Saladin Konfrontation der Kulturen?

Huntington oder Lessing? Kampf oder Begegnung der Kulturen? – Vielschichtig sind die Möglichkeiten, die Natur der Kreuzzüge und damit das Aufeinandertreffen von Orient und Okzident zu beschreiben. Diesem Thema nähert sich auch die zweite Station der Wanderausstellung „Saladin und Kreuzfahrer“, die am 5. März in Oldenburg beginnt. Schon im November 2004 trafen sich Wissenschaftler zum Kolloquium. Ihre Diskussion ist in Buchform erschienen.

Eine neue Sichtweise

Entmutigend könnte ein Blick auf die 200 Jahre währenden Kämpfe ums Heilige Land sein. „Immer wieder gewannen der blanke Hass oder der religiöse Fanatismus die Oberhand und rissen die jeweiligen Anhänger mit sich. Hier mag sich manchem der Gedanke aufdrängen, die geschichtlichen Verhältnisse des 11. bis 13. Jahrhunderts mit Vorgängen unserer Gegenwart in Verbindung zu bringen“, schreibt der Heidelberger Kreuzzugsforscher Stefan Weinfurter gleich im ersten Beitrag des Bandes.

Doch ging es den Forschern in ihren zwei Tage dauernden Gesprächen in Mannheim, die dem Ausstellungsprojekt vorangingen, nicht nur um das Trennende zwischen den Kulturen, die damals aufeinanderstießen. Längst ist klar, dass die Zeit der christlichen Besetzung „Outremers“ nicht nur eine permanente Abfolge von Kriegen war. Es gab den Austausch und es gab einen dynamischen Prozess von Integration und Desintegration. Um diese Prämisse kreiste das Kolloquium. Eine solche Sicht hatten bislang kaum Ausstellungen und Forschungsprojekte gepflegt. Meist ging es um eine einseitige Darstellung der Auswirkungen auf das Abendland. Dass die Kreuzzüge gleichwertig von beiden Seiten zu sehen sind – das ist ein noch zu selten gegangener Forschungsansatz. Das vorliegende Buch bietet mit seinen zehn Beiträgen einen hervorragenden Einstieg in eine Betrachtung der Geschehnisse, die zwischen christlicher und islamischer Seite pendelt

Die Neugier des Anderen

Die Beiträge aus dem Kolloquium legen den wissenschaftlichen Rahmen der Ausstellungsreihe fest, ohne aber auf deren Ausgestaltung einzugehen. Diese Aufgabe übernimmt der ebenfalls im Zabern-Verlag erschienene Katalog (Besprechung hier im Magazin). Insofern ist das vorliegende Buch eine willkommene Vertiefung.

Quer durch den Band zieht sich eine allen Autoren gemeinsame Feststellung: Die „Konfrontation der Kulturen“ war auch in den schlimmsten Phasen der Kreuzzüge niemals nur Kampf, sondern kann auch neutraler als „Kontakt der Kulturen“ verstanden werden – ohne damit die schlimmen Auswirkungen der Kämpfe verneinen zu wollen. Martin Kintzinger von der Universität Münster bezeichnet das als „Curiositas“, das Wissenwollen vom anderen. Auch diese Neugier war zu jener Zeit an vielen Höfen des Westens verbreitet und sie richtete sich im Hochmittelalter vor allem auf den islamischen Orient. Nur mit diesem Hintergrund, führt Kintzinger weiter aus, ließe sich überhaupt der Hintergrund für berühmte Verhandlungen verstehen.

Schon Saladin und Richard Löwenherz von England verhandelten über eine (dann doch nicht realisierte) Hochzeit, die Frieden zwischen den Kontrahenten bringen sollte. 1229 unterzeichneten Friedrich II. und Sultan al-Kamil den Friedensvertrag von Jaffa. Mit reiner Diplomatie sicherte der Christ seiner Seite zehn Jahre Sicherheit und Zugang zu Jerusalem und der Moslem gewann Zeit für neue Pläne. Die Liste ließe sich fortführen – was im Buch auch geschieht.

Kampf der Kulturen?

Über solche Diplomatie hinaus gab es zahlreiche weitere Kontakte: im Handel, , der Sprache, der Baukunst, durch Heirat, mittels Chronisten beider Seiten und schließlich in beginnender wissenschaftlicher Forschungsarbeit. Mag dieser Begriff auch etwas übertrieben wirken für damalige Verhältnisse, so ließen dennoch die engen Kontakte mit arabischer Gelehrsamkeit auf europäischer Seite unter anderem die Philosophie neu erblühen. Auch dafür illustrieren die Wissenschaftler namhafte Beispiele.

Und schließlich zeigt sich bereits im 13. Jh., dass die Neugier auf christlicher Seite überwog. Der Islam schottete sich weitgehend ab, nachdem Palästina wieder vollends muslimisch war. Aber christliche Autoren schufen während der Kreuzzüge die ersten Bibelübersetzungen. Das geschah zwar keineswegs aus Wohlwollen, sondern um die islamischen Werte um so überzeugender mit christlich-religiösen Argumenten ins Wanken zu bringen. Dennoch sind solche Arbeiten die Basis für den später aufkommenden neuen Forschungszweig der Islamwissenschaften.

Peter Thorau vom historischen Institut der Universität Saarbrücken setzt sich mit den „Kulturkampf“-Thesen des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington auseinander. In wohl durchdachten Worten führt der Autor vor, wie diese Thesen eben nur scheinbar mit der Situation nach dem 11. September zusammenpassen. Er bescheinigt Huntingtons Sicht der Dinge einen Mangel an „historischer Tiefenschärfe“. Fälschlicherweise habe Huntington den Kulturbegriff auf die Religion reduziert. Mit diesem Blickwinkel, so Thorau weiter, sei auch die gern und oft von der Bush-Regierung verwendete Bezeichnung „Kreuzzug“ zu verstehen, wenn es um deren Engagement gegen den (islamistischen) Terrorismus gehe. Ähnlich barbarisch, wie den Angriff auf New York und Washington, müssen übrigens auch die Menschen im Nahen Osten das Erscheinen der ersten Kreuzritterheere angesehen haben, meint Thorau. Diese Umkehrung der Sichtweisen ist ein wichtiger Grundgedanke des Buches.

Dazu passt auch folgende These: Die Kreuzfahrer trafen keineswegs auf einen festen politischen Block bei den Muslimen. Den islamischen Führern ging es stets um die Mehrung der eigenen Macht, weniger um die Religion an sich. Der Dschihad in seiner religiösen Bedeutung spielte lange Zeit kaum eine Rolle. Männer wie Saladin erst griffen diesen Gedanken auf, um die islamische Welt zu einen. In dem Maße, wie dieser Einigungsprozess voranschritt und die Christen zurückgedrängt wurden, setzte auch eine verstärkte Polarisierung und Abgrenzung gegenüber dem Gegner ein – auf religiösen Argumenten beruhend. Hier Muslime – dort die Christen. Doch dieser Zwist liegt nicht wirklich im Wesen der beiden Kulturen begründet. Das hat Huntington nicht beachtet. Auch das ist ein Aspekt, den das Buch verstehen hilft.

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