publikum auf. Oder im Freien mit entsprechend großer Anzahl, um sich Gehör zu verschaffen. Musica Romana sind heute mit sieben Mitgliedern dabei. Unverdrossen singen und musizieren sie sich durch ihr schmackhaft aufbereitetes Programm. Götterhymnen, griechische und römische Lyrik, Instrumentalstücke mit kleinen Handtrommeln, Flöten, Harfe oder der Doppeloboe. Garniert mit Expertenwissen um archäologische Funde und der Rekonstruktion der überlieferten Musikwelt.

Für akustische Verstärkung sorgt Ralf Gehler, Berufsmusiker und Musikethnologe, auch mal mit einem selbst gefertigten Nachbau einer spätantiken koptischen Laute. Und dann packt Hagen Pätzold ein gewaltiges Instrument aus. In großem Bogen windet sich ein Cornu, ein Heereshorn, um Hagens Schulter. Und der Diplomtrompeter tritt auch in der passenden Aufmachung auf – als Legionär. „Mit dem Cornu hat der Cornicen die Befehle des Heerführers weitergegeben“, erzählt Hagen. An wen? Richtig, den Signifer, der die Order wiederum mit seinen Feldzeichen anzeigte. Auch das weiß ich inzwischen. Der Trompeter tut uns den Gefallen, bläst die Backen auf und pfeffert dem Publikum einen gehörigen Tusch um die Ohren. Danach kann kein Besucher der Thermen behaupten, er hätte von Musica Romana nichts gehört…

Diesmal nur neben der Bühne steht Marco Grün. Auch er schlägt zuweilen die Trommel für Musica Romana, doch heute präsentiert er sich als Einzeldarsteller. Die Pelte, ein halbmondförmiger Schild und die Kleidung weisen ihn als Thraker des 5. Jahrhunderts v.Chr. aus. So genannte Peltasten verstärkten oft die Reihen der griechischen Phalangen. Ihre Rekonstruktion ist noch eine Seltenheit in der Reenactment-Szene, meint Marco. Der Geschichtslehrer aus der Eifel mischt bei einer noch jungen Gruppe mit, die das Leben griechischer Hopliten nachstellt – die Hetairoi (griechisch für Gefährten).

Der schöne Tod

Kühle Abendluft weht durch das 1900 Jahre alte Amphitheater in Trier. Die Holztribünen sind gut besetzt, auch viele Akteure aus den Römergruppen sind darunter. Mit Spannung und Skepsis warten sie auf die Gladiatorenshow, die spektakulär in Szene gesetzt wird. Es soll sich nun erweisen, ob das Credo der Medienfabrik stichhaltig ist. Einen „hohen Authentizitätsfaktor“ versprechen die Organisatoren für die gesamte Veranstaltung. Und auch der Auftritt der Gladiatoren soll wissenschaftlichen Erkenntnissen gerecht werden. Zur Unterstützung holte sich die Medienfabrik die professionellen Showkämpfer des Istituto Ars Dimicandi aus Mailand und gab eine dramatische Inszenierung aus dem Leben der Trierer Gladiatorenschule in Auftrag.

Im Fokus steht der Freigelassene Valerius, der von einer Karriere als Gladiator träumt und in der Schule aufgenommen wird. Seine erste Bewährungsprobe muss er in einem intriganten Spiel um Leben und Tod bestehen. 35 Darsteller, martialische Musik und zahlreiche Kämpfe treiben das Geschehen voran.

Doch ist das echt? Ich habe so meine Zweifel, auch wenn die Akteure sehr gute Auftritte hinlegen. Es wird nie langweilig, doch was ich zu sehen bekomme, fasst „Valerius“ eingangs selbst gut zusammen: „Das Leben des Gladiators ist ein Schauspiel“. Genau das ist es auch hier. Die Kämpfe sind natürlich abgesprochen, alles folgt einem festgelegten Ablauf und ist notgedrungen plakativ. Die Show will unterhalten und das tut sie auch. Endgültig in Hollywood angekommen ist das Spektakel in der Schlusszene, die vom Titelsong des Films „Gladiator“ untermalt wird. Das Publikum hat Spaß und schreit „Vita“ und „Mors“ – was beinahe erschreckend authentisch wirkt. Aber das Theatralische überwiegt.

Auf dem Weg zurück in die Kaiserthermen lasse ich die Bilder noch einmal wirken. Die Show war perfekt, sie hatte nur einen Haken: Ohne Not verkauften die Veranstalter sie als authentisch. Und das sollte noch nicht der letzte Widerspruch dieses Abends sein.

Erotische Antike?

Nur wenige hundert Meter trennen die Thermen vom Amphitheater. Die Ruinen sind bei sternenklarer Nacht in buntes Licht getaucht. Nymphische Klänge wabern durch die vielen Gänge im alten Gestein. Menschentrauben sammeln sich an manchen Stellen, geleitet von Lichterketten aus brennenden Kerzen. Tänzerinnen wiegen sich stumm zur mystischen Musik. Wer mag, kann Diana mit ihrem Bogen auf einer Schaukel erkennen oder Venus in knappem rotem Kostüm. Es ist die Zeit der Phantasie.

Raffiniert sind die antiken Thermen in Szene gesetzt. Die vielen Menschen stören nicht, es gibt Gänge über Gänge, durch die ich wandern kann. Stundenlang. Ich kann mein eigenes Rom träumen, gewiegt von elektronischer Musik. Die „Mystische Nacht“ tauften die Organisatoren zu Recht diesen Part der Veranstaltung. Es ist eine zauberhafte Einladung, diesen historischen Ort einmal anders kennen zu lernen.

Doch welcher Traum von Rom schwebte den Machern vor? Erneut stört die Werbung mit durchgehend authentischen Angeboten bei „Brot&Spiele“. Dieses Etikett ist durchaus nicht immer angemessen, jetzt schon gar nicht. Die Medienfabrik wollte zu viel auf einmal: die perfekte Unterhaltung bei stets korrektem historischen Bild. Das Konzept geht nicht auf. Mir als Besucher bleibt überlassen, das Echte vom Unechten zu trennen. Dennoch: Schiebe ich das etwas verquere Marketing einmal beiseite, bleibt immer noch genug zum Bestaunen und Erleben. Ich habe die Fahrt nach Trier keineswegs bereut.

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5 Kommentare

  1. Ein Wort zu “Legionär” und “Auxiliar”. Letzterer bezeichnet korrekterweise ein Mitglied der römischen Hilfstruppen aus den Provinzen. Der klassische Legionär musste römischer Staatsbürger sein. Auf so manchen Akteur aus den Kohorten dürfte der “Auxiliar” besser passen, ich habe aber der Übersichtlichkeit halber durchgehend “Legionär” verwendet.

    Redaktion chronico

    16. August 2006, 09:08 Uhr • Melden?
  2. Hallo authentischer Schreiberling, es ist Dir gelungen, meine Heimatstadt und diese besondere Form von der Veranstaltung Brot und Spiele und deren faszinierende Atmosphäre sprachlich einzufangen.
    Ich zolle dem das Antik-historisch liebenden Tributen meinen Respekt und meinen Tribut!
    Eine gute Freundin

    16. August 2006, 12:08 Uhr • Melden?
    von Martina
    2
  3. Hallo, wir waren auch dort, um die Teilnehmer der http://www.legioprima.de zu treffen. Das Event war ein weiteres Highlight in diesem Jahr, das wir besucht haben. Schaut mal auf unserem msn-Space.
    LG Silvie

    18. Oktober 2006, 13:10 Uhr • Melden?
  4. was genau ist brot und spiel???

    05. April 2007, 16:04 Uhr • Melden?
    von ich
    4
  5. Brot und Zirkusspiele (panem et circenses) ist ein geflügeltes Wort, mit dem vermutlich vor allem der römische Satiriker Iuvenalis (Juvenal) über die Politiker spottete, die sich Stimmen sicherten, in dem sie die einfachsten Bedürfnisse des Volkes befriedigten.

    06. April 2007, 12:04 Uhr • Melden?

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