Nimmersélich-Album Sommermusik aus dem Mittelalter

Wenn es im Mittelalter bereits die Top-ten der Sommerhits gegeben hätte - einige Stücke aus dem brandneuen Album von Nimmersélich wären mit Sicherheit dabei gewesen. Die 1999 in Leipzig gegründete Gruppe hat sich dem Arrangement originaler Lieder aus der Minne- und Vagantenmusik verschrieben. Bisher gab es von den rührigen und Recherche-versessenen Livemusikern nur eine Demo-CD und kurze Konzertmitschnitte. "sumer zeitt" ist die erste Langspielplatte der Gruppe.

Italien, Spanien, Frankreich oder Deutschland – der musikalischen Neugier von Nimmersélich sind kaum Grenzen gesetzt. Alte Archive durchforsteten sie nach mittelalterlicher Frühlings- und Sommerlyrik. Was immer sie an Tänzen, Gesängen und Instrumentalstücken gefunden und neu arrangiert haben – den verregneten Sommer versüßt es allemal. Schicken wir voran, dass es sich hierbei gewissermaßen doch um eine Liveaufnahme handelt. Denn aufgenommen wurde das Album nicht in einem Tonstudio mit all dem Technikgedöns, sondern in einer romanischen Kirche bei Leipzig. Sicher fehlt es dann auch an der raffinierten Tonbalance, wie bei klassischen Studioalben. Aber das Live-feeling ist ehrlicher und transportiert das Lebensgefühl weit besser. Man drehe den Ton einfach lauter.
Schön wäre ein Tausch der ersten beiden Stücke gewesen. Denn Nummer zwei (“Los set goyts recomptarem”), ein katalanisches Instrumentalstück aus dem 14. Jh., in dem ein feiner Percussionsound dominiert, wäre ein etwas lebendigerer Einstieg gewesen. Wie auch immer, was folgt, ist ein gut abgestimmter Wechsel zwischen ruhigen Stücken – oft mit weiblichen Stimmen besetzt – und leicht percussion-betonten Liedern. So richtig auf die Pauke hauen ist nicht Sache von Nimmersélich. Ihre Musik lebt von den feinen Zwischentönen, die bei allem Neuarrangement möglichst nah am Original bleiben sollen.
Ein Highlight des Albums ist Nummer 4 (“Saltarello”). Das flotte Stück gewinnt durch das harmonische Zusammenspiel zwischen Instrumenten unterschiedlichster Art wie Laute, Flöte, Drehleier oder dem Davul (einem Percussioninstrument). Bitte mehr davon! Ein sehr schönes Beispiel eines eher hintersinnigen Minnelieds kommt mit “Der widerdries” von Meister Neidhart (1180-1245) daher. Das Freche, wie es der Autor auch beabsichtigt hat, kommt in der Aufnahme so gut rüber, dass man sich eine Übersetzung des Textes ins Hochdeutsche gewünscht hätte. Zumindest wäre im Booklet ein Abdruck gut gewesen.
Anspieltipp: Wenn draußen mal wieder so richtig der Regen rauscht und düstere Wolken am Himmel hängen, einfach einen schönen Tee kochen, Kerzen anzünden und Nummer 10 (“Ecco la primavera”) richtig laut anspielen.

Fazit: Es ist ein Album zum Zuhören und Genießen. Viele Stücke laden zudem zum Tanzen ein (Nimmersélich baute eigens mehrere Schreittanz-Arrangements ein). Man sollte dieser Einladung ruhig folgen. Für 15 Euro kann man das Album bestellen. Es ist jeden Cent davon Wert.

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