Notenschrift Der Klang der Welt

Die mittelalterlich Musik ist keineswegs ein künstliches Produkt aus der Retorte des christlichen Glaubensbekenntnisses. Wohl stand die Religion, oder vielmehr die Lobpreisung des Himmlischen, als treibende Kraft hinter der Entwicklung. Doch germanisches Liedgut und Traditionen sowohl des Orients (Psalmodie) als auch der Antike (Hymnodie) standen ebenfalls Pate. Musik diente zunächst vorrangig als Transportmittel für Gottes Wort. Entsprechend brachten religiöse Praktiken, etwa die Durchsetzung der gregorianischen Liturgie in Europa (9.-12. Jh.), große Entwicklungsschübe in der Musiktheorie. Kein Wunder, dass es Mönche waren, die auch der Notenschrift in die Welt halfen, und damit die erste Möglichkeit schufen, Musik für die Nachwelt zu konservieren.

Die Karolinger, mit ihrer Reformwut und dem Bedürfnis nach Systematik, unterstützten schon früh Entwicklungen, die die Vereinheitlichung der Liturgien ermöglichten. Mündliche Überlieferungen und textliche Vereinfachungen von Chorälen allein waren diesem Bestreben indes wenig zuträglich. Noch im 6. Jh. schrieb Isidor, der Bischof von Sevilla: „Musik vergeht, sofern sie nicht im Gedächtnis festgehalten wird, denn aufschreiben kann man sie nicht.“ Selbst die im 8. Jh. aufkommenden so genannten Neumen (griechisch für Wink), die aus Handzeichen der Chorführer entwickelt wurden, und den Melodieverlauf andeuteten, waren nicht mehr als eine Gedächtnisstütze.

Ein Autodidakt sollte das Problem lösen helfen. Guido von Arezzo wurde zwischen 992 und 1000 in der Region um Ravenna geboren (vermutlich ist er dort um 1080 auch gestorben). Als Benediktinermönch widmete er sich vollends der Musiktheorie. Guido entwickelte ein Liniensystem, in dem er Zeichen platzierte, deren Anordnung Höhen und Tiefen wiedergaben. Er legte vier Linien fest (Tetragramm) und führte Tonsilben ein, zu deren Unterscheidung er Farben verwendete. Die Noten waren in seinem System gleichwertig, nur ihre Bedeutung wechselte – je nach Position auf oder zwischen den Zeilen. Die erste Tonleiter entwickelte Guido aus den Silben der Zeilenanfänge eines Johanneshymnus aus dem 8. Jh. Aus den Versen „UT queant laxis REsonare fibris MIra gestorum FAmuli tuorum SOLve polluti LAbii reatum Sancte Johannes!“ („Damit deine Diener mit freiem Herzen das Wunder deiner Taten besingen können, entferne die Schuld, oh Heiliger Johannes, ihrer sündenbefleckten Lippen“), entstanden die Silben ut, re, mi, fa, sol, la. In Italien wurde die Silbe „ut“ später durch „do“ ersetzt
Allein, der Rhythmik räumten die Musiktheoretiker wenig Raum in ihren Bemühungen ein. Nur wenige Formeln fanden Eingang in die Notenhandschriften.

Heutige Forscher haben mithin Mühe, die wahre Gestalt der Kompositionen zu erfassen. Manche Wissenschaftler vermuten, dass etwa die rhythmische Gestalt des Choralgesangs vielfältiger war als bislang angenommen. Genauere Notationen beschränkten sich auf liturgische Stücke. Die Musik der Minnesänger und Troubadours indes wurden rhythmuslos verzeichnet. Der Grund mag in der vorrangig einstimmigen Aufführung der weltlichen Musik gelegen haben. Der unterlegte Text schien Anhaltspunkt genug für die Ausgestaltung gewesen zu sein.

Das Hochmittelalter, unterstützt durch die Entwicklung der höfischen Gesellschaft, zeitigte immer mehr Gestaltungswillen bei der weltlichen Musik. Der Minnesang wurde zum geläufigen Gegenstück der Liturgie. Vertreter vieler Stände hatten Teil an der Verbreitung dieser Kunstform. Aus der Frühzeit der Minne ist nur wenig erhalten, etwa das Palästinalied von Walther von der Vogelweide (um 1170-1230). Mittelalterliche Lyrik war immer auch gesungene Lyrik – der Melodie kam also durchaus zentrale Bedeutung zu. Und manchmal wurden geistliche Melodien mit weltlichen Texten unterlegt (und umgekehrt).

Die weltlichen Stücke befassten sich mit dem höfischen Frauendienst, Marienverehrung, aber auch mit lehrhaften und politischen Themen – vielfach durch fahrende Sänger unters Volk gebracht. Diese wiederum vermengten mit Vorliebe auch einfache Themen mit den Minnemelodien. Lieder dieser Vaganten finden sich beispielsweise in den „Carmina Burana“, einer umfangreichen Liedsammlung aus dem 13. Jh., berühmt geworden durch die Verarbeitung des Komponisten Carl Orff. Frühlings-, Liebes- und Trinklieder sind unter anderem Bestandteil dieser einzigartigen Sammlung.

Sonst ist kaum wirklich volkstümliches Liedgut erhalten. Zeitgenössische Chronisten hielten die einfachen Lieder nicht des Aufschreibens für würdig. Aus diesem Grund stammen die heute oft aufgeführten so genannten traditionellen Stücke aus späteren Jahrhunderten.

Einige Liedsammlungen: – Codex Montpellier (13. Jh.), Frankreich, über 330 mehrstimmige Kompositionen – Cantigas de Santa Maria (13./14. Jh.), Spanien, mehr als 400 einstimmige Marienlieder in drei Handschriften – Codex Turin (14. Jh.), Zypern, einzigartige Sammlung gregorianischer Choräle und mehr als 200 anonyme ein- und mehrstimmige Kompositionen – Mondsee-Wiener Liederhandschrift (15. Jh.), Süddeutschland, mehr als 80 Lieder – Add. 29987 (15. Jh.), Toskana, heute in British Library London, rund 200 Werke des späten Trecento (italienische Kulturblüte im 14. Jh.), unter anderem mit Tanzkompositionen

Literatur: Diether Krywalski, Die Welt des Mittelalters; Aschendorff Verlag, Münster; 1990;
Chiara Frugoni, „Das Mittelalter auf der Nase – Brillen, Bücher, Bankgeschäfte und andere Erfindungen des Mittelalters“, Verlag C.H.Beck, München, 2003;
Mark Lewon, „Auf der Suche nach der verlorenen Musik“, in: Karfunkel 47/2003

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