Handel Europa rückt zusammen

Überschussproduktion - das ist der Motor, der einen florierenden Handel erst ermöglicht. Nun ist der Mensch des Mittelalters mit Sicherheit nicht der Erfinder des Handelsreisenden. Aber findige Kaufleute und Bankiers legten in dieser Ära wichtige Grundsteine, die noch heute das Fundament des internationalen Handels bilden (Banken, Wechsel, Buchführung). Und wenn man so will, damit an der Globalisierung – mit all ihren Vor- und Nachteilen – mitwirkten.

Schon im Frühmittelalter begaben sich Großhändler auf die Suche nach Absatzmärkten für ihre Produkte. Im einzelnen handelte es sich dabei um Güter, die jeweils einen hohen Wert darstellten: Edelmetalle und daraus hergestellte Gegenstände, Gewürze, Seide und andere ausgefallene Gewebe, Sklaven. Die Abnehmer waren meist Mitglieder der höheren Bevölkerungsschichten. Deutschland bildete bei den Transitstrecken von West- nach Osteuropa (und umgekehrt) eine wichtige Drehscheibe. Träger des Handelsverkehrs waren im 10. und 11. Jh. vorwiegend Juden, die bis zu dieser Zeit weitgehend in die Bevölkerung integriert waren (die Verfolgungen setzten in den nachfolgenden Jahrhunderten ein). Ansonsten herrschte das Prinzip der Selbstversorgung vor. Allenfalls kaufte man das Nötige beim nächstgelegenen Marktplatz ein.
Das 13. Jh. erlebte eine Blütezeit mit dem agrarischen Aufschwung. Überall in Europa wurden erhebliche Kornüberschüsse eingebracht, die Hungerepidemien größeren Ausmaßes wurden seltener, durch ein beträchtliches Bevölkerungswachstum stiegen die Getreidepreise fast um das Dreifache. Italien und England intensivierten die Schafhaltung, was die Wollproduktion steigerte. Hinzu kam eine Verbesserung der technischen Bedingungen (Wasser- und Windkraft). Die Seefahrt wurde erleichtert durch die Verwendung des Kompasses (seit dem Ende des 12. Jhs.) und Fortschritte im Schiffbau. Im Norden kamen bauchige schwere Lastschiffe, die Koggen, zum Einsatz, die zweihundert und mehr Tonnen an Gütern laden konnten. Im Mittelmeergebiet wurde die Ladefähigkeit der Schiffe durch die Verlängerung der Schiffsrümpfe verbessert. Zeitgleich fand ein Ausbau des Straßennetzes statt. So ist etwa der Pass über den St. Gotthard seit 1237 befahrbar.
All dies ermöglichte eine zunehmende Spezialisierung des Wirtschaftswesens vor allem in den Städten (siehe Stadt, Zunft). Zu regelrechten Wirtschaftsmotoren avancierten die Städtelandschaften Flandern, Brabant, Nord- und Mittelitalien. Der englische Wollhandel belegt, dass nicht mehr die komplette Verarbeitungslinie vor Ort zählte. Bei der einsetzenden Massenproduktion englischer Wolle lohnte es sich vielmehr, den Rohstoff über den Seehandel zu verschicken (über die Stapelplätze Antwerpen und Brügge), und diesen schließlich in Tuchmacherzentren wie Florenz verarbeiten zu lassen. Massenhandel wie dieser brachte es mit sich, dass die Fertigerzeugnisse nicht mehr nur für die oberen Bevölkerungsschichten erschwinglich waren.
In Frankreich, Oberitalien und Süddeutschland wurde die Leinenproduktion ausgebaut. In Aragon sind Anfänge einer eigenständigen Keramikindustrie zu beobachten, Mailand wurde durch seine Waffenproduktion berühmt, und Oberitalien zusätzlich durch die Papierherstellung, die zu jener Zeit nördlich der Alpen kaum verbreitet war. Hinzu kamen weitere Spezialisierungen wie etwa die Bergbaugebiete. Zunehmend entwickelten also viele Regionen in Europa ihre Hauptexportgüter, die durch die Kaufleute zu den Nachfragemärkten gebracht wurden. Der Handel gewann buchstäblich an Weltläufigkeit. Der Ost-West-Handel trat seit dem 13. Jh. gleichberechtigt neben dem viel älteren Nord-Süd-Handel zwischen Italien und Deutschland einerseits, und Frankreich und Flandern andererseits auf. Der West-Ost-Weg reichte von England bis in die Ostsee. Die Hanse spielte hier eine gewichtige Rolle (siehe Hanse).
Die großen italienischen Seestädte Venedig, Genua und Pisa deckten im gesamten Mittelmeerraum den Handel mit Qualitäts- und Luxuswaren ab. Vor allem aus Ägypten und der Levante führten sie Gewürze, Drogen, Parfüms, Damast, Seide, Stahl, Porzellan oder Elfenbein ein. Dieser Seehandel entwickelte sich zu einem politischen Spielball zwischen den Seemächten. Schon aus diesem Grunde machten sich etwa die Venezianer die Ziele der Kreuzfahrer zu Nutze. Ein berühmter deutscher Kaufhof, der Fondaco dei Tedeschi, ist in Venedig seit 1228 bezeugt. Schon zu jener Zeit schlossen sich Kaufleute aus Genua und Marseille gezielt zusammen, um den deutschen Mittelmeer-Kauffahrern Konkurrenz bieten zu können.
Das Hochmittelalter ist auch der Beginn der groß angelegten Messen. Berühmt waren die Schauen in der Champagne, die seit Ende des 13. Jhs. unter Königsschutz standen. Doch an vielen Orten entstanden kleinere Messen. Kurz: Eine nie gesehene Mobilität erfasste die europäische Bevölkerung des Hochmittelalters. Neben den Händlern waren auch Soldaten, Pilger, Wanderprediger, Scholaren, Gaukler und Handwerksburschen unterwegs.
Im 14. Jh. entstanden neue Handelszentren von großer Bedeutung, die sie bis ins 16. Jh., teils auch darüber hinaus, behielten: Genf, Antwerpen, Nürnberg. Wesentlich für die Entstehung einer Welthandelsstadt war die Gewährung von Zollfreiheiten. Ludwig IV. der Bayer gewährte etwa dieses Privileg 1332 nicht nur Nürnberg, sondern rund siebzig Orten, unter anderem in allen Handelsstandorten zwischen Preußen und dem Pyrenäenstaat Aragon.
Der Handel blieb in Südeuropa auch im 15. Jh. stabil – etwa der venezianische Levante- und Schwarzmeerhandel. Zudem begannen die Portugiesen langsam ein westafrikanisch-atlantisches Handelssystem aufzubauen. Die Bedeutung der Hansen im Norden schwand jedoch allmählich. Die Kämpfe mit den skandinavischen Königen und der stete Niedergang des Deutschen Ordensstaates schwächte das System. Statt dessen kamen niederländische und englische Kauffahrer in diesen Regionen verstärkt ans Ruder. Die Hanseprivilegien gingen nach 1446 in England verloren. Die West-Ost-Wege über Land wurden verstärkt frequentiert, was etwa der neuen Messestadt Leipzig zugute kam.
In Süddeutschland begann der Aufstieg der großen Handels- und Bankhäuser. Seit dem 13. Jh. nutzten zunächst die italienische Kaufleute verstärkt die neuartigen arabischen Ziffern (vor allem die Null), die ihnen den Rechenverkehr erleichterten. Buchhalter entwickelten Register zur doppelten Buchführung mit je einer Spalte für Soll und Haben. Anstatt sich mit großen Bargeldbeständen auf die gefährliche Reise zu begeben, kam den Wechseln eine wachsende Bedeutung zu. Wechselbanken sorgten für den Geld-Wechsel-Verkehr von Ort zu Ort. Sie sind die Vorläufer der heutigen Banken. Dieses Geschäft war so einträglich, dass manche Bankiers mit ihrem Vermögen eine Rolle auf der politischen Bühne zu spielen vermochten, genannt sei die berühmte Familie der Fugger, die gar Päpsten und Königen enorme Geldsummen verliehen. Kredite wurden im 13. und 14. Jh. wie selbstverständlich zu Zinssätzen von bis zu zwanzig Prozent vergeben.

Quellen: Wilhelm Volkert; Adel bis Zunft, Ein Lexikon des Mittelalters; C.H.Beck; München; 1991;
Reinhard Elze/Konrad Repgen (Hrsg.); Studienbuch Geschichte Band I; Klett-Cotta; Stuttgart; 1994;
Chiara Frugoni; Das Mittelalter auf der Nase; C.H.Beck; München; 2003

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