Bürger Stadtluft macht frei

Ein Bürger ist in unserem heutigen Verständnis alles andere als eine schillernde Persönlichkeit. In der Welt des Mittelalters bestimmte zwar große Enge das Leben des Städters – doch dessen Status hatte eine geradezu magische Anziehungskraft auf viele Menschen, die auf dem Lande lebten. Und eine Stadt war meist als politische Konkurrenz für die adligen Herren nicht zu unterschätzen.

Einen bürgerlichen Stand als eigenständige Schicht kann man so richtig erst für das 11. Jahrhundert unterscheiden. Vorher unterschied sich das Leben der meist kleinen Städte kaum vom ländlichen Leben. Zu jener Zeit bildeten sich viele Städte um eine Burg als Zentrum (siehe Burg). Burg ist ein althochdeutscher Begriff für befestigte Siedlung, von dem sich der erstmals für das 8. Jh. belegte Begriff „burgari“ ableitete. „Burgaere“ bezeichnete im mittelhochdeutschen Sprachgebrauch einen Stadtbewohner mit allen politischen Rechten – im Gegensatz zum Beisass, der keine Rechte besitzt, und zur untersten Bevölkerungsschicht einer Stadt gehörte. Im 11. Jahrhundert kristallisierte sich übrigens auch der Begriff „stat“ heraus.

Was aber schon die frühen Städte vom Land unterschied, war die wesentlich größere Bedeutung von Handel und Gewerbe innerhalb ihrer Mauern. Meist unterstanden die Siedlungen der Herrschaft eines Stadtherrn, der wiederum vom König privilegiert war. Denn das Recht, eine Stadt zu gründen, war Königsrecht. In Deutschland weit verbreitet war der Bischof als oberster Stadtherr, da sich die Bischofssitze meist in Städten befanden, oder diese gar erst um solche Sitze herum entstanden. Der Bischof regierte sein Gebiet, zu dem also auch die Stadt gehörte, mit allen Befugnissen (siehe auch Bann). Sofern eine Burg eines weltliches Grundherrn Zentrum einer neuen Stadt wurde, hatte natürlich dieser die Herrschaftsgewalt inne. Oft bedienten sich die Stadtherren eigener Dienstleute (Ministerial) bei der Verwaltung.

Eine Stadt bedeutete ein hohes Einkommen durch Steuern und andere Abgaben an den Stadtherrn. Mithin hatten vor allem weltliche Fürsten ein Interesse an Stadtgründungen. Die wirtschaftliche Bedeutung brachte allerdings auch ein wachsendes Selbstbewusstsein der Bürger und eine Festigung ihrer Rechtsstellung mit sich. Entscheidend war die Übertragung des Rechtes auf Grundeigentum. Das heißt, innerhalb der Stadtmauer hatten die Bürger Eigenverantwortung. Mit der Folge, dass Neubürger die Bindung an einen früheren Grundherren ablegen konnten – also den Status eines persönlich Unfreien verloren. Die Immunität innerhalb einer Stadt verhieß also Freiheit von einem Grundherrn, dessen Herrschaftsgebiet außerhalb der Stadt lag.

Daraus resultierte die Rechtsnorm „Stadtluft macht frei“ (auch wenn der Wortlaut dieser Formel erst im 19. Jh. geprägt wurde). Ein zuvor persönlich gebundener Neubürger musste allerdings eine bestimmte Frist untergetaucht in einer Stadt leben, ohne dass der Grundherr seine Ansprüche geltend machte. Die Städte sahen dafür verschiedene Fristen von einigen Wochen bis hin zu mehreren Jahren vor. Im wahrsten Sinne des Wortes eingebürgert hat sich aber die Formel „binnen Jahr und Tag“. Danach erlangte der Neusiedler volles Stadtrecht und genoss den Schutz der Kommune.

Für diesen Schutz hatte jeder Bürger aber auch Gegenleistungen zu erbringen. Der freie Bürger (Abhängigkeit und Hörigkeit gab es natürlich innerhalb der Bürgerschaft weiterhin) unterlag der Wehrpflicht, d.h. Verteidigung der Stadt durch Mauerbau und Wachdienst. Dafür war er allerdings auch vom Kriegsdienst für den jeweiligen Stadtherrn befreit, musste aber Steuern zahlen.
Diese besonderen vertraglichen Beziehungen zwischen Bürgerschaft – die als Ganzes gewisse Rechte übertragen bekam – und dem Stadtherrn waren die Grundlage des politischen Lebens. Natürlich kristallisierte sich eine Führungsschicht heraus, die in Vertretung der Bürgerschaft die Verhandlungen mit dem Stadtherrn führte bzw. – wo möglich – die Ratsmitglieder stellte. Dies waren meist die führenden Familien der Gildekaufleute.

Eine gewisse Eigenständigkeit, also eine weitgehende Emanzipation vom Stadtherrn erreichten viele Städte erst im 13. Jh. Erst von diesem Zeitpunkt kann im Allgemeinen von einer bürgerlichen Stadtverwaltung die Rede sein. Damit einher ging die Etablierung von Ämtern wie das des Bürgermeisters oder Stadtkämmerers. Nicht selten entstand auch hier eine dynastische Erbfolge innerhalb weniger Familien. Für diese so entstandene Führungsschicht kam im 16. Jh. der aus dem Altrömischen stammende Begriff „Patriziat“ auf. Nicht selten gehörten Mitglieder der alten Ministerialengeschlechter dieser Schicht als Stadtadel an. Weiterhin kamen hauptsächlich reiche Handelsfamilien, seltener reiche Handwerker, in den Genuss der Amtsgewalt.

Die Stadt gewann als politischer Körper immer mehr Einfluss nach außen, geriet damit automatisch in Konflikt mit adligen Grundherren, wenn nicht gar mit dem König selbst. Dieser Effekt wurde durch Städtebündnisse verschärft, die auch vom Kaiser immer wieder gern verboten wurden (so auch in der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. 1356). Trotz dieser Verbote gingen die Bürger fleißig weiter diese Bündnisse ein, sei es in Deutschland der Rheinische Städtebund oder die oberitalienischen Bündnisse, die den Staufern gehöriges Kopfzerbrechen bereiteten. Dass eine Stadt durchaus in der Lage war, eine erfolgreiche Territorialpolitik zu betreiben, zeigt das Beispiel Venedig sehr deutlich. Letztlich war auch die Hanse eine ungeheure Emanzipation von Bürger gegenüber adligen Herrschaftsansprüchen. Entwicklungen wie diese förderten den Einzug der Neuzeit.

Der Begriff des „Spießbürgers“ hat übrigens erst in eben dieser Neuzeit die abwertende Bedeutung bekommen. Dabei stammt er aus durchaus handfesten Gründen. Die meisten Bürger kämpften zu Fuß, wenn sie ihrer Wehrpflicht nachkommen mussten. Die übliche Bewaffnung bildete der Spieß. Den Kampf zu Pferd leisteten sich nur Angehörige der patrizischen Oberschicht.

Literatur: Wilhelm Volkert; Adel bis Zunft, Ein Lexikon des Mittelalters; C.H.Beck; München; 1991;
Diether Krywalski, Die Welt des Mittelalters; Aschendorff Verlag; Münster; 1990

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2 Kommentare

  1. Wow!!! Ich habe echt viel diesem Text entnommen! Super!

    06. März 2006, 18:03 Uhr • Melden?
    von Kerby
    1
  2. Ich bin dank eures textes echt weiter gekommen danke, macht weiter so.

    Vielen dank eure Lea.
    Kiss

    21. Juni 2008, 09:06 Uhr • Melden?
    von Lea
    2

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