Freilichtmuseum Geschichtsvermittlung als Rollenspiel

Karl Banghard ist immer voller Pläne. Das war schon so, als er das stein- und bronzezeitliche Federseemuseum in Bad Buchau aufbaute oder im südschwäbischen Kanzach den Nachbau einer hochmittelalterlichen Holzburg, eine so genannte Motte, betreute. Und es hat sich im Januar 2003 nicht geändert, als er von Martin Schmidt das wohlgeordnete Freilichtmuseum Oerlinghausen übernahm. Mit dem nordrhein-westfälischen Kleinod für Vor- und Frühgeschichte hat der gebürtige Karlsruher noch viel vor.

Die Talsohle für Freilichtmuseen ist in Deutschland längst durchschritten. Nach dem Zweiten Weltkrieg litt das Image der Anlagen noch lange – viele wurden im Dritten Reich erbaut. 1936 ist das Gründungsjahr des Oerlinghausener Museums. Zentrum der Anlage war damals das Gehöft einer germanischen Sippe. „Mit all ihrer verherrlichenden Darstellung waren die Freilichtmuseen damals sehr beliebt“, sagt Banghard. Ein Makel, der sich bis in die 90er Jahre hielt.

Doch letztlich entdeckten auch die Wissenschaftler den Vorteil der experimentellen Archäologie wieder und verschlossen sich den Einrichtungen wie dem Freilichtmuseum nicht mehr. Denn dort wird keinesfalls eine idealisierte Vorstellung des Lebens in der Vorzeit gepflegt, sondern nach exakten Grabungsbefunden gearbeitet und Alltagsleben nachempfunden – die Palette reicht vom Bau der Wohnstätten bis hin zur Verwendung historischer Werkzeuge. Nicht zuletzt der begeisterte Medienrummel um „Ötzi“, in dessen Folge jedes Detail seiner Ausrüstung nachgebaut und im Feldversuch ausprobiert wurde, verschaffte auch den Freilichtmuseen neue Anerkennung.

„Und im Bereich Vor- und Frühgeschichte gehören wir bundesweit zur Spitze“, meint der Direktor selbstbewusst. Im Blick hat er dabei einen weiteren Vorteil der Freilichtmuseen, den auch die Betreiber in Oerlinghausen ausgiebig nutzen: das Selbermachen. „Es gibt bei uns kaum eine pure Führung“, erklärt der Archäologe Banghard. Stets sei diese mit einer Aktion verbunden. Nicht zufällig sind fast drei Viertel der rund 37.000 jährlichen Besucher Schulklassen.

Vom Speerschleudern über Bogenschießen bis hin zum Brot backen halten die Museumsmitarbeiter ein breites Angebot bereit. So sind auch die Bauten, die in sieben Gruppen das Alltagsleben in verschiedenen Epochen zeigen, nicht nur zum Angucken da. Im Wohnstallhaus einer Familie der älteren Bronzezeit (um 1500 v. Ch.) etwa lässt sich herrlich an der Feuerstelle über vergangene Zeiten reden. Die Museumspädagogik, also die Kunst die Fakten im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen, liegt den Betreibern in Oerlinghausen am Herzen.

Und Banghard geht sogar noch weiter. Er arbeitet an einem Konzept für eine Geschichtsvermittlung in Form eines Rollenspiels. Die Idee brachte er von einer Reise nach Skandinavien mit. Und der Wissenschaftler ließ sich auch durch ungewöhnliche Gäste seines Museums inspirieren. Im Winter, wenn das Museum geschlossen ist, kommen regelmäßig Live-Rollenspieler auf das Gelände. Sie nutzen die Atmosphäre, um der Fantasywelt, die sie spielen, einen passenden Rahmen zu geben. Banghard betrachtet sie mit Wohlwollen. Die Spieler sind nicht nur begeisterte Teilnehmer an den Seminaren des Museums, ihn interessiert auch die spielerische Art, wie sie bestimmte Gegebenheiten vermitteln.

Die Idee: Ersetzt man die Fantasiewelt, etwa aus dem Spiel „Das Schwarze Auge“, mit historischen Fakten, ließe sich doch auch diese Welt durch eigenes Nacherleben begreifen. „Dabei wollen wir mit Theaterpädagogen und erfahrenen Rollenspielern zusammenarbeiten“, sagt Banghard. Auch die Universität sitzt mit im Boot. Noch ist die Planung in einem frühen Stadium. Doch wenn irgendwann Ende 2005/Anfang 2006 (so lange werde es noch dauern, schätzt der Direktor) die ersten Schulklassen einen Tag in historischer Gewandung im Museum verbringen und eine bestimmte Geschichte nachspielen, betreut von ebenfalls verkleideten Pädagogen, so ist dies ein Novum in Deutschland. Kritikern zum trotz will Banghard dieses Konzept durchsetzen und bemüht sich um Fördermittel – auch von der Europäischen Union.

Damit hat er schon mit seinen früheren Projekten gute Erfahrungen gemacht. „Kontakte zur EU sind lebenswichtig für ein Museum wie unseres.“ Entsprechend engagiert ist Banghard auch in dem europäischen Netzwerk EXARC, einem Zusammenschluss von archäologischen Freilichtmuseen und anderen Zentren der experimentellen Archäologie. Die Gründungscharta der Organisation, die sich der Festlegung von Qualitätsstandards und dem Wissensaustausch verschrieben hat, wurde 2001 in Oerlinghausen unterzeichnet. Das Netzwerk wird Banghard auch nutzen, um das Know-how, das Oerlinghausen bietet, auch in anderen Einrichtungen einzubringen. Für Auftragsarbeiten, die wiederum Geld in die Museumskasse bringen.

Doch wichtigste Einnahmequelle bleibt die Museumspädagogik. In einem Bausteinsystem können sich die Besuchergruppen mit Aktionen rund um die Geschichte regelrecht eindecken. Noch bis Ende Oktober hat das Museum geöffnet. Von November bis März können nur Gruppen nach Voranmeldung das Gelände betreten, vom 15. Dezember bis 15. Januar ist das Museum ganz geschlossen.

Adresse:
Archäologisches Freilichtmuseum
Am Barkhausener Berg 2-6
33813 Oerlinghausen
Telefon (0 52 02) 22 20
Fax (0 52 02) 23 88
eMail archaeoerl@t-online.de

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