ensemble nu:n Liturgische Improvisationen

Salutare-Cover © MS

Hinsetzen, genießen: Es ist nicht allein wegen der mittelalterlichen Liturgien, die das ensemble nu:n schwelgerisch zu Gehör bringt. Es geht auch darum, wie sie es tun. Auf dem Album „Salutare“ verschmilzt Historisches mit Experimentellem.

Von den Wurzeln ins „Nun“

„Was sind die musikalischen Wurzeln der eigenen Kultur?“ – Diese Frage stellte der Gitarrist Falk Zenker an den Anfang der musikalischen Interpretation des von ihm 2003 gegründeten Ensembles. Mit den beiden kanadischen Sängerinnen Rebecca Bain und Katherine Hill fand er die perfekten Partnerinnen für sein Projekt. Beide sind klassisch ausgebildete Sängerinnen und genießen mit ihren mittelalterlichen Interpretationen weltweit Anerkennung. Und mit Vorliebe wühlen sie sich durch Originalhandschriften für liturgische Gesänge, die sie stilecht vertonen. Schriftlich überlieferte Musik des Abendlandes vom 8. bis zum 14. Jahrhundert sind der Stoff, aus dem die Künstler ihren Sound kreieren.
Das Quartett wird vom Berliner Saxophonisten Gert Anklam vervollständigt. Der Musiker ist im Jazz zu Hause und folgt konsequent seinen experimentellen Neigungen. Alte Musik und moderne Improvisationen – aufgenommen in gotischen Kirchen – das macht den ganz besonderen Reiz von „Salutare“ aus. Frisch erschienen im Label Raumklang.

Harmonische Experimente

Eine Ahnung davon, was den Hörer erwartet, hat, wer das international hochgelobte Album „Officium“ kennt. Auch für die 1994 eingespielte CD verbanden sich mit dem Hilliard Ensemble und dem Jazzmusiker Jan Gabarek Vertreter von Alter und moderner Musik zu einem staunenswerten Projekt. Indessen verfolgt ensemble nu:n freilich seinen ganz eigenen Stil: meditativ und mit dem Willen, Akustikgitarre, Saxophon und Choräle zu einer Einheit zu verschmelzen. Das Experiment ist gelungen, das Ergebnis umwerfend.
Zum Beispiel „Crucifixum in carne laudate“ (Stück Nummer 4): Das zweistimmige Organum (Choral, in dem einer Erststimme eine zweite Stimme hinzugefügt wird) aus dem Erfurter Domschatz stammt aus der Zeit um 1390. Die Sängerin Bain erschloss das Stück für die Aufnahme und entschied sich für eine rhythmische Interpretation. Die Frauen geben mit ihren starken Stimmen den Ton vor. Und irgendwann, unmerklich zunächst, schwingt sich aus den Tiefen ein leises Saxophon empor, dem sich alsbald der Thüringer Gitarrist Zenker anschließt. Die Sängerinnen gliedern den Choral in harmonische Abschnitte, nichts klingt aufdringlich oder aufgesetzt. Punktgenau platzieren sie ihren weichen Gesang. Die Klammer des Stücks bilden die Instrumentalimprovisationen. Zenker und Anklam nehmen die Melodien auf, die ihnen die Kanadierinnen vorgeben, folgen ihnen und erlauben sich immer wieder leichte Umwege, um schließlich doch im finalen Höhepunkt ganz auf der Linie mitzuschweben.
Wenn es so etwas gäbe, müsste man das Ergebnis einen Mix aus unerhörter Leichtigkeit und doch tiefgründiger Genauigkeit nennen. Denn jeder nimmt seinen Part ernst. Die Sängerinnen legen Wert darauf, ihre Arrangements möglichst nah am Original zu belassen. Gleichwohl ist die Vertonung mittelalterlicher Musikhandschriften immer auch eine Improvisation. Höhen und Tiefen können die alten Noten durchaus vorgeben – doch es mangelte an exakten Anweisungen etwa für Stimmvolumen und Geschwindigkeit. Die Kanadierinnen haben ihre Aufgabe hörbar gut gelöst.

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