Literaturklassiker Kreuzzugspropaganda? Nicht mit Wolfram!

Für Aufregung sorgte der Fund eines Pergamentstreifens aus der Zeit um 1300 in der Universitätsbibliothek Jena. Germanisten und Philologen untersuchen nun, wie einzigartig das Fragment eines „Rennewart“-Romans des Dichters Ulrich von Türheim wirklich ist. Doch eine viel tiefere Bedeutung steckt im Inhalt des Werks: Türheim setzte eine unvollendet gebliebene Story des Wolfram von Eschenbach fort. Aber in der Art, wie er das tat, untergrub Türheim eine große Idee Wolframs. Der forderte mitten in den Kreuzzugswirren des 13. Jhs. Toleranz zwischen Christen und Muslimen ein. Für wenige Jahrzehnte blühte im Stauferreich ein modern anmutendes Denken.

Wolframs Lied vom edlen Gegner

Auch wenn hier nicht der Platz ist, um das Werk des Wolfram von Eschenbach (geb. um 1170) ausgiebig zu betrachten, lohnt sich ein Exkurs. Nur so lässt sich die Verbindung zum„Rennewart“ des Ulrich von Türheim – vermutlich ein fränkischer Landsmann Wolframs – richtig bewerten.

Fast 30 Jahre war Hermann I. Landgraf von Thüringen. Er starb 1217, und mit ihm scheint auch der bis dahin kräftig von den Landgrafen geförderte Literaturbetrieb in Thüringen eingeschlafen zu sein. Wolfram, der Teile seines „Parzival” im Herrschaftsbereich Hermanns und in dessen Auftrag schrieb, brach möglicherweise deshalb die Arbeit an seinem letzten Werk ab, den „Willehalm”. Es floss schlicht kein Geld mehr aus der gräflichen Kasse – der Genickbruch für einen Berufsdichter wie Wolfram. Nachher hat man von ihm nie wieder gehört.

Hatte Wolfram schon im „Parzival” versöhnliche Töne gegenüber den „Heiden” (also den Muslimen, denn niemand anders war damit gemeint) angeschlagen, so stimmte Wolfram im „Willehalm” geradezu ein Loblied auf die Toleranz an. Nicht, dass der Hauptheld Willehalm weniger Gewalt gegen seine heidnischen Feinde gebraucht hätte oder sich gar auf deren Seite schlug. Dafür war auch Wolfram zu sehr ein Kind seiner Zeit und seinem christlichen Auftraggeber verpflichtet. Doch ist der „Willehalm” eine der ersten Dichtungen, in denen vom Feind als einem gleichwertigen Gegner die Rede ist, mit dem auf Augenhöhe gesprochen werden kann.

Dichter bricht mit Propaganda-Tradition

Wenig nachvollziehbar ist heute, welch spirituelle Energie und welcher politischer Wahnwitz Zehntausende bewaffneter Pilger und ihre adligen Führer über viele Generationen hinweg immer wieder ins Heilige Land trieb. Das Versprechen auf ewiges Seelenheil allein konnte kaum jemanden dazu bringen, die Mühen eines (erst später so genannten) Kreuzzuges auf sich zu nehmen. Eher schon der Gedanke an Beute in den exotischen Ländern – und womöglich die beständig am Köcheln gehaltene Propaganda.

Es kann kaum ein Zufall sein, dass exakt mit dem Beginn der ersten Kreuzzüge so genannte „Chansons de geste” eine massenhafte Verbreitung fanden. Ritterepen also, die Stoffe wie das „Rolandslied” verarbeiteten. Darin wurde der in seiner Bedeutung eher zweitrangige Kampf zwischen dem Heerführer Karls des Großen und den Mauren bei Roncesvalles (778) zu einer glorreichen Verteidigungsschlacht gegen den Islam hochstilisiert. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch Variationen des Alexanderromans und der Geschichte des Trojaners Äneas. Alles Geschichten, in denen es letztendlich um die große Auseinandersetzung zwischen Abendland und Orient geht.

Dazu kamen viele einfachere Lieder, die für adliges oder einfaches Publikum geschrieben waren. Aber gemeinsam ist ihnen die Werbung für die militärische Befreiung des Grabes Christi und die Verteufelung der Heiden. Kaum jemand in Europa wusste etwas von den großen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Religionen. Auch die meisten Dichter nicht. Und so spielten viele mit dem scheinbar passenden Bild des monstergleichen Ungläubigen, den es zu bekämpfen galt.

Und dann kam Wolfram daher und sprach in blumigen Worten vom „edlen Heiden”, der ebenfalls „ein Kind Gottes” sei.

Toleranz und Gnade für den Feind

In aller gebotenen Kürze die Story des „Willehalm”: Der Held ist der Schwager des französischen Königs. Um sein Glück zu machen zieht Willehalm in den Kampf gegen die Heiden, wird aber gefangengenommen. Er verliebt sich in Arabel, die Frau des Königs von Arabi. Beide fliehen in Willehalms Heimat, der Provence. Arabel wird Christin, heiratet Willehalm und nennt sich fortan Gyburg. Voll Zorn zieht ein gewaltiges Heer der Heiden übers Meer und fordert die Christenheit zum Kampf. Nur mit Mühen und unendlichem Leid können diese die zweite Schlacht gewinnen. Die entscheidende Wende bringt Rennewart, ein heidnischer Recke, der auch der Liebe wegen auf Seiten der Christen kämpft, obwohl er als Kind in ihre Gefangenschaft geriet. Mit dem christlichen Sieg und dem Verschwinden Rennewarts auf dem Schlachtfeld bricht die Dichtung ab.

Mehrere Dinge sind in dieser Geschichte herausragend. So lässt Wolfram zwar auch hier die Rittertugenden aufleben, doch wird der Krieg immer wieder als sinnlose, Leid bringende Maschinerie angeprangert. Und ganz zentral baute der Dichter die so genannte Toleranzrede der Gyburg ein. Vor Beginn der entscheidenden Schlacht fleht sie die französischen Ritter an, Gnade walten zu lassen. Sie begründet dies damit, dass auch die Heiden Gotteskinder seien, denen keinesfalls Gleiches mit Gleichem vergolten werden müsse. Überhaupt baute Wolfram mit Gyburg eine starke Frauenfigur ein, die so gar nicht in das mittelalterliche Bild der passiven, von der Minne umworbenen Dame passen will.

Mit seinem „Willehalm” brachte Wolfram von Eschenbach ein ganz anderes Denken in den mittelhochdeutschen Literaturbetrieb hinein. Ein Denken, dass politische Kreise gezogen haben muss, wenn man das vorrangig adlige Publikum für seine Werke betrachtet.

Kosmopoliten im Hochmittelalter

Es mag zunächst einen sehr bodenständigen Grund für diese neue Haltung gegeben haben. Seit Generationen trafen adlige Krieger beider Religionen immer wieder aufeinander. Viele Christen lebten inzwischen dauerhaft in Palästina. Und andere, die in ihre Heimat zurückkehrten, brachten wichtige Erfahrungen mit nach Hause. Und sie hatten viel zu erzählen.

Die Thüringer Landgrafen waren schon unter Kaiser Barbarossa aktiv bei den Waffengängen gegen die Muslime dabei. Und einer wie Hermann dürfte es gerne gehört haben, dass er einen Kampf gegen ebenbürtige Gegner ausfocht. „Das wertete die eigene Pilgerfahrt doch auf”, meint dazu der Jenaer Altgermanist Christoph Fasbender. Tapfere Feinde, mit denen sich auf Augenhöhe kämpfen und verhandeln ließ, erhöhten nur die eigene Ehre.

Dennoch bleiben Wolframs Gedanken faszinierend exotisch im westlichen Europa. Und nicht unlogisch erscheint es, dass diese Ideen ausgerechnet im Deutschen Reich aufkamen. Mit dem Stauferkaiser Friedrich II. war einer auf dem Thron, der fließend Arabisch sprach und mehr durch Verhandlungen denn durch Krieg Erfolge sehen wollte. 1229 bekam Friedrich nur durch sein diplomatisches Geschick einen Friedensvertrag und die Schlüssel zu Jerusalem vom muslimischen Sultan überreicht.

In Friedrichs Heer war auch der bürgerliche Dichter Freidank unterwegs. In seinen Sinnsprüchen wimmelt es vor Wutausbrüchen gegen die Sinnlosigkeit des Krieges. Und angesichts der Eindrücke vor Ort kann auch Freidank nur feststellen: „Christen, Juden, Heiden sind doch alle ungescheiden”. Sie alle haben also gleiche Wurzeln, interpretiert Germanist Fasbender. „Dichter wie Wolfram und Freidank brachten einen völlig neuen Ansatz ein”, sagt er. Das hatte mit der bis dahin vorherrschenden christlichen Propaganda nichts mehr zu tun. „Das war eine kosmopolitische Weltsicht”, befindet Fasbender.

Und dann kam Ulrich von Türheim …

… und war der Meinung, den „Willehalm” vollenden zu müssen. Türheim widmete sich dem bei Wolfram verschollenen Rennewart, um eine Parallelhandlung zu erzählen. Irgendwann nach 1243, machte er sich ans Schreiben.

Wolfram hatte seinem Rennewart prägende Züge gegeben. Seit seiner Knabenzeit lebt er an des Königs Hof. Nur der und Rennewart selbst wissen, dass er der Sohn des heidnischen Großkönigs und damit Arabels (Gyburgs) Bruder ist. Weil er sich weigert ein Christ zu werden, bekommt er die niedrigsten Dienste aufgetragen. Willehalm erkennt in dem naiven, aber munteren Jungen ein großes Talent und nimmt ihn mit.

Aus Treuherzigkeit und aus Liebe zu einer französischen Prinzessin bleibt Rennewart auf Seiten der Christen. Nie mehr nach seinem Abgang vom Königshof wird er zur Taufe gebeten, nie hat Rennewart selbst danach gefragt. Als Heide kämpft er gegen seine Anverwandten, von denen er glaubt, sie hätten ihn schmählich als Gefangenen in Stich gelassen. Und hier streut Wolfram in seiner Geschichte noch etwas Wundersames ein: Er nimmt die (heidnischen!) Verwandten in Schutz und stellt fest, dass sie nichts zur Befreiung des Rennewart hätten unternehmen können. Denn sie wussten nicht, wo der Junge war.

Rennewart verschwindet also auf dem Schlachtfeld und Willehalm beklagt den grausamen Tod so vieler „edler Heiden”. Und Türheim hat nun nichts Besseres zu tun als den widerspenstigen, aber treuherzigen Rennewart reumütig in den Schoß der Kirche eintreten zu lassen. Er wird Christ und beschließt sein Leben in einem Kloster. Und ebenso ergeht es auch Willehalm und seiner Gyburg – auch sie gehen in ein Kloster. Es ist das klassische Ende so vieler Ritterepen, deren Helden nach tugendhaftem Leben auch so aus demselben scheiden müssen. „Damit brach Türheim den universellen Ansatz Wolframs”, sagt Fasbender.

Und nicht nur das. Die Geschichte sei flacher geworden. Zu vergleichen mit einem knalligen Actionfilm, dessen gewaltige Szenen das Publikum zwar amüsieren, aber kaum Handlung bieten. „Türheims Rennewart ist ein von Schlachten durchtränktes Werk”, empört sich der Germanist, „da ist nichts mehr vom fast ketzerischen Scharfsinn Wolframs.”

Früher Tod der Avantgarde

Ähnliches widerfuhr auch dem großen Klassiker „Tristan und Isolde” des Gottfried von Straßburg, einem Zeitgenossen Wolframs. Es war die große Liebesgeschichte im verhängnisvollen Dreiecksverhältnis. Tristan spannte seinem Herrn die Frau aus, die Liebenden begehen Ehebruch. „Und Gottfried entwickelte sogar eine Art Verständnis dafür”, erklärt Fasbender. Der Dichter warb gewissermaßen für seine Helden. Auch hier sei wieder ein frisches Denken entfaltet worden, das dem Zeitgeist weit vorauseilte.

Und was tat Türheim? Er schrieb ebenfalls eine Fortsetzung und brachte die Geschichte zu einem für ihn akzeptablen Ende. „Tristan und Isolde werden bestraft”, beschreibt Fasbender. Ob „Rennewart” oder „Tristan und Isolde”, immer wieder griff Türheim beliebte Stoffe auf und nahm ihnen dabei jeglichen Zündstoff. „Er kastrierte die großen Werke”, formuliert es der Wissenschaftler.

Dabei tat Türheim vermutlich nichts anderes, was andere Berufsschreiber auch getan hätten: Er bot seine Geschichten so dar, wie das zahlende Publikum sie hören wollte. Der Zeitgeist um die Mitte des 13. Jhs. unterschied sich offensichtlich sehr von dem nur wenige Jahrzehnte zuvor. „Die Zeit der großen Fragen war vorbei”, sagt Altgermanist Fasbender. Die Literatur wurde profaner und schillernder. Zum Ende des Jahrhunderts waren die „Heiden” nur noch Figuren, die des Exotismus willen eingesetzt wurden. „Türheim leitete diese Trivialisierung ein”, meint Fasbender.

Gut möglich, dass schon um 1250 die Gesellschaft ahnte, dass es mit einem Sieg im Heiligen Land nichts mehr werden würde und sich verstärkt eigenen Problemen zuwandte. Die Muslime in eine gewissermaßen geisteswissenschaftliche Diskussion um die Beziehungen zwischen den Religionen einzubinden – auf diese Idee kam nach Wolfram kaum noch jemand. Nur in den wenigen Jahrzehnten zwischen 1200 und 1250 kam ein frischer Wind in der Literatur auf, der dann plötzlich erstarb. Fasbender: „Hier ist eine große Chance vertan worden.”

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2 Kommentare

  1. Der Artikel von Marcel Schwarzenberger beeindruckt durch detailreiche Sachkenntnis und pointierte Formulierung.
    Jedoch ist er recht konventionell in der geschichtlichen Betrachtungsweise der Kreuzzugsthematik. Dass es im mittelalterlichen Europa zu diesen Bewegungen kam, stellt er als weithin unverständlich dar – was es keineswegs ist. Ebenso wenig musste von den mittelalterlichen Dichtern der Zusammenstoß der Franken mit den Arabern in Spanien “zu einer glorreichen Verteidigungsschlacht gegen den Islam hochstilisiert” werden – es war im Erleben der Zeitgenossen offenbar tatsächlich eine glorreiche Verteidigungsschlacht gegen den Islam.
    Im Jahr 2008 wünsche ich mir von einem Verfasser literaturhistorischer Artikel mehr intellektuelle Eigenständigkeit und ein Hinterfragen verfestigter Nachkriegskonventionen (hier: der reflexartigen Dekonstruktion der eigenen Position).

    20. März 2008, 00:03 Uhr • Melden?
    von Ulrich Gmahl
    1
  2. zu den Anmerkungen von Herrn Gmahl:

    Da haben wir es: Geschichtsschreibung hat der Stärkung der “eignen Position” zu dienen. Schönste Vorkriegskonvention. Propaganda statt Wissenschaft.

    23. Oktober 2008, 17:10 Uhr • Melden?

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