Treffen in Thüringen Die Spätantike im Opfermoor

Im Opfermoor Niederdorla: Treffen von Living-History-Darstellern rund um die Spätantike. © Markus Gruner

Bereits zum 2. Male haben sich Aktive aus der Living-History-Szene rund um die Spätantike im Opfermoor Niederdorla getroffen. Das Ziel: Mehr Vernetzung und mehr Qualität. Initiator Markus Gruner berichtet.

Zeit des Umbruchs

Ende September 2012 in Thüringen: Viele historische Darsteller kommen in einer uralten Opferstätte zusammen. Wir hatten das Opfermoor Niederdorla als Veranstaltungsort ausgewählt, da es historisch außerordentlich bedeutend und auch landschaftlich reizvoll ist. Die Anlage ist zudem zentral gelegen. Sie liegt unmittelbar am „Mittelpunkt Deutschlands“ und verfügt über mehrere rekonstruierte Grubenhäuser, ein Langhaus und Speicherbauten, die in unmittelbarer Nähe des Moores errichtet wurden. Das Gelände ist weitläufig, bietet eine gute Infrastruktur und ist in einen Museums- und einen Aktionsbereich unterteilt.

Die rekonstruierten Wohnhäuser im Freilichtmuseum bieten die perfekte Kulisse. © Markus Gruner

Den Hintergrund des Treffens bildet ein neues, geschlossenes Internetforum zu spätantiken Themen, welches seit gut anderthalb Jahren am Netz ist. Ziel dieses Forums ist es, qualitativ gute Darsteller aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu vernetzen und Neueinsteigern Anregungen und Hilfestellungen zu bieten.

Aus der Traufe gehoben wurde es von den Aktiven der Gruppe Contubernium Primum. Sie setzt sich aus spätantik interessierten Akteuren zusammen, deren ursprüngliche Darstellungen von der Antike bis zur wilhelminischen Zeit reichen. So verbindet sie eine langjährige Erfahrung im Reenactment und das gemeinsame Interesse an einer Zeit des Umbruchs – der Spätantike.

Während das Forum den theoretischen Teil des Projekts bzw. die Kommunikationsplattform darstellt, dient das von mir initiierte Spätantikentreffen dem persönlichen Kennenlernen, dem Austausch und dem praktischen Erproben. Alle wichtigen Aspekte finden damit zusammen.

Fachsimpeln und genießen: Abendstimmung am Lagerfeuer. © Markus Gruner

Opfermoor und Museum

Die Geschichte des Moores beginnt bereits mit Opferungen in der Hallstattzeit (6. Jh. v.Chr.) und setzt sich kontinuierlich bis in die Völkerwanderungszeit fort. So haben sich aufgrund des Charakters des Niedermoores eine Vielzahl organischer Fundstücke aus allen Epochen erhalten, so z.B. Tier- und Menschenschädel, Knochen allgemein, sogenannte „Kultstäbe“, Keulen, Wurfhölzer und Bumerangs, Flechtwerk und -matten, Astgabel-Idole, Kantholz-Idole, Angelhaken, ein spätlatènezeitliches Schwert und vieles mehr.

Beim Torfstechen in den 1950er Jahren kamen einige dieser Objekte ans Licht. Daraufhin wurden unter der Leitung des Prähistorikers Günter Behm-Blancke Ausgrabungen über mehrere Jahrzehnte hinweg durchgeführt. Aus den ca. 1,5 km entfernten Siedlungsresten des 3. Jahrhunderts gelangten eine Anzahl von bronzenen Objekten und auch einige römische Fundstücke zu Tage. Von all diesen Funden sind einige in einem unweit gelegenen kleinen Museum ausgestellt, während die meisten Objekte in Weimar, im Museum für Ur- und Frühgeschichte zu besichtigen sind.

Übrigens: Das Opfermoor liegt zwar auf der Gemarkung Oberdorla; befindet sich räumlich aber deutlich näher an der Ortschaft Niederdorla.

Living History in Aktion

Im Vorfeld des Treffens wurden verschiedene historische Darstellergruppen angesprochen, deren Aktivitäten im Zeitrahmen zwischen 250 – 450 n.Chr. liegen. Das heißt also irgendwo zwischen den Auseinandersetzungen Roms mit dem Großreich der Sassaniden und der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern gegen die Hunnen. Wobei diese Zeitspanne recht willkürlich gewählt ist und nicht streng bindend genommen wird. Es geht vielmehr um eine Abgrenzung hin zur frühmittelalterlichen Darstellung, als um ein genau fixiertes Datum.

Dem Angebot zu einem gruppenübergreifenden Treffen folgten Vertreter der Gruppen Ask –Alamannen, Contubernium Primum, Foederati Fabricae, Ostarliuti, Populares Vindelicenses und Postea Imperio. Auch der Römische Vicus war beteiligt. Gegenüber dem Vorjahrestreffen bedeutete dies eine Steigerung um 50 Prozent. Dennoch konnten fast alle Aktiven in den vorhandenen historischen Gebäuden der Museumsanlage untergebracht werden. Eine Überraschung bereiteten uns die Ostarliuti, die am Freitag spätabends noch zwei mitgebrachte, vierrädrige Karren montierten und als „Schlafwagen“ nutzten.

Kleine Überraschung: Die Karren der Ostarliuti. © Markus Gruner

Das Programm für den Sonnabend begann ich mit einer Führung durch das angeschlossene Gelände mit den jeweiligen rekonstruierten Opferstätten und Altären, wobei besondere Beachtung der gallisch inspirierte „Umgangstempel“ des 3. sowie und die bootsförmigen Flechtwerkaltäre des 4. und 5. Jahrhunderts fanden, die den Angeln zugeschrieben werden.

Im Anschluss plauderten wir anhand von Beispielen ungezwungen über die Herkunft und Entwicklungsgeschichte der Zwiebelknopffibel und verschafften uns einen Eindruck von germanischer Grubenbrandkeramik. Die mitgebrachte Fachliteratur wurde ausgebreitet, um uns einen Überblick über lesenswerte Artikel zu spätantiken Themen zu verschaffen.

Währenddessen wurden wir herzlich vom neuen Geschäftsleiter des Zweckverbandes „Mittelpunkt Deutschland“, Matthias Stollberg, begrüßt. Gemeinsam mit dem Förderkreis „Opfermoor Vogtei“ kümmert sich der Zweckverband um das Freigelände des Opfermoores. Da Matthias Stollberg selbst als Grabungsleiter in der Region tätig war, konnte er zu einigen Fragen ganz konkret Auskunft geben.

Zur Auflockerung übten wir uns im Speer- und Axtwerfen oder im Bogenschießen. Individuelle „Köcheleien“ über dem Feuer leiteten zum gemütlichen Teil über, bei dem gemeinsame Pläne und Projekte für das kommende Jahr besprochen wurden. Unter anderem ging es dabei um mögliche gemeinsame Auftritte in Marle (Frankreich) oder Augst (Schweiz).

Den Sonntag nutzten einige Aktive, um sich in dem kleinen Museum umzuschauen oder für Erkundungsgänge durch den idyllischen Uferbereich, in dem die rekonstruierten Altäre einen Einblick in vergangene Zeiten ermöglichen.

Rückblickend fällt das Resümee überaus positiv aus – wieder gutes Wetter, gute Stimmung und nicht zuletzt gute Inhalte. Deshalb freuen sich alle Beteiligten schon auf die Folgeveranstaltung im nächsten Jahr, bei hoffentlich noch größerer Beteiligung.

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7 Kommentare

  1. Aktualisiert: Ein paar Links umgemodelt.

    22. November 2012, 19:11 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    1
  2. Hallo,
    wisst ihr vielleicht, ob Ostarliuti und Ulfinger dieselbe Gruppe sind?
    Haben die nur ihren Namen geändert?

    30. November 2012, 01:11 Uhr • Melden?
    von Marco
    2
  3. Jein.
    Die meisten Veranstaltungen der Ulfinger in den letzten Jahren wurden von der eigentlichen Gruppe “Ulfinger” und einigen guten Freunden bestritten. Nachdem sich die Gruppe “Ulfinger” Anfang diesen Jahres wegen eines Problems, über das keine Einigkeit erzielt werden konnte, aufgelöst – oder vielmehr gespalten – hat, hat ein kleiner Teil der Gruppe zusammen mit einem großen Teil der Freunde den Namen Ostarliuti angenommen.
    Der andere Teil der ehemaligen Ulfinger wird wohl ebenfalls unter einem neuen Namen weiter bestehen, worüber ich allerdings nichts Genaueres weiß.

    Herzliche Grüße,

    Stefan

    30. November 2012, 16:11 Uhr • Melden?
    von Stefan Deuble
    3
  4. Egal, unter welchem Namen: Ich wünsche euch allen viel Erfolg für eure Projekte. Bin gespannt, welchen Themen sich die Ostarliuti widmen (und was der Name bedeutet).

    01. Dezember 2012, 09:12 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    4
  5. Die andere Hälfte macht unter dem Namen Brisigavi – Interessengemeinschaft “Lebendige Völkerwanderung” weiter.

    06. Februar 2013, 21:02 Uhr • Melden?
    von Thomas Gamio
    5
  6. Das wäre dann dies: alamannien.com ?

    07. Februar 2013, 09:02 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    6
  7. Ja, oder www.brisigavi.de

    20. Februar 2013, 22:02 Uhr • Melden?
    von Thomas Gamio
    7

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