Reenactment Schlacht bei Waterloo

Neuinszenierung der Schlacht bei Waterloo. © Holger Rinke

Waterloo – die sprichwörtliche Niederlage, trotz guter Planungen. Die hatte Napoleon 1815 erlitten. Auch die Planer des Reenactments 2010 waren davor nicht ganz gefeit. Ein Augenzeugenbericht von Holger Rinke.

Viele offene Fragen

Ich sah tausende Menschen in „freier Platzwahl“.
 Ich sah tausende Menschen, die ein Großevent vor dessen Ende verließen.
Ich sah Menschenmassen, die vor und wieder zurückgetrieben wurden, weil weder die rechte noch die linke Hand, geschweige denn Verantwortliche, wussten, was sie taten.
Ich sah hunderte Helfer, die alle nur drei Phrasen beherrschten: Weiß ich nicht – geht nicht – it’s impossible.
Was ich nicht gesehen habe, ist eine Schlacht.

Ein solches Mega-Event benötigt hinter den Kulissen eine Planung, die in ihrem Aufwand sicherlich nicht allzu weit von der Logistik des darzustellenden Ereignisses weg ist. Aber als der Museumsshop am Freitag pünktlich seine Pforten schloss, obwohl sich noch etliche potentielle Käufer auf dem Museumsgelände tummelten, um das später stattfindende Feuerwerk zu sehen, dämmerte mir, dass die Organisation sehr … belgisch werden könnte.


Selten habe ich so eine schlechte Planung erlebt, wie bei diesem Event – kaum einer der Helfer konnte auf Fragen adäquat antworten, sie hatten viele Informationen einfach nicht, und ihr Wille, sich kundig zu machen, tendierte gegen Null. Wenn nicht einmal am Infostand Fragen korrekt beantwortet werden, stimmt etwas nicht. Und so beschränkten sie sich praktisch darauf, die gesamte Zeit nur rumzustehen, den Kopf auf jede Frage hin zu schütteln und möglichst überflüssig zu sein; nicht einmal Fragen zum Programm konnten sie so recht beantworten – dazu wendete man sich besser direkt an die Aktiven, was dann auch überproportional viele Besucher taten.

The Fog of War

Apropos Programm – ein solches gab es natürlich. Es war sicher auch nicht schlecht. Zumindest das, was ich gesehen habe, gefiel mir sogar ausgesprochen gut; die Aktiven haben sich wirklich ins Zeug gelegt. Ich weiß allerdings nicht, was ich verpasst habe, denn es war den Veranstaltern zwar unsagbar wichtig, mitzuteilen, wann ihre pseudogehobene Fressmeile mit Cocktails zu Clubpreisen und einfachen Crepes zu 5 Euro das Stück, geöffnet hat. Aber nicht, wann die Besucher etwas zu sehen bekommen. Oder wo es etwas zu sehen gab, denn am Samstag konnte ich von der Hügelkuppe eines Ortsteils von Plancenoit auf einen anderen Ortsteil sehen, wo sich etliche Besucher angesammelt hatten, um die „Kampfhandlungen um Plancenoit“ zu sehen, die sich freilich hinter meinem Rücken abspielen würden. Die anderen standen mangels ausreichender Information schlicht im falschen Ortsteil.

Nicht nur Besucher, auch die Aktiven mussten oftmals den Tag ohne brauchbare Informationen überstehen. Es mutete schon etwas skurril an, wenn Kolonnen von Rotröcken auf einem ausgewählten Schlachtplatz vorrücken und zeitgleich die Kommandeure versuchen, herauszufinden, wo man sich denn nun eigentlich aufstellen soll, wie es in Plancenoit geschah, inklusive einer kompletten Neuaufstellung der alliierten Truppen.


Beschilderungen fehlten ganz. Ob der großen Entfernungen ohne Shuttleservice – offiziell waren es vom Schlachtfeld aus 800 Meter zum Lager der Alliierten bei Hougoumont und zwei Kilometer zum Lager der Franzosen, tatsächlich lag das Lager der Alliierten um die zwei Kilometer und das Lager der Franzosen um die vier Kilometer vom Löwenhügel weg – sah man überall herumirrende Menschen, die einen der Eventpunkte suchten und einfach nicht fanden.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich an diesem Wochenende gefragt wurde, „wo man denn was zu sehen kriegen würde“ oder auch nur schlicht „Wo muss ich hin“. Dabei ging es beileibe nicht um gut versteckte Klos, sondern um Lager mit tausenden von Aktiven. Interessanterweise hat mich an diesem Wochenende niemand nach dem Quartier Napoleons gefragt; das lag nochmals den einen und anderen Kilometer weiter weg und man kannte kaum den ungefähren Weg, geschweige denn, was einen dort erwarten würde, und so habe ich mir diesen Weg, wie wohl die meisten, erspart.

Aber nicht nur die Eventbeschilderungen fehlten, auch die Zuführungsstraßen waren praktisch unbeschildert. Selbst in Waterloo – wirklich keine Großstadt, sogar Wellington blieb 1815 kaum einen Tag – suchte man nach Schildern zum Event vergeblich. Wir irrten am Freitag zum Feuerwerk fast eine halbe Stunde durch den Ort, bis wir eher durch Zufall am Eingang vorbeifuhren, den wir natürlich nicht an einem Schild „Hier geht’s zur Schlacht“, sondern vorrangig an den davor stehenden Polizisten erkannten. Aber es gelang den Veranstaltern, noch eines draufzusetzen. Sie ließen kurzerhand am Sonntag die beiden Zubringerausfahrten der Autobahn nach Waterloo schließen, ohne dabei anzugeben, wie man denn alternativ fahren soll.

Tribünen-Irrweg

Man kann bei zehntausenden Besuchern keine freie Platzwahl machen. So etwas weiß man eigentlich. Gesunder Menschenverstand sagt es einem, zumal sich diese freie Platzwahl als gar nicht so frei herausstellte, sondern davon abhing, durch welchen Eingang man zufälligerweise auf das Gelände stolperte, was davon abhing, wohin einen die Parkplatzwächter lotsten. Uns gelang auf diese Weise eine nahezu komplette Umrundung des Löwenhügels, teilweise mitten durch die heranströmenden Besuchermassen.
Wir konnten uns die Tribüne schon nicht aussuchen, dafür war die Platzwahl erheblich freier – hing sie doch tatsächlich nicht davon ab, ob noch wirklich ein Platz auf dem Tribünenteil frei war.

Die Helfer beschränkten sich in bekannter Dreistatement-Manier auf das Abreißen der Karte. Auch dann, wenn die Tribüne hinter ihnen schon überquoll vor Menschen. Anschließend war man wieder sich selbst überlassen und durfte weiter umherirren – das taten dann auch viele, die selbst noch während der Schlacht mit ihrer teuer bezahlten Tribünenkarte in der Hand etwas ratlos herumstanden, weil einfach kein freier Platz mehr zu haben war. Die Ordner beschränkten sich wiederum darauf, in vollkommener Missachtung aller Physik, eng gedrängte, wie auf einer Hühnerleiter sitzende Menschen dazu aufzufordern, zusammenzurücken.

Was für eine Sicht

Die Schlacht zu Waterloo bestand für mich größtenteils aus Rücken mit Tornistern, Rauchschwaden und irgendwo in der Ferne hinter einer Senke stattfindenden Kampfhandlungen, die ich eher hörte als sah. Und, man mag es kaum glauben, wir hatten auf unserer Seite noch einen von den guten Plätzen, es gab viele Tribünensitzer, die noch weniger sehen konnten.

Natürlich, bei einem Event dieser Größe kann man nicht überall direkt dran sein, aber wenn man einen etwa viereckigen Platz mit Tribünen an drei Seiten umrandet, und für diese Tribünen teure Karten verkauft, dann sollte die übergreifende Choreografie der Veranstaltung darauf abgestimmt sein, dass diese Leute auch etwas zu sehen kriegen. Tatsächlich aber fand in unserer Hälfte des Schlachtfeldes praktisch nichts statt – nur ein kleiner Teil der Fläche vor uns wurde allenfalls als Aufmarschgebiet genutzt. Unser Schlachthöhepunkt bestand in zwei Salven einer französischen Linie, die sich auf unserer Augenhöhe abspielten, ansonsten marschierte man relativ weit von uns entfernt vorbei.

Kurioserweise fanden die Hauptkampfhandlungen vor den preiswerten Stehplätzen statt. Für uns blieb nicht einmal der eindrucksvolle Aufmarsch der französischen Einheiten als Entschädigung, denn dem stand, abgesehen von der Senke, eine weitere Tribüne im Weg, nebst Fernseh-Schwenkarm. Der englische Aufmarsch fand für uns auch eher vage statt, denn er geschah auf dem Hügel, in dessen Senke unsere Tribüne stand. Dort am rechten Flügen konzentrierten sich auch die ersten größeren Kampfhandlungen – das konnte ich freilich nur aus Lärm und Rauchschwaden schließen, gesehen habe ich es nicht wirklich.

Und so wurde denn auch – das habe ich nie zuvor bei solch einem Großereignis erlebt – der Strom an Menschen immer größer, die lange vor dem Ende der Veranstaltung gingen, unser Tribünenteil leerte sich massiv, als immer offensichtlicher wurde, dass die Schlacht woanders stattfand. So mancher wurde immer mürrischer. Ich gebe es zu: Ich fühlte ich um ein Event betrogen.

Der Vorhang fällt

Es fällt mir schwer, ein abschließendes Fazit zu diesem Event zu ziehen, denn meine Erlebnisse waren äußerst ambivalent. Spaß habe ich gehabt, viele Menschen habe ich getroffen, und auch wenn ich mit dem militärischen Gehabe immer nur wenig anfangen kann, war das alles doch recht spannend. Gerade am Samstag wurde für die Besucher zum überschaubaren Eintrittspreis viel geboten, es gab jenseits des Lagerlebens eine Menge zu sehen. Auch wenn sowohl das Museum als auch das Panorama mal einen Staubwedel (und ein etwas moderneres Konzept) gebrauchen könnten.

Die Aktiven waren wirklich eindrucksvoll, interessant fand ich, dass sich auch heute noch die damaligen Verhältnisse wiederfinden: Während das Lager der Alliierten eine wilde Ansammlung verschiedenster Einheiten, jede mit eigenem Lagerkonzept, darstellten und auch Händler in größerer Zahl ihre Waren feilboten, war bei den Franzosen alles strukturiert und gleichförmig aufgebaut, Händler suchte man vergebens.

Man konnte durch nahezu jedes Lager laufen und sich mit Aktiven unterhalten. Ich durfte in einem wildfremden Lager sogar Suppe probieren und musste mich schon gewaltsam gegen einen eigenen Teller wehren – soviel Offenheit war sympathisch. Und was bei den Schlachten an Krawumm geboten wurde, war durchweg beeindruckend, wenn auch leider die meisten Besucher vorrangig Interesse an sauberen, adretten und vor allem nutzlos herumstehenden Offizieren wie mir hatten, denn am tatsächlichen Lagerleben. Da nutzte auch ein expliziter Hinweis wenig, sich Derartiges doch auch einmal anzusehen.

Die Veranstalterplanung hingegen war eine einzige Katastrophe in praktisch jeder Hinsicht, fehlende Informationen, falsche Entfernungsangaben, chaotische Verhältnisse, zentralisiertes Catering, teure Tribünenplätze mit schlechter Sicht … all das vergällte einem in Summe wirklich nachhaltig die Zeit.

Aber auch das darf noch gesagt sein: Das Feuerwerk am Freitag nebst Musik und Projektion auf den Löwenhügel, choreografiert von drei Feuerwerksmeistern, war eine wunderbare Interpretation der Ereignisse. Das habe ich mir gerne angesehen und es rechtfertigte auch jeden Cent und Aufwand.

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3 Kommentare

  1. Hallo,
    da mich die Anfragen erreichen, wo man das “mehr” aus dem Trailer denn findet:

    Der gehört zu einem Special auf meiner Webseite, das in den ersten 2 Januarwochen online gehen wird :)

    20. Dezember 2010, 11:12 Uhr • Melden?
    von Holger
    1
  2. @Holger
    Merci für Nachtrag. Gern sagen wir hier dann auch Bescheid – oder du übernimmst das. Der Blick lohnt sich, da wartet noch schönes Bild- und Berichtsmaterial beim Zeitreiser ;-)

    20. Dezember 2010, 11:12 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    2
  3. Wie versprochen, so gehalten: Beim Zeitreiser ist das erste Material zum Waterloo-Special online. In einer opulenten Aufmachung.

    17. März 2011, 09:03 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    3

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