Kreuzfahrer Der Heilige Krieg der Barbaren

Über das gegenwärtige Verhältnis zwischen dem arabischen Islam und dem christlichen Abendland schreibt der libanesische Christ und Journalist Amin Maalouf: „Und zweifellos rührt der Bruch zwischen beiden Welten von den Kreuzzügen her, die heute noch wie eine Schändung, eine Schmach empfunden werden.“ Es sind dies die letzten Sätze in einem Werk des Schriftstellers, das die arabische Sicht der zwei Jahrhunderte „fränkischer“ Besatzung im Nahen Osten beschreibt. Maalouf hat mit dem Buch „Der Heilige Krieg der Barbaren – Die Kreuzzüge aus Sicht der Araber“ eine Art Schlüsselroman der bewaffneten Pilgerzüge geschrieben.

Wer mitreden will, muss hinhören

Obwohl schon in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben, hat das Buch nichts an seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil. Und es ist zudem eines der wenigen Werke, die in deutscher Sprache über die Nabelschau zeitgenössischer muslimischer Chronisten verfügbar sind. Folgerichtig erfuhr es immer wieder Neuauflagen. Bei allen Schwächen, die das Buch hat – für jeden Interessierten ist das Werk ein Muss.

Was ist in vergangenen Jahrzehnten von abendländischen Autoren nicht alles seziert worden: minutiös recherchierte Bewegungen der Kreuzritter, Aufbau und Organisation der Kreuzfahrerstaaten an der Levanteküste, Taktiken und die Charaktere der christlichen Invasoren. Die „andere Sicht“, die muslimische nämlich, kam meist zu kurz. Doch gerade die Einsicht, wie die Muslime das Eindringen der „Franken“ erlebt haben, kann ein wenig dazu beitragen, das heutige Verhalten der arabischen Welt dem Westen gegenüber zu verstehen. Das ist auch der Anspruch von Maalouf.

Nicht umsonst haben vor allem fundamentalistische Islamisten so viel Erfolg in ihren Ländern, wenn sie mit Blick auf die Nahostpolitik der Amerikaner und deren Verbündete von „Kreuzzüglern“ sprechen. Sie erinnern bewusst an Jahrhunderte alte Wunden, die noch immer im kollektiven muslimischen Gedächtnis verankert sind. Diesen Hintergrund beleuchtet der Autor in dem gut recherchierten und ungemein flüssig zu lesenden Buch.

Worte aus der Vergangenheit

Amin Maalouf sammelte zahlreiche muslimische Quellen aus der Zeit zwischen 1096 und 1291, dem Jahr, als die letzte Kreuzfahrerfeste – Akkon – endgültig fiel. Dieses Material formte der Autor zu einer faszinierend lebensnahen Geschichte. Geschickt streut Maalouf wörtliche Zitate in die Rahmenerzählung ein. Heraus kam ein populärwissenschaftliches Buch. Maalouf macht wenig Hehl daraus, dass seine Sympathien auf arabischer Seite liegen. Die Invasoren sind Besatzer, die eine blühende Kultur ins Wanken bringen.

Man muss sich auf die Sympathiebekundungen des Autors einlassen, dann stören sie den Zugang zum Geschehen keineswegs. Im Gegenteil: So lässt sich der Schrecken auf Seiten der Muslime viel besser verstehen. Sie fielen buchstäblich aus allen Wolken, als 1096 die ersten christlichen Heere heranrückten – ohne jede Vorwarnung. Sie brachen in eine ohnehin auf sehr dünnem diplomatischem Eis fußende Gesellschaft ein. Von den größeren Seldschukenreichen abgesehen, war die islamische Welt in viele kleine, untereinander zerstrittene Territorien zerfallen.

Mit den Worten „seiner“ zeitgenössischen Chronisten aus Aleppo, Damaskus oder Bagdad lässt Maalouf den Leser an der nun folgenden Entwicklung teilnehmen. Die Zeitreise streift den Widerstand nach dem ersten Schrecken, die vielen erfolglosen Bemühungen, wieder an Boden zu gewinnen und endet schließlich bei den großen Strategen der Ayyubiden (Saladin) und der Mamluken (Baibars der Bogenschütze). Und immer wieder verblüffen Ereignisse, die den heutigen ähneln: Da schließen Christen und Araber Bündnisse gegen andere Araber; da murren die Untertanen einer Herrscherfamilie gegen deren pro-westliche Haltung.

Kritisches bleibt außen vor

Der angenehme Schreibstil hat seine Tücken. Bis auf die Wortzitate lässt sich kaum nachvollziehen, welche Schilderungen tatsächlich historischen Chroniken entnommen sind und welche eigentlich von Maalouf stammen. Der Autor verwebt alles miteinander. Und er unterzieht seine Quellen nur zögerlich einer kritischen Betrachtung. Zu selten bekommt der Leser den Hinweis, dass der Chronist möglicherweise gerade übertreibt. Gerade weil die muslimischen Herrscher untereinander verfeindet waren, spiegelt sich das auch in den jeweiligen Quellen wider. Was ist Wahrheit, was geschönt? Diese Nuancen arbeitet Maalouf nur ungenügend heraus.

Schade auch, dass der guten Zeittafel und dem Personenregister im Anhang nicht auch noch ein ausführliches Quellenverzeichnis beigefügt ist. Die Namen und Lebensdaten der zeitgenössischen Autoren finden sich nur weit verstreut im Text. Das Fazit bleibt: Das Buch ist ein faszinierender Blick in die Gedankenwelt „der Anderen“.

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