Antike Medizin Wohltäter oder Kaisermörder?

Der Band „Ärzte in der Antike“ ist ein Buch zu einem spannenden Thema. Friso Krüger, in der Living-History-Szene als „Medicus Romanus“ unterwegs, ist mit dem Ergebnis dennoch unzufrieden. Eine Analyse.

Vorgefasste Meinungen

Als erstes ist mir das umfangreiche Inhaltsverzeichnis mit 70 (!) Positionen bei nur 168 Seiten aufgefallen. Die Einträge sind nur grob nach Kulturkreisen geordnet und insbesondere ist die Ordnung der Ärzte nicht nachvollziehbar. Die Autorin Heike Achner springt in den Jahrhunderten, und eine alphabetische Ordnung sucht man vergebens. Die einzelnen Kapitel wirken wie eine größere Ansammlung in sich abgeschlossener einzelner Artikel.

Viel schlimmer ist allerdings der fürchterlich wertende Stil gerade in den Kurzbiografien der Ärzte. Ein Arzt wird so zum Wunderheiler und ein anderer zum Schlächter. Wenn die Ideen für passende Synonyme auszugehen drohen, wird einfach die Herkunft oder die Religionsangehörigkeit verwendet.

Die Meinungen der Autorin finden sich an vielen Stellen auch in den Texten wieder und sind sehr störend, denn sie lenken den Leser emotional in eine interpretierte und subjektiv empfundene Richtung, so zum Beispiel beim Arzt Stertinius Xenophon mit dem Beinamen „der Kaisermörder“. Zu ihm notiert Achner, er habe keine Bücher geschrieben, weil er das wahrscheinlich als Zeitverschwendung empfand.

Kein Blick tief in die Materie

Als Leser kann man sich nur leider nicht bei halben bis zwei Seiten umfassenden Biografien eine eigene Meinung bilden. Das Problem hierbei ist die eingeschränkte Betrachtungsmöglichkeit dieser Personen. Es gibt nur wenige Quellen, die sich biografisch mit den Ärzten befassen und wir wissen, dass die Geschichtsschreibung sich auch nach politischen Strömungen richtete. Doch selbst das bisschen Bekannte wird noch mit unnötiger Information aufgefüllt. Oft werden stichpunktartig wirkende Aufzählungen über Therapien lieblos in den Text gedrückt. Da der Zusammenhang zu den philosophischen Schulen und den damit verbundenen Therapiekonzepten fehlt, kann dem Leser gar nicht bewusst werden, was das bedeutet.

Der Verlag Philipp von Zabern bezeichnet das Buch als ein Übersichtswerk. Dieser Beschreibung kann ich mich nicht anschließen, da der Leser wirklich keine sinnvolle Übersicht erhält. So deutet zwar der Titel auf die Ärzte in der Antike hin und es wird auch viel über deren Behandlungsweisen erzählt – nur leider nicht verwertbar. Es fehlt sozusagen das kleine ABC für den „normalen“ Leser.

Man erfährt nichts Konkretes über die Unterschiede in den Behandlungskonzepten, über die verschiedenen soziokulturellen Ansichten und die Veränderung der Medizin in den Jahrhunderten. Zwar werden gerne Ausflüge in die heutige Zeit als eine kleine Werbung für die traditionelle europäische Medizin (TEM) gemacht, aber selbst hierüber erfährt man nichts wirklich Wissenswertes. Teilweise ist es deutlich, dass die Autorin von Teilbereichen nur oberflächlich Ahnung hat oder in einzelnen Fällen sogar Fehler macht. So waren immunes von besonderen – meist unangenehmen – Aufgaben freigestellte Soldaten der römischen Legionen. Mit dem Wort wurde kein bestimmter militärischer Rang bezeichnet.

Fundiertes über Trepanation

Es fehlen in dem Buch auch die meisten Übersetzungen von Fremdwörtern. Die Autorin irrt in der Annahme, unübersetzte Fremdwörter würden zur Steigerung ihrer Reputation beitragen. Und wenn sie sich an ein Fachpublikum wendet, dann ist die Frage gestattet, warum dies im Rahmen eines Übersichtswerks geschieht.

Es gibt auch eine erfreuliche Ausnahme, auch wenn sie – typisch für dieses Buch – zusammenhanglos auftaucht. Der Artikel über Trepanation ist geordnet und fundiert und trotz der Begeisterung des Autors über dieses Thema immer noch objektiv. Ich war so überrascht beim Lesen, dass ich zuerst übersah, dass es ein anderer Autor war als Heike Achner.

Schön ist die vollständige Auflistung aller Ärzte in der Antike. Das Buch „Ärzte in der Antike“ von Heike Achner ist eine Fleißarbeit gewesen und wohl nicht aus tiefer Kenntnis über die Thematik entstanden. Es soll damit ein wenig Werbung für ein recht junges alternatives Therapiekonzept gemacht werden, das auch das Wissen der Germanen und Kelten umfasst (steht so im letzten Artikel). Schade nur, dass uns da nichts schriftlich überliefert wurde.

Ich habe mich fast konstant beim Lesen des Buches geärgert. Hier ist ein großes Potenzial vertan worden.

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