Wikinger-Spektakel Lager birgt auch Überraschendes

Durchwachsenes Ambiente, aber auch gute Handwerker gab es. © Torsten Kreutzfeldt

Ende August: Am Cospudener See in Leipzig startet ein Wikinger-Spektakel. Damit wir uns gleich richtig verstehen: Ein Spektakel ist keine Museumsveranstaltung. Meine Erwartungen waren also nicht sehr groß.

Agentur tritt auf

Der Veranstalter, die Blues Agency GmbH in Leipzig (zusammen mit Vollbehr Events & Music), war mir bislang nicht als Veranstalter von historischen Events bekannt. Eine Zusammenarbeit besteht mit den Wikinger-Tagen in Schleswig.

Ein den Wikinger-Darstellern nachgesagtes gutes Verhältnis zu den Göttern der Alten konnte nicht Dauerregen oder zumindest regelmäßig auftretende Gewitterschauer verhindern. Der Veranstalter hat angesichts des aufgeweichten Bodens mit Strohschütten sein Bestmöglichstes getan. Die Anfahrt und der lange Zugangsweg zum eigentlichen Veranstaltungsgelände hätte allerdings besser ausgeschildert sein müssen. Ein Schild „Wikinger 600 m“ mit Pfeil wäre wünschenswert gewesen. Auch, dass es speziell Parkplätze für Wikinger gibt, war mir bislang neu. Gut, es durften dort auch Ottonen parken.

Klar unterteilte Bereiche

Begeben wir uns lieber sofort zur Kasse und damit hinein ins Wikinger-Spektakel, das ich grob unterteilen möchte in einen Catering-Bereich, kurz B-Bereich, einen Kinderbereich und dem „Wikingerdorf“ genannten authentischen Bereich. Das fand alles zusammen auf der bereits erwähnten durchfeuchteten Wiese am Cospudener See statt, einem ehemaligen Tagebaurestloch mit einem ansehnlichen Strand. Schade, dass eben dieser Sandbereich nicht mit in die Veranstaltung hatte miteingebunden werden können. Begleitet wurde ich von einem Handwerkerdarsteller (Frühmittelalter, Mollenhauer) und einer Japanerin in spanischer Kleidung des 11. Jahrhunderts, sowie drei Zivilisten, einer davon noch ziemlich jung. Der Eintrittspreis war mit sieben Euro in einem Bereich, der bei vielen schlechteren Mittelaltermärkten bereits weit überschritten wird. Der Rabatt für Gewandete war gering.

Warum müssen eigentlich diese schrecklichen Catering- und Versorgungsbereiche immer sofort hinter der Kasse sein? Schon, bevor man bezahlt, ist der erste Schrecken bereits über uns gekommen und wir haben vor lauter Plastik und Schnickschnack unwillkürlich einen Schritt zurückgemacht! Von dem im Jahr 2009 seitens des Veranstalters versprochenen Mehr an Authentizität war hier wenig zu merken. Allerdings bin ich ja schon froh, wenn ich nicht sofort über ein „mittelalterliches Kartoffelhaus“ falle. Das war hier nicht vorhanden. Pluspunkt! Die Auswahl der Speisen war groß und was wir zu uns nahmen, hat geschmeckt und war auch preislich im Rahmen.

Gewandetenrabatt gab es hier keinen. Dieser Bereich ging bis auf die oben angesprochenen Kritikpunkte vollkommen in Ordnung und war wesentlich besser als auf vielen Mittelaltermärkten in der Gegend. Auch die Trennung der Bereiche wurde von uns sehr positiv vermerkt. Wenn diese vorhanden ist, kann auch über ein bisschen „bäh“ hinweggeschaut werden. Und um dies abzuschließen: Im B-Bereich kam man auch an den Wikingern angeblich so viel getrunkenen Met, und das war für viele Besucher die Hauptsache. Hier konnte man „Hörner heben!“ Diese Ansprüche müssen wohl bedient werden.

Das Wikingerdorf

Begeben wir uns nun in den Kinderbereich, der nicht allein auf das „Wikingerdorf“ mit zahlreichen Aktivitäten wie Kuheimermelken oder das „Zelt des bösen Sven“ beschränkt war, sondern auch im B-Bereich konnten bereits von den Kindern Brotfladen hergestellt werden, selbst die Moderation war eher auf die Kinder ausgerichtet: Waffen der Wikinger-Zeit wurden kindgerecht erklärt. Die „Wikinger“ kämpften anschließend darum, wer von ihren Häuptlingen einen Teddybären behalten darf. Beeindruckend auch die Erklärung, warum Hörnerhelme nicht möglich sind. Die Vorführungen waren also sehr interessant und amüsant; der Kinderbereich allerdings für uns eher Nebensache, da das mitgenommene Kind für solche Aktivitäten noch zu klein war. Negativ fielen mir beim Bogenschießstand die modernen Bögen und die dementsprechend grelle Befiederung der Pfeile auf. Das sollte auch aus pädagogischen Gründen der Wikingerzeit besser angenähert werden.

Nun befinden uns schon mitten im „historischen Wikingerdorf“ oder wie der Veranstalter richtig schrieb: die Wikingerzeltstadt. Von der Anfängergruppe bis zu einigen alten Hasen, von denen zumindest einer so aussah, als wollte er nicht dazugehören, war alles vertreten. Das Spektrum schwankte von sehr guten Darstellern bis hin zu einigen, die es weniger ernst nahmen. So flatterhaft war auch das Spektrum, was die Zelte betraf: Übliche Wikizelte, von Händlern und Handwerkern gerne nach vorne auszuklappen, ein Sachsenzelt war dazwischen.

Insgesamt war das Lager stimmig und soll bei den Wikingern so aussehen. Da alles schlammig, feucht und kalt war, kann ich niemandem mangelnden Enthusiasmus vorwerfen, denn auch einige Vorführungen (z.B. Bronzeguss) waren dadurch nicht möglich. Schönes Handwerk dagegen beim Töpfer, Schmied und der Brettchenweberin, die sich auch von durch den Regen in die Zelte flüchtenden Besuchern nicht aus der Ruhe bringen ließen und jedem hilfreiche und nette Erklärungen haben angedeihen lassen. So soll es sein! Die Vielzahl der verschiedenen Handwerker verblüffte selbst meinen mitgebrachten Mollenhauer.

Wieder Staunen lernen!

Vielleicht hat man auch als Darsteller manchmal das Staunen verlernt, weil man zu gerne das sieht, was nicht perfekt ist. Unsere japanische Besucherin lief dagegen mit großen Augen von Zelt zu Zelt, ließ sich alles erklären oder führte, so weit es sprachlich ging, tiefgründige Gespräche. Auf sie haben auch die zwei, drei Lagergruppen ganz anders gewirkt. Eher wie Teile einer interessanten Inszenierung, in deren Verlauf plötzlich von überall bewaffnete Männer auftauchten. Wenn auch in einer aufwendigen Ausrüstung, wie man sie wohl im wikingerzeitlichen Dänemark nur sehr selten vorgefunden hätte. Immerhin ein Dutzend dieser Gutgerüsteten war in Leipzig versammelt. Folgen wir ihnen also staunend zur bereits geschilderten Vorführung und verlassen das Wikingerdorf wieder. Bei den Vorführungen wollen wir natürlich auch nicht die Musikgruppen oder den Falkner vergessen. Aber darauf lag nicht unser Hauptaugenmerk.

Ich möchte ein positives Fazit ziehen: Wenn man eine Veranstaltung als „Spektakel“ laufen lässt, weiß der Besucher, hier geht es um Show und nicht um Bildung. Diese kam dennoch nicht zu kurz und die Auswahl der Darsteller war zwar schwankend und einmal sogar eher skurril, aber im Vergleich zu den üblichen „Mittelalter-Spektakeln“ eher im oberen Bereich anzusiedeln. Der Veranstalter hat ein gute Auswahl an Darstellern bekommen, auch Anfänger waren schon vorzeigbar. Sehr schön die bereits erwähnte gute Auswahl an Handwerkern. Die Trennung der Bereiche war schon gut, könnte aber noch konsequenter durchgeführt werden. Sehr gut die Moderation! Das habe ich schon von Museumsleuten weniger sachkundig gehört. Der Unterhaltungsfaktor blieb auch ohne große Faxen erhalten.

Für einige Teile des Publikums, die mehr der nationalen Fraktion angehören, auch der menschenverachtenden Ausrichtung, kann der Veranstalter wenig. Mit großer Sicherheit ist das nicht die bevorzugte Zielgruppe. Aber man sollte es auch nicht mit einem Spruch wie „Wikinger-Events ziehen das eben an“ schulterzuckend hinnehmen. Der Veranstalter könnte hier in irgendeiner Form ein Zeichen setzen.

Wir werden gerne wiederkommen, es war einer der wenigen angenehmen Märkte im Raum Halle-Leipzig, ob als Besucher oder sogar Teilnehmer, darüber wird noch zu entscheiden sein.

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