Schriftfund Der Barbar, Goethe und ein geheimnisvolles Pergament

Es war ein Barbar. „Aber einer mit Herz“, sagt Christoph Fasbender und nippt wieder an seinem Cappuccino. Vor ihm auf dem blanken Tisch des schmucken Kaffeehauses am historischen Wenigemarkt in Erfurt liegt die Kopie eines schmales Pergamentstreifens.

Wirklich ein unspektakulärer Fund?

Säuberlich schnitt der „Barbar“ das Original aus einer 700 Jahre alten Handschrift aus, indes peinlich darauf bedacht, keine der 36 Zeilen auszulassen. Der Inhalt bringt einen Altgermanisten wie Fasbender in Wallung: Es ist ein Fragment des „Rennewart“, den Ulrich von Türheim um 1246 schrieb – als Nachfolgeroman zu Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“. Der blanke Zufall brachte den Streifen im Fundus der Jenaer Universitätsbibliothek zum Vorschein.

Die pure Aufregung zog durch Thüringen, nachdem die Universitätsbibliothek das Pergamentfragment erstmals im vergangenen Dezember öffentlich präsentierte. Lokale und überregionale Medien marschierten bei der Pressekonferenz auf und bestaunten einen lediglich 22,5 mal 5 Zentimeter messenden Streifen. Die Wissenschaftler der Bibliothek und Fasbender vom Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena, der das Fragment untersuchte, waren zunächst schier erstaunt über das breite Interesse.

Tatsächlich bietet das Fundstück auf dem ersten Blick allenfalls Philologen genügend Grund für brodelnde Neugier. Wenige Monate vor der Pressekonferenz tauchte der Streifen auf und konnte schnell dem „Rennewart“ zugeordnet werden (siehe Beitrag „Kreuzzugspropaganda? Nicht mit Wolfram!“ in diesem Dossier). Mehrmals ist der Name des Haupthelden deutlich auf den erhalten gebliebenen Zeilen zu lesen. Die Mundart des Schreibers und die Beschaffenheit des Pergamentes ließen auf eine Thüringer Schreibwerkstatt schließen, in der Türheims Werk um 1300 kopiert worden war. Das kam bei einer Untersuchung durch Spezialisten der Universität Marburg heraus. Letztlich ist der „Rennewart“ ein bekannter Roman, von dem vergleichsweise viele mittelalterliche (und vollständig erhaltene) Kopien verbrieft sind. Doch wie so oft – der zweite Blick ist der eigentlich spannende und erhellende.

Goethe-Familie mischt im Handschriftenhandel mit

Da wäre zum einen der Fund selbst. Von einer routinemäßigen Inspektion in der Bibliothek ist in der offiziellen Pressemitteilung die Rede. Doch wird darin nicht näher auf die genauen Umstände eingegangen und so bleibt die realistische Vermutung: Wie in jeder altehrwürdigen Bibliothek ist auch in Jena nicht jedes Inventarstück den Forschern bekannt. Seit Jahrhunderten wurde auch hier gesammelt und bewahrt, doch die Aufarbeitung der Schätze ist längst nicht beendet.

Sicher ist nur das: Irgendwie tauchte eine Kiste auf, die sich einst im Besitz des Goethe-Enkels Wolfgang Maximilian (1820-1883) befand. Dessen Nachlass wird in der Jenaer Bibliothek verwaltet. Und in jener Kiste – auch Fasbender wird hier nicht deutlicher – befand sich neben einigen mittelalterlichen italienischen Fragmenten auch der „Rennewart“-Streifen. Ein Hauch von Geheimnis also, der zum Teil das Medieninteresse an dem bescheidenen Stück Weltliteratur erklärt.

Blanke Spekulation ist, wie Goethes Enkel – oder auch der Dichterfürst womöglich selbst – an das Pergament gekommen war. Als sicher gilt, dass sich Johann Wolfgang Goethe für hochmittelalterliche Schriften interessiert hatte, sagt Fasbender. Und der Anfang des 19. Jhs. markierte auch den Beginn der Germanistik. Die Intellektuellen feierten die Wiederentdeckung der „Alten“. Seit der Reformation war alles Vorherige als „katholisches Zeug“ verpönt gewesen. Schriften waren verbrannt, Klöster geschlossen und ihr Nachlass verhökert worden.

Doch zu Goethes Lebzeiten tauchten überall Sammler auf, die sich der alten Handschriften annahmen. Und in Erfurt boomte damals der Markt mit mittelhochdeutschen Schriften und ihren Fragmenten. Gut möglich, sagt Altgermanist Fasbender, dass auf diese Weise auch der „Rennewart“-Streifen in den Besitz der Goethe-Familie und damit in die Universitätsbibliothek gelangte. Viele Bibliotheken seien voll von solchen Fragmenten, vermutet der Wissenschaftler. Wenig verwunderlich wäre demnach, wenn in Zeiten ständiger Budgetkürzungen und Personalknappheit noch viele wertvolle Bestände unentdeckt in den Büchersammlungen schlummerten. Das macht den Fund des thüringischen „Rennewart“ nur noch wertvoller.

Bleibt noch die Frage, warum es gerade ein Streifen und nicht eine ganze Seite war, die gefunden wurde. Auch dies hänge vermutlich mit der Reformationszeit zusammen, meint Fasbender. Nicht alle hochmittelalterlichen Handschriften wurden komplett vernichtet. Zu wertvoll war der Rohstoff Pergament und zu robust das Material, um es so zu verschwenden. Und so endeten viele kostbare Schriften, zerschnitten in schmale Streifen, als Versteifung neuzeitlicher Buchrücken und Aktenordner. Deutlich sind auch im „Rennewart“-Streifen die Löcher zu sehen, durch die der unbekannte „Barbar“ Fäden zog, um so einer Akte festen Halt zu geben.

Jenaer Fund erweist sich als Unikat

Was das Herz des Historikers Fasbender höher schlagen lässt, ist indes noch eine weitere Vermutung – und die eigentliche philologische Sensation. Zum einen lässt die höchstwahrscheinlich thüringische Herkunft der Handschrift auf eine größere literaturgeschichtliche Rolle der Region als bisher angenommen schließen. Zum anderen könnte diese Handschrift die bislang einzige sein, die nur den „Rennewart“-Roman enthielt.

Ein kurzer Exkurs, um diesen Zusammenhang zu verstehen. Um 1217 überließ einer der bedeutendsten hochmittelalterlichen Dichter, Wolfram von Eschenbach (u.a. „Parzival“), sein Epos „Willehalm“ unvollendet der Nachwelt. Darin geht es um einen Kriegszug zwischen Christen, angeführt vom Fürsten Willehalm, und den „Heiden“. Ein heidnischer Jüngling namens Rennewart taucht in grob angelegten Zügen darin auf, doch unvermittelt bricht die Handlung ab. Ulrich von Türheims (ca. 1195 bis ca. 1150) Werk ist ein klassischer Nachfolgeroman, der die Figur des Rennewart ausarbeitet. Und noch einmal Jahrzehnte später erschien mit „Arabel“ die (ebenfalls erfundene) Vorgeschichte zu Eschenbachs Roman – verfasst von Ulrich von dem Türlin. Seit dem 13. Jh. wurden diese drei Romane immer nur als Einheit gelesen und weitergegeben. Der Jenaer Fund bricht dieses Schema erstmals auf.

Der „Rennewart“-Streifen lässt also auf ein Buch schließen, das nur Türheims Dichtung enthielt. Die Größe der Schrift und das aus der Zeilenzahl zu schließende Format des Originalbuches machen diese Deutung mehr als wahrscheinlich, erklärt Fasbender. Die rund 30.000 Verse des „Rennewart“ hätten zusammen mit den Versen der beiden anderen Schriften jedes Maß eines mittelalterlichen Folianten gesprengt.

Thüringen als Mekka für Literaturhistoriker

Ein Glücksfund ist das Fragment damit auch für ein Universitätsprojekt, für das Fasbender mittelalterliche thüringische Handschriften sichtet und aufbereitet. Mehrere hundert Stücke sind bereits in die Datenbank aufgenommen. Und der thüringische „Rennewart“, meint der Wissenschaftler mit einem Lächeln, passe wunderbar dazu.

Gerade wenn es um Schriften des Wolfram von Eschenbach geht, streitet die Fachwelt um die tatsächlichen Entstehungsorte seiner Werke. Belegt ist das Mäzenatentum des Thüringer Landgrafen Hermann (gestorben 1217) für den „Parzival“. Auch Wolframs „Willehalm“ könnte in Thüringen entstanden sein. Dass der Nachfolgeroman „Rennewart“ in einer Thüringer Schreibstube kopiert wurde, scheint zudem zu beweisen, dass Wolfram in dieser Region auch gelesen wurde. Und genau dafür gab es bislang keinen materiellen Beweis, sagt Fasbender.

Als solch ein Beweis gilt stets der Widerhall, den ein Werk in den Schriften anderer Autoren fand. Zwar sind viele Kopien und Zitate von Wolframs Werken erhalten – aber nicht aus Thüringen. Auch Ulrich von Türheim war vermutlich Franke. Scheinbar ließ die Berühmtheit der Wolframschen Schriften die Bewohner des Entstehungslandes völlig kalt. Und um 1300 habe das Zentrum der Wolfram-Rezeption in Prag gelegen, meint Fasbender. Diese Sicht nun warf der Fund des unscheinbaren Pergamentstreifens über den Haufen.

Doch was steckt nun an inhaltlicher Brisanz in Eschenbachs und Türheims Schriften? Davon mehr im Beitrag „Kreuzzugspropaganda? Nicht mit Wolfram!“ hier im Dossier.

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