Nibelungenlied Die Höllenfahrt der Burgunder

„Uns ist in alten maeren wunders vil geseit...“ Der erste Satz der hochmittelalterlichen Handschrift des Nibelungenliedes ist einer der bekanntesten der Literaturgeschichte. Er macht deutlich, was dem anonymen Verfasser um 1200 vorschwebte: Die Wiedergabe uralter Überlieferungen. Drei Versionen dieses Epos aus dem 13. Jh. haben sich erhalten. Die so genannte Handschrift C aus Karlsruhe ist von der Literaturwissenschaftlerin Ursula Schulze erstmals in einer zweisprachigen Fassung ediert worden.

Wertvolle Quellen

Aufsehen erregte eine Ausstellung im Karlsruher Schloss während der Jahreswende 2003/4. Zum ersten Mal wurden die drei berühmten Handschriften gemeinsam gezeigt. Nummer C wird in der Badischen Landesbibliothek bewahrt, die Handschriften A und B ruhen in München und St. Gallen. Sie alle gehen auf ein verlorenes Original aus der Zeit um 1200 zurück.

Handschrift C entstand zwischen 1225 und 1250 in Südtirol oder Vorarlberg. Und sie gilt als älteste erhaltene Niederschrift des Nibelungenliedes. In Sprache, Strophenbau und in manchen Formulierungen unterscheidet sie sich von den beiden anderen berühmten Abschriften. Wer sich also mit dem ältesten schriftlichen Zeugnis des Epos auseinander setzen will, liegt mit der Ausgabe von Artemis & Winkler (Patmos-Verlagsgruppe) goldrichtig.

Lehrreiches in Kurzform

Der Verlag bietet das Werk in drei Versionen an. Hier geht es um die Leinenausgabe in Dünndruck. Ein handliches Buch, das mit edlem Bezug, Farbschnitt und einer sauberen Typografie besticht. Das durchscheinende Dünndruckpapier bringt allerdings einige Schwierigkeiten beim Lesen mit sich.
Der Lektüre wird dies indes kaum Abbruch tun. Der Inhalt lässt wenig Wünsche offen.

Jede Doppelseite weist neben den Originalversen eine neuhochdeutsche Übersetzung auf. Wort für Wort entfaltet sich die 800 Jahre alte Schrift dem Auge des Betrachters. Das Werk wendet sich an Laien, weshalb die Herausgeberin auf die buchstabengetreue Wiedergabe verzichtete. So wurde das Original von unterschiedlichen Schreibweisen (burge/purge) entrümpelt. Es finden sich auch keine sonst üblichen diakritischen Zeichen; auch die im Mittelalter unbekannte Interpunktion erleichtert das Lesen. Dem gegenüber steht eine möglichst genaue Übersetzung in einfaches Prosa der Gegenwart, wobei die Versgestaltung erhalten blieb.

Wertvoll, wenn auch nicht erschöpfend, ist der Anhang. Schulze umreißt in allzu knapper Kürze die Entstehung des Epos aus Sagenkreisen, die aus der Völkerwanderungszeit stammen. Immerhin erklärt sich hier, warum die Hauptfiguren im wahren Leben kaum etwas miteinander zu tun haben konnten – die historischen Vorbilder für König Gunther und Etzel (Attila) sowie Dietrich von Bern (Theoderich) trennten einige Jahrzehnte. Trotz des Schnelldurchlaufs erlaubt sich Schulze einen Querverweis auf das „Atlilied“ der Edda (9. Jh.), in dem Atli (Attila) die Burgunderkönige tötet, um an ihren Schatz zu kommen. Und ganz im Gegensatz zum bekannteren Nibelungenlied rächt Atlis Gemahlin, die Schwester der Burgunder, ihre Verwandten am Hunnenkönig.

Schon eher einen Studienbuchcharakter weist die kommentierende Inhaltsübersicht auf. Sämtliche 38 Aventiuren (Kapitel) zeichnet die Herausgeberin mit treffenden Zusammenfassungen nach. Und schließlich verfolgt sie den Weg der Nibelungengeschichte von der ersten Rezeption über die Verwandlung in ein Nationalepos bis zu den Verfilmungen der Gegenwart. Klasse: ein kleines Lexikon mit den wichtigsten Stichworten des Textes.

Rache treibt die Story voran

Was sich schließlich im Hauptteil des Buches – dem eigentlichen Epos – auf gut 780 Seiten abspielt, ist eine vorhergesagte Höllenfahrt in den Untergang. Leid und Tod prägen die bildgewaltige Geschichte, die vermutlich ein Kleriker zwischen 1191 und 1204 für den Passauer Bischof Wolfger von Erla verfasste. Dafür sprechen einige Hinweise im Text, die Schulze als Huldigung an den literarisch interessierten Mäzen deutet. Leid und Tod also, die als unaufhaltsamer Lauf der Welt gesehen werden. Schon der sechste Vers kündet vom bevorstehenden Ableben der drei Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher.

Damit steht das Nibelungenlied in hartem Kontrast zu den zeitgleich aufkommenden Artusromanen, die stets mit einem glücklichen Ausgang aufwarteten. Und doch trieft das Epos trotz aller Beschwörungen, wie viel Leid die Kämpfe über Könige und ihr Volk brachten, vor Bewunderung für die edlen Krieger. Bedeutungsschwanger sind die einzelnen Aventiuren mit ihren Rachemotiven, Kämpfen zwischen germanischer Anderwelt und christlich-höfischem Gehabe und ritterlichen Idealen ohnehin. Schon deshalb ist die zweisprachige Ausgabe eine ausgezeichnete Fundgrube.

Am Ende liegen die „tapfersten Recken“ schmählich erschlagen. Und wo die anderen Schriften von der „Nibelungen Not“ sprechen, endet Handschrift C ein wenig anders: „… hie hat daz maere ein ende. daz ist der Nibelunge liet.“ – Das ist das Nibelungenlied.

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