Ottonen Krimi um eine Königin

Fund im Magdeburger Dom: Bleisarg der Editha mit Inschrift im Deckel. © LDA Halle / Juraj Lipták

Sie war Angelsächsin, die erste Gemahlin Ottos des Großen und über tausend Jahre lang verschollen: Möglicherweise haben Archäologen das Grab von Königin Editha im Magdeburger Dom gefunden. Eine Spurensuche.

Spannender Fund

Die archäologische Fundlage für Ottonendarsteller ist dünn und deshalb freue ich mich sehr über einen Neufund aus Magdeburg. Der wurde am 28. Januar in Halle im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt vom Landesarchäologen Harald Meller und Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz vorgestellt. Seit Ende vorigen Jahres ging bereits das Gerücht um, dass in Magdeburg ein bedeutender ottonischer Fund gemacht worden ist.

Aber erst mit der Einladung zur Vorstellung des mutmaßlichen Sarges der Königin Editha löste sich das Rätsel. Zwar gibt es noch keine hundertprozentige Sicherheit, dass in dem Bündel aus 500 Jahren alten Leinen tatsächlich die Knochen der Frau Otto des Großen aus dem 10. Jahrhundert verborgen liegen, aber die Wahrscheinlichkeit ist schon sehr groß. Mit Spannung werden die Ergebnisse der noch gut zwei Monate andauernden Untersuchung erwartet.

Kollege Zufall hilft

Rainer Kuhn, Projektleiter vor Ort, sprach von einem „großen Tag für die Mittelalterforschung und einem großen Tag für Magdeburg und Sachsen-Anhalt.“ Der verdienstvollste Ausgräber in seinem Team ist allerdings der „Herr Archäologe Zufall“. Kuhn war eigentlich einer ganz anderen Sache auf der Spur: Nach einer Forschungsgrabung am Domplatz in den Jahren 2002/2003, die in der Publikation „Aufgedeckt. Ein neuer ottonischer Kirchenbau am Magdeburger Domplatz“ nachzulesen ist, läuft seit 2006 eine neue Grabungskampagne unter der Leitung von Kuhn. Mehrere Kooperationspartner führen die Forschung an einer vermuteten Doppelkirchenanlage unter Domplatz und Dom fort.

Bei den Grabungen im Chorumgang auf den Spuren der Krypta der Vorgängerkirche (10./11. Jahrhundert) bestand die Notwendigkeit, das Kenotaph (Scheingrab) der Editha zu versetzen. Die Untersuchung mit einer Kamera erbrachte, dass das vermeintliche Scheingrab gar nicht leer war, sondern einen Kasten aus Blei enthielt. Es enthüllte sich als echtes Grabmal. Die Königin war anscheinend wieder da und Kuhn hatte seinen erstrangigen Fund gemacht.

Die Angst des Restaurators

Christian Wunderlich, Chefrestaurator aus Halle, stand daraufhin die schwierigste Bergung seiner Berufslaufbahn bevor. Das Abheben des 1,6 Tonnen schweren Kenotaphdeckels war noch die leichteste Übung. Bei einer vorsichtigen Reinigung zeigte sich bereits, wie rissig und korrodiert der Grabkistendeckel war. Bleioxidkorrosion hatte den Bleikasten außerordentlich brüchig gemacht.

Mit Hilfe von Kunstharzen wurde der Kasten stabilisiert und vorsichtig herausgehoben. Eine Öffnung des Kastens, eigentlich erst im Labor geplant, war bereits vor Ort notwendig. Der Deckel hatte sich als so brüchig herausgestellt, dass er aus Sicherheitsgründen separat geborgen und transportiert werden musste. Hier wirkten sich auch Beschädigungen aus, die jemand rätselhafterweise im Zeitraum zwischen der Errichtung des Scheingrabes etwa 1500 bis 1510 sowie der Gegenwart dem Bleikasten beigebracht hatte. Möglicherweise wird sich dieser historische Kriminalfall nie lösen lassen. Gelöst ist dagegen etwas anderes: Der Bleideckel ist mit einer Inschrift verziert, die eindeutig scheint.

„Edit Regine Cineres …“

Die Grabkiste, wie Prof. Ernst Schubert das Bleibehältnis betitelte, ist mit einer Länge von 77 Zentimetern, einer Höhe von 17 Zentimetern und einer Breite von 21 Zentimetern nicht sehr eindrucksvoll. Im Innern ist ein Leinenbündel zu sehen, in dem sich laut der computertopographischen Untersuchung mehrere Langknochen, ein Unterkiefer und Textilreste befinden, von denen ein Zipfel am Rand aus dem Leinenbündel herausschaut.

Sollte es sich hier um ottonische Textilreste handeln? Da schlug das Herz des Ottonendarstellers natürlich höher. Laut Schubert wurde Editha, wenn das Bündel tatsächlich ihre sterblichen Überreste beinhaltet, insgesamt viermal umgebettet. Die Textilien müssen also nicht unbedingt dem Ursprungsgrab entstammen.

Immerhin waren die Durchführenden dieser letzten Grablege überzeugt, dass sie in die Kiste Edithas Reste hineinlegten, das besagt die durch Schubert übersetzte Inschrift: „Die geborgenen Reste der Königin Edith sind in diesem Sarkophag, nachdem 1510 schon die zweite Erneuerung dieses Monuments gemacht worden ist im Laufe der Jahre seit der Fleischwerdung des Wortes. Zum Ruhme Christi, Des Königs aller Zeiten.“ Sollte die Person, deren Knochen bislang noch im Leinenbündel von 1510 verborgen liegen, auch noch ein Lebensalter von ca. 36 Jahren haben und in Südengland aufgewachsen sein, was die Untersuchungen herausfinden könnten, dann ist auch mit großer Sicherheit davon auszugehen, dass es sich tatsächlich um Editha handelt.

Von der Insel auf den Kontinent

Als Edgith/Editha kam die junge Frau zusammen mit einer (Halb-)Schwester ca. 929 in das ostfränkische Reich. Beide waren Kinder König Eduards des Älteren, dessen Königreich Wessex sich gegen die Invasion der Dänen behauptet hatte und nun von Edithas Halbbruder Aethelstan regiert wurde. Hatte König Heinrich I. noch innerhalb des einheimischen Adels geheiratet, so sah er nun für seinen Sohn Otto angesichts der wackligen Legitimation des sächsischen Geschlechts innerhalb des ostfränkischen Reiches eine Königstochter vor.

Otto selbst griff später wiederum für seinen Sohn Otto II. noch höher, da musste es eine purpurgeborene Byzantinerin sein – Theophano. Doch zurück zu den beiden angelsächsischen Schwestern. Von ihnen gefiel Otto Editha am Besten und er heiratete sie. Dem Bruder Aethelstan ermöglichte dies sozialen und religiösen Rückhalt auf dem Kontinent.

Viel wissen wir nicht über die Lebensumstände der Königin. Thietmar von Merseburg erwähnt ihre Krönung 936 zusammen mit ihrem Mann in Aachen. In der Chronik des Merseburgers wird auch erwähnt, dass der Bau oder Weiterausbau der Stadt Magdeburg auf ihre Veranlassung hin geschah. Thietmar erwähnt auch erste Wundertaten nach ihrem Tod und ihre Grablege „… in der genannten Stadt in der Hauptkirche in der nördlichen Kapelle …“ Editha starb unerwartet im Januar 946; ihr Mann befand sich gerade zur Entspannung auf der Jagd.

Erst nach 955 wurde um das Grab der Editha das Moritzkloster errichtet, „… neben der Otto selbst nach seinem Absterben zu schlummern verlangte… “ (Thietmar) Die Königin hinterließ zwei Kinder: Liudolf, der Thronfolger und Herzog von Schwaben, dessen vorzeitiger Tod 957 ihn nicht zur Königsherrschaft kommen ließ; sowie Liutgard, die Konrad den Roten und Herzog von Lothringen heiratete. Liutgard wurde die Ahnfrau des späteren salischen Königshauses war.

Entführung aus Magdeburg?

Wie wichtig heute noch Editha für Magdeburg und die Identität der Landeshauptstadt ist, durfte Oberbürgermeister Lutz Trümper darstellen. Er berichtete, wie emotional das Thema in Magdeburg gesehen wird: „In Magdeburg liegt der Kaiser! Editha ist Magdeburg.“ Nun, Politiker dürfen übertreiben.

Dass die vermeintliche Editha und ihr Sarkophag nun vorerst in Halle ruhen, sorgte bei Magdeburgs Stadtoberen bereits für herbe Kritik. Zu den Vorwürfen, die Wissenschaftler hätten Editha in einer „Nacht- und Nebelaktion“ aus Magdeburg „entführt“, sagte der Kultusminister mehrmals: Landesarchäologe Meller habe „fachlich korrekt gehandelt“. „Meller hat wissenschaftlich alles richtig gemacht.“ Die einzigen Möglichkeiten für eine wissenschaftliche Untersuchung und fachgerechte Restaurierung lägen eben in Halle. Editha müsse darüber hinaus als Beispiel für die historische Bildung im Land genutzt werden, sagte Olbertz. Meller hatte zuvor bereits den Oberbürgermeister damit versöhnt, dass auf jeden Fall der Grabkistendeckel restauriert im Jubiläumsjahr wieder zurück nach Magdeburg komme.

Auf Unverständnis stieß allerdings bei allen Beteiligten die Forderungen des Magdeburger Dompredigers Giselher Quast (evangelisch), der vom Kultusminister die sofortige Rückführung und Bestattung Edithas mit allen Beigaben verlangte. Olbertz stellte klar, dass man im Zeitalter der Aufklärung lebe und Erkenntnis nicht zu limitieren sei. Selbst dem Oberbürgermeister wurde es nun zu emotional: „Magdeburg ist eine Stadt der Wissenschaft. Wir wollen es jetzt genau wissen und dabei sollen keine Schnellschüsse gemacht werden. Was ist da wirklich drin im Sarkophag?“

Die Agenda der Forscher

Was da wirklich drin ist? Damit verbinden sich auch die Hoffnungen von vielen Darstellern ottonischer Kultur. Die Hauptuntersuchungen an der Grabkiste werden bis zu eineinhalb Jahre andauern. Die Wissenschaftler Meller und Wunderlich haben bereits einige zu untersuchende Fragen angerissen: Passt das Alter? Wo ist die Person aufgewachsen ? Stammten die Knochen wirklich nur von einer Person?

Spannend wird es bei dem in der Bleikiste enthaltenen Gewebe: Welche Farbreste sind dort enthalten? Welche Webart? Welche Gewebeart? Und das Wichtigste für mich: Ist das Gewebe tatsächlich ottonisch? Selbst die Analyse des Bleis wirft spannende Fragen auf. Doch zuvor muss geklärt werden, welche Wissenschaftler und welche Finanzquellen für das Projekt Editha zur Verfügung stehen. Am Ende könne dann mit großer Sicherheit das Rätsel der Grabkiste der Editha gelöst werden und die Königin komme nach Magdeburg zurück, sagte Meller

Bestimmt werde ich von einigen der Untersuchungsergebnisse an dieser Stelle zu berichten haben. Vielleicht dürfen wir ja bereits von einer „Editha-Rekonstruktion“ träumen!

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5 Kommentare

  1. Was die Angelegenheit ja so delikat macht, ist unter anderem dies: Da finden Archäologen also bei einer Untersuchungskampagne diese Bleikiste (im November 2008) und schaffen all das Dazugehörige ins Labor nach Halle. Und Magdeburg guckt ganz offensichtlich eineinhalb Jahre lang in die Röhre. Dabei feiert die Landeshauptstadt 2009 das 800-jährige Jubiläum des Magdeburger Doms mit allem Brimborium. Eine Erstpräsentation oder sonstige Würdigung von Editha in der Domstadt selbst ist freilich etwas, was die Stadtväter wollen.

    Ob es hier nun eine äußerst ungeschickte Diplomatie zwischen Landesarchäologie, Kultusministerium und Stadt gab oder die Sache aus Magdeburger Sicht aufgebauscht wird, darüber ließe sich trefflich streiten. Aber solche Fälle sind typisch, wenn es um angebliche oder tatsächliche Sensationsfunde geht. Jeder will teilhaben.

    31. Januar 2009, 11:01 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    1
  2. Wann genau wurde die Grabkiste geborgen und untersucht? Prof. Dr. Schubert verstarb im März 2006 ( http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Schubert_(Historiker) ). Wann sollte er die Untersuchung gemacht haben?

    03. Februar 2009, 18:02 Uhr • Melden?
    von Robert Brosch
    2
  3. Seit 2006 läuft die Kampagne. Offiziell heißt es, vorigen Herbst sei man auf die Bleikiste gestoßen. Dann käme der o.g. Herr natürlich nicht in Frage. Ich denke, Torsten wird es noch besser aufklären können.

    Einstweilen denke ich, dies ist der richtige Mann für unseren Fall ist – ein Namensvetter halt: der Kunsthistoriker Ernst Schubert, geb. 1927; und noch sehr lebendig. Er bemüht sich seit langem um sein Spezialgebiet Magdeburg.

    Das ist mal ein Sammellink zu einigen Schuberts bei Wikipedia.

    03. Februar 2009, 19:02 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    3
  4. Moin !
    Zunächst, zu Prof. Schubert. Der war in der Pressekonf. höchst lebendig.
    Die Grabkiste wurde im Nov. geborgen und wird aktuell untersucht.
    Dazu steht in Sachsen-Anhalt nur das Labor in Halle zur Verfügung. Deshalb die Überführung. Die Präsentation von noch nicht völlig ausgewerteten Funden hat im Hause Meller Tradition und ist hier ein völlig normaler Vorgang. Woanders verschwinden die Sachen jahrelang im Archiv. Hier kann schon von Beginn an verfolgt werden, was wurde ausgegraben und was geschieht damit. Das finde ich eigentlich eine so gute und transparente Vorgehensweise.

    07. Februar 2009, 13:02 Uhr • Melden?
  5. Die (vermutlichen) Gebeine der Königin Editha sollten dort untersucht werden, wo das am besten bewerkstelligt werden kann.

    Dass die Gebeine nach Magdeburg zurück kommen, um dort würdig bestattet zu werden, ist eine Selbstverständilichkeit.

    11. August 2009, 11:08 Uhr • Melden?
    von Fabianke
    5

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