Abenteuer Mittelalter TV-Sender schickt Menschen ins Spätmittelalter (der Vorbericht)

„Living History“ ist in Deutschland ein heftig umstrittener Begriff: Im engeren Sinne bedeutet er schlicht, historische Zusammenhänge und Situationen nachzuempfinden, also für sich oder ein Publikum erlebbar zu machen. An der Qualität und den Grenzen scheiden sich seit jeher die Geister. Und doch nimmt der Reiz an dieser Art Geschichtserlebnis immer mehr Raum in den Medien ein. Das jüngste - und ernst gemeinte - Projekt dieser Art ist eine Koproduktion des öffentlich-rechtlichen Senders MDR und der TV-Produktionsfirma Doc-Station in Hamburg. Im Mai beginnt für einige Menschen des 21. Jahrhunderts eine Reise ins Jahr 1450. „Abenteuer Mittelalter“, so der Arbeitstitel, bedeutet für sie harter Alltag auf einer Thüringer Burg.

Darstellung des realen Alltags

Noch herrscht sanfte Ruhe auf Schloss Burgk. Der mächtige Palas aus dem 14. Jh. leuchtet weiß zwischen den Hügeln im östlichen Thüringen. Nur fünf Kilometer ist die Abfahrt Schleiz der Autobahn 9 entfernt, und doch hat sich in unmittelbarer Umgebung eine “ursprüngliche Landschaft” erhalten, wie Doc-Station-Producerin Martina Sprengel sagt. “Es ist einfach perfekt für unser Vorhaben”, sagt sie im chronico-Interview.
Die Idee, heutige Menschen unter Bedingungen des Spätmittelalters leben zu lassen und sie dabei zu beobachten, hat die Hamburger TV-Firma schon vor einigen Jahren entwickelt. Mit dem MDR, so Sprengel, habe man nun einen Partner, um das Konzept auch umzusetzen. “Wir wollen die Gruppe stellvertretend für das Publikum in diese Zeit zurückschicken”, erklärt die Producerin.
Mit dem “Big-Brother-Prinzip” habe das Projekt nichts zu tun, es habe vielmehr historisch-dokumentarische Ansprüche. “Wir wollen möglichst authentisch sein”, sagt Sprengel. Der Fokus bei den Dreharbeiten liegt im übrigen auf dem Gesinde, nicht auf einer herrschaftlichen Familie. “Nur so können wir den Alltag nachstellen”, meint Sprengel.

15.000 Bewerber für harte Arbeit

Damit ist auch klar, warum gerade das Spätmittelalter angepeilt wird. Diese Epoche reicht in das Mittelalter hinein – das Wunschziel des Senders – und bietet zugleich zahlreiche Fakten und Belege, um etwa die Ausrüstung und die Kleidung der Probanden herzustellen.
Rund 15.000 Bewerbungen gingen bis Mitte Januar beim MDR ein. Noch einige Wochen wertet die Redaktion des mitteldeutschen Senders die Daten aus, so eine Sprecherin. Dann soll eine feste Gruppe von bis zu acht Personen ausgewählt werden, die die Gesinde-Räume von Schloss Burgk bezieht. Sechs Wochen wird ihre Wohn- und Arbeitsgemeinschaft dauern. Dazu können weitere Personen kommen, die je nach Aufgabenstellung und Szenario die Mannschaft komplettiert. An den Details feilen Doc-Station und MDR noch.
“Klar ist aber bereits jetzt, dass wir zwar Aufgaben vorgeben, aber nicht minutiöse Abläufe planen”, macht Sprengel klar. Natürlich soll der Tag der Gruppe eine feste Struktur haben und selbstverständlich muss das “Gesinde” auch reale Aufgaben meistern, um sich und die “Herrschaft” zu versorgen. Das beginnt beim Frühaufstehen – “Mit den Hühnern natürlich” – und hört beim Brotbacken und Kochen unter historischen Bedingungen längst nicht auf. Spaßaufgaben, wie sie etwa den Promis beim Spektakel “Die Burg” auf ProSieben (ab 23. Januar) aufgetischt werden, gibt es nicht. “Wir fahren ein ganz anderes Konzept”, betont Sprengel.

Mittelalterdarsteller nicht erwünscht

Wie anders das Konzept beim MDR ist, zeigt schon die Auswahl der Probanden. Keine Möchtegern-Promis, sondern ganz normale Menschen bewarben sich. “Natürlich gingen auch viele Bewerbungen aus der Mittelalterszene ein”, sagt die Producerin. Doch dürften diese Bewerber wenig Chancen haben. “Sie haben ein viel zu großes Vorwissen über die Zeit.”
Neben dem historischen Charakter der Zeitreise, macht gerade der gewaltige Sprung der “Reisenden” aus dem 21. Jh. zurück in eine kaum technisierte Welt den Reiz des Formats aus. Menschen, die sich im Hobby schon seit Jahren quasi im Mittelalter bewegen, währen kaum noch repräsentativ, begründet Sprengel. Ideal wäre demnach ein Kandidat wie der 23-jährige Thomas Juhnke, der in Stralsund Wirtschaftsinformatik studiert.
Juhnke bewarb sich sofort für das Projekt und legte schon vorsorglich eine Art Tagebuch in seinem Weblog an. “Mit dem Mittelalter hatte ich bisher kaum zu tun. Mich reizt die altertümliche Umgebung”, sagt er dem MS-Magazin. Für ihn sei es wichtig, seine Grenzen auszuprobieren und mal auf den “ganzen modernen Kram zu verzichten”. Nicht nur für ihn würde der Alltag in diesen sechs Wochen ein komplett anderer werden. “Du musst dich selbst mit allem versorgen, dazu die Herrschaften und die Tiere in der Burg”, sagt er. Zu gewinnen gibt es nichts, der Sender erstatte lediglich einige Unkosten. Aber noch ist der Student nicht dabei.

Grenzen der Darstellung

Doc-Station hat Erfahrung mit Dokumentationen. Vor allem für die Öffentlich-Rechtlichen drehten die Hamburger Filme zur Zeitgeschichte. Nach angelsächsischem Vorbild soll es nun in die Vergangenheit gehen. Und wie es dort seit Jahren üblich ist, kommen auch beim MDR-Projekt dennoch Mittelaltergruppen zum Zuge – als Berater in Sachen Ausrüstung. Namen nennt Producerin Martina Sprengel jedoch nicht. Weiterhin begleiten Wissenschaftler das Projekt, die die Probanden auf ihre “Reise” vorbereiten und während der Dreharbeiten auch eingreifen können.
Natürlich gibt es Grenzen für die Authentizität. Neben mangelndem Wissen der Gruppe zeigt sich das etwa im hygienischen Bereich. Der Realismus, so Sprengel, werde hier nicht bis zum Äußersten getrieben. Zwar sollen auch kleinere Beschwerden mit überlieferten Mitteln gelindert werden. Aber im Ernstfall komme die Medizin des 21. Jhs. zum Einsatz.
Auch wenn Schloss Burgk recht einsam liegt – und dadurch mehr Abgeschiedenheit bietet als es etwa beim ARD-Projekt “1900” der Fall war – zeigt doch die Anlage selbst weitere Grenzen auf: Der Palas entspricht in etwa der angepeilten Zeit, aber Schlossküche und Wehranlagen sind in einem Zustand, wie er im 16. Jh. herrschte.

Das Produkt ist ein Mehrteiler

Für die Zeit der Dreharbeiten schließt das Burgmuseum die Anlage für den Publikumsverkehr. Auch das ist ein Grund für die Wahl der Location. Nur ein kleines Kamerateam bewegt sich zwischen den Probanden. Ansonsten ist jeder Kontakt mit der Gegenwart tabu. Versteckte Kameras gibt es nicht – so soll auch die Intimsphäre der Teilnehmer geschützt werden, betont Sprengel.
Am Ende werden die wichtigsten Ereignisse für eine mehrteilige Sendung zusammengeschnitten. Ausgestrahlt wird “Abenteuer Mittelalter” nicht nur im MDR (7 Folgen), sondern auch bei Arte (5 Folgen) und in der ARD (3 Folgen). Einen genauen Sendetermin gibt es noch nicht, im Gespräch ist die Zeit Ende 2005 und Anfang 2006.

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7 Kommentare

  1. das ist ja alles dasselbe die alm die burg der dschungel big brother alles davon hatt NULL sinn aber bitte was soll es wenn ihnen nichts neues einfällt!!

    25. Januar 2005, 06:01 Uhr • Melden?
    von sarah
    1
  2. Hallo Sarah,
    ich glaube du hast dir den Artikel nicht richtig durchgelesen. Es ist eben nicht dasselbe. Es geht darum, den Alltag der Menschen aus dem Mittelalter originalgetreu nachzustellen. Es werden keine dümmlichen Spielchen gespielt und es wird keiner rund um die Uhr bis in die kleinsten Körperöffnungen überwacht. Außerdem werden die von dir genannten Sendungen von privaten Sendern produziert und ausgestrahlt – schon da beginnt der Unterschied. Ich denke nicht, dass sich ein öffentlich rechtlicher Sender ein Format wie Big Brother leisten kann. In der “Burg-Sendung” auf Pro7 ist zudem lediglich B-Prominenz anzutreffen. Wie ziehst du die Parallelen zur MDR-Sendung? Dort werden nämlich “normale” Menschen wie du und ich gesucht und keine in Vergessenheit geratene Pseudopromis.

    Beste Grüsse,
    tommy

    27. Januar 2005, 12:01 Uhr • Melden?
    von tommy
    2
  3. Abenteuer Mittelalter – scheinbar doch eine ganz gewöhnliche Reality Soap…

    Die Bewerbungen aus den Reihen der Living-History-Praktizierenden waren wohl völlig überflüssig , da anscheinend bei der Auswahl doch wieder der Durchschnittsbürger gefragt ist, der vor laufender Kamera an seine Grenzen gebracht werden soll.

    Soll nun den Zuschauern gezeigt werden, wie im 15. Jahrhundert tatsächlich gelebt wurde oder soll gezeigt werden, wie Menschen des 21. Jahrhunderts bei einfachen Verrichtungen des damaligen Alltags schnell an ihre Grenzen stoßen?

    Da wirft sich doch die Frage auf, ob mit der Doko “Abenteuer Mittelalter” dem interessierten Publikumg dargestellt werden soll, daß man tatsächlich auf all die modernen Dinge verzichten kann und daß es tatsächlich noch Leute gibt, die altes Handwerk beherrschen und dies in der Doku auch zeigen.
    Daß man zeigt, wie Mehl mit dem Stein vermahlen wird und wie Pech gesiedet wird und wie der Schmied arbeitet und daß man sich Gegenstände des Alltags mal eben selbst herstellen kann, wenn sie nicht vorhanden sind. Sozusagen eine Doku über das (einigermaßen-) tatsächliche Leben anno 1450.
    Unschön fänden wir es, wenn dann der Elektrotechnikstudent aus Kiel ohne jegliche Vorkenntnis sich vor laufender Kamera abmüht, Brennholz zu hacken. Die damaligen Menschen haben bereits als Kinder die notwendigen Fertigkeiten erlernt und es ist klar, daß so etwas nicht an einem Tag zustande kommt. Deshalb finde ich solche tappsigen Versuche eines “Anfängers” einfach nicht wirklich toll in einer Doku über mittelalterliches Leben. Viel interessanter ist es doch, wenn Leute vorkommen, die diesen Aufgaben auch gewachsen sind. Dann besteht wenigstens ein Lernefffekt und nicht die scheinbar zeitgemäße Effekthascherei unserer Medien.

    Wer mit Handwerk und Landwirtschaft zu hat, dem fallen diese Aufgaben mit Sicherheit leichter – auch wenn er auf manchen Gebieten auf Neuland stößt – als jemanden, der damit überhaupt nichts zu tun hat.

    Wir würden gerne im Fernsehen eine anspruchsvolle Mittelalterdarstellung sehen. Einfach, weil man immer noch etwas dazulernen kann und dann wäre es ja schön, wenn im Fernsehen einer zeigt, wie er manche knifflige Aufgabe souverän mit den Mitteln des 15. Jahrhunderts lösen kann.

    Anstatt dessen scheint uns – trotz aller Beteuerungen über den hohen Qualitätsanspruch dieser Sendung – nur eine mittelmäßige Realitiy-Soap á la “Die Burg” zu erwarten. Schade.

    Alexandra Krug und Ralf Wölfel

    27. Januar 2005, 14:01 Uhr • Melden?
    von Alexandra Krug
    3
  4. Ok, dass die Produktionsfirma/der TV-Sender die Bewerbungen der “Living-History-Praktizierenden” anscheinend etwas stiefmütterlich behandelt ist kein feiner Zug. Eure angeführten Argumente kann ich trotzdem nicht vollständig nachvollziehen.

    Warum soll denn der “gemeine” (Elektrotechnik)Student den Alltag des Mittelalters nicht auchmal erleben dürfen? Nur weil Mittelalter-Fans gerne Leute sehen möchtet, die sich mit dem Pechsieden, Kühe melken oder Schmieden auskennen? Über das genaue Vorgehen steht ja noch gar nichts fest. Vielleicht gibt es einen “Personal Trainer”, einen Mann/eine Frau vom Fach, die den Kandidaten all diese Tätigkeiten beibringt. Sicher ist das nicht an einem Tag erlernt, aber im Fragebogen wurde auch nach handwerklichen Fähigkeiten gefragt. Beim späteren Casting/Gespräch werden vielleicht noch weitere Tests durchgeführt, wer weiss?

    Mit “zeitgemässer Effekthascherei” hat das meiner Meinung nach nur bedingt zu tun. Unbeholfene Kandidaten werden dem Sender sicher eine höhere Einschaltquote bringen als Profis, so ist das eben heutzutage. Vielleicht wäre eine gesunde Mischung genau das Richtige: es werden 8 Kandidaten gesucht. Wie wäre es, wenn man 4 “Anfänger” und 4 Mittelalter-Profis zusammen in die Burg schicken würde? Vielleicht gar keine schlechte Idee und im Endeffekt hätten alle was davon (um mal auf den von euch angesprochenen Lerneffekt einzugehen)

    Beste Grüsse,
    tommy

    28. Januar 2005, 00:01 Uhr • Melden?
    von tommy
    4
  5. Mit diesen Reality Soaps auf Burgen finde ich sehr interessant und eine weitaus bessere Idee als beispielsweise Big Brother. Wünschenswert, kleiner Wink mit dem Zaunpfahl an die Produzenten, vorab im Internet die Möglichkeit Detailgenau die Burg kennen lernen zu können. Viele Fotos und auch den geschichtlichen Background als Text dazu. Vieleicht auf der Homepage vom MDR ?

    30. Januar 2005, 20:01 Uhr • Melden?
    von Georg
    5
  6. ihnen ist ja was neues eingefallen…diesmal auf der burg… :)

    12. September 2005, 03:09 Uhr • Melden?
    von hehe
    6
  7. ich habe mit begeisterung die 6 folgen angesehen. es hat mich überrascht, wie realitätsnah das ganze gemacht war. Denke die Kandidaten haben sich zu anfang das ganze etwas leichter vorgestellt. Von solchen Sendungen kann man wenigstens noch etwas lernen. Anders als bei so manchen (obengenannten) Volksverdummungen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Weiter so!! Ihr seid auf einem guten Weg!!!!!!

    11. Dezember 2005, 16:12 Uhr • Melden?
    von Hilmar Fritz
    7

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