Ausstellungsbuch Viel Geheimnis um die Kelten

Das Begleitbuch zur Keltenausstellung. © Zabern Verlag

Sylvia Crumbach und Bettina von Stockfleth haben sich das Buch „Den Kelten auf der Spur“ von Leo Verhart vorgenommen. Beide setzen auf ihren ganz eigenen Blickwinkel. Zwei Meinungen – gemeinsam präsentiert.

Sylvia Crumbach: Kritisch und amüsant

Einfach nur ein weiteres allgemeines Buch über die Kelten hat man mit dem Begleitband zur Ausstellung „Die Kelten“ bestimmt nicht in der Hand. Und das war der erste Punkt, der mich wirklich begeistert hat. Nach einer übersichtlichen Einleitung, die sowohl gut lesbar wie fachlich kompakt gehalten ist, geht es ins Thema. Und zwar genau an dem regionalen Punkt, an dem die Autoren Sabine Rieckhoff und Jörg Biel in ihrem 2001 erschienenen Buch „Die Kelten in Deutschland“ die Leser stehen ließen – irgendwo in der Nähe von Bonn.

Regional angesetzt und vorgearbeitet zur Thematik wurde mit zwei Ausstellungen im Jahr 2007: „Krieg und Frieden – Kelten, Römer, Germanen“ (Rheinisches Landesmuseum Bonn) und die Schwesterausstellung „Bronzestreif am Horizont – 1000 Jahre vor Kelten, Römern und Germanen“ im Clemens Sels Museum in Neuss.

Mit der aktuell in Krefeld laufenden Ausstellung und dem Begleitband „Den Kelten auf der Spur“ geht es buchstäblich ins Flachland. Genauer gesagt an den Niederrhein und in die Niederlande. Hier werden die Spuren des Kulturphänomens „Kelten“ aufgezeigt und beleuchtet. Die überraschend prominenten Funde wie z.B. das hochrangige Fürstengrab von Oss, aber auch die Ergebnisse der Siedlungsarchäologie gewähren überraschende und zum Teil auch verwirrende Einblicke in die Eisenzeit in einem Gebiet, das für sich nicht in Anspruch nehmen kann, im Zentrum der Zeitgeschichte zu stehen. Besonders vor diesem Hintergrund ist eine Bearbeitung des Themas wichtig.

Zwei Leitgedanken fassen die Themenkapitel des Buches immer wieder zusammen. Zum einen die Zusammenhänge mit anderen Gegenden und politischen Ereignissen zu der betreffenden Zeit. Zum anderen wird immer wieder erfolgreich eine Brücke zur heutigen Zeit und damit zum Leser geschlagen. Dies wird besonders zum Ende der keltisch beeinflussten Spuren mit der Inbesitznahme einzelner Landstriche durch die Römer deutlich. Abschließend wird in einem eigenen Kapitel knapp, aber mit sehr interessanten Denkanstößen auf das „keltische Erbe“ eingegangen.

Fazit: Ein kritisches Buch, lesbar und zum Teil sogar amüsant geschrieben. Der wissenschaftliche Anspruch wird an keinem Punkt aus dem Auge verloren – ein Einstieg in die Eisenzeitforschung für Gebiete, in denen bisher nur spärliche Informationen greifbar waren.

Bettina von Stockfleth: Enttäuschte Neugier

Mit großer Neugier machte ich mich daran, diesen reich bebilderten Band zu lesen, lässt der Untertitel „Neue archäologische Entdeckungen zwischen Nordsee und Rhein“ doch auf willkommene Einblicke zum neuesten Stand der niederländischen Keltenforschung hoffen.

Bei seinem Versuch, den Kelten auf die Spur zu kommen, möchte Leo Verhart gerne einen etwas unkonventionelleren Weg beschreiten und zieht gleich am Anfang seines Werks häufig Parallelen zu unserer Kultur. Doch was wohldosiert gerade für einen Einstieg in das Thema „Kelten“ sinnvoll sein könnte, wird hier übertrieben. So hätte der für ein ganzseitiges (überdies auch nicht gerade aus dem Leben gegriffenes) Foto dreier „Grufties“ vergebene Platz besser einer großzügigeren Absatzgestaltung gedient, und auch das Aussehen einer McDonald’s-Filiale muss den zeitgenössischen Lesern sicher nicht per Foto nahe gebracht werden.

Leider gerät Verhart mit seinem Ansatz, die Kelten einmal etwas unkonventioneller zu präsentieren, schon im Zuge der ersten Kapitel in den Konflikt, sich einerseits wissenschaftlich zu vertiefen, während er andererseits immer wieder Erklärungen zu Untersuchungsmethoden und Theoriebildung sowie kleine „populärwissenschaftliche“ Exkurse einwirft. So kommt kaum ein Lesefluss zustande.

Das erste Kapitel behandelt chronologisch stringent die Hallstattzeit und die Entstehung keltischer Machtzentren sowie deren Niedergang und gesellschaftliche Veränderungen in der La Tène-Zeit. Im zweiten Kapitel „Wie keltisch waren unsere Landstriche?“ werden auf wenigen Seiten linguistische Spuren, Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen Kelten und Germanen, Datierungsmethoden und Keramikfunde als Hilfsmittel zur zeitlichen Einordnung abgehandelt. Sensibilisiert für die Tatsache, dass wir (noch) nicht wissen, wie keltisch das besprochene Gebiet in der Eisenzeit nun tatsächlich war, geht es in Kapitel 3 weiter mit hallstattzeitlichen Fundorten auf überwiegend niederländischem Gebiet. Hier wäre eine Gliederung mit konkreten Datierungen hilfreich gewesen. Schwächen weisen auch die teilweise willkürlich gewählten Untertitel auf. So erfährt man unter „Der einfache Mann“ so gut wie nichts über eben jenen; stattdessen geht es um Handelswege, -zentren und -waren.

Auch in den Kernkapiteln 4, 5 und 6 scheint es so, als erwärme Leo Verhart sich nicht wirklich für seine Materie in einem größeren Kontext. Wo immer es möglich ist, ergeht er sich in Details einzelner Fundorte, ohne dass die Leser anhand seines Textes einen wirklichen Bezug hierzu aufbauen können. Während einerseits Kleinigkeiten erklärt werden werden, erhält man keine Erklärungen für Begriffe, die nicht ganz so geläufig sind, z.B. für den eigentlichen aus dem britischen Raum entlehnten Begriff der „celtic fields“ oder den „Düker“.

In Bezug auf Kapitel 5 stellt sich die Frage, warum es den Titel „Die Machtübernahme“ trägt. Man erwartet, etwas über den Einfluss der Römer in den Niederlanden zu erfahren, aber es folgen detaillierte Beschreibungen verschiedener eisenzeitlicher Siedlungen – leider wieder kaum datiert. Kapitel 6 weckt unter dem Titel „Rituale, Opfer und Rätsel“ hohe Erwartungen bezüglich kultisch-religiöser Aspekte keltischen Lebens, doch auch hier geht es mehr um die Anlagen, die derartigen Zwecken dienten, sowie um Bestattungssitten.

Kapitel 7 beschreibt dann in komprimierter Form die Einflussnahme der Römer ab Cäsars Feldzügen und die infolgedessen stattfindende Romanisierung der Bevölkerung. Nicht minder komprimiert nimmt sich Kapitel 8 unter der Überschrift „Das keltische Erbe“ des beliebten (Reiz-)Themas „Die Kelten als Projektionsfläche diverser Fantasien“ an. Auch hier nichts Neues.

Insgesamt bleibt nach der Lektüre dieses Buches eine gewisse Unzufriedenheit zurück – das Gefühl, das wenig im Gedächtnis haften bleiben wird, weil einfach der Rote Faden fehlt. So entstand bei mir der Eindruck, als habe Verhart sich letztlich nicht entscheiden können, ob er sich für ein Laien- oder Fachpublikum auf die Spuren der Kelten begibt. Während für Laien die zahlreichen Details zu den Siedlungsbefunden ermüdend sein dürften, werden Fachleute ohne nähere Kenntnisse der niederländischen Fundorte vor allem Datierungen und die Einordnung in die Gesamtfundlage vermissen und die Exkurse als redundant empfinden.

Leider setzt die streckenweise holprige Übersetzung den strukturell-inhaltlichen Schwächen noch ein saures Sahnehäubchen auf. Die häufige Verwendung der „Niederen Lande“ mag man noch verschmerzen, aber ein gerütteltes Maß an Kasusfehlern und Ausrutscher wie „abgespaltet“ sollten in einem lektorierten Buch, an dem zudem noch ein Redaktionsteam mitarbeitete, nicht mehr auftauchen. Trotz der hochwertigen Abbildungen ist „Den Kelten auf der Spur“ somit nicht gerade als bereichernder Lesegenuss zu empfehlen.

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5 Kommentare

  1. Enttäuschte Neugier auch bei mir…
    Ich hätte mir von der Rezension eines Buches mehr versprochen, als B. v. Stockfleth hier anführt – Ihre Buchbesprechung liest sich wie ein Referat in einem Lektoratsseminar. Weder die Absatzgestaltung noch die Kapitelüberschriften oder die angeblich holprige Übersetzung sind Kriterien, die den geneigten Leser bei seiner Kaufentscheidung beeinflussen werden, im Gegenteil. Wichtig sind doch Inhalt, Bebilderung und Preis! Doch viel ist dazu von ihr leider nicht zu erfahren… Und wer so einen Wert auf das Lektorat eines Buches legt, sollte vielleicht seine eigenen Beiträge durch ein eben solches prüfen lassen – dadurch hätten sich sicher inhaltliche, strukturelle und grammatikalische Fehler vermeiden lassen ;-)
    Mit freundlichen Grüßen, Chris Wenzel.

    02. April 2008, 15:04 Uhr • Melden?
    von Chris Wenzel
    1
  2. Diese Geschichte ist eine kleine Premiere, die ich sehr gern wahr genommen habe. Es ist eher selten, dass gleich zwei Kritiken zu einem Buch erscheinen. Ich fand, und finde, das sehr reizvoll. Und da darf und soll auch jeweils mit der ureigensten Sicht heran gegangen werden. Inhaltlich ergänzen sich beide Autorinnen ja, insofern gibt es die Einführung für den Leser ja.

    02. April 2008, 22:04 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    2
  3. Danke für die Besprechungen. Einmal weiss ich jetzt, dass sich das Buch als Grundlage für einen Lektoren-Lehrgang “Wer findet die meisten Fehler” eignet. Allerdings weiss ich auch, dass archäologische Fachliteratur in aller Regel keine Glanzpunkte an modernem Layout und Sprachgestaltung sind. Müssen sie das?
    Mir jedenfalls sind fachlich korrekte Befunddarstellungen, Literaturlisten und aktuelle Kommentierungen und Interpretationen wichtiger. Und die bietet das Buch sehr wohl – insbesondere da es bezogen auf den geografischen Ansatz neue Blickwinkel ermöglicht. Man muss nicht jeden Vergleich mögen, den der Autor heranzieht, aber eine wirkliche sinnvolle Ergänzung ist das Werk auf alle Fälle.

    Hans

    03. April 2008, 20:04 Uhr • Melden?
    von Hans Trauner
    3
  4. Geht es jetzt hier um das Buch oder die Rezensenten.
    Die Besprechungen sind so verschieden im Ansatz, daß mir ein Vergleich schwerfällt; Sylvia schreibt ganz klassisch gefällig, dem Verlag freut es, der Leser weiß in etwa worum es geht, wer erwartet denn wirklich etwas neues von den Kelten…
    Außer Grabungsbefunden wird da auch in Zukunft sicher nichts kommen (höchstens Papyri aus Pompej)…

    Bettina betreibt es durchaus erfrischend wissenschaftlich und die orthographische (oder sonstwie) Kritik ist mit einem Absatz doch maßvoll.
    Wenn allerdings wissenschaftlich, dann hätte Sie auch noch deutlich in die fachliche Tiefe gehen müssen und dürfen…

    Insgesamt finde die die Idee der Doppelrezension sehr gelungen.

    10. April 2008, 16:04 Uhr • Melden?
  5. Das gehacke auf Einen Absatz,in dem die vorhandenen Lektorischen Fehler behandelt werden,wirkt etwas seltsam, wenn man bedenkt, das dies nur ca. 1 Zehntel der Rezension ausmacht.Hier entsteht der Eindruck, das jemand seinen ganz persönlichen Kleinkrieg in dies Magazin herreintragen will.
    Die Idee einer Doppelrezension finde ich hervorragend, und wem ein Rezensent nicht passt, der muss die Besprechung ja nicht Lesen.

    12. April 2008, 13:04 Uhr • Melden?
    von Ralf Hucke
    5

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